Facebook-Fan-Demo für Gauck Die Unterstützer müssen sich noch sammeln

Die Gauck-Fanbewegung im Netz funktioniert bestens. Sie zu einem Marsch durch Berlins Straßen zu motivieren, ist dagegen schwierig, wie die erste Pro-Gauck-Demo am Montagabend zeigte. Die Organisatoren hoffen jetzt, Web-Mechanismen in die Offline-Welt übertragen zu können.

Von Anne Onken

SPIEGEL ONLINE

Hamburg/Berlin - "Wer willl alles ein Schild tragen?" Mit wichtiger Miene preist das kleine Mädchen mit Zopf seine Plakate an und wiederholt immerfort: "Wer will alles ein Schild tragen?" Emsig versucht es seine Schilder loszuwerden. "Bürger für Gauck" steht auf einem, "Wir sind viele" auf einem anderen. Schon seit einer Woche laufen in Berlin Menschen mit Gauck-Taschen in der Hand und Gauck-Buttons am Revers durch die Straßen. Wie der Messias strahlt der Kandidat für das Präsidentenamt von Litfaßsäulen und Stromkästen, eine wahre Lichtgestalt. Gauck zu unterstützen ist schick. Auch im Internet, vor allem im Internet.

Alleine bei Facebook haben sich rund 30.000 Netz-Nutzer als Gauck-Fans bekannt, in den verschiedenen Unterstützer-Weblogs dürften es noch einige mehr sein. Diese Netz-Community wollten Aktivisten für den Montagabend zur ersten Pro-Gauck-Demo deutschlandweit zusammenrufen. Am Berliner Alexanderplatz sollten sie endlich auch in der realen Welt für die Wahl des 70-Jährigen zum Bundespräsidenten trommeln. Rund 1000 Teilnehmer haben die Veranstalter bei der Polizei angemeldet. Auch für 500 würde sie noch die Straße Unter den Linden sperren. Kämen nur 50 Leute, wäre es wohl etwas peinlich.

Christoph Giesa, 29, ist für die Demonstration extra aus Hamburg angereist. Er ist FDP-Mitglied. Als er am Tag nach dem Köhler-Rücktritt die Facebook-Gruppe "Joachim Gauck als Bundespräsident" gründet, ist noch keiner der Kandidaten nominiert. Er ahnt nicht, dass ausgerechnet SPD und Grüne den ehemaligen DDR-Bürgerrechtler aus dem Hut zaubern werden. Er habe laut gelacht, als er davon erfuhr, sagt Giesa.

Bei der Demo schlägt der Unternehmensberater in Jeans und Karopullover auf. Er hat sich ein paar Tage freigenommen, um bis zur Bundespräsidentenwahl "Vollzeit-Gauckianer" zu sein, wie er in seinem Weblog schreibt. Dass aus einer Graswurzel-Aktion plötzlich eine Bewegung werden könnte, mit eigenen Weblogs und Kundgebungen, damit hatte Giesa nicht gerechnet.

Eine gewisse Mitschuld an dem unerwarteten Zuspruch trägt Rainer Ohliger, Soziologe und Historiker aus Berlin. Vor knapp anderthalb Wochen sitzt er zu Hause vor dem Fernseher und schaut "Anne Will". Es geht um die Schicksalstage der schwarz-gelben Koalition und den Präsidentenpoker, harter Stoff. Ohliger kann die Sendung nicht lange ertragen und rennt zum Computer. In sozialen Netzwerken ist der 42-Jährige sonst nicht so aktiv, aber die Gauck-Gruppe auf Facebook hat er schnell gefunden. Ohliger klinkt sich sofort ein und hilft, die Szene besser zu vernetzen. Mit Kollegen aus anderen Städten initiiert er das Weblog "Demos für Gauck".

Der Verkehr fließt ungestört

Die Art und Weise, wie Christian Wulff nominiert worden sei, habe ihn wütend gemacht, sagt Ohliger. Wulff sei zwar ein respektabler Kandidat mit einer lupenreinen Biografie, aber die Leute hätten die Schnauze voll von all dem Politiker-Sprech. Sie wollen einen Intellektuellen, der für Gesamtdeutschland steht, glaubt Ohliger. Einen wie Gauck.

Auch wenn alle Umfragen und Netzaktivitäten Ohliger und Giesa recht zu geben scheinen: Innerhalb einer Woche hunderte von Menschen für eine Sache auf die Straße zu bekommen, ist offensichtlich auch dann noch schwierig, wenn man online zigtausende hinter sich weiß. Denn die sind zwar am Rechner schnell aktiv, zum auf-die-Straße-gehen aber nur schwer zu mobilisieren. Und so ziehen am Montagabend nur rund 30 Demonstranten über den Bürgersteig zum Brandenburger Tor, gefolgt von einem Dutzend enttäuschter Journalisten. Eindrucksvoll ist das nicht - zumal die Polizei sich weigert, die Straße für dieses kleine Häuflein zu sperren. Bürger für Gauck - nur auf dem Bürgersteig. Immerhin der Feierabendverkehr konnte so ungestört fließen.

Doch davon mag Initiator Giesa sich nicht vergrämen lassen und hofft, die Mechanismen der sozialen Netzwerke in das echte Leben übertragen zu können. Er will offline von demselben Schneeballprinzip profitieren, das online so wunderbar funktioniert hat. "Ich würde mir wünschen, dass zur nächsten Montagsdemo noch mal jeder seine Freunde mitbringt, so wie das bei Facebook ist", ruft er der kleinen Gruppe zu. "Jeder lädt alle seine Freunde ein und am Schluss sind wir ganz viele."

Viel Zeit bleibt ihm dafür nicht mehr. Die Wahl des Bundespräsidenten ist für den 30. Juni angesetzt. Das lässt ihm nur zwei Montage Zeit, seine Unterstützerschar zu einer Menschenmasse anschwellen zu lassen.

Anmerkung der Redaktion: Initiatoren der Demonstration waren nicht wie ursprünglich gemeldet Christoph Giesa und Rainer Ohliger, sondern Thomas Doetsch.



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