Von Stefan Schultz, San Francisco
"Der Tod des 'Chronicle' wäre eine Katastrophe", sagt "Public Press"-Chef Stoll. Die tiefgreifenden Kontakte der Journalisten in die Machtzentren der Stadt, die Aufdeckung von Skandalen und Betrug, die umfassende Berichterstattung über die Region - das alles würde Vergangenheit sein. "Es wäre ein demokratisches Desaster."
Ein anderes Presseorgan könnte diese Lücke auf die Schnelle nicht füllen, denn die Gratiszeitung "Examiner" hat dazu nicht die Manpower. Auch, dass die Blogosphäre das publizistische Vakuum füllen könnte, glaubt Stoll nicht. "Es ist schwer, ohne eine publizistische Marke mit Autorität die Machtzentren der Stadt zu durchdringen", sagt er.
Eine solche Meinungsmacht ist auch "The Public Press" nicht. Dennoch bekommt Stoll, seit dem "Chronicle" die Pleite droht, eine Menge Aufmerksamkeit für sein Projekt. "Wir erhalten haufenweise Anrufe von Journalisten, die für uns schreiben wollen", sagt er. Nun debattiert sogar PBS-Starmoderator Jim Lehrer mit Stoll über "The Public Press".
Stoll erforschte an der Stanford-Universität journalistische Qualität, Tausende Zeitungsartikel analysierte er auf Themenwahl, Kontextreichtum oder Quellenvielfalt. Nun will er selbst ein Medium schaffen, das seinen ambitionierten Qualitätsvorstellungen gerecht wird - und er will ein Geschäftsmodell etablieren, mit dem eine gedruckte Zeitung im Umfeld bröckelnder Anzeigen überleben kann.
Er plant eine Tageszeitung, die keine Anzeigen druckt, die lokal fokussiert ist und auf Boulevardthemen weitgehend verzichtet. "Die Zeitung wäre so journalistisch anspruchsvoll und gleichzeitig schlank", sagt er. "Das spart Druck- und Lieferkosten."
Reporter sollen kostenlose Starthilfe geben
Laut Stoll wäre es möglich, "The Public Press" ausschließlich über kostenpflichtige Abos, Straßenverkauf und Finanzspritzen philantropischer Wohltäter zu finanzieren. "Wenn 50.000 Leser ein Jahresabo zu 100 Dollar kaufen, haben wir fünf Millionen Dollar zur Verfügung, Spenden nicht eingerechnet", sagt Stoll. "Eine schlanke Lokalzeitung ließe sich damit schreiben, drucken und ausliefern."
Das Geschäftskonzept basiert auf der Überlegung, dass der Anzeigenmarkt von Tageszeitungen wesentlich schneller schrumpft als ihr Lesermarkt. Die Werbeerlöse sind in den vergangenen zwei Jahren um 25 Prozent eingebrochen, die aktuelle Weltwirtschaftskrise hat diesen Trend noch beschleunigt. Der Zeitungsverkauf dagegen sinkt nach Angaben des Marktforschungsriesen Nielsen Online weit langsamer - in den vergangenen zwei Jahrzehnten ging die Anzahl täglich verkaufter Exemplare von 62 auf 49 Millionen zurück. Die Online-Leserschaft stieg im selben Zeitraum deutlich an.
Auch "The Public Press" gibt es derzeit nur online - schon dieses Jahr soll jedoch der Grundstein für eine gedruckte Ausgabe gelegt werden. "Bezahlmodelle im Internet sind bisher stets gescheitert", sagt Stoll. "Und eine anzeigenfreie Online-Publikation, die nur auf Spenden basiert, hätte nicht die redaktionelle Größe, um ein wirkliches publizistisches Gewicht darzustellen." Auf Anzeigen will er aber unbedingt verzichten. "Nur so ist wirkliche Unabhängigkeit gewährleistet."
Stoll hofft darauf, dass Redakteure und Reporter seine journalistischen Ideale honorieren und ihm Starthilfe geben. "Es gibt schon heute massenweise Profi-Journalisten, die ihren Job verloren haben, die aber dennoch darauf brennen, die Geschichte der Stadt zu erzählen", sagt er. "Einige haben bereits bei uns angefragt."
Sollte der "Chronicle" nicht gerettet werden, könnte "The Public Press" tatsächlich kräftig Zuwachs bekommen.
Investigativer Journalismus zwischen Delfinen
Arbeiten müssten die Profis allerdings vorerst umsonst. Bislang hält sich "The Public Press" mit einem 20.000-Dollar-Scheck der San Francisco Foundation über Wasser - und mit weiteren 6000 Dollar, die andere gespendet haben. Unterstützung kommt nur tröpfchenweise an - nicht zuletzt, weil US-Stiftungen seit dem Ausbruch der Weltwirtschaftskrise im Herbst 2008 gut ein Drittel ihres Wertes verloren haben. "Es ist wahnsinnig schwer, Zuschüsse zu bekommen", sagt Stoll.
Und so herrscht in den Redaktionsräumen von "The Public Press" zurzeit vor allem Chaos. Die Redaktion entsteht auf den Überresten von allerlei obskuren Umweltorganisationen, im Konferenzraum, in dem Stoll und sein Reporterteam über Erdbeben beraten, hängt noch ein riesiges Bild mit Delfinen vor einem in Violett getauchten Bergmassiv. Der Fahrstuhl zu den Redaktionsräumen bleibt stecken, man muss zurück ins Erdgeschoss fahren und doch die Treppen nehmen.
Ein solches Auf und Ab erlebt derzeit auch Stoll. Dennoch ist er zuversichtlich. "Die Krise kann Innovationen beschleunigen", sagt er. "Und das jetzige Geschäftsmodell von Tageszeitungen ist definitiv gescheitert."
Ob seine Idee sich durchsetzt, bleibt abzuwarten. Dass Krisen Innovationsmotoren sind, stimmt indes auch in der siechen Zeitungsbranche: In der letzten großen Medienkrise Mitte der neunziger Jahre kreierten arbeitslose Journalisten die "San Francisco Free Press", eines der ersten kritischen Online-Portale der Stadt. Heute ist daraus sfgate.com geworden - eine der meistgelesenen Internet-Publikationen Amerikas.
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