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Facebook: Algorithmus sucht potentielle Sexualstraftäter

Ist das sinnvoll oder beunruhigend? Facebook lässt eine Spezialsoftware die Chats seiner Nutzer überwachen. Das Ziel: Sexualstraftäter aufzuspüren, die sich mit Minderjährigen verabreden wollen.

Schülerin, Facebook: Chat-Protokolle mit Algorithmus begutachtet Zur Großansicht
dapd

Schülerin, Facebook: Chat-Protokolle mit Algorithmus begutachtet

Hamburg - Es ist einer dieser Grenzbereiche, in denen es schwer fällt, zwischen falsch und richtig, gut oder schlecht zu entscheiden. Facebook, das wurde Ende vergangener Woche bekannt, überwacht gezielt die privaten Chats seiner Nutzer. Und zwar, um mögliche Anbahnungen sexuellen Missbrauchs Minderjähriger schon im Vorfeld zu erkennen und gegebenenfalls die Behörden einzuschalten. Ist das nun unzulässige, beunruhigende Überwachung durch die Facebook-Polizei? Oder die völlig gerechtfertigte Sicherheitsmaßnahme eines Unternehmens, das sich um das Wohlbefinden seiner minderjährigen Nutzer sorgt?

Facebook betont, dass das Chat-Mitlesen zunächst nicht von Menschen, sondern von Maschinen erledigt wird: "Wir wollten nie eine Umgebung schaffen, in der Angestellte private Kommunikation beobachten, deshalb ist es uns sehr wichtig, Technologie zu benutzen, die selten falschen Alarm auslöst", erklärte Joe Sullivan, Facebooks Sicherheitschef, der Nachrichtenagentur Reuters.

Der Algorithmus, der die Chats kontrolliert, bezieht dabei Reuters zufolge auch Informationen wie die Intensität der digital katalogisierten Beziehung zwischen den Kommunikationspartnern mit ein. Außerdem werden wohl die Altersangaben der Chat-Teilnehmer berücksichtigt, und die Software sucht nach verdächtigen Schlüsselwörtern und Textpassagen.

Lob von den Strafverfolgern

Zur Illustration der wohltätigen Effekte der Chat-Überwachung konnte Sullivan einen konkreten Fall präsentieren: Im US-Staat Florida hatte ein Mann Anfang 30 mit einer 13-Jährigen via Facebook Kontakt aufgenommen, mit ihr über Sex gechattet und versucht, sich mit ihr zu verabreden. Facebooks automatische Systeme schlugen an, Angestellte des Unternehmens sahen sich die Chatprotokolle an und verständigten die Polizei. Der Mann wurde verhaftet, sein Computer beschlagnahmt. Ein Vertreter der Strafverfolgungsbehörden lobte Facebook anschließend: "Die Art und Weise und die Geschwindigkeit, mit der sie uns kontaktierten, versetzte uns in die Lage, so schnell wie möglich zu reagieren."

Die Tatsache, dass Facebook die Kommunikation auf der Plattform permanent überwacht, ist übrigens lange bekannt. Sogar Details über die Moderationsrichtlinien drangen vor einiger Zeit an die Öffentlichkeit. Und auch andere Betreiber von Kommunikationsplattformen räumen sich in ihren Geschäftsbedingungen in der Regel das Recht ein, bei Bedarf in die Kommunikation ihrer Nutzer hineinzulauschen, etwa die Konsolen-Netzwerke von Microsoft (Xbox 360) und Sony (Playstation 3). Es könnte ja sein, dass ein Strafverfolger sich einmal dafür interessiert, worüber da gesprochen wird.

