Facebooks Community-Standards Verbale Ausschussware

In Facebooks Community-Standards ist die Rede von "wehrlosen" Staatschefs und "Anfragen nach Preisen für Bilder von Eskorten": Wer hat das bloß so dilettantisch ins Deutsche übersetzt? Und was sagt das über Facebook aus?

Facebook-Löschzentrum in Berlin
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Facebook-Löschzentrum in Berlin

Eine Kolumne von


Wenn man aus Hochmut Energie gewinnen könnte, dann ließen sich allein mit dem gegenwärtigen Verhalten von Facebook die Polkappen drei Winter lang eisfrei halten. In der Art und Weise, wie Facebook versucht, aus seiner derzeitigen Krise zu kommen, offenbaren sich genau die Hybris und das Desinteresse, die den Digitalkonzern überhaupt erst hineingeführt haben. Denn Facebook hat soeben seine Community-Standards veröffentlicht.

Das ist nicht irgendein Papier. Facebook möchte der Welt mit dieser Offenlegung beweisen, dass es die eigene Plattform im Griff hat. Dass es die Feinheiten der sozialen Kommunikation, der verschiedenen Sprachen, der vielen Kulturen auf Facebook gut genug versteht, um einer heftigen politischen Reaktion zu entgehen. Aber wenn man das offizielle deutschsprachige Dokument liest, ergibt sich eine Gefühlskaskade: Irritation. Ungläubigkeit. Fassungslosigkeit. Bestürzung. Wut. Und schließlich im Abgang Bitterkeit.

Irritation

Man muss Facebook zweierlei zugestehen. Ein solches Dokument ist erstens enorm komplex und natürlich ab Werk ausgesprochen heikel. Und zweitens ist Facebooks Regelwerk in seinen Grundzügen nicht schlecht. Im Gegenteil, an vielen Stellen lässt sich erahnen, dass hier substantielle Arbeit geleistet worden ist.

Aber nach einer passablen Einführung kommen das erste Kapitel "Gewalt und kriminelle Absichten" und eine Beschreibung, woran man Aufrufe zur Gewalt erkennt: "Dies ist zu erkennen an folgendem: Ausdrückliche Sprache, die dieses Ziel nennt…". Ausdrückliche Sprache, aha. Schon klar, Gebrauchsanweisungen müssen keine Bewerbung für einen Literaturpreis sein, aber das ist nicht die einzige Formulierung, die merkwürdig ungelenk daherkommt. Im Gegenteil wirkt das ganze Dokument stilistisch wie mit Dachlatten zusammengezimmert, wo doch jede Form von quasi-juristischem Regelungswerk sprachlich so klar, eindeutig und wasserfest wie möglich sein sollte. Merkwürdig.

Ungläubigkeit

Dann blitzt eine Erklärung für die erste Irritation auf. Im Kapitel "Glaubhafte Gewaltabsichten" steht in der Einleitung der Satz, zur Entscheidung über die Löschung sei auch "die öffentliche Sichtbarkeit oder die Wehrlosigkeit einer Person" relevant. Wehrlosigkeit? Der Verdacht scheint sich weiter unten im gleichen Text zu bestätigen, dort ist zu lesen, wogegen man keine Gewalt gutheißen darf: "Jegliche wehrlosen Personen oder Gruppen. Dazu gehören unter anderem Staatschefs".

Man kann, darf und soll alles Mögliche über Staatschefs sagen, aber wenn man eine einzelne Gruppe von Menschen auf diesem Planeten benennen sollte, die das exakte Gegenteil von "wehrlos" sind, dann ja wohl Staatschefs. Der Blick auf die englische Variante bestätigt den Verdacht, denn dort steht "vulnerable". Das ist ein essentieller Begriff bei der Diskussion um Regeln im Netz, denn er bedeutet "gefährdet". So ergeben auch die "gefährdeten Staatschefs" einen annehmbaren Sinn.

Sollte das wichtigste Dokument von Facebooks Reaktion auf die Krise automatisch per "Bing Translate" übersetzt worden sein? Oder vom Sohn des Fliesenlegers von Mark Zuckerberg, der 1996 im College zwei Jahre Deutschunterricht hatte? Denn so wirkt es. Kann es wirklich sein, dass ein Digitalkonzern mit einem Jahresumsatz höher als die Unternehmenswerte von Lufthansa, RWE und Commerzbank zusammen sich nicht die allergeringste Bohne um die Korrektheit der Übersetzung seiner Community-Standards schert? Von denen Facebook gleichzeitig schwört, sie seien essentiell wichtig?

