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Experiment in San Francisco: Bürger sollen den Zeitungstod stoppen

Von , San Francisco

San Francisco droht zur ersten US-Großstadt ohne seriöse Tageszeitung zu werden. Mit "The Public Press" rüstet sich eine unabhängige Redaktion für das mögliche Demokratiedesaster - und will mit einem neuen Geschäftsmodell die freie Presse retten.

Es geht um eine informierte Öffentlichkeit an diesem diesigen Vormittag in San Francisco. "Es sind skandalöse Zustände", beginnt Chefredakteur Michael Stoll die Sitzung, und eine Gruppe Redakteure guckt ihn mit ernster Miene an. "Wir sollten schnell handeln." Ein Reporter mit schwarzer Hornbrille und weißem Haar nickt zustimmend. Er sagt: "Wir sollten mit der Story schnell online gehen."

Die Krisensitzung dreht sich ausnahmsweise nicht um den Zerfall des amerikanischen Journalismus. Die Redaktion von " The Public Press", einem nicht profitorientierten Online-Portal, für das Lokaljournalisten auf freiwilliger Basis Artikel schreiben, befasst sich mit einem anderen Problem, das die Stadt chronisch beschäftigt, seit sie am 18. April 1906 davon heimgesucht wurde.

"Erdbeben", sagt Stoll und blickt ernst in die Runde. Viele Menschen, die in der Stadt wohnen, hätten keine Ahnung, wie einsturzgefährdet ihre Häuser seien. Makler und Stadt verschwiegen dieses empfindliche Detail. Um zu zeigen, wer sicher wohnt und wer nicht, hat Stolls Team in Archiven Daten über die Bauarchitektur ganzer Viertel gesammelt - und will diese nun als Flash-Karte online stellen.

Michael Stoll, 36, ist schlank, hemdsärmelig, seine Bewegungen sind bisweilen schlaksig. Er doziert an der San Jose State University über journalistische Qualität, schrieb unter anderem für die "New York Times" und den "Philadelphia Inquirer". Jetzt ist er Chefredakteur von "The Public Press". Sollte der " San Francisco Chronicle", wie es derzeit viele fürchten, sterben, wäre sein Portal neben dem dürftigen Gratisblatt "The Examiner" die einzige Tagespublikation in San Francisco.

Endzeitstimmung im Newsroom

Der "Chronicle", Auflage 339.000, ist die größte Zeitung der acht Millionen Einwohner umfassenden Metropolregion. Er ist nach der "L.A. Times" die zweitgrößte Tageszeitung an der Westküste und die zwölftgrößte Amerikas. 2008 hat der "Chronicle" jeden Monat mehr als eine Million Dollar verloren. Der Hearst-Verlag, dem die Zeitung gehört, erklärte, falls es keinen Ausweg aus dem Kostenstrudel gebe, "werden wir keine andere Wahl haben, als schnell einen Käufer für den 'Chronicle' zu finden oder ihn ganz einzustellen".

Am vergangenen Samstag erst hat sich die größte in der "Chronicle"-Belegschaft vertretene Gewerkschaft zu drastischen Einschnitten bereiterklärt. Wie Reuters berichtet, stimmte die California Media Workers Guild einer Änderung der Tarifverträge zu, die es dem "Chronicle" erlauben würde, mindestens 150 Stellen sowie bestimmte Rechte und Privilegien zu streichen.

In der Redaktion des "Chronicle" herrscht Endzeitstimmung. "Wir arbeiten in einem Klima der Angst", sagt ein Reporter. Ein schwedischer Praktikant wurde mit den Worten begrüßt: "Schön, dass du da bist, leider wissen wir nicht, ob du die volle Zeit bleiben kannst. Weil wir nicht wissen, ob es uns in ein paar Wochen noch gibt." Ein wirkliches Rezept gegen die Krise scheint der Hearst-Verlag nicht zu haben. "Es läuft alles auf einen Verkauf hinaus", sagt der Reporter. "Oder auf den Tod."

San Francisco ist nur eine von vielen US-Städten, die vom aktuellen Zeitungsbeben erschüttert werden. Seit Jahren siecht die Print-Presse dahin, durch die Weltwirtschaftskrise haben sich die Schockwellen noch sichtbar verstärkt. Wie drastisch die Lage ist, dokumentierte die "New York Times" erst am Donnerstag auf einer Landkarte der Print-Pleiten. Ganz Amerika ist von roten Todesflecken übersät, in Städten wie Denver (Pleite der "Rocky Mountain News") oder Chicago (Pleite des zweitgrößten US-Verlags Tribune), wo gewichtige Printhäuser schließen, sind die Male des Niedergangs bedrohlich groß.

