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Facebook als Lebensgeschichte: Schreibt euren eigenen Nachruf!

Schreibt eure Lebensgeschichte auf Facebook, verlangt Mark Zuckerberg mit seinem Relaunch. Aber wie werden diese Geschichten klingen? Nicht wie digitale Tagebücher, sondern wie geschönte Autobiografien, meint Konrad Lischka: weil hier jeder für ein Publikum schreibt.

REUTERS

Die Aufzeichnung aller Jogging-Strecken, eine Liste aller Filme, die man je (bei Facebook-Partnern) gesehen, aller Songs, die man je dort gehört hat: Kann das wirklich eine Lebensgeschichte sein? Mark Zuckerberg ist dieser Ansicht. Bei der Vorstellung des neuen Facebook-Konzepts eines Lebensarchivs mit integriertem Unterhaltungsangebot sagte der Gründer des sozialen Netzwerks: "Die Facebook-Zeitleiste ist die Geschichte deines Lebens. Deine Geschichte, deine Anwendungen drücken aus, wer du bist."

Tun sie das?

Vom Datenschutz-Problem abgesehen: Hier passiert etwas Interessantes, nicht nur auf Facebook, sondern auch bei vielen anderen Web-Diensten, die das Leben protokollieren. Sie archivieren, was wir sehen, hören, lesen, essen, wohin wir reisen und wie lange wir laufen. Ein Antrieb, diese Datenmengen anzuhäufen, ist für viele Menschen mit Sicherheit der uralte Wunsch, dass etwas von ihnen bleibt. Ein idealisiertes Archiv der digitalen Person gegen die Sterblichkeit. Ein permanenter, ständig aktualisierter Nachruf auf einen selbst, der alle dunklen Geheimnisse, alle verzweifelten Gedanken, alle privaten Peinlichkeiten fast zwangsläufig ausblendet. De mortuis nil nisi bene - über die Toten nur Gutes.

Die Frage ist: Wer ist dieses digital konservierte Ersatz-Ich, das da entsteht? Wie wird es geformt von den digitalen Werkzeugen, mit denen wir es erstellen? Und wie wirkt dieses Bild zurück auf die Selbstwahrnehmung?

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Facebook: Digital-soziales Tagebuch
Facebook räumt in seinem Formular, in dem man die eigene Lebensgeschichte einzutragen hat, dem Medienkonsum viel Raum ein - was natürlich viel mit den geschäftlichen Interessen des Konzerns zu tun hat. Der Journalist Steven Levy hat dafür den schönen Begriff der " remote-control autobiography" erfunden. Kulturpessimisten werden nun lästern, dass ein wesentlicher Teil der eigenen Lebensgeschichte offenbar daraus besteht, wie oft und mit wem man "Desperate Housewives" gesehen und was man davor gekocht hat.

"Daher sind die Waden gut, die Schenkel nicht schlecht"

Doch das unterscheidet Facebooks Lebensprotokoll zunächst kaum von älteren Werkzeugen, dem Tagebuch zum Beispiel. Andy Warhol notierte in seinem Tagebuch jede Taxifahrt, und was sie gekostet hatte. Franz Kafka protokollierte auch sportliche Aktivitäten ("Ich rudere, reite, schwimme, liege in der Sonne. Daher sind die Waden gut, die Schenkel nicht schlecht …") und Kinobesuche:

"Im Kino gewesen. Geweint. 'Lolotte'. Der gute Pfarrer. Das kleine Fahrrad. Die Versöhnung der Eltern. Maßlose Unterhaltung. Vorher trauriger Film 'Das Unglück im Dock' nachher lustiger 'Endlich allein'. Bin ganz leer und sinnlos, die vorüberfahrende Elektrische hat mehr lebendigen Sinn." ( 20.11.1913)

Kafka schrieb das für sich. Er dachte nicht an Mitleser, bemühte sich nicht um Verständlichkeit, er spekulierte nicht auf mögliche Kommentare Bekannter und hoffte nicht auf "Likes". Nimmt man Mark Zuckerbergs Behauptung ernst, Facebook sei ein Werkzeug zum Erzählen der eigenen Lebensgeschichte, dann ist dies der fundamentale Unterschied: Erwünscht ist und belohnt wird (durch bestätigende "Likes" und Kommentare), dass jeder seine Lebensgeschichte jederzeit einem Publikum erzählt. Ohne Leser keine Autobiografie.

Wer vor Publikum erzählt, wird belohnt

Kafka blätterte auch in alten Aufzeichnungen, um sich selbst zu begegnen. "Mich ergreift das Lesen des Tagebuchs", notierte er einmal. Er offenbarte sich vor sich selbst, zum Beispiel, als er eine "Zusammenstellung alles dessen, was für und gegen meine Heirat spricht" niederschrieb ("Ich muss viel allein sein. Was ich geleistet habe, ist nur ein Erfolg des Alleinseins").

