Evernote-Chef Phil Libin "Wir haben den Rest Ihres Lebens"

Evernote ist der wohl größte Zettelkasten der Welt - Nutzer können Dokumente wie Rechnungen und Rezepte speichern und jederzeit abrufen. Geschäftsführer Phil Libin hat gerade 50 Millionen Dollar Risikokapital eingenommen. Im Interview erklärt er, warum er Firmeninterna bei Evernote speichert.


SPIEGEL ONLINE: Evernote hat nur eine Einnahmequelle - Abogebühren von Nutzern. Das ist für einen Online-Dienst mit Gratis-Angebot etwas ungewöhnlich. Wie funktioniert das?

Phil Libin: Die kostenlose Version von Evernote ist die wichtigste. Etwa 90 Prozent unserer Entwicklungsarbeit verwenden wir auf Funktionen, die auch Gratis-Kunden nutzen können. Die kostenlose Version muss so gut sein, dass man Evernote für immer benutzen will. Das ist der Trick: Menschen hassen es, im Netz zu zahlen. Aber sie zahlen gerne für Dienste, die sie lieben. Sie müssen Evernote also lange genug nutzen, um sich zu verlieben.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt etwas blumig. Die Kunden bezahlen 45 Dollar im Jahr, um etwas mehr Daten in ihren virtuellen Zettelkosten hochzuladen?

Libin: Das Geschäftsmodell funktioniert. Wir haben 10 Millionen registrierte Nutzer. 3,6 Millionen Menschen haben Evernote in den vergangenen 30 Tagen genutzt. Knapp 500.000 Nutzer zahlen. Wir beobachten eine interessante Konstante: Je länger Kunden Evernote nutzen, desto wahrscheinlicher ist es, dass sie bezahlen. Im ersten Monat zahlt ein halbes Prozent der Nutzer. Von den Kunden, die Evernote ein Jahr nutzen, sind schon acht Prozent Abonnenten. Und von den Kunden, die Evernote seit drei Jahren nutzen, zahlen 23 Prozent. Wir sind nicht darauf angewiesen, Kunden sofort zum Zahlen zu drängen. Wir wollen, dass sie Evernote lange nutzen. Dann haben wir den Rest ihres Lebens Zeit, um Geld zu verdienen.

SPIEGEL ONLINE: Und diese 500.000 Abonnenten bringen genug Geld ein, um den Dienst zu betreiben?

Libin: Evernote ist seit einiger Zeit profitabel. Wir brauchen das frische Kapital nicht zum Überleben, wir haben 40 Millionen Dollar auf der Bank. Wir wollen wachsen. Wir werden mehr als 200 Entwickler einstellen, die Niederlassung in Tokio ausbauen, einen Standort in Singapur eröffnen.

SPIEGEL ONLINE: Warum in Singapur?

Libin: Meine Strategie ist es, überall auf der Welt Niederlassungen zu haben, wo es gutes Essen gibt.

SPIEGEL ONLINE: Also auch in Deutschland?

Libin: Ich mag deutsches Essen. Die Auswahl ist etwas kleiner als zum Beispiel in Singapur, dort habe ich zwei Monate verbracht und jeden Tag dreimal am Tag lokale Gerichte gegessen - ich hatte jedes Mal etwas anders. Aber ja, wir müssen in Europa eine Niederlassung eröffnen und Deutschland ist unser wichtigster Markt in Europa.

SPIEGEL ONLINE: Abgesehen vom Essen: Warum Singapur?

Libin: Wenn man den Anteil von Evernote-Nutzern an der Gesamtbevölkerung ausrechnet, ist unser Dienst in Singapur so beliebt wie nirgends sonst auf der Welt. Das ist ein guter Standort in einer wichtigen Region: Vietnam, Indonesien, Malaysia, Thailand - Südasien ist wichtig. Von unseren Nutzern heute haben 90 Prozent ein Laptop oder einen Computer als Hauptgerät. Sie verwenden Evernote auf dem Smartphone nur zusätzlich. Ich glaube, bei 90 Prozent der ersten Milliarde von Evernote-Nutzern wird das anders sein, für sie ist das Mobilgerät der Computer. Wir können das perfekte Produkt für diese Nutzer nicht in Kalifornien entwickeln.

