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Expansion im Netz: Facebook greift nach der Web-Herrschaft

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Noch ein Zentralorgan im Internet: Google weiß, auf welchen Web-Seiten was steht, Facebook protokolliert, wie gut die Nutzer die Inhalte finden. Mit attraktiven Gratis-Werkzeugen lockt das Netzwerk neue Partner - und will so für Nutzer und Werbekunden attraktiver werden als Google.

Facebook-Boss Mark Zuckerberg: Google im Visier Zur Großansicht
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Facebook-Boss Mark Zuckerberg: Google im Visier

Wenn man sich das Netz als Fressgasse vorstellt und Web-Seiten als Restaurants, dann hat Facebook den Seitenbetreibern soeben folgenden verwegenen Plan vorgestellt: Wir stellen alle Kellner, überall. Unsere Kellner erzählen euren Gästen, was ihre Freunde hier schon mal gegessen haben, was ihnen gefallen hat. Unsere Kellner berichten jedem Gast, wer hier schon mal lautstark wegen der Muscheln gemosert hat. Und, ach ja: Wir verraten euch, wie alt eure Gäste sind, woher sie kommen und wie oft sie hier sind.

Facebook will überall im Web die Meinungsäußerungen und Vorlieben der Nutzer sammeln und vernetzen. Dafür stellt das Unternehmen Web-Seiten-Betreibern ab sofort kostenlos eine Reihe recht einfach zu integrierender Code-Schnipsel bereit, die sich aus dem Facebook-Datenpool bedienen und ihn füttern. Das hat Facebook-Chef Marc Zuckerberg in der Nacht zu Donnerstag auf der Entwicklerkonferenz F8 in Kalifornien angekündigt.

Konkret sieht das so aus: Wenn ein Facebook-Mitglied etwa die Seite von CNN aufruft, sieht er sofort, welche Beiträge seine Facebook-Freunde schon empfohlen haben, ohne sich auf CNN noch einmal einloggen zu müssen. Ein anderes Beispiel, das Mark Zuckerberg bei der Vorstellung der neuen Werkzeuge fürs Web zeigte: Wenn ein Facebook-Nutzer zum ersten Mal die Seite des Webradios Pandora aufruft, stellt der Dienst eine Playlist danach zusammen, welche Band der Facebook-Nutzer schon auf Facebook oder mit Facebook vernetzten Seiten mit einem Klick für gut befunden hat.

Facebook analysiert Vorlieben und Beziehungsgeflechte

Das veranschaulicht schon sehr gut, worum es bei der Expansion ins Netz geht: Facebook will die soziale Infrastruktur stellen. Die Methode kennt man von Google: Einerseits öffnet sich Facebook und bezieht das Web ein, andererseits stärkt jeder Partner im Netz die zentrale Stellung von Facebook. Google destilliert und zentralisiert aus dem Web und den Klicks seiner Suchmaschinen-Nutzer das Wissen darüber, welche Angebote zu welchen Suchanfragen passen. Facebook analysiert heute Beziehungsgeflechte und Vorlieben der Mitglieder.

Wenn Seitenbetreiber Facebooks Dienste mehr und mehr einbinden, kann ein schlauer Algorithmus daraus vielleicht einmal die Vorlieben bestimmter demografischer Gruppen ableiten. Die nun vorgestellten Facebook-Werkzeuge sollen Seitenbetreibern diesen Pakt mit dem selbsternannten Zentralorgan versüßen:

  • Der Gutfinde-Knopf: Mit einem Klick auf die Aussage "Gefällt mir" kann ein Facebook-Nutzer alles mögliche loben - Fotos, Texte, Kommentare anderer, Verweise auf Web-Seiten.
  • Die Like-Box: Jeder sieht, welche Facebook-Nutzer auf einer Web-Seite welche Inhalte gut finden.
  • Open Graph Protocol: Über diese Schnittstelle teilt Facebook mit den angeschlossenen Seiten Informationen über Vorlieben und Verhaltensweisen der Nutzer. Möglich wäre zum Beispiel das: Wer in seinem Facebook-Profil David Bowie als Lieblingsmusiker angibt, bekommt bei einem mit Facebook vernetzten Musikangebot im Web erst mal David Bowie zu hören. Umgekehrt kann das auch funktionieren: Wer auf Filmseiten wie der Internet Movie Database "The Party" gut findet, findet das etwas später vielleicht auch in seinen Lieblingsfilmen bei Facebook wieder.

Die Details zum Open Graph Protocol zeigen, dass Facebook sehr viel mehr über seine Mitglieder weiß als jeder Kellner oder gar Barkeeper über seine Gäste: Welche Filme, Bücher und Musiker mag er? Welchen politischen Gruppen auf Facebook schließt er sich an? Welche Nachrichtenseiten liest er?

Nutzer veröffentlichen nicht bei Facebook, sondern im Facebook-Web

Mit der Entwicklung Facebooks von einer Web-Seite zur Infrastruktur ändert sich der Öffentlichkeitsbegriff: Wer Facebook erlaubt, bestimmte Informationen über sich zu veröffentlichen, muss sich bewusst sein, dass sein Profilfoto, sein Name und seine Meinungsäußerungen auf allen Seiten auftauchen können, die mit Facebook kooperieren, wenn er dort aktiv wird. Man veröffentlicht nicht bei Facebook, sondern im Facebook-Netz.

Und dieses Netz wächst rasant, weil das Angebot von Facebook für jeden Seitenbetreiber im Netz sehr attraktiv ist: Wer verzichtet schon auf 400 Millionen potentielle Leser, Kunden, Interessenten, die kostenlos von ihren Freunden auf das Angebot gelockt werden?

Eine weitere Änderung ist im Hinblick auf den Datenschutz bezeichnend: Facebook-Partner dürfen nun einige Nutzerdaten wie Alter, Wohnort und Geschlecht auf unbestimmte Zeit speichern, wenn ihnen Nutzer das einmal erlaubt haben. Bislang musste diese Informationen alle 24 Stunden erneut von Facebook abgerufen werden. Das ist für sich genommen kein Skandal - wenn die Nutzer die Erlaubnis zurückziehen, müssen die Daten mit Ausnahme der Benutzer-ID gelöscht werden, so steht es in den Facebook-Bedingungen für Partnerfirmen, die nach wie vor gelten.

Facebook drängt ins Netz - gegen Google

Aber der Verzicht auf die 24-Stunden-Regel geht in dieselbe Richtung wie alle Neuerungen bei Facebook: Vorlieben und Interessen sind von nun an grundsätzlich etwas, das man mit einer unbestimmten Öffentlichkeit teilt. Facebook macht es seinen Mitgliedern immer leichter, Meinungen abzugeben und Angebote zu bewerten. Und Facebook macht es Partnerfirmen leichter, diese Daten zu nutzen.

Facebooks Expansion ins Web ist klar gegen Google gerichtet. Jede Selbstauskunft der Nutzer verbessert Facebooks Wissen über das Netz und die Werbe-Infrastruktur des Unternehmens. Welche Seiten sind besonders beliebt? Welche Artikel werden gerade am häufigsten weiterempfohlen? Google weiß, welche Seite im Web wohin verlinkt und wie oft Menschen Suchergebnisse anklicken. Facebook weiß, wer was gut findet.

Eine Milliarde der neuen Gutfinde-Schalter sollen 75 zum Start akquirierte Partner-Seiten auf ihren Angeboten in den ersten 24 Stunden ausliefern. Wenn das so weiterläuft, entsteht da eine neue Bewertungsdatenbank über das Netz. Nicht im Netz, sondern auf den Facebook-Servern.

Facebook will Nutzern interessante Werbung bieten

Das könnte auf mittlere Sicht für Anzeigenkunden interessant sein. Sie können heute schon bei Facebook die Selbstauskünfte der Mitglieder nutzen - anonymisiert. Sie sehen nicht, wer da Bio-Karotten gut findet. Sie können nur pauschal Werbeformate auf Facebook allen Leuten zeigen lassen, die sich für Bio-Kram begeistern. Vielleicht können die Werbekunden in Zukunft ihre Zielgruppe noch feiner einschränken, nicht nur nach Wohnort, Geschlecht, Alter und Interessen, sondern vielleicht auch nach den Angeboten im Web, die ihre Zielgruppe besonders gut findet.

Ein Datenschutzproblem sind solche Werbeformate nicht, solange Facebook der Mittler bleibt, nur nach ausdrücklicher Zustimmung der Mitglieder Daten nutzt und Werbekunden nach wie vor nicht erfahren, wer da nun ihre Anzeigen zu sehen bekommt. Googles extrem erfolgreiches Werbesystem basiert auf einem ähnlichen Ansatz: Die Anzeigen sind nach den Suchanfragen personalisiert. Wer nach Hotels in London sucht, kriegt neben den Suchergebnissen Werbung für Unterkünfte. Wenn Facebook eine ähnlich zielsichere Abstimmung gelingt, könnte die Werbeakzeptanz ähnlich hoch wie bei den Google-Kontextanzeigen ausfallen: Wer Anzeigen sieht, die ihn interessieren, ist nicht genervt.

Facebook könnte Google also Aufmerksamkeit im Web abluchsen und zudem Konkurrenz bei relevanter Werbung machen. Der Google-Vergleich passt aber auch in einer anderen Hinsicht: Facebook verwaltet mehr und mehr Daten über das Verhalten seiner Nutzer. Und in Zukunft wird Facebook auch Daten über das Verhalten seiner Mitglieder auf anderen Web-Seiten verwalten.

Kommentar eines Software-Entwicklers: "Vielleicht schauen wir einmal auf die 2000er Jahre als das goldene Zeitalter des freien Web zurück, als der gütige Diktator Google herrschte."

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Forum - Facebook & Co. - wie öffentlich sind Sie?
insgesamt 136 Beiträge
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1. google und facebook
rblum 22.04.2010
wären eigentlich kongeniale Partner. In Österreich gibt es aber schon Bürgerwiderstand zB gegen street view (http://tinyurl.com/y797h9d). Und zu facebook noch: da sind teilweise natürlich auch die Benutzer Schuld die ihr ganzes Leben darin ausbreiten. Ein Weitergabe an Dritte (http://tinyurl.com/y2mulxj) ist natürlich ein datenschutzpolitischer Wahnsinn.
2.
DJ Doena 22.04.2010
Ich mache im Internet nur das öffentlich, womit ich keine Probleme habe und das mache ich auch auf Facebook nicht anders.
3. Will man das?
cpg 22.04.2010
Es ist die Frage, ob der User das überhaupt will. Ich finde es vollkommen lästig, dass mir andauernd irgendwelche Vorschläge gemacht werden "das könnte Sie auch interessieren" - oder "Ihre Freunde fanden auch das und das interessant". Das mag zwar für einige Leute einen Mehrwert bedeuten, aber für sehr viele ist das ganz einfach nur lästig. Andererseits wird das eine Marktmacht werden. Ist es für Unternehmen wichtig, bei Google gut gelistet zu sein, so wird es in Zukunft vielleicht darauf ankommen, wie viele "Empfehlungen" über die eigene Firma im Netz kursieren. Missbrauch ist dabei natürlich auch möglich.
4. 0 Problem
Websingularität 22.04.2010
Zitat von sysopNoch ein Zentralorgan im Internet: Google weiß, auf welchen Web-Seiten was steht, Facebook protokolliert, wie gut die Nutzer die Inhalte finden. Mit attraktiven Gratis-Werkzeugen lockt das Netzwerk neue Partner - und will so für Nutzer und Werbekunden attraktiver werden als Google. Wie beurteilen Sie die Entwicklung?
Hab eigentlich kein Problem damit. Bin sowieso eher der Typ, der jede SpamMail öffnet, jedes Pop-Up anklickt und sich überall registriert wo man sich nur registieren kann. Mein Informationen sind dermaßen redundant, Facebook würde nichts Neues mehr erfahren.
5. Sklaven der Werbung und Klicktrottel des Internets
keshoo 22.04.2010
Es ist noch ein wenig früh, die Auswirkungen zu beurteilen. Die neuen Werkzeuge sind noch nicht überall im Einsatz, Nutzer haben die Auswirkungen noch nicht erfahren. Mit dem Plan von CEO Zuckerberg - wenn er aufgeht - macht sich jedes Facebook-Mitglied, das die neuen Werkzeuge bedient, zum Sklaven der Werbung und Klicktrottel des Internets.
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Nerd-o-mat
Computersucht ist eine schlimme Sache - und kann gar ins Informatikstudium führen. Echte Nerds vertragen kaum Tageslicht, ihr Sozialverhalten ist sonderbar, ihre besten Freunde heißen Null und Eins. Bist du ein menschenscheuer Datenknecht? Das Nerd-Quiz wird's zeigen. mehr...

Soziale Netzwerke
Facebook
Facebook ging Anfang 2004 als soziales Netzwerk für Harvard-Studenten online. Zunächst konnten nur Menschen mit E-Mail-Adressen ausgewählter US-Hochschulen Mitglieder werden, seit 2006 ist die Seite für alle Über-13-Jährigen offen. Nach eigenen Angaben hat Facebook 845 Millionen aktive Mitglieder weltweit (Dezember 2011). Mehr zu Facebook auf der Themenseite.
Google+
Google+ ist der Versuch, den sozialen Funktionen von Facebook und Twitter etwas entgegenzusetzen. Das soziale Netzwerk wurde im Juni 2011 gestartet und hat nach Firmenangaben rund 170 Millionen Nutzer (April 2012). Der Funktionsumfang ist rein aus Nutzersicht vergleichbar mit Facebook, Schnittstellen für externe Entwickler sind allerdings eingeschränkt. Google animiert seine Nutzer, das Netzwerk als zentralen Hub für seine Dienste zu nutzen. Mehr zu Google+ auf der Themenseite.
Twitter
Der auf kurze Textnachrichten spezilalisierte Dienst Twitter wurde im Juli 2006 gegründet. Populär wurde der Dienst als Verteilnetzwerk für Links, Fotos und Videos. Twitter zählt nach eigenen Angaben mehr als 140 Millionen Nutzer (März 2012). Mehr zu Twitter auf der Themenseite.
Xing
Xing (früher OpenBC) wurde 2003 von Lars Hinrichs gegründet. Nach eigenen Angaben hat Xing über 11,7 Millionen Mitglieder (Stand: Dezember 2011), etwa acht Prozent haben einen kostenpflichtigen Premium Account. Bei Xing geht es vor allem um berufliche Kontaktaufnahme. Mehr zu Xing auf der Themenseite...
StudiVZ
Ehssan Dariani hat die Studenten-Community StudiVZ 2005 gegründet. Zuerst investierten Lukasz Gadowski und Matthias Spiess in StudiVZ, später finanzierten es vor allem die Gebrüder Samwer - bekannt für die Klingeltonfirma Jamba - und der Venture-Capital-Arm des Holtzbrinck-Verlags ("Die Zeit", "Handelsblatt"). Im Januar 2007 übernahm Holtzbrinck StudiVZ. Derzeit haben die Plattformen studiVZ.net, schuelerVZ.net und meinVZ.net nach eigenen Angaben rund 17,4 Millionen Nutzer (Stand: Januar 2011). Mehr zu StudiVZ auf der Themenseite...
Lokalisten
Im Mai 2005 gegründet, hat das Netzwerk Lokalisten nach eigenen Angaben (Stand Juli 2010) inzwischen 3,6 Millionen Nutzer. Mehr zu Lokalisten bei Wikipedia...
Spin.de
Das 1996 in Regensburg gegründete Unternehmen Spin betreibt ein eigenes soziales Netzwerk, aber auch integrierte Unter-Communitys mit regionalem Fokus, die mit Partnern vor Ort (Lokalradios vor allem) betrieben werden. Nach eigenen Angaben (Stand Februar 2011) hat Spin.de eine Million aktive Mitglieder. Mehr zu Spin.de bei Wikipedia...
Wer kennt wen
Wer-kennt-wen wurde von den beiden Studenten Fabian Jager und Patrick Ohler gegründet. Seit Februar 2009 gehört das Netzwerk vollständig RTL Interactiv, die Gründer schieden Ende August 2010 aus. Das Netzwerk hat laut Betreiber über 9,5 Millionen Nutzer (Stand: Januar 2012). Mehr zu Wer-kennt-wen bei Wikipedia...
MySpace
MySpace war 2006 das populärste soziale Netzwerk in den USA. Ein Jahr zuvor war es von Rupert Murdochs News Corporation gekauft worden. Bekannt wurde es durch die Möglichkeit, Musik einzubinden. Künstler und Bands nutzten die Plattform als Marketingplattform. Zeitweise hatte MySpace mehr als 220 Millionen Nutzer, nach Berechnungen von Google rund 30 Millionen Nutzer (Dezember 2011). Mehr zu MySpace auf der Themenseite...
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Facebook: Die privaten Fotos des Herrn Zuckerberg


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