Facebook-Chef Zuckerberg: Vom Milliardär zum Missionar

Von und

Facebook-Gründer Mark Zuckerberg will die Bundesrepublik erobern. Der 24-Jährige kam nach Berlin, um die Deutschen von den Vorzügen seines Netzwerkes gegenüber dem großen Konkurrenten StudiVZ zu überzeugen. Mit SPIEGEL ONLINE sprach der jüngste Milliardär der Welt über seine Strategie.

Mark Zuckerberg ist ein müder Milliardär. Zumindest an diesem Montagabend. Der 24-Jährige Studienabbrecher, Gründer und Chef von Facebook, ist ein bisschen blass und hat tiefe Ringe unter den Augen. Er ist auf Europa-Tournee - denn es gibt Nachholbedarf auf dem alten Kontinent.

Über 110 Millionen aktive Mitglieder hat Facebook inzwischen - in Deutschland sind es aber nur gut 1,2 Millionen. Also ist Zuckerberg, der laut "Forbes" etwa anderthalb Milliarden Dollar schwer ist, selbst in die Bundesrepublik gekommen, um ein bisschen Überzeugungsarbeit an der Basis zu leisten.

Facebook-Gründer Zuckerberg: Milliardär mit müden Augen
Erik Seemann

Facebook-Gründer Zuckerberg: Milliardär mit müden Augen

Als Neuntklässler hat er laut seiner alten Hochschulzeitung mal eine PC-Version des Spiels "Risiko" programmiert. Wenn man ihm jetzt zuhört, wird man das Gefühl nicht los, dass er die Entwicklung von Facebook als ein ganz ähnliches Spiel betrachtet: Es geht darum, ein Land nach dem anderen einzunehmen, um globale Vorherrschaft. Ein Eroberungszug in Turnschuhen, Jeans und grauem T-Shirt.

Facebook: Das Weltnetz
Mitglieder
Facebook
Facebook ging Anfang 2004 als soziales Netzwerk für Harvard-Studenten online. Zunächst konnten nur Menschen mit E-Mail-Adressen ausgewählter US-Hochschulen Mitglieder werden, seit 2006 ist die Seite für alle Über-13-Jährigen offen. Nach Angaben von Goldman Sachs hatte Facebook Anfang 2011 600 Millionen Mitglieder weltweit, nach eigenen Angaben loggt sich jeden Tag die Hälfte von ihnen auf der Seite ein (Stand: Januar 2011).
Plattform
Seit Mai 2007 können externe Entwickler auf Nutzerdaten zugreifen, wenn die Facebook-Mitglieder dem zustimmen. Seit die Plattform für externe Entwickler geöffnet wurde, wächst das Angebot des einstigen Studentennetzwerk rasant – die Nutzer können aus mehreren tausend kostenloser Anwendungen wählen – Spielen, Fotoverwaltern, Programmen zum Abgleich von Lese-, Film- und Musikvorlieben zum Beispiel.
"Mir gefällt das"
Facebook überall: Die "Mir gefällt das"-Funktion können Website-Betreiber auf ihren eigenen Seiten einbauen. Mit einem Klick teilen Facebook-Nutzer ihren Freunden mit, was ihnen gefällt. Im Gegenzug kann Facebook Werbung gezielter schalten - und weiß, welche Seiten die Mitglieder ansurfen.
Geschäft
Der Umsatz von Facebook lag 2009 schätzungsweise bei 800 Millionen Dollar. Als Facebook-Gründer Mark Zuckerberg im November 2007 bei einer Präsentation in New York 250 Werbekunden ein "Interface, um Erkenntnisse über die Facebook-Aktivitäten von Mitgliedern zu sammeln, die fürs Marketing relevant sind", versprach, brach ein Proteststurm los.
Firmenwert
Facebook hat Google 2010 als meistbesuchte Website in den USA überholt. Anfang 2011 investierten die US-Großbank Goldman Sachs und die russische Beteiligungsgruppe Digital Sky Technologies 500 Millionen Dollar in das US-Unternehmen. Der Wert des Netzwerks klettert auf 50 Milliarden Dollar.
Hollywood
Der Film zum Phänomen: Die Gründungsgeschichte von Facebook wurde 2010 von David Fincher mit Jesse Eisenberg in der Hauptrolle verfilmt. "The Social Network" zeigt Zuckerberg als soziopathischen Nerd, der Facebook aus enttäuschter Liebe gründet.

Am Nachmittag hat Zuckerberg vor ein paar Hundert Berliner Studenten einen Vortrag gehalten, jetzt muss er Interviews geben, eins nach dem anderen, am nächsten Tag das Gleiche noch mal in München. Streng bewacht von Kommunikationschefin Debbie Frost und von Elliot Schrage, Spitzenkraft für "globale Kommunikation und Politik".

