Experiment in San Francisco: Bürger sollen den Zeitungstod stoppen

Von , San Francisco

2. Teil: Eine Stadt ohne Zeitung - ein demokratisches Desaster?

"Der Tod des 'Chronicle' wäre eine Katastrophe", sagt "Public Press"-Chef Stoll. Die tiefgreifenden Kontakte der Journalisten in die Machtzentren der Stadt, die Aufdeckung von Skandalen und Betrug, die umfassende Berichterstattung über die Region - das alles würde Vergangenheit sein. "Es wäre ein demokratisches Desaster."

Ein anderes Presseorgan könnte diese Lücke auf die Schnelle nicht füllen, denn die Gratiszeitung "Examiner" hat dazu nicht die Manpower. Auch, dass die Blogosphäre das publizistische Vakuum füllen könnte, glaubt Stoll nicht. "Es ist schwer, ohne eine publizistische Marke mit Autorität die Machtzentren der Stadt zu durchdringen", sagt er.

Eine solche Meinungsmacht ist auch "The Public Press" nicht. Dennoch bekommt Stoll, seit dem "Chronicle" die Pleite droht, eine Menge Aufmerksamkeit für sein Projekt. "Wir erhalten haufenweise Anrufe von Journalisten, die für uns schreiben wollen", sagt er. Nun debattiert sogar PBS-Starmoderator Jim Lehrer mit Stoll über "The Public Press".

Stoll erforschte an der Stanford-Universität journalistische Qualität, Tausende Zeitungsartikel analysierte er auf Themenwahl, Kontextreichtum oder Quellenvielfalt. Nun will er selbst ein Medium schaffen, das seinen ambitionierten Qualitätsvorstellungen gerecht wird - und er will ein Geschäftsmodell etablieren, mit dem eine gedruckte Zeitung im Umfeld bröckelnder Anzeigen überleben kann.

Er plant eine Tageszeitung, die keine Anzeigen druckt, die lokal fokussiert ist und auf Boulevardthemen weitgehend verzichtet. "Die Zeitung wäre so journalistisch anspruchsvoll und gleichzeitig schlank", sagt er. "Das spart Druck- und Lieferkosten."

Reporter sollen kostenlose Starthilfe geben

Laut Stoll wäre es möglich, "The Public Press" ausschließlich über kostenpflichtige Abos, Straßenverkauf und Finanzspritzen philantropischer Wohltäter zu finanzieren. "Wenn 50.000 Leser ein Jahresabo zu 100 Dollar kaufen, haben wir fünf Millionen Dollar zur Verfügung, Spenden nicht eingerechnet", sagt Stoll. "Eine schlanke Lokalzeitung ließe sich damit schreiben, drucken und ausliefern."

Das Geschäftskonzept basiert auf der Überlegung, dass der Anzeigenmarkt von Tageszeitungen wesentlich schneller schrumpft als ihr Lesermarkt. Die Werbeerlöse sind in den vergangenen zwei Jahren um 25 Prozent eingebrochen, die aktuelle Weltwirtschaftskrise hat diesen Trend noch beschleunigt. Der Zeitungsverkauf dagegen sinkt nach Angaben des Marktforschungsriesen Nielsen Online weit langsamer - in den vergangenen zwei Jahrzehnten ging die Anzahl täglich verkaufter Exemplare von 62 auf 49 Millionen zurück. Die Online-Leserschaft stieg im selben Zeitraum deutlich an.

Auch "The Public Press" gibt es derzeit nur online - schon dieses Jahr soll jedoch der Grundstein für eine gedruckte Ausgabe gelegt werden. "Bezahlmodelle im Internet sind bisher stets gescheitert", sagt Stoll. "Und eine anzeigenfreie Online-Publikation, die nur auf Spenden basiert, hätte nicht die redaktionelle Größe, um ein wirkliches publizistisches Gewicht darzustellen." Auf Anzeigen will er aber unbedingt verzichten. "Nur so ist wirkliche Unabhängigkeit gewährleistet."

Stoll hofft darauf, dass Redakteure und Reporter seine journalistischen Ideale honorieren und ihm Starthilfe geben. "Es gibt schon heute massenweise Profi-Journalisten, die ihren Job verloren haben, die aber dennoch darauf brennen, die Geschichte der Stadt zu erzählen", sagt er. "Einige haben bereits bei uns angefragt."

Sollte der "Chronicle" nicht gerettet werden, könnte "The Public Press" tatsächlich kräftig Zuwachs bekommen.

Investigativer Journalismus zwischen Delfinen

Arbeiten müssten die Profis allerdings vorerst umsonst. Bislang hält sich "The Public Press" mit einem 20.000-Dollar-Scheck der San Francisco Foundation über Wasser - und mit weiteren 6000 Dollar, die andere gespendet haben. Unterstützung kommt nur tröpfchenweise an - nicht zuletzt, weil US-Stiftungen seit dem Ausbruch der Weltwirtschaftskrise im Herbst 2008 gut ein Drittel ihres Wertes verloren haben. "Es ist wahnsinnig schwer, Zuschüsse zu bekommen", sagt Stoll.

