Facebooks Datingfunktion im Test Tinder mit Handbremse

Facebook experimentiert mit einer Datingfunktion, ohne Nacktfotos und mit Fokus auf "langfristige Beziehungen". Wie funktioniert der Dienst? Und wie kommt er an? Einblick in den Testmarkt Kolumbien.

Von Priscila Hernández Flores und Sonja Peteranderl


Die Kolumbianer sind die Ersten. Auch, wenn viele von ihnen noch gar nichts davon wissen. Sie haben bei Facebook seit einigen Wochen ein Feature, auf das Nutzer in anderen Ländern noch warten müssen: eine Datingfunktion.

Die versteckt sich unauffällig im Menü der mobilen Facebook-App. "Citas" steht da nur, übersetzt heißt das "Verabredungen". Daneben prangt ein rosa-lila Herz. Schon seit September gibt es Facebook Dating in Kolumbien - kürzlich wurde das Feature auch in Kanada und in Thailand freigeschaltet.

Die Offensive auf den Dating-Markt hatte Facebook-Chef Mark Zuckerberg im Frühling 2018 auf der Entwicklerkonferenz F8 angekündigt: "Auf Facebook sind 200 Millionen Nutzer, die angeben, Single zu sein", sagte Zuckerberg dort. "Hier gibt es ganz klar etwas zu tun."

"Verbergen" statt Wischen

Wie die Entwickler Zuckerbergs Aussage interpretiert haben, zeigt sich bei einem Test in der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá: Schnell erscheinen hier zahlreiche Vorschläge für einen Flirt auf dem Handy-Screen. Ein attraktiver 25-Jähriger mit Undercut etwa oder ein junger Hip-Hopper mit Basecap. Doch es gibt auch schlechte Nachtaufnahmen, auf denen allenfalls Umrisse zu erkennen sind. Die Kandidaten lassen sich nicht hin- oder her wischen wie bei Tinder, sondern es wird geklickt - auf "Interessiert mich" oder "Verbergen".

Einige der Kandidaten wohnen mehr als eine Stunde Fahrtzeit entfernt. Die Anwendung sucht im Umkreis von 100 Kilometern - Nutzer können ihre Ortungsdienste für Facebook Dating aktivieren, sodass der Aufenthaltsort automatisch aktualisiert wird. Oder sie können den Ort jedes Mal manuell eingeben und prüfen lassen.

Potenzielle Paare finden sich nicht nur über die räumliche Nähe zueinander, sondern auch über ihre Interessen: Facebook Dating empfiehlt Konferenzen oder Musikfestivals - auf Basis von Interessen oder Likes. Man kann auch auf einer bestimmten Veranstaltung nach Dates suchen oder sich Nutzer anzeigen lassen, die sich für ein bestimmtes Event interessieren.

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App-Funktion: Das ist Facebook Dating

Facebook versichert, dass das Datingprofil vom normalen Facebook-Profil isoliert ist. Vorname und Alter werden allerdings automatisch übernommen. Man soll ein Profilfoto - "dein bestes Foto" - hochladen, akzeptiert werden hier auch anonyme Bilder, wie etwa eine Blume.

"Langfristige Beziehungen" statt Sexting

Nutzer müssen angeben, nach welchem Geschlecht sie suchen, und mit welchem Geschlecht sie sich identifizieren: Mann, Frau, Transmann, Transfrau, oder "nicht-binär". In den Präferenzen lässt sich die Partnersuche weiter eingrenzen, etwa mit Alter oder Größe. Ein Fragenkatalog soll die Suche nach einem Match erleichtern - mit Fragen wie "Wie sieht ein perfekter Tag für dich aus?"

Bei jedem Schritt erklärt Facebook, wie die Daten verwendet werden und ob sie für andere sichtbar sind. Das ist korrekt, aber recht kopflastig. "Wir haben von Anfang an an Privatsphäre und Sicherheit gedacht", betonte Mark Zuckerberg bei der Produktpräsentation. Und: Der Dienst sei für "langfristige Beziehungen - nicht nur für Hook-ups ('Aufrisse')" gedacht.

Wohl auch deshalb sind Barrieren für wilde Chats eingebaut: Penisfotos oder Nacktbilder dürfen nicht verschickt werden - nur Textnachrichten sind erlaubt. Beim Test mit einem Android-Handy war es uns zudem nicht möglich, Screenshots von der Benutzeroberfläche von Facebook Dating oder von Dialogen anzufertigen.

Und es gibt eine Menge Sicherheitstipps: "Prüfe, ob dein Handy aufgeladen ist", "Organisiere deinen eigenen Transport zum Date", "Erzähle jemand von deinen Plänen". Und: "Achte darauf, dass dein Drink immer in deinem Sichtfeld bleibt." Manche Tipps mögen sinnvoll sein, andere könnten von der eigenen Mutter kommen - Lust auf einen lockeren Flirt machen sie nicht gerade.

Nach einer Woche Test-Flirten auf Facebook ist die Bilanz vielleicht auch deshalb niederschmetternd. Rückmeldungen: keine.

Auch Fredy, ein Digitalexperte aus Bogotá, findet, dass Optik und Benutzerfreundlichkeit sich noch verbessern müssen. "Mir kommt es nicht sehr attraktiv vor, und anfangs hat mich die Struktur der App verwirrt", sagt der 27-Jährige, der zwei Monate lang mit der neuen Dating-Funktion experimentiert hat. "Ich wollte wissen, wie es funktioniert, aber es war wenig aufregend. Mit der Mehrheit der Leute hat sich außer Chats nichts ergeben", sagt er. Dafür gebe es auch einfach noch zu wenig Nutzer.

Genervt habe ihn auch die Flut der Benachrichtigungen: "Jedes Mal, wenn man eine neue Nachricht hat, wird man darüber benachrichtigt. Das fand ich extrem invasiv, weil sich die Notifications von Facebook Dating und andere Facebook-Meldungen vermischen."

Option Flirt-Pause

Daniela, 25, aus Medellín findet derweil gar, Facebook Dating sei "eine Katastrophe": "Es ist keine nützliche App", sagt sie. Navigation, Design und Funktionen müssten überarbeitet werden, damit Facebooks Dienst eine echte Konkurrenz zu Apps wie Tinder werden könnte.

In der neuen Version für Kanada und Thailand wirbt Facebook Dating "Techcrunch" zufolge immerhin mit einigen Neuerungen um Nutzer: Date-Vorschläge werden gespeichert, sodass man länger Zeit zum Überlegen hat. Eine Blockliste soll unerwünschte Personen herausfiltern, und man kann zwischendurch eine Flirt-Pause einlegen, statt gleich sein Profil zu löschen.

Nutzerzahlen veröffentlicht Facebook bisher zu keinem der Testmärkte. Der Konzern ist spät dran, die Online-Dating-Konkurrenz ist mit Tinder, OkCupid oder Bumble groß. Zudem wird sich noch zeigen müssen, ob Facebooks Nutzer dem Unternehmen noch vertrauen - vor allem nach dem Skandal um die Analysefirma Cambridge Analytica oder dem jüngsten Hackerangriff auf das soziale Netzwerk, bei dem Daten von Millionen von Nutzern weltweit erbeutet wurden.

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