Eine mitgebrachte Tafel Schokolade lässt Zuckerbergs jungenhaftes Gesicht aufleuchten, er beißt herzhaft hinein und redet dann drauflos. Einige Vokabeln benutzt er besonders gern und häufig. "Connecting" ist eine davon, eine andere "Sharing", was "teilen" bedeutet, aber auch "mitteilen" und "gemeinsam nutzen". Das, was Facebook ausmachen soll. Jedesmal, wenn er das Wort benutzt, nicken seine beiden Kommunikationschefs eifrig, und Debbie Frost strahlt ihn begeistert an.

Schon mal daran gedacht, alles hinzuschmeißen?

Facebook besteht seit 2004. Zuckerberg programmierte es während seiner Studienzeit in Harvard, anstatt Vorlesungen zu besuchen. Als das betont schlichte Social Network für Studenten in den USA rasend erfolgreich war, zog Zuckerberg nach Kalifornien - und kehrte nie an seinen Studienplatz zurück. Im Juli 2006 hatte Facebook sieben Millionen Nutzer, fast alle waren Studenten. Damals bot Yahoo eine Milliarde Dollar als Kaufpreis. Zuckerberg lehnte ab. Heute wird der Wert des Unternehmens auf zwischen 4 und 15 Milliarden Dollar geschätzt, Microsoft hat vor einem Jahr für 1,6 Prozent von Facebook 240 Millionen gezahlt.

Zuckerberg: Weltherrschaft mit "Sharing" und "Connecting"
Erik Seemann

Zuckerberg: Weltherrschaft mit "Sharing" und "Connecting"

Hat Zuckerberg schon einmal daran gedacht, einfach seine Anteile zu verkaufen, das Geld zu nehmen und lieber das Leben zu genießen? Etwa Ende 2007, als das umstrittene Werbe-System "Beacon" für Proteststürme sorgte? Hat er nie gedacht "verdammt, ich nehme einfach das Geld und haue ab"? "Nicht in diesen Worten", sagt Zuckerberg und lacht. Aber es gehe ja auch nicht ums Geld, sondern um das Projekt, um "Sharing". "Das wäre für uns sonst auch gar nicht gut", wirft Elliot Schrage in betont scherzhaftem Ton ein.

"Du hast Anzüge, die du mir anziehst"

Es gibt ein paar solcher Momente im Laufe des Gesprächs. Zuckerberg verlässt dann die eingeübten Pfade der Eigenwerbung - etwa, als er sich zu einer kleinen bösen Bemerkung über den Facebook-Finanzier Microsoft hinreißen lässt. Dann bringen ihn seine beiden Kommunikationswächter mit Blicken und ostentativ heiteren Einwürfen blitzschnell wieder zur Räson. Der Milliardär kokettiert offen mit seiner Rolle als Wunderkind unter den wachsamen Augen seiner PR-geschulten Zieheltern.

Zuckerberg trägt ein graublaues T-Shirt ("davon habe ich 15"), die Outdoor-Jacke, die er sogar bei Vorträgen anzieht, hängt in der Garderobe. Auf die Frage, ob er denn einen Anzug habe, sieht er zu Debbie Frost und sagt: "Du hast Anzüge, die Du mir anziehst." Die Angesprochene lacht wie eine stolze Mama und sagt, das sei doch nur ein Jackett, und zum letzten Mal habe er es im Mai getragen, in Japan.

Milliardär Zuckerberg: Konzentrierter Prediger mit Jungs-Gesicht
Erik Seemann

Milliardär Zuckerberg: Konzentrierter Prediger mit Jungs-Gesicht

Aber über weite Strecken ist es gar nicht nötig, dass Frost und Schrage sich einmischen. Denn Zuckerberg ist ein konzentrierter Prediger des eigenen Evangeliums vom Teilen und Verbinden. Auch wenn man ihm nicht so recht abnehmen will, dass Geld und Marktdominanz dabei eigentlich gar keine Rolle spielen sollen.

Wenn er erst mal in Schwung gerät, leuchten seine Augen vor allem bei Sätzen wie: "Mehr als 30 Prozent der Online-Population in Großbritannien nutzt heute Facebook", oder "In Lateinamerika benutzten alle Hi5. In wenigen Monaten wechselten alle Leute zu Facebook." Chile werde "das erste Land sein, in dem mehr als 50 Prozent der Online-Population bei Facebook vertreten sind". In Kanada seien es jetzt schon 40 Prozent.

Die "Risiko"-Karte färbt sich Facebook-Blau

Während er diese Zahlen herunterrattert, kann man förmlich sehen, wie sich eine Weltkarte in Zuckerbergs Hinterkopf Land für Land blau färbt, Facebook-farbig. Wie bei "Risiko". Nie vergisst Zuckerberg, die Konkurrenten zu nennen, die er aus dem Feld geschlagen hat. Südamerika: Hi5. Großbritannien und Australien: MySpace.

Und Deutschland? Immerhin dominiert hier die VZ-Gruppe des Holtzbrinck-Verlages (StudiVZ, SchülerVZ, MeinVZ - siehe Kasten unten) mit insgesamt etwa 10 Millionen Nutzern den Markt. Dahinter liegt nicht Facebook, sondern MySpace und das deutsche Netzwerk Wer-kennt-wen. Facebook hat hierzulande aktuellen Zahlen zufolge 1,26 Millionen Mitglieder. Das sei mehr als doppelt so viel wie im März, als deutsche Bildschirmmenüs für die Plattform eingeführt wurden.