cis/Reuters

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1. Überwachung total
gerd0210 16.07.2012
Zitat von sysopdapdIst das sinnvoll oder beunruhigend? Facebook lässt eine Spezialsoftware die Chats seiner Nutzer überwachen. Das Ziel: Sexualstraftäter aufzuspüren, die sich mit Minderjährigen verabreden wollen. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,844714,00.html
Welche Software kommt als nächstes? Neigt jemand, der sich Krimis kauft, zu Gewalttaten? Bücher mit erotischem Inhalt dürfen nur gegen Personalausweis verkauft werden. Der Käufer wird sofort der Sicherheitsbehörde mitgeteilt? Ist ein studierter Maschinenbauer ein potentieller Bombenbauer? Wie wäre es mit der Überwachung von Politikern, so könnte man schon im Vorfeld erkennen, wie Gesetze zustande kommen...
2. Überwachung
weißkittel83 16.07.2012
Dass die Chats überwacht werden etc. wundert sicherlich niemanden mehr. Dass man das heutzutage auch noch öffentlich sagt und sogar noch damit wirbt schockiert auch nur noch bedingt. Wer kann denn heute noch getrost Stasimitarbeiter verfolgen und gleichzeitig bejubeln, dass inzwischen private Firmen die Überwachung organisieren und durchführen, wo es rechtlich hohe Hürden für staatliche Behörden gibt, die eigentlich für die Strafverfolgung zuständig sind und keine wirtschaftlichen Interessen daran haben? Kindesmissbrauch ist eines der schlimmsten Verbrechen, die man sich vorstellen kann, keine Frage. Allerdings finde ich es traurig, dass mit der Argumentation, man könne diesen verhindern, jegliche Einschränkung von Privatssphäre, Briefgeheimnis, usw. hingenommen und begründet wird. Wenn die Überwachung wirklich ausschließlich dazu benutzt würde wäre es wohl in Ordnung. Leider wissen wir allerdings aus der Vergangenheit nur zu gut, dass, egal welche Überwachungsmethode angewendet wird, diese früher oder später missbraucht wird.
3. Grotesk
dr.u. 16.07.2012
Zitat von sysopdapdIst das sinnvoll oder beunruhigend? Facebook lässt eine Spezialsoftware die Chats seiner Nutzer überwachen. Das Ziel: Sexualstraftäter aufzuspüren, die sich mit Minderjährigen verabreden wollen. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,844714,00.html
Ein auf Privatunternehmen mit Gewinnerzielungsabsicht analysier nach wenig transparenten Methoden die Knversation seiner Kunden untereinander und wertet diese nach eignen Kriterien nach strafrechtlich relevanten belangen aus. Welches Strafrecht kommt denn da zum Einsatz? Geht es demnächst auch gegen Liebhaber Kubanischer Zigarren oder Menschen, die sich mit der idealen Ideologie des Kommunismus anfreunden? Was wird als nächstes ausgewertet? Kunden chinesischer Unternehmen? Nachrichtendienstliche Ermittlungen gegen USA kritische Menschen? Was wird da noch alles analysiert und ausgewertet? Kann darf und sollte ein Privatunternehmen solche Kompetenzen und Befugnisse zugesprochen bekommen? Ich sage NEIN! Und wie läßt sich das mit dem deuteschen Telekommunikationsgesetz vereinbaren?
4. Vorverurteilung
cluehr 16.07.2012
Was ist, wenn jemand tatsächlich jugendliche Kontakte hat, und sich mit denen Verabredet, ohne das das Thema Sex erwähnt wird. Wird da auch gleich die Polizei informiert ? Manche Kontakte (und Verabredungen) mit JJungendlichen sind ganz normal.
5. Richtig!
m_kl 16.07.2012
Ich finde es immer wieder interessant zu lesen welche Ansichten die Mehrheit der Leute hier zu vertreten scheint...O-Ton: Facebook ist der böse, kapitalistische Big Brother, der uns der Vision "1984" mit jeder technischen Neuerung einen kleinen Schritt näher bringt und bald alles was wir tun und schreiben gegen uns verwenden wird. Schön und gut, so eine Meinung kann man meinetwegen vertreten. Doch gerade bei diesem Thema die Facebook-Keule herauszuholen halte ich für unverantwortlich! Da versucht dieser Konzern tatsächlich mal etwas WIRKLICH Sinnvolles für die Gesellschaft zu tun, nämlich sexuelle Übergriffe auf Kinder frühzeitig zu erkennen und möglicherweise zu verhindern, und dann fangen Leute die sonst ihre Lebensgeschichte auf Twitter, im FB-Status oder in Foren wie diesen mit dem Rest der Menschheit teilen an, mit völlig undifferenzierten Lobgesängen auf den Datenschutz um sich zu werfen als gäbe es kein Morgen mehr...Ganz ehrlich, denkt mal über eure Prioritäten nach! Datenschutz ist ein wichtiges Thema, ohne Frage. Aber jedes Unternehmen hat auch eine gesellschaftliche Verantwortung. Und wenn man dieser Verantwortung mit so einem Algorithmus nachkommen kann, dann sollte das vielleicht eine Überlegung wert sein. Schönen Abend!