Und so herrscht in den Redaktionsräumen von "The Public Press" zurzeit vor allem Chaos. Die Redaktion entsteht auf den Überresten von allerlei obskuren Umweltorganisationen, im Konferenzraum, in dem Stoll und sein Reporterteam über Erdbeben beraten, hängt noch ein riesiges Bild mit Delfinen vor einem in Violett getauchten Bergmassiv. Der Fahrstuhl zu den Redaktionsräumen bleibt stecken, man muss zurück ins Erdgeschoss fahren und doch die Treppen nehmen.

Ein solches Auf und Ab erlebt derzeit auch Stoll. Dennoch ist er zuversichtlich. "Die Krise kann Innovationen beschleunigen", sagt er. "Und das jetzige Geschäftsmodell von Tageszeitungen ist definitiv gescheitert."

Ob seine Idee sich durchsetzt, bleibt abzuwarten. Dass Krisen Innovationsmotoren sind, stimmt indes auch in der siechen Zeitungsbranche: In der letzten großen Medienkrise Mitte der neunziger Jahre kreierten arbeitslose Journalisten die "San Francisco Free Press", eines der ersten kritischen Online-Portale der Stadt. Heute ist daraus sfgate.com geworden - eine der meistgelesenen Internet-Publikationen Amerikas.

