Debatte um Nutzer-Sperren Facebook braucht eine Hotline

Löscht Facebook nicht, gibt es Ärger - von Politikern, Medien, Nutzern. Löscht Facebook etwas, fast immer auch. Was kann das Netzwerk tun, um den Erwartungen besser gerecht zu werden?

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Jochen Schaudig ist Karikaturist. Unter dem Namen Haugrund veröffentlicht er seine Zeichnungen - auch bei Facebook. Bereits zum zweiten Mal in nur kurzer Zeit ist seine Facebook-Seite nun gesperrt worden, diesmal für eine Woche. Ein Grund dafür soll ihm zufolge ein Cartoon gegen Rechts sein, der von Antifa-Seiten geteilt wurde und bei den Angesprochenen auf wenig Zustimmung stieß.

Unter anderem die Seite "Meldemiez", die sich dem Melden "linksradikaler Hetze" verschrieben hat, scheint Haugrund auf dem Kieker zu haben. In der Seitenbeschreibung heißt es: "Wir lassen die Linksfaschisten ihre eigene Medizin schlucken....und die schmeckt denen nicht." In der Timeline sieht man eine Reihe von Screenshots erfolgreich gemeldeter Beiträge.

Nutzer werden mit gezielten Meldungen lahmgelegt

"Ich fasse Rechtsradikale hart an", sagt Schaudig über seine Karikaturen. Allerdings sei es auch normal, dass man anderen Leuten mit Satire auf die Füße trete. Das sei durch die Kunstfreiheit gedeckt, und unter seinen Cartoons seien ohnehin nur wenige politische Zeichnungen.

"Meldemiez" hat Schaudigs Seite, neben einigen anderen, offenbar trotzdem lahmgelegt. Die Posts lassen erahnen: Hier geht es nicht allein um das Melden unangemessener Beiträge, sondern um das gezielte Ausschalten anderer Meinungen. Das ist offenbar erfolgreich.

Erst kürzlich berichtete die "Süddeutsche Zeitung" über das gesperrte Nutzerkonto der satirischen Schriftstellerin Stefanie Sargnagel. Auch das Konto eines Imams, der ein kontrovers diskutiertes Foto von badenden Nonnen gepostet hatte, war kurzzeitig gesperrt. Und auch der AfD-Politiker André Poggenburg sah sich im Februar mit einer Facebook-Sperre konfrontiert.

Facebooks härteres Durchgreifens hat Konsequenzen

Politiker, Medien und Nutzer hatten von Facebook gefordert, mehr gegen Hasskommentare zu tun - die Sperren könnten eine Folge der Forderung sein. Im Zuge der Debatte um die verrohende Sprache trat Facebook der Freiwilligen Selbstkontrolle Multimedia bei (FSM). Gemeinsam mit der FSM erarbeitete das Netzwerk neue Lösungen für den Umgang mit Hasskommentaren und Internethetze.

Ein Ergebnis: Wurden zuvor nur konkrete Drohungen gelöscht - ich werde dir dann und dort etwas antun - so reicht nun bereits die unkonkrete Drohung, um einen Post verschwinden zu lassen. Mehrere Hundert Menschen sollen an vier internationalen Standorten in Facebooks Community Operations Team arbeiten und gemeldete Inhalte überprüfen.

Nach Angaben von Facebook wird das Konto eines Nutzers erst gesperrt, wenn Facebook mehrfach darauf hingewiesen hat, dass Verstöße gegen die Gemeinschaftsstandards gemeldet worden sind. Nur bei besonders schweren Verstößen behält sich Facebook vor, Nutzerkonten sofort und unter Umständen auch dauerhaft zu sperren. Was genau allerdings "schwerwiegende Verstöße" sind, ist unklar.

Nutzer wünschen sich mehr Transparenz

Für die Betroffenen stellt es sich so dar: Nach dem Anmelden können sie ihr Profil nicht mehr aufrufen, sie können nicht einmal mehr ein Posting auf ihrer Seite absetzen. Stattdessen erscheint eine Meldung, die darauf hinweist, dass das Konto gesperrt ist. Nach Facebook-Angaben bekommt man eine Erklärung, was zur Sperrung geführt hat. Gesperrte Nutzer empfinden diese allerdings oft als unzureichend. Sie fordern deshalb: Facebook muss transparenter werden.