Kann, wer seine Lebensgeschichte in Facebook schreibt, so offen vor sich selbst sein? Es geht nicht nur darum, was man abwägt, wenn man öffentlich oder halb-öffentlich publiziert. Vielleicht verinnerlicht jemand, der mit Facebook als Schreibwerkzeug der Lebensgeschichte aufwächst, unbewusst die dort geltenden Kriterien: Lohnt es sich, etwas festzuhalten, das man mit niemandem teilen, niemandem mitteilen möchte?

Viele Spiegel für das Ich

Vielleicht setzt dieses oft anwesende und manchmal nur automatisch mitgedachte Publikum eine Schweigespirale in Gang, wie sie die Kommunikationswissenschaftlerin Elisabeth Noelle-Neumann vor Jahrzehnten in einer Welt ohne Netz postuliert hat. Noelle-Neumanns These: Wenn Menschen bei bestimmten Fragen den Eindruck haben, dass sie mit ihrer Meinung zu einer Minderheit gehören, äußern sie diese nicht. Die Spirale kommt so in Gang: Den Eindruck, in der Minderheit zu sein, gewinnen die Menschen durch ihren Medienkonsum, wenn bestimmte Ansichten unterrepräsentiert sind. Also verschweigen sie ihre Meinung und tragen so dazu bei, dass man diese Ansichten immer seltener hört.

Andererseits kann es auch eine Bereicherung sein, sich nicht immer nur im eigenen Spiegel zu sehen, wenn man die eigene Lebensgeschichte nachliest, sondern auch Reaktionen der Freunde, der Bekannten zu lesen, die mitschreiben.

"Sie sind kein fiktiver Charakter, oder?"

Natürlich beeinflusst das Publikum, was wir letztlich in die "remote-control autobiography" schreiben würden, wenn wir denn dabei überhaupt mitmachen. Jeder entwirft in den Artikeln, die er empfiehlt, der Musik und den Filmen, die er öffentlich mag, ein Wunschbild seiner selbst. Identitätsmanagement nennen Kommunikationswissenschaftler das. Die eigene "remote-control autobiography" mit Abstand nachzulesen, kann ähnlich erhellend und ergreifend sein wie Kafkas Lektüre seiner Selbstgespräche: Zum ersten Mal kann man bei Facebook nachsehen, wer man vor zwei Jahren gerne gewesen wäre, welche Geschichten man über sich selbst geschrieben hat. Oder über sich hat schreiben lassen, von der Jogging-, der Rezepte- oder der TV-Serien-App.

Solche Erfahrungen haben bisher vor allem Dichter gemacht: Mit jedem Buch definieren sie sich als Autor neu, jedes Wort schreibt ihre Lebensgeschichte weiter. Dieses Thema beschäftigt Dichter seit Jahrhunderten. Bret Easton Ellis erzählt in "Lunar Park" von einem Schriftsteller namens Bret Easton Ellis, den die Figuren seiner Romane heimsuchen. "Sie sind kein fiktiver Charakter, oder, Mister Ellis?", fragt ein Polizist den Protagonisten.

Diese Frage stellt sich in ein paar Jahren vielleicht jeder, der durch seine "remote-control autobiography" bei Facebook blättert.

