Facebook-Forschung Ich denke, also chatte ich?

Spracherkennung liegt im Trend, doch Facebook will mehr: Der Konzern träumt langfristig von einer Technologie, mit der sich Gedanken ohne den Umweg über Tastatur oder Stimme in Text verwandeln lassen.

Facebook-Managerin Regina Dugan auf der Entwicklerkonferenz F8
REUTERS

Facebook-Managerin Regina Dugan auf der Entwicklerkonferenz F8


Facebook hat auf seiner Entwicklerkonferenz F8 gerade jede Menge Visionen für die Tech-Zukunft vorgestellt, vom Editor für Kameraeffekte bis zum Virtual-Reality-Chatprogramm. Manche Ideen betreffen die nächsten Monate, andere die nächsten Jahre. Wieder andere reichen so weit in die Zukunft, dass nicht einmal der Konzern selbst eine Einschätzung dazu abgibt, wann sie erfolgreich umgesetzt werden oder gar in den Alltag einziehen könnten. Zu den ambitionierteren Zielen des Konzerns zählt es etwa, den Mensch direkt aus dem Gehirn Worte in einen Computer schreiben zu lassen.

Facebook-Managerin Regina Dugan sagte am Mittwoch, es gehe zum Beispiel um die Möglichkeit, einem Freund eine Textnachricht zu schicken, ohne das Smartphone herauszuholen. Dugan verwies dabei auf aktuelle Forschungen an der Stanford-Universität, in denen eine gelähmte Frau dank Elektroden - "so groß wie eine Bohne" - im Gehirn acht Worte pro Minute in den Computer schreiben könne.

Vortrag von Regina Dugan
DPA

Vortrag von Regina Dugan

Für eine Ausbreitung der Technologie seien Implantate aber nicht geeignet, meint Dugan, die zuvor in Googles Zukunftslabor und für die Forschungsagentur DARPA tätig war. Es müsse sehr empfindliche Sensoren auf der Oberfläche des Kopfs geben: "Solche Technologie existiert heute nicht. Wir werden sie erfinden müssen."

Ein Team von 60 Forschern

Bei Facebook arbeite ein Team aus 60 Forschern an der Vision, heißt es auf der F8. Dessen aktuelles Ziel sei es, auf 100 Worte pro Minute zu kommen - was deutlich schneller wäre, als wenn man auf dem Smartphone tippt.

Ein Nebeneffekt der Technologie könne auch sein, dass sich Menschen in anderen Sprachen ausdrücken könnten, ohne sie zu lernen, sagte Dugan. So könnte zum Beispiel der Gedanke an eine Tasse direkt mit dem entsprechenden Fremdwort in Spanisch oder Chinesisch umgesetzt werden.

Es gehe Facebook auf keinen Fall darum, wahllos Gedanken von Menschen zu lesen, betonte Dugan. "Du machst viele Fotos und entscheidest dich, nur einige davon zu teilen", sagte sie bei ihrer Präsentation. "Ähnlich hast du viele Gedanken und du entscheidest, einige davon weiterzugeben."

Auch Elon Musk interessiert solche Technologie

Doch längst nicht nur Facebook macht sich gerade Gedanken über eine solche Technologie. Neben vielen Forschern weltweit interessiert sich auch Tech-Milliardär Elon Musk dafür, wie das menschliche Gehirn direkt mit Computern vernetzt werden könne. Der 45-Jährige sei an dem Unternehmen Neuralink beteiligt, das entsprechende Elektroden entwickeln will, berichtete das "Wall Street Journal" Ende März.

Musk, Chef des Elektroautobauers Tesla und der Weltraumfirma SpaceX, hatte bereits bei einem Konferenzauftritt im vergangenen Jahr gesagt, dass er künstliches Nervengewebe zum Verbinden mit Computern für eine wichtige Zukunftstechnologie halte. Das könne Menschen helfen, mit der künftigen künstlichen Intelligenz mitzuhalten, vor deren möglichen Übermacht Musk mehrfach warnte.

Musk sprach von einem "direkten Interface zur Hirnrinde". Insgesamt blieb er damals aber vage, und deshalb war unklar, ob es ein konkretes Projekt oder eine Technik-Fantasie ist. Musk will auch Menschen zum Mars bringen und schlug das Transportsystem Hyperloop vor - eine Art riesige magnetbetriebene Rohrpost, die Menschen und Waren mit über 1000 Kilometern pro Stunde befördern soll. Mehrere Unternehmen versuchen derzeit, Hyperloop-Trassen zu bauen.

mbö/dpa



insgesamt 23 Beiträge
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Newspeak 20.04.2017
1. ...
Gedanken in Text verwandeln lassen. Super Idee. Mark Zuckerberg wird ueberrascht sein, was seine Mitarbeiter wirklich denken, wenn sie ihm ueber den Weg laufen. Und es wird weltweit sicher den sozialen Zusammenhalt foerdern und den Frieden, wenn jeder jedem direkt mitteilt, was er ueber ihn denkt. Vielleicht mit Ausgabe auf ein intelligentes T-Shirt. So als staendig wechselndes Motto.
sotomajor 20.04.2017
2. Zukunft
Gedanken auslesen für noch mehr Werbung, es braucht ja bloß einen kleinen Draht mitten ins Gehirn? Ich finde das geht alles schon in die falsche Richtung. Wenn ich sehe was da täglich an Updates kommt die meine PCs blockieren, für vermeintliche Sicherheit die in Wahrheit Marketing und Spionage heisst und was man unter dieser Zeit im echten Leben "Erleben" kann, dann muss da ein Umdenken kommen. Das Leben ist befristet und diese virtuelle Reality ist ein vorgetäuschtes Leben, eigentlich ein Diebstahl meiner Lebenszeit.
t_mcmillan 20.04.2017
3. Klingt ungut
Erfreulich ist das wieder nicht. Aber ob es praktikabel ist? Gerade für Chat mit Sicherheit nicht. Es ist viel zu anstrengend, so konzentriert zu denken. Über die Tastatur geht wesentlich einfacher. Oder vielleicht "fernmündlich"? Wie revolutionär? Wieso lesen, wenn man doch direkt miteinander sprechen könnte. Man nennt es telefonieren...
jamon 20.04.2017
4.
gedanken in text umwandeln?! gibt's doch schon. nennt sich mensch. so langsam nimmt die zukunft formen an, die mich sehr beunruhigen.
mikesch0815 20.04.2017
5. Aha! Dabei ist doch das Smartphone angeblich so anwenderfreundlich
Auch auf die Gefahr hin als technologiefeindlich gebrandmarkt zu werden: Das bislang noch immer beste Eingabemedium ist eine gute Tastatur (mechanisch, keine Rubberdome), eine Maus / Grafiktablet und sonst nix. Schreiben hat nämlich durchaus auch einen gedankenordnenden Nebeneffekt. Ganz anders als das komische Gepatsche auf einem Smartphone mit einer chronisch danebenliegenden Autokorrektur. Die Idee, Gedanken direkt in Text zu fassen ist nicht per se schlecht - gerade für gehandicapte Menschen, die einfach physisch/psychisch nicht tippen können ist das ein Segen. Aber ansonsten einfach uninteressant. Im Grunde ist es ähnlich wie mit der Smartwatch: Was wirklich neues fällt derzeit nicht ein. Und Erfindungen macht man auch nicht mit Ankündigungen. Zudem ist das Hauptinteresse von FB der Gewinn durch generierte Werbung für alle möglichen Zielgruppen. Das gilt auch für Google.
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