Bislang fürchteten US-Großstädte vor allem darum, dass ihnen Meinungsvielfalt abhandenkommt, weil sich die Zahl großer Zeitungen von zwei auf eins reduziert. Doch es könnte noch schlimmer werden. "Bis 2009 oder 2010 werden manche Ein-Zeitungs-Märkte Null-Zeitungs-Märkte sein", prognostiziert Mike Simonton, Analyst für den Printsektor bei der Ratingagentur Fitch.

Ausgerechnet San Francisco, Sinnbild für Pluralismus und Multikulturalität, droht schon jetzt, der erste Null-Zeitungs-Markt zu werden, das neue Epizentrum des Pressebebens.

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Forum - Medienkrise - Braucht die Gesellschaft Massenmedien?
insgesamt 171 Beiträge
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1.
DJ Doena 19.02.2009
Das hat doch nichts mit Massenpresse an sich zu tun. 1) Im Idealfall bringt die Zeitung die Nachrichten von gestern, schlimmstenfalls von von vorgestern. Persönlich würde ich die Zeitungsleser, die über das Niveau von "BILD" hinauslesen, eher in der Angestelltenklasse oder höher vermuten (Nichts gegen Arbeiter, aber für meinen Punkt glaube ich, dass die Unterscheidung richtig ist). Angestellte sitzen aber oftmals den ganzen Tag vor dem PC und genauso wie Zeit fürs Käffchen ist, so ist auch Zeit mal bei der Nachrichtenseite vorbezuschauen. D.h. Die wichtigsten Nachrichten hat man schon aus dem Web aufgesauft oder bekommt sie abends von den TV-Nachrichten präsentiert. 2) Das Problem der heutigen Zeitungen ist: Sie bestehen fast aus nichts mehr anderem aus den gleichen Agenturmeldungen, die besagte Nutzer schon oben im Web gelesen haben. Hintergrundberichte, aufwendige Recherche - wurde alles als zu teuer abgeschafft und die Redaktionen bis auf die Knochen abgemagert. Damit macht sich aber die Zeitung selbst obsolet. Ich lese im Prinzip nur noch zwei Zeitschriften: Spiegel und c't. Und bei beiden merke ich auch da, wieviele Artikel ich überblättere, weil ich sie bereits bei Spiegel Online respektive Heise Online gelesen habe. Dennoch lese ich beide weiter als Papier, eben weil sie noch interessante und lesenswerte Artikel haben, die tweilweise über Wochen und Monate recherchiert wurden und nicht zwingend eine tagesaktuelle Relevanz haben.
2. wir nicht ..
systemfeind 20.02.2009
Zitat von sysopImmer mehr Zeitungsverlage schrumpfen in der Wirtschaftskrise ihre Aktivitäten zusammen. Doch ihre Kunden interessiert das kaum, sie halten das Modell der Massenpresse für überholt. Was denken Sie - brauchen wir Massenmedien?
aber die herrschende Klasse braucht Massenmedien ( oder weshalb arbeiten einschlägig bekannte Kreise mit Hochdruck an einer Zensursoftware ? )
3.
TheBear, 20.02.2009
Zitat von DJ DoenaDas hat doch nichts mit Massenpresse an sich zu tun. 1) Im Idealfall bringt die Zeitung die Nachrichten von gestern, schlimmstenfalls von von vorgestern. Persönlich würde ich die Zeitungsleser, die über das Niveau von "BILD" hinauslesen, eher in der Angestelltenklasse oder höher vermuten (Nichts gegen Arbeiter, aber für meinen Punkt glaube ich, dass die Unterscheidung richtig ist). Angestellte sitzen aber oftmals den ganzen Tag vor dem PC und genauso wie Zeit fürs Käffchen ist, so ist auch Zeit mal bei der Nachrichtenseite vorbezuschauen. D.h. Die wichtigsten Nachrichten hat man schon aus dem Web aufgesauft oder bekommt sie abends von den TV-Nachrichten präsentiert. 2) Das Problem der heutigen Zeitungen ist: Sie bestehen fast aus nichts mehr anderem aus den gleichen Agenturmeldungen, die besagte Nutzer schon oben im Web gelesen haben. Hintergrundberichte, aufwendige Recherche - wurde alles als zu teuer abgeschafft und die Redaktionen bis auf die Knochen abgemagert. Damit macht sich aber die Zeitung selbst obsolet. Ich lese im Prinzip nur noch zwei Zeitschriften: Spiegel und c't. Und bei beiden merke ich auch da, wieviele Artikel ich überblättere, weil ich sie bereits bei Spiegel Online respektive Heise Online gelesen habe. Dennoch lese ich beide weiter als Papier, eben weil sie noch interessante und lesenswerte Artikel haben, die tweilweise über Wochen und Monate recherchiert wurden und nicht zwingend eine tagesaktuelle Relevanz haben.