Aber auch dann wäre das Problem nicht aus der Welt: "Was machen wir, wenn uns Facebook erklärt, wie es diesen Entscheidungsprozess gestaltet? Was haben wir davon, wenn wir wissen wie viele Facebook-Mitarbeiter mit der Content-Moderation beschäftigt sind? Es geht um die Diskussion danach", sagt Kirsten Gollatz, die zu den Bedingungen für die Ausübung von Meinungsfreiheit im Internet forscht.

Diese Diskussion steht gerade erst am Anfang. Es ist verhältnismäßig neu, dass die Politik soziale Netzwerke zur Chefsache erklärt hat. Erst im vergangenen Jahr richtete Heiko Maas öffentlichkeitswirksam eine Taskforce gegen Hasskommentare ein. Am Ende ist natürlich trotzdem Facebook für seine Plattform verantwortlich, das Netzwerk löscht und sperrt auf Basis seiner internationalen Gemeinschaftsstandards.

Facebook sieht sich als Plattform für sichere Kommunikation

Vor einigen Jahren beschrieb das Internetunternehmen sich noch als eine Plattform, auf der man alles sagen darf. Heute steht in den Gemeinschaftsstandards: "Die Aufgabe unserer Teams besteht darin, für Menschen weltweit eine offene und sichere Facebook-Umgebung zu gewährleisten."

Mit der Begründung, dass Facebook eine sichere Plattform für Kommunikation von Menschen weltweit sein will, rechtfertige das Unternehmen Eingriffe in die Inhalte, sagt Kirsten Gollatz. "Auch wenn das zum Teil über das hinausgeht, was wir als illegal oder gerechtfertigt ansehen."

Es gibt viele Stimmen, die dem Entfernen von Inhalten und Sperren von Nutzerkonten kritisch gegenüber stehen. Die britische Extremismusforscherin Erin Marie Saltman glaubt, dass auch problematische Inhalte online bleiben sollten. Nur so gäbe es die Möglichkeit, sie zu dekonstruieren.

Frust bei den Nutzern

"Wir erleben, dass die typischen Dinge, die offline gegen Hassrede funktionieren, wie das Herausstreichen von Inhalten, das Ausschließen von Hasspredigern, die keine öffentliche Plattform bekommen sollen, online nicht erfolgreich sind", schreibt Saltman. "Es ist äußerst effektiv, wenn alternative Stimmen zu Wort kommen, die sich gegen Online-Extremismus wenden." Gesperrte Inhalte tauchten sowieso an anderer Stelle im Netz wieder auf. Zivilgesellschaftliches Gegenhalten helfe.

Der Frust bei den Nutzern, die überzeugt sind, ihre Konten seien zu Unrecht gesperrt worden, ist dementsprechend groß. Manchem Nutzer scheint nicht einmal bekannt zu sein, dass es die Möglichkeit gibt, sich in einem solchen Fall an Facebook zu wenden. Versteckt in einem Untermenü im Hilfebereich zu gesperrten Konten gibt es einen Link zum Einspruchsformular.

Nach einem Einspruch bewertet laut Facebook ein anderer Mitarbeiter aus dem Community Operations Team den Fall neu. Natürlich hat das nicht zwangsläufig ein anderes Ergebnis zur Folge. Jochen Schaudig berichtet, nach seinem Einspruch zwar von Facebook gehört zu haben - allerdings nur, dass man sich darum kümmern würde. Danach folgte keine weitere Reaktion mehr. Einen direkten Draht zu einem Mitarbeiter, beispielsweise über eine Hotline oder einen Chat, gibt es nicht.

Facebook regulieren wie andere Medien?

Allein in Deutschland nutzen 28 Millionen Menschen Facebook, 21 Millionen davon täglich. Facebook nimmt so eine immer wichtigere Rolle in der Gesellschaft ein, wenn es um Meinungsbildung geht. Deswegen ist es wichtig, nachvollziehen zu können, warum und nach welchen Maßstäben Facebook Inhalte löscht und Nutzer sperrt. Und es ist wichtig, dass Nutzer die Chance haben, auf unberechtigte Sperren angemessen reagieren zu können.

