Facebook gegen StudiVZ Der Klon gewinnt immer

Weil das US-Netzwerk Facebook in Deutschland kein Bein auf den Boden bekommt, geht es gerichtlich gegen Marktführer StudiVZ vor. Vorwurf: Allzu dreistes Kopistentum. Nutzen wird die Klage wenig - die Historie zeigt, dass deutsche Ideenklauer im Internet fast immer siegen.

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Hamburg - Das Lamento umfasst insgesamt 116 Seiten: "Ein großer Teil des Erfolgs - wenn nicht der gesamte Erfolg - von StudiVZ ist dem Kopieren und dem Missbrauch von Facebooks geistigem Eigentum geschuldet", heißt es in einer Klageschrift, die das US-Portal bei einem kalifornischen Gericht eingereicht hat. Demnach hat das Tochterunternehmen der Stuttgarter Holtzbrinck-Gruppe so ziemlich alles geklaut, was man bei Facebook klauen konnte - angefangen mit der Anstups-Funktion (Poke) über die Pinnwand (Wall) bis hin zum kompletten Design.

StudiVZ-Seite: Produkt von Facebooks schildkrötenhafter Auslandsexpansion

StudiVZ-Seite: Produkt von Facebooks schildkrötenhafter Auslandsexpansion

Das ist ein harter Vorwurf; doch er trifft im Wesentlichen zu. Der einzige gravierende Unterschied zwischen den beiden sozialen Netzwerken ist ihr Farbschema - Facebook ist blau, StudiVZ rot. Im Facebook-Hauptquartier in Palo Alto weiß man das zwar schon seit über zwei Jahren. Lange hat die Kalifornier der Klon aus Berlin jedoch nicht interessiert, wie sie das Ausland überhaupt viel zu lange nicht interessierte. Bis zum Frühjahr dieses Jahres gab es keine deutsche, französische oder gar spanische Facebook-Version.

Dieser Isolationismus wird Facebook nun zum Verhängnis. Die Amerikaner haben nach ihrem US-Marktstart 2004 geschlagene vier Jahre gewartet, bis sie sich um die Auslandsmärkte kümmerten - im Internet eine Ewigkeit. In Abwandlung der Klageschrift könnte man sagen: "Ein großer Teil des Erfolgs - wenn nicht der gesamte Erfolg - von StudiVZ ist dem Schneckentempo von Facebook geschuldet."

Abgeschlagen hinter Knuddels.de

Deshalb sieht sich Facebook-Chef Mark Zuckerberg in Europas wichtigsten Markt nun mit einem Wettbewerber konfrontiert, den er praktisch nicht mehr einholen kann. StudiVZ hatte in Deutschland laut dem Marktforscher Nielsen Online im ersten