StudiVZ: Erfolge und Probleme des Studi-Netzwerks
Ehssan Dariani hat die Studenten-Community StudiVZ 2005 gegründet. Zuerst investierten Lukasz Gadowski und Matthias Spiess, später wurde StudiVZ vor allem von den Gebrüdern Samwer finanziert - bekannt für die Klingeltonfirma Jamba - und vom Venture-Capital-Arm des Holtzbrinck-Verlags ("Die Zeit", "Handelsblatt"). Im Januar 2007 übernahm Holtzbrinck StudiVZ. Derzeit haben die Plattformen studiVZ.net, schuelerVZ.net und meinVZ.net nach eigenen Angaben mehr als 15 Millionen Nutzer, (6 Millionen studiVZ, 5,5 Millionen Schüler im schülerVZ, 4 Millionen Nutzer bei meinVZ; Stand: April 2010).
Während die Mitgliederzahl rasant wuchs, kam StudiVZ nicht immer mit der Kontrolle der Inhalte hinterher. Betroffene warfen StudiVZ vor, zu lax gegen die organisierte Belästigung von weiblichen Mitgliedern und antisemitische, links- sowie rechtsextreme Propaganda vorzugehen.
Facebook wächst in Deutschland sehr schnell. Laut einer Auswertung der Facebook-Werbedaten ist die Plattform seit Anfang 2010 um 56 Prozent auf gut neun Millionen deutsche Mitglieder gewachsen - sprich: jeder zehnte Deutsche wäre demnach rein statistisch Facebook-Mitglied.

"StudiVZ wächst linear, wir wachsen exponentiell", sagt Zuckerberg. "Ich weiß nicht, ob wir sie schon in einem Jahr überholen. Aber vielleicht in zwei oder zweieinhalb." Natürlich wolle man auch auf dem deutschen Markt gewinnen. "Aber nur deshalb, weil wir glauben, dass wir es besser können, als die anderen". Ist das Ziel also doch die Weltherrschaft?

"Nein!", ruft Zuckerberg und muss selbst ein bisschen Grinsen. "Welt-Teilen!".

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Kampf der Netzwerke
insgesamt 31 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Andere Sorgen
heinrichp 07.10.2008
Zitat von sysopWer wird sich in Deutschland durchsetzen? StudiVZ, Facebook, MySpace, Wer-kennt-wen oder eine andere Community? Wer bietet dem deutschen Markt das Meiste? Diskutieren Sie mit.
Ich glaube, Deutschland hat zur Zeit andere Sorgen, die Finanzkrise wird zu einer Wirtschaftskrise. In-"wer- kennt-wen" bin auch ich Mitglied.
2.
DJ Doena 07.10.2008
Ich bin in WKW und StayFriends mitglied. Ob und wer davon "gewinnt" oder auch nicht, ist mir ja sowas von wumpe. Wenn die alle heute pleite machen würden (Was genau ist eigentlich deren Geschäftsmodel? Premiumkunden und Bannerwerbung oder was?) wäre der einzige Seiteneffekt, dass mein Briefkasten nicht mehr überquellen würde, weil ich plötzlich "einen neuen Mitschüler" habe (und dabei gehe ich seit über 10 Jahren gar nicht mehr zur Schule...).
3.
El Esti 07.10.2008
Schüler/StudiVZ sind nur billige Abklatschen von Facebook. Und letzteres ist sowieso besser, in jeder Hinsischt. Die Deutschen sollten sich doch auch mal internationalisieren statt immer nur an allem "Deutschen" zu hängen.
4. Langeweile der Menschlichkeit
edv3000 07.10.2008
Egal wie sich die Internetpiratenmachinerie nennt, ob space/face/tube, es geht im Prinzip lediglich um Kommerz und Unterhaltung (Datensammlung). Solange wir unsere Energie und Wirtschaft überproportional in die U-Industrie stecken, wird gerechte Ressourcenverteilung oder eine friedliche Koexistenz aller Völker auf unserer Welt nicht möglich. Ein 24-jähriger Milliardär ist genauso absurd und verachtend zu betrachten, wie Millionen von Menschen die heutzutage vor Hunger sterben. Widerstand tut (nicht nur) hier gut.
5.
Family Man 07.10.2008
Zuckerberg go home.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Netzwelt
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Web
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • -23-

Anzeige
  • Christian Stöcker:
    Spielmacher

    Gespräche mit Pionieren der Gamesbranche.

    Mit Dan Houser ("Grand Theft Auto"), Ken Levine ("Bioshock"), Sid Meier ("Civilization"), Hideo Kojima ("Metal Gear Solid") u.v.a.

    SPIEGEL E-Book; 2,69 Euro.

  • Einfach und bequem: Direkt bei Amazon kaufen.