Fassungslosigkeit

Es ist schlimmer. Je weiter man sich im Dokument voran arbeitet, desto klarer wird: Hier müssen Anfänger am Werk gewesen sein - sowohl, was die juristische, als auch, was die sprachliche Ebene angeht. Denn es finden sich Fehler darin, die nur durch Flüchtigkeit oder Unwissen entstehen können: "ein schmaler Grad zwischen Falschmeldungen und Satire" oder "Beschipfungen". Dazu kommt eine völlig erratische Kommasetzung.

Das mag Außenstehenden irrelevant erscheinen, aber die Zahl und die Art der Fehler sowie der Umstand, dass sie im regulativen Herzstück eines Milliardenkonzerns auftauchen, lässt nur einen Schluss zu: Irgendwo hat irgendjemand entschieden, dass die deutsche Öffentlichkeit mit verbaler Ausschussware zufrieden sein muss, jemand hat gegen ein vernünftiges Übersetzungsbudget entschieden, jemand hat gegen jede juristische Prüfung entschieden. Jemand hat offensichtlich geglaubt, es sei egal.

Fassungslosigkeit stellt sich ein, weil es so gut in das Muster passt, das ich bei Facebook schon häufiger beobachtet habe. Im Bereich der Werbeoptimierung, genauer: Werbeverkaufsoptimierung, sind höchstbezahlte Weltklasseprofis beschäftigt. Alles, was ein höheres Engagement, eine intensivere Bindung der Nutzer und damit mehr Werbeumsatz bringen kann, funktioniert. Oft hervorragend. Alles andere erscheint scheißegal und wird deshalb zum Teil grotesk unprofessionell gemacht. Wenn überhaupt.

Bestürzung

Im Kapitel "Sexuelle Ausbeutung von Erwachsenen" steht, verboten seien "Versuche, sexuelle Erwachsenendienste zu koordinieren oder zu ersuchen." Ein Hochamt der Hölzernheit, und diese "Erwachsenendienste" sind zum Beispiel definiert als "Anfragen nach Preisen für Bilder von Eskorten". Man kann sich denken, dass es um "Escort-Service" geht, aber das steht da eben nicht, sondern Bilder von Eskorten.

Die erbärmlich übersetzten Community-Standards wirken auf mich, als wolle da jemand Atomraketen bedienen, der am Zubinden seiner Schuhe scheitert. Dieses Dokument soll von einem Unternehmen stammen, das für sich in Anspruch nimmt, Mensch und Maschine kooperieren zu lassen? Mir scheint, das ganze Gelaber von "Künstlicher Intelligenz für die Community" ist zumindest dann nur Gelaber, wenn es nicht mehr auf Englisch stattfindet.

Die unfassbare Wirksamkeit von Kommunikation, die Veränderung der Welt durch Fake News auf Facebook, die Macht der größten digitalsozialen Infrastruktur des Planeten - das alles müsste es doch zur Pflicht machen, mit höchster Sorgfalt auf sprachliche Details zu achten. Weil ein paar Buchstaben zwischen mörderischer Volksverhetzung und einer harmlosen Randbemerkung entscheiden können. Ebenso wie ein paar Worte in einem Gesetzestext über Wohl und Wehe einer ganzen Bevölkerung entscheiden können.

Und jetzt trägt die Zwei-Milliarden-Menschen-Maschine Facebook die Kombination aus beidem vor, aus eigenem Gesetzestext und Kommunikationsregulierung - und versagt so bestürzend, dass man nur noch knallwütend werden kann.

Wut

Es haben weltweit hitzigste Debatten stattgefunden, es sind Gesetze wie das NetzDG erlassen worden, es sind - man muss es so sagen - Menschen gestorben wegen Facebooks Community-Gebaren. Das alles vor dem Hintergrund immer neuer Umsatzrekorde in der Höhe eines Staatshaushalts. Und jetzt zeigt sich, dass schon die korrekte Handhabung von "Deutsch" Facebook aus der Spur bringt. Also einer Sprache, die von 100 Millionen im Weltschnitt wohlhabenden und deshalb werbewirtschaftlich attraktiven Menschen gesprochen wird.