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Forum - Medienkrise - Braucht die Gesellschaft Massenmedien?
insgesamt 171 Beiträge
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1.
DJ Doena 19.02.2009
Das hat doch nichts mit Massenpresse an sich zu tun. 1) Im Idealfall bringt die Zeitung die Nachrichten von gestern, schlimmstenfalls von von vorgestern. Persönlich würde ich die Zeitungsleser, die über das Niveau von "BILD" hinauslesen, eher in der Angestelltenklasse oder höher vermuten (Nichts gegen Arbeiter, aber für meinen Punkt glaube ich, dass die Unterscheidung richtig ist). Angestellte sitzen aber oftmals den ganzen Tag vor dem PC und genauso wie Zeit fürs Käffchen ist, so ist auch Zeit mal bei der Nachrichtenseite vorbezuschauen. D.h. Die wichtigsten Nachrichten hat man schon aus dem Web aufgesauft oder bekommt sie abends von den TV-Nachrichten präsentiert. 2) Das Problem der heutigen Zeitungen ist: Sie bestehen fast aus nichts mehr anderem aus den gleichen Agenturmeldungen, die besagte Nutzer schon oben im Web gelesen haben. Hintergrundberichte, aufwendige Recherche - wurde alles als zu teuer abgeschafft und die Redaktionen bis auf die Knochen abgemagert. Damit macht sich aber die Zeitung selbst obsolet. Ich lese im Prinzip nur noch zwei Zeitschriften: Spiegel und c't. Und bei beiden merke ich auch da, wieviele Artikel ich überblättere, weil ich sie bereits bei Spiegel Online respektive Heise Online gelesen habe. Dennoch lese ich beide weiter als Papier, eben weil sie noch interessante und lesenswerte Artikel haben, die tweilweise über Wochen und Monate recherchiert wurden und nicht zwingend eine tagesaktuelle Relevanz haben.
2. wir nicht ..
systemfeind 20.02.2009
Zitat von sysopImmer mehr Zeitungsverlage schrumpfen in der Wirtschaftskrise ihre Aktivitäten zusammen. Doch ihre Kunden interessiert das kaum, sie halten das Modell der Massenpresse für überholt. Was denken Sie - brauchen wir Massenmedien?
aber die herrschende Klasse braucht Massenmedien ( oder weshalb arbeiten einschlägig bekannte Kreise mit Hochdruck an einer Zensursoftware ? )
3.
TheBear 20.02.2009
Zitat von DJ DoenaDas Problem der heutigen Zeitungen ist: Sie bestehen fast aus nichts mehr anderem aus den gleichen Agenturmeldungen, die besagte Nutzer schon oben im Web gelesen haben. Hintergrundberichte, aufwendige Recherche - wurde alles als zu teuer abgeschafft und die Redaktionen bis auf die Knochen abgemagert. Damit macht sich aber die Zeitung selbst obsolet. Ich lese im Prinzip nur noch zwei Zeitschriften: Spiegel und c't. Und bei beiden merke ich auch da, wieviele Artikel ich überblättere, weil ich sie bereits bei Spiegel Online respektive Heise Online gelesen habe.
Geht mir genauso. Ich habe mich schon krank geärgert, wenn ich mir einen Papier-SPIEGEL gekauft hatte, und dann darin viele Artikel finde, die ich schon im SPON gelesen habe. Meine Reaktion: Ich kaufe keinen Papier-SPIEGEL mehr. Ich hatte auch schon an den SPIEGEL darüber geschrieben. Keine Reaktion. Wenn man aber erst mal sein Kaufverhalten geändert hat, liest man schliesslich nur noch Web-Blätter, dann aber auch andere. Was ich mir wünsche: Aktuelle Nachrichten nur auf Web-Seiten, gut und aufwendig recherchierte Artikel mit Hintergrundinformationen in wöchentlichen (oder gar monatlichen) Papiermagazinen. Tageszeitungen lese ich schon gar nicht mehr, besonders nachdem mir etwas wirklich "erstaunliches" passiert ist: In eine Papiertageszeitung las ich einen Artikel, der (von den genannten Daten her) völliger Unsinn war. Als ich die Redaktion anrief, entschuldigte sich der "Verfasser" damit, dass er die Daten von einer Webseite(!) genommen hatte. Bis dahin hatte ich immer geglaubt Papierseiten mehr Glauben schenken zu können als Webseiten...
4. Wir brauchen primär Qualitätsmedien
Peter Kunze 20.02.2009
Zitat von sysopImmer mehr Zeitungsverlage schrumpfen in der Wirtschaftskrise ihre Aktivitäten zusammen. Doch ihre Kunden interessiert das kaum, sie halten das Modell der Massenpresse für überholt. Was denken Sie - brauchen wir Massenmedien?
Tach, Eine gute Zeitung funktioniert für mich persönlich wie folgt: - Klare Trennung von Faktenbericht, Recherchebericht und ggf. Kommentar. Der Kommentar kann als einziger Abschnitt eine eventuell vorhandene politische Prägung des Blattes durchscheinen lassen. - 1:1-Abdrucke von Pressediensten welche eh jeder auf dem Internet schon überflogen hat sind zu unterbleiben. Zusatzinformationen oder eigene Recherchen zum Artikel sind unabdingbar. - Die Relevanz der Artikel hängt linear von der gesellschaftlichen Bedeutung des behandelten Themas ab. - Geeignetes Lektorat um nicht nur die Rechtsschreibung sondern auch die stilistische Qualität zu prüfen. Als Vorbild taugt im deutschen Sprachraum kanpp die NZZ um obige Ansprüche erfüllt zu sehen. Bye Peter
5. Bis auf Heise ...
schmoggelmopps 20.02.2009
... kann man doch heute kein Blatt - von Bild bis Spiegel - mehr als unabhängig bezeichnen. Mir ist das besonders im letzten Jahr (2008) klar geworden, als die "Qualitätsblätter" z.B. anfingen, Männer-Bashing zu intensivieren. Vor lauter "Männer-sind-scheiße"-Hintergrund- und Vordergrundrauschen ist mir klar geworden, wie das so funktioniert, mit dem "Journalismus". Und das betrifft ja nicht nur das Thema "Geschlechterkampf", sondern viele weitere Themen. BILD hat in der Zentrale z.B. Personenkontrollen nach Flughafenmanier installiert - sie werden wissen warum. Am besten erkennbar ist das Ganze für mich am Fall "Eva Herman", die nie gsagt hat, was alle schrieben, dafür aber quer durch die Bank Schellen kassiert hat. Sämtliche Prozesse hat sie wohl gewonnen - darüber schreibt aber niemand - die Emanzipation der Frauen, die jetzt endlich die wirtschaft ankurbeln sollen, scheint in Gefahr. Dazu gibt es eine spannende, minutiöse und mit Quellenangaben vollgepackte Abhandlung in Buchform von Arne Hoffmann ("Der Fall Eva Herman") http://www.amazon.de/Fall-Eva-Herman-Hexenjagd-Medien/dp/393956205X/ref=sr_1_8?ie=UTF8&s=books&qid=1235131418&sr=8-8. Dieser ist für mich ein eindeitiger Indikator dafür, wie Medien funktionieren - genau, wie der Fauxpas letztens u.a. hier bei SPON, bei dem Stefan Niggemeier vom BILDblog fast die gesamte deutsche Presselandschaft geneppt hat, als es um den vollständigen Namen des Karl-Theodor Freiherr von und zu Guttenberg ging. SPON und weitere Blätter haben den Namen wohl ausschließlich bei Wikipedia nachgeschlagen - einfach lachhaft, einfach enttäuschend. Insofern halte ich "die Medien" heute allesamt für sehr unglaubwürdig und bin froh, dass es Kommentarfunktionen im Internet gibt - denn DA erfährt man oft viel eher, wie die Menschen denken. Na Spons? Bin gespannt, ob mir meinen Beitrag veröffentlicht, Ihr "Qualitätsjournalisten" ...
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