SPIEGEL ONLINE: Ist es denn ein globales Bedürfnis, sein Gedächtnis um einen digitalen Zettelkasten wie Evernote zu ergänzen?

Libin: Wie Evernote konkret genutzt wird, da gibt es ganz unterschiedliche Ansätze. Einige Anwendungen entwickeln wir, andere kommen von unseren Partnern, unabhängigen Entwicklern. Unzufrieden mit seinem Erinnerungsvermögen zu sein - das ist universell. Ich sehe als verbindendes Element all der unterschiedlichen Nutzungsarten eher ein Gefühl: Wer Evernote nutzt, fühlt sich produktiv. Wenn Leute vor fünf Jahren im Café auf jemanden gewartet haben, saßen sie einfach da. Heute nimmt fast jeder sein Smartphone aus der Tasche und macht irgendetwas in diesen fünf Minuten. Wir sehen das so: Wenn jemand Ablenkung will, nutzt er in dieser Zeit Facebook. Wer sich produktiv fühlen, etwas erreichen will, soll in diesen fünf Minuten Evernote nutzen.

SPIEGEL ONLINE: Beschreiben sie da einen Privatkunden? Oder Geschäftskunden?

Libin: Diese Trennung verschwindet. 75 Prozent der Evernote-Kunden nutzen den Dienst für Privates und Berufliches. Die eigentlichen Kunden sogenannter Business-Software sind die IT-Abteilungen in Unternehmen, die Programme orientieren sich an deren Bedürfnissen. Wir richten uns an Nutzer.

SPIEGEL ONLINE: Etwas ist für Unternehmen so wichtig wie für Privatleute: Wie sicher sind Daten auf den Evernote-Servern?

Libin: Wir haben klare Regeln: Wir mache kein Datamining, wir schauen uns die Dokumente nicht an, wir werten nichts für Werbung aus. Die Datenübertragung von der Evernote-Software zu unseren Servern ist verschlüsselt. Kunden können auch einzelne Notizen im Client verschlüsseln - den Schlüssel haben nur sie, er liegt nicht bei uns. Wir betreiben selbst zwei redundante Serverstandorte.

SPIEGEL ONLINE: Haben Ermittler schon nach Daten von Evernote-Kunden gefragt?

Libin: Nein, wir hatte solche Anfragen noch nicht. Wir haben klare Richtlinien für solche Fälle: Wir informieren die Nutzer. Wenn uns eine Gerichtsentscheidung verpflichtet, Daten herauszugeben, werden wir das tun und die Nutzer informieren. Wenn die Nutzer die Daten verschlüsselt haben, können wir den Behörden nur verschlüsselte Daten übergeben. Verstehen Sie mich nicht falsch: Wir bewerben Evernote nicht als Sicherheitslösung. Nichts ist absolut sicher. Wir streben dasselbe Sicherheitsniveau an, das Banken beim Online-Banking bieten, aber wie jeder weiß, können auch Banken gehackt werden.

SPIEGEL ONLINE: Speichern Sie Firmeninterna in Ihrem Evernote-Konto?

Libin: Ja. Die Protokolle der Vorstandssitzungen zum Beispiel.

SPIEGEL ONLINE: Und Privates?

Libin: Klar. Ich habe zum Beispiel Fotos und Notizen zu allen großartigen Gerichten, die ich in den vergangenen Jahren unterwegs gegessen habe. Wenn meine Mutter fragt, ob ich unterwegs warm gegessen habe, teile ich einfach das Foto mit ihr.

Das Interview führte Konrad Lischka

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