Geht mir genauso. Ich habe mich schon krank geärgert, wenn ich mir einen Papier-SPIEGEL gekauft hatte, und dann darin viele Artikel finde, die ich schon im SPON gelesen habe. Meine Reaktion: Ich kaufe keinen Papier-SPIEGEL mehr. Ich hatte auch schon an den SPIEGEL darüber geschrieben. Keine Reaktion. Wenn man aber erst mal sein Kaufverhalten geändert hat, liest man schliesslich nur noch Web-Blätter, dann aber auch andere. Was ich mir wünsche: Aktuelle Nachrichten nur auf Web-Seiten, gut und aufwendig recherchierte Artikel mit Hintergrundinformationen in wöchentlichen (oder gar monatlichen) Papiermagazinen. Tageszeitungen lese ich schon gar nicht mehr, besonders nachdem mir etwas wirklich "erstaunliches" passiert ist: In eine Papiertageszeitung las ich einen Artikel, der (von den genannten Daten her) völliger Unsinn war. Als ich die Redaktion anrief, entschuldigte sich der "Verfasser" damit, dass er die Daten von einer Webseite(!) genommen hatte. Bis dahin hatte ich immer geglaubt Papierseiten mehr Glauben schenken zu können als Webseiten...
4. Wir brauchen primär Qualitätsmedien
Peter Kunze 20.02.2009
Zitat von sysopImmer mehr Zeitungsverlage schrumpfen in der Wirtschaftskrise ihre Aktivitäten zusammen. Doch ihre Kunden interessiert das kaum, sie halten das Modell der Massenpresse für überholt. Was denken Sie - brauchen wir Massenmedien?
Tach, Eine gute Zeitung funktioniert für mich persönlich wie folgt: - Klare Trennung von Faktenbericht, Recherchebericht und ggf. Kommentar. Der Kommentar kann als einziger Abschnitt eine eventuell vorhandene politische Prägung des Blattes durchscheinen lassen. - 1:1-Abdrucke von Pressediensten welche eh jeder auf dem Internet schon überflogen hat sind zu unterbleiben. Zusatzinformationen oder eigene Recherchen zum Artikel sind unabdingbar. - Die Relevanz der Artikel hängt linear von der gesellschaftlichen Bedeutung des behandelten Themas ab. - Geeignetes Lektorat um nicht nur die Rechtsschreibung sondern auch die stilistische Qualität zu prüfen. Als Vorbild taugt im deutschen Sprachraum kanpp die NZZ um obige Ansprüche erfüllt zu sehen. Bye Peter
5. Bis auf Heise ...
schmoggelmopps 20.02.2009
... kann man doch heute kein Blatt - von Bild bis Spiegel - mehr als unabhängig bezeichnen. Mir ist das besonders im letzten Jahr (2008) klar geworden, als die "Qualitätsblätter" z.B. anfingen, Männer-Bashing zu intensivieren. Vor lauter "Männer-sind-scheiße"-Hintergrund- und Vordergrundrauschen ist mir klar geworden, wie das so funktioniert, mit dem "Journalismus". Und das betrifft ja nicht nur das Thema "Geschlechterkampf", sondern viele weitere Themen. BILD hat in der Zentrale z.B. Personenkontrollen nach Flughafenmanier installiert - sie werden wissen warum. Am besten erkennbar ist das Ganze für mich am Fall "Eva Herman", die nie gsagt hat, was alle schrieben, dafür aber quer durch die Bank Schellen kassiert hat. Sämtliche Prozesse hat sie wohl gewonnen - darüber schreibt aber niemand - die Emanzipation der Frauen, die jetzt endlich die wirtschaft ankurbeln sollen, scheint in Gefahr. Dazu gibt es eine spannende, minutiöse und mit Quellenangaben vollgepackte Abhandlung in Buchform von Arne Hoffmann ("Der Fall Eva Herman") http://www.amazon.de/Fall-Eva-Herman-Hexenjagd-Medien/dp/393956205X/ref=sr_1_8?ie=UTF8&s=books&qid=1235131418&sr=8-8. Dieser ist für mich ein eindeitiger Indikator dafür, wie Medien funktionieren - genau, wie der Fauxpas letztens u.a. hier bei SPON, bei dem Stefan Niggemeier vom BILDblog fast die gesamte deutsche Presselandschaft geneppt hat, als es um den vollständigen Namen des Karl-Theodor Freiherr von und zu Guttenberg ging. SPON und weitere Blätter haben den Namen wohl ausschließlich bei Wikipedia nachgeschlagen - einfach lachhaft, einfach enttäuschend. Insofern halte ich "die Medien" heute allesamt für sehr unglaubwürdig und bin froh, dass es Kommentarfunktionen im Internet gibt - denn DA erfährt man oft viel eher, wie die Menschen denken. Na Spons? Bin gespannt, ob mir meinen Beitrag veröffentlicht, Ihr "Qualitätsjournalisten" ...
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