Mitarbeit: Christian Stöcker

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insgesamt 53 Beiträge
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1. Wer glaubt
Tiit, 23.09.2011
bei FACEBOOK seinen "Nachruf" hinterlassen zu können für die Nachwelt, der irrt. Elektronische Daten sind extrem flüchtig. Ein Knopfdruck und alles was man in jahrelanger Schreibarbeit eingegeben hat (und an Fotos hochgeladen hat) ist weg. Also Facebook oder auch jedes andere Internetportal sind denkbar ungünstig, wenn man der Nachwelt etwas hinterlassen möchte. Und Facebook würde ich meine persönlichen Daten sowieso nicht anvertrauen, geschweige dann irgendeinem anderen "Social- Network". Prost!
2. ?
AtlasShrugging 23.09.2011
Ist "Frank Kafka" der unbekannte Sohn von Franz Kafka und Max Brod? Oder ein bisher verschollener Bruder? Ich bin ja nicht pingelich, aber wofür studiert man denn Germanistik, wenn man den Vornamen von Kafka nicht kennt? Das ist für mich das "Schalke 05" der Literaturjournalistik.
3. Damit Lucy weiß, dass Lilli viele Freunde hat oder so...
Weesendorff 23.09.2011
Hallo, ihr Forenten ;) zum Thema "Facebook als Konsumdrehscheibe" und über die Gründe warum Menschen da überhaupt mitmachen, ein kurzer aber treffender Essay, den ich gefunden hab. http://www.freitag.de/community/blogs/wohlleben/aufschrei-der-davids-facebook-will-was-wissen-
4. hirntote veröffentlichen ihr leben bei facebook
fordp 23.09.2011
Zitat von sysopSchreibt eure Lebensgeschichte auf Facebook, verlangt Mark Zuckerberg mit seinem Relaunch. Aber wie werden diese Geschichten*klingen? Nicht wie Tagebücher, sondern wie geschönte Autobiografien, meint Konrad Lischka: Weil hier jeder für ein Publikum schreibt. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,788029,00.html
normale menschen haben freunde. facebook ist nur fürs geschäft interessant. dafür nutze ich es auch, genauso wie der zuckerberg. wer dort privates postet hat das netz netz begriffen.
5. geile Sache...
glizzy 23.09.2011
wer jetzt immer noch nicht verstanden hat, was dort abläuft, der tut mir leid. ich bin aus prinzip gegen diese dubiose geschäftsmodell. meiner meinung nach sollte facebook in seiner jetzigen, privatrechtemissachtenden form verboten werden. denn so wie ich das sehe und aus gesprächen mit bekannten höre, sind die meisten zu dumm, um zu verstehen, das man mit einer anmeldung bei facebook zum gläsernen person wird. dabei ist noch lange nicht klar, wer ausser facebook zugriff auf die daten hat. denn so wie ich zuckerberg einschätze, würde er seine eigene mutter verkaufen. wo sich die leute früher aufgeregt haben, wenn daten gesammelt wurde, ist man jetzt bereit alles preiszugeben. welche farbe hat meine unterhose, wie war mein stuhlgang gestern usw. tut mir leid, ich brauche den mist nicht! stirb facebook!!
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Facebook ging Anfang 2004 als soziales Netzwerk für Harvard-Studenten online. Zunächst konnten nur Menschen mit E-Mail-Adressen ausgewählter US-Hochschulen Mitglieder werden, seit 2006 ist die Seite für alle Über-13-Jährigen offen. Nach eigenen Angaben hat Facebook 845 Millionen aktive Mitglieder weltweit (Dezember 2011). Mehr zu Facebook auf der Themenseite.
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Google+ ist der Versuch, den sozialen Funktionen von Facebook und Twitter etwas entgegenzusetzen. Das soziale Netzwerk wurde im Juni 2011 gestartet und hat nach Firmenangaben rund 170 Millionen Nutzer (April 2012). Der Funktionsumfang ist rein aus Nutzersicht vergleichbar mit Facebook, Schnittstellen für externe Entwickler sind allerdings eingeschränkt. Google animiert seine Nutzer, das Netzwerk als zentralen Hub für seine Dienste zu nutzen. Mehr zu Google+ auf der Themenseite.
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Der auf kurze Textnachrichten spezilalisierte Dienst Twitter wurde im Juli 2006 gegründet. Populär wurde der Dienst als Verteilnetzwerk für Links, Fotos und Videos. Twitter zählt nach eigenen Angaben mehr als 140 Millionen Nutzer (März 2012). Mehr zu Twitter auf der Themenseite.
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Xing (früher OpenBC) wurde 2003 von Lars Hinrichs gegründet. Nach eigenen Angaben hat Xing über 11,7 Millionen Mitglieder (Stand: Dezember 2011), etwa acht Prozent haben einen kostenpflichtigen Premium Account. Bei Xing geht es vor allem um berufliche Kontaktaufnahme. Mehr zu Xing auf der Themenseite...
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Ehssan Dariani hat die Studenten-Community StudiVZ 2005 gegründet. Zuerst investierten Lukasz Gadowski und Matthias Spiess in StudiVZ, später finanzierten es vor allem die Gebrüder Samwer - bekannt für die Klingeltonfirma Jamba - und der Venture-Capital-Arm des Holtzbrinck-Verlags ("Die Zeit", "Handelsblatt"). Im Januar 2007 übernahm Holtzbrinck StudiVZ. Derzeit haben die Plattformen studiVZ.net, schuelerVZ.net und meinVZ.net nach eigenen Angaben rund 17,4 Millionen Nutzer (Stand: Januar 2011). Mehr zu StudiVZ auf der Themenseite...
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MySpace war 2006 das populärste soziale Netzwerk in den USA. Ein Jahr zuvor war es von Rupert Murdochs News Corporation gekauft worden. Bekannt wurde es durch die Möglichkeit, Musik einzubinden. Künstler und Bands nutzten die Plattform als Marketingplattform. Zeitweise hatte MySpace mehr als 220 Millionen Nutzer, nach Berechnungen von Google rund 30 Millionen Nutzer (Dezember 2011). Mehr zu MySpace auf der Themenseite...

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