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Facebook ging Anfang 2004 als soziales Netzwerk für Harvard-Studenten online. Zunächst konnten nur Menschen mit E-Mail-Adressen ausgewählter US-Hochschulen Mitglieder werden, seit 2006 ist die Seite für alle Über-13-Jährigen offen. Nach eigenen Angaben hat Facebook 845 Millionen aktive Mitglieder weltweit (Dezember 2011). Mehr zu Facebook auf der Themenseite.
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Google+ ist der Versuch, den sozialen Funktionen von Facebook und Twitter etwas entgegenzusetzen. Das soziale Netzwerk wurde im Juni 2011 gestartet und hat nach Firmenangaben rund 170 Millionen Nutzer (April 2012). Der Funktionsumfang ist rein aus Nutzersicht vergleichbar mit Facebook, Schnittstellen für externe Entwickler sind allerdings eingeschränkt. Google animiert seine Nutzer, das Netzwerk als zentralen Hub für seine Dienste zu nutzen. Mehr zu Google+ auf der Themenseite.
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Der auf kurze Textnachrichten spezilalisierte Dienst Twitter wurde im Juli 2006 gegründet. Populär wurde der Dienst als Verteilnetzwerk für Links, Fotos und Videos. Twitter zählt nach eigenen Angaben mehr als 140 Millionen Nutzer (März 2012). Mehr zu Twitter auf der Themenseite.
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Xing (früher OpenBC) wurde 2003 von Lars Hinrichs gegründet. Nach eigenen Angaben hat Xing über 11,7 Millionen Mitglieder (Stand: Dezember 2011), etwa acht Prozent haben einen kostenpflichtigen Premium Account. Bei Xing geht es vor allem um berufliche Kontaktaufnahme. Mehr zu Xing auf der Themenseite...
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Ehssan Dariani hat die Studenten-Community StudiVZ 2005 gegründet. Zuerst investierten Lukasz Gadowski und Matthias Spiess in StudiVZ, später finanzierten es vor allem die Gebrüder Samwer - bekannt für die Klingeltonfirma Jamba - und der Venture-Capital-Arm des Holtzbrinck-Verlags ("Die Zeit", "Handelsblatt"). Im Januar 2007 übernahm Holtzbrinck StudiVZ. Derzeit haben die Plattformen studiVZ.net, schuelerVZ.net und meinVZ.net nach eigenen Angaben rund 17,4 Millionen Nutzer (Stand: Januar 2011). Mehr zu StudiVZ auf der Themenseite...
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Das 1996 in Regensburg gegründete Unternehmen Spin betreibt ein eigenes soziales Netzwerk, aber auch integrierte Unter-Communitys mit regionalem Fokus, die mit Partnern vor Ort (Lokalradios vor allem) betrieben werden. Nach eigenen Angaben (Stand Februar 2011) hat Spin.de eine Million aktive Mitglieder. Mehr zu Spin.de bei Wikipedia...
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Wer-kennt-wen wurde von den beiden Studenten Fabian Jager und Patrick Ohler gegründet. Seit Februar 2009 gehört das Netzwerk vollständig RTL Interactiv, die Gründer schieden Ende August 2010 aus. Das Netzwerk hat laut Betreiber über 9,5 Millionen Nutzer (Stand: Januar 2012). Mehr zu Wer-kennt-wen bei Wikipedia...
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MySpace war 2006 das populärste soziale Netzwerk in den USA. Ein Jahr zuvor war es von Rupert Murdochs News Corporation gekauft worden. Bekannt wurde es durch die Möglichkeit, Musik einzubinden. Künstler und Bands nutzten die Plattform als Marketingplattform. Zeitweise hatte MySpace mehr als 220 Millionen Nutzer, nach Berechnungen von Google rund 30 Millionen Nutzer (Dezember 2011). Mehr zu MySpace auf der Themenseite...

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