"Wenn wir sagen, es ist die Aufgabe von Facebook, Meinungsfreiheit und Meinungsbildung zu generieren, dann hat die Gesellschaft auch einen anderen Anspruch, diese Plattform zu regulieren", sagt Internetforscherin Gollatz. So sei es bei anderen Medien auch schon geschehen. Unter anderem Mediengesetze, Staatsverträge, Leserbeiräte oder der Presserat setzten den Rahmen für deren Arbeit.

Jochen Schaudig würde eine solche Entwicklung bei Facebook begrüßen. Der Karikaturist sieht sich als Opfer, "das zwischen die Fronten von organisierten linken und rechten Facebook-Meldegruppen" geraten ist. Seit Donnerstag 13 Uhr ist sein Konto übrigens wieder freigeschaltet - Schaudig fürchtet allerdings, gleich wieder von "Meldemiez" gemeldet zu werden.


Zusammengefasst: Medien, Nutzer und Politik haben darauf gedrängt, Facebook solle sich stärker um die Hasskommentare auf seiner Plattform kümmern. Das Netzwerk hat darauf mit schärferen Regeln reagiert. Für Nutzer ist aber häufig unklar, warum sie gesperrt wurden. Zu Unrecht gesperrte Nutzer haben nur wenig Möglichkeiten, wirksam gegen die Sperren vorzugehen. Das muss sich ändern.



insgesamt 27 Beiträge
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Seite 1
andneu 26.08.2016
1.
"Was kann das Netzwerk tun, um den Erwartungen besser gerecht zu werden?" Facebook einfach nicht nutzen.
großwolke 26.08.2016
2. Grundsätze mal wieder ignoriert
Zum x-ten Mal: Facebook kann per Definition nicht "zu Unrecht" sperren. Ich gebe zu, die AGB von denen nicht gelesen zu haben, als ich noch einen Account dort hatte, bin mir aber sehr sicher, dass dort irgendwas drinsteht im Sinne von "Facebook behält sich vor.... usw.". Und an der Stelle stirbt jedwede Argumentation. Ist halt deren Produkt, die dürfen machen, was sie wollen, solange sie nicht gegen Gesetze verstoßen. Wer Inhalte im Netz verbreiten will, wem das wichtig ist, aus Gründen der Botschaft oder des Broterwerbs, der soll sie selber hosten, denn dann kann die Entscheidung, dass das weg muss, nur von einem Richter kommen. Es wird in solchen Artikeln immer so getan, als ob Social-Media-Anbieter, einfach aufgrund ihrer großen Präsenz im öffentlichen Leben, irgendwie der vollumfänglichen Ausübung der Grundrechte verpflichtet sind. Sind sie nicht. Sie müssen lediglich gewährleisten, dass die Kunden mit ihren Produkten keine Grundrechtsverletzungen begehen. Wichtiger Unterschied.
hegoat 26.08.2016
3. Die Geister, die ich rief
Da sind sie wieder, die Geister, die ich rief. Erst fordert man von Facebook und Co. Kontrollen und Sperrungen missliebiger Meinungen und Kommentare, aber wenn die eigene Meinung aufgrund Missliebigkeit gesperrt wird, ist das Geschrei wieder groß.
busytraveller 26.08.2016
4. Illegal
Eine staatliche Zensur einführen und diese dann an ein Privatunternehmen delegieren. Doppelt illegal. Weil Zensur illegal ist und die Verlagerung hoheitlicher Aufgaben an Private ebenso. Ein Fall für das Bundesverfassungsgericht. Klagt Gauweiler schon?
acitapple 26.08.2016
5.
Zitat von andneu"Was kann das Netzwerk tun, um den Erwartungen besser gerecht zu werden?" Facebook einfach nicht nutzen.
Damit Facebook den Erwartungen besser gerecht werden kann soll Facebook kein Facebook nutzen ? Ich vermute mal weil Facebook "doof" ist und damit auch seine Nutzer, nicht wahr ? Zu doof....
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