Wie muss das erst in Sri Lanka sein, wo nur 20 Millionen eindeutig ärmere Menschen leben - aber wo es trotz langjähriger Warnungen inzwischen wegen Fake News auf Facebook Tote gibt? Diese groteske Unverschämtheit von Community-Standards, die uns hier zugemutet wird, erscheint mir prototypisch, ein Hinweis auf die Urproblematik. Facebook taumelt zwischen der geschickten Bewältigung monströs großer Datenmengen und Geldströme und absurder, gefährlicher Unprofessionalität. Man kann darüber nicht wütend sein - man muss.

Im Abgang Bitterkeit

Die Wut ist noch lange nicht verflogen, aber schon ist Bitterkeit da. Facebook hat Facebook nicht verstanden, Facebook interessiert sich nicht für Facebook, Facebook kann Facebook nicht kontrollieren, bisher kann es auch sonst niemand, und Facebook zeigt allenfalls drittelherzige Bemühungen, daran irgendetwas zu ändern. Facebook wird gerade mit oft falschen Argumenten von Leuten geschlagen, die eigentlich Werbung meinen, die eigentlich Trump meinen, die eigentlich den Digitalkapitalismus meinen.

Meine Perspektive ist normalerweise, dass die falsche Kritik an Facebook kontraproduktiv ist. Zur Veröffentlichung der Community-Standards aber ausnahmsweise nicht. Denn Facebook hat in seiner Hybris gerade eine KI-gesteuerte Präzisionsrüttelmaschine in die Watschenbaum-Plantage gefahren und soll jetzt bitte die Quittung bekommen.

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insgesamt 69 Beiträge
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Seite 1
cyn 25.04.2018
1. Nicht zum ersten Mal.
Erinnert sich noch jemand an die deutsche Version der Zeitungsanzeige? Jener Zeitungsanzeige, die nach dem jüngsten Datenskandal geschaltet wurde um den Nutzern mitzuteilen, dass ihre Sorgen ernst genommen werden. Jene Zeitungsanzeige die so erbärmlich formuliert/übersetzt war, dass die Nutzer in Deutschland GANZ GENAU verstanden haben, dass Facebook sich einen feuchten Kehrricht um ihre Belange schert. Die Hybris von Facebook ist inzwischen einfach nur noch widerlich. Dieses Unternehmen sieht einer düsteren Zukunft entgegen.
jj2005 25.04.2018
2. Präzisionsrüttelmaschine?
Soso, "Facebook hat in seiner Hybris gerade eine KI-gesteuerte Präzisionsrüttelmaschine in die Watschenbaum-Plantage gefahren". Das war wohl auch von Bing kreiert, oder? Ansonsten ist natürlich alles richtig, was Herr Lobo da schreibt. Man sollte Fakebook vielleicht mal prophylaktisch eine Woche abschalten, damit Herr Zuckerberg wach wird.
Das Pferd 25.04.2018
3.
Da kann ich nur zustimmen. Bei der Beschreibung von einem Elektronikkleinteil für €2 auf ebay ist das OK, daß ich mir überlege, was vor der maschinellen Übersetzung gemeint war. Bei den Community-Standards zeigt das Arroganz. Unglaubliche Arroganz.
derjoey 25.04.2018
4. Nutzvieh
Vielen Dank für diesen Beitrag. Er bestätigt erneut den Eindruck, dass der normale Facebook-Benutzer nur eine Art von Nutzvieh für den Konzern darstellt.
weltgedanke 25.04.2018
5.
Die Kritik ist berechtigt. Aber vermutlich würde sie besser treffen, wenn sie nicht so wehleidig dick aufgetragen würde. Ich denke, die Übersetzungsfehler stehen für sich. Das weiß schon jeder Leser einzuordnen, nachdem er herzhaft gelacht hat. Da gleich mit Wut und Bitterkeit und Weltpolitik zu kommen, ist zwar subjektiv vielleicht richtig, aber strategisch unklug. Denn wer allzu angestrengt versucht, dem Leser eine Interpretation regelrecht aufzudrängen, die sich ihm nicht selbst einstellt, schwächt am Ende nur seine Aussage.
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