Von Frank Patalong
Keine Frage, das Web hat schon viele Karrieren initiiert und befördert. Gerade in den frühen Tagen der Video-Web-Portale produzierte das Internet ganz eigene Stars. Manche davon, vom Komiker Andy Milonakis bis zum "lonelygirl15" Jessica Rose schafften es, darauf eine anhaltende Karriere zu gründen. Der "Aufstieg" vom Web ins (in der Regel besser bezahlte) Fernsehen ist keine exotische Ausnahme mehr. Die Vereinigten Staaten werden gar von einem Präsidenten regiert, der sein Amt nicht zuletzt dank der Unterstützung aus dem Internet errang.
Wenn man so etwas sieht, könnte man auf die Idee kommen, Karrieren ließen sich via Web gezielt anschieben. Womöglich auch solche, die einfach ins Stocken geraten sind?
Die Zahl der im Web aktiven Stars ist groß und sie wächst beständig. Das Wort aktiv ist hier wörtlich gemeint: Es geht nicht darum, von einem PR-Manager ein paar Bildchen und erfundene Blog-Beiträge ins Netz stellen zu lassen. Es geht um medial gemeinte Konzepte, gemacht, um sich im und über das Web zu profilieren.
Der Schauspieler Brent Spiner, bekannt vor allem als "Data" von der Enterprise, versucht das zurzeit mit "Fresh Hell", einer eigenen kleinen Web-Episoden-Serie. Mit sattem Galgenhumor und viel Ironie nimmt sich Spiner da selbst auf die Schippe: Erzählt wird die Geschichte des ehemaligen Stars Brent Spiner, der über einen nicht näher erklärten Skandal - das "Vorkommnis" - stolpert und zum öffentlichen Gespött wird. Er versucht nun, seine Karriere wieder anzuschieben - in den ersten fünf Folgen natürlich erfolglos.
Ziemlich erfolglos ist auch "Fresh Hell". Obwohl Spiner für Trekies eine ganz große Nummer ist und das Web bekanntlich voller Trekies, will kaum jemand die kleinen satirischen Videos sehen. Die bisher letzte Folge wurde bis Freitagmittag bei YouTube knapp 14.000-mal aufgerufen - in zwei Monaten. Seit Anfang Mai pausiert "Fresh Hell", angeblich sollen "im Sommer" weitere Teile folgen. Doch ein in der letzten Woche live übertragenes Q&A mit Spiner, offenbar als Fan-Event gedacht, erlebte nur rund 2000 Aufrufe - da hat man bei einer feierlichen Baumarkt-Eröffnung mehr Publikum. Bleibt also abzuwarten, ob es wirklich noch weiter geht.
Oft bemerken die Stars und Produzenten aus der TV-Welt dann doch schnell, dass ihre Konzepte online nicht unbedingt so zünden, wie sie sich das vorstellen. So wie Milo Ventimiglia: Der "Peter Petrelli" aus "Heroes" befand sich in den Jahren 2006 und 2007 auf dem Höhepunkt seiner bisherigen Karriere. Im Film "Rocky Balboa" mimte er "Rockys" Sohn, seitdem folgten weitere Nebenrollen, aber der wahre Durchbruch blieb aus - und auch "Heroes" starb den Quotentod.
Manche merken es einfach nicht
2009 kam Ventimiglia auf die Idee, seine im Web hohe Popularität ("Heroes" war ja durch Web-Comics populär gemacht worden) streuverlustfrei einzusetzen - mit einem eigenen Web-TV-Konzept. "Ultradome" sollte eine Art Nerd-Wettkampf werden: Zwei Personen lieferten sich in den fünf veröffentlichten Episoden Wort- und Kampfgefechte um grundlegende Fragen. Zum Beispiel über die, ob nun "Der Herr der Ringe" oder "Star Wars" besser sei. MSN Video veröffentlichte den Klumpatsch, der aber schon bald weitgehend unbemerkt im digitalen Nirvana verschwand - zugesehen hatte kaum jemand.
Zuletzt hatte es Charlie Sheen geschafft, sich mit selbst produzierten, bei YouTube veröffentlichten Gaga-Monologen ins Karriere-Abseits zu bugsieren. Er muss das zumindest gemerkt haben: Seit drei Monaten hat er sich in seinen YouTube-Account nicht mehr eingeloggt, auch kein Video mehr veröffentlicht.
Die Liste lässt sich fortführen - auch mit Beispielen aus deutschen Landen. Boris "Bummbumm" Becker ist prominent, obwohl seine wiederholten Versuche, im Fernsehen Fuß zu fassen, ausnahmslos desaströs verliefen. Dafür fühlt er sich von Medien, die er andererseits geschickt für sich nutzt, immer wieder unfair behandelt: Was läge da näher, als diesen Medien-Fuzzis mal zu zeigen, wie man die Sache richtig macht?
Jede Menge Gaga-TV
Bereits seit Mai 2009 ist Boris-Becker.tv, der von ihm selbst produzierte Info- und Entertainment-Kanal über alles, solange er nur darin vorkommt, auf Sendung. Falls er Zuschauer hat, sind die kaum zu spüren: Trotz Kommentar- und Facebook-Like-Funktionen ist die Seite weitgehend leblos. Unter den meisten Beiträgen findet man weder Kommentare noch Facebook-Likes - wenn man weiß, wie leicht die vergeben werden, sind Top-Zahlen von acht Empfehlungen schon eher peinlich. Laut den Analysten von Alexa liegt Beckers Seite in Sachen Nutzung auf Platz 24.129 in Deutschland. Damit liegt er nur knapp hinter Mopsshop.de (private Homepage) und Siegburg.de (kommunale Info-Seite), aber immerhin noch vor Dackel-freunde.de, die zahlenmäßig in vergleichbarer Liga kicken.
Dass hier so wenige zuschauen, könnte man fast bedauern: Die Inhalte sind so platt, gestellt und teils primitiv werblich, dass sie schon wieder Unterhaltungswert besitzen - als Realsatire. Unser Anspieltipp: Die aktuelle Promo für den modeschöpfenden Sohn und das begonnene, aber nie fortgeführte, überaus peinliche Video-Tagebuch mit Lily.
In diese Kategorie fällt auch ein noch älterer "Sender" im Web: "Gina-Lisas Welt", seit Mai 2008 bei MyVideo zu sehen. Die einst Zwölftplatzierte der Laufsteg-Stelzen-Demütigungsshow "Germany's Next Topmodel" hat es dort schon auf 151 Dokumente ihres wilden Lebens gebracht - inklusive Herrenmagazin-Fotoshootings, für die sie seit ihrer Brust-OP, die mit beinahe tödlichen Nebenwirkungen einherging, ja zumindest ausreichend qualifiziert ist. Ansonsten gibt sie in den Videos wie gewohnt die Gröhl-Tusse mit der rauhen Stimme und - "Zack, die Bohne!" - dem passend rustikalen Humor. Und ja, es gibt immer noch Leute, die sich das ansehen - manchmal sogar mehr als 1000.
Ihre sonstige Karriere hat das alles nicht weiter befördert. Außerhalb der üblichen "Sie ist ein Promi, weil wir sie schon einmal gezeigt haben"-Formate des Privat-TV findet sie nach wie vor nicht statt. Selbst ihr sogenannter Privat-Porno, im Web für rund 20 Euro zu haben, hat bei ihr nicht so gut funktioniert wie bei Paris Hilton - unberechenbar, dieses Internet.
Da könnte man beginnen, an der grundsätzlichen Eignung des WWW zur Selbst-Promotion zu zweifeln. Dass es trotzdem ständig dafür genutzt wird, liegt daran, dass es eine mediale Plattform mit niederschwelligem Zugang ist: Eine Website oder YouTube-Show zu produzieren, kostet nur ein Taschengeld.
Auch der alte Fußball-Recke Owen Hargreaves versucht das zurzeit. Seit dem 28. Juni bietet er bei YouTube Videos aus seinen Trainingseinheiten feil. Nach drei Jahren, in denen er von ständigem Verletzungspech verfolgt war, verlor der ehemalige Bayern-Spieler in der Endphase seiner Karriere seinen Vertrag mit Manchester United. Für die nächste Saison hat er nun keinen Vertrag - es wäre ein bitteres Ende für eine einst stolze Karriere, quasi als Ladenhüter in YouTubes Auslagen zu scheitern. Doch vielleicht geht seine Strategie ja auf, vielleicht hat sein virtuelles Stellengesuch Erfolg.
Eine Chance hat online jeder. Wenn er es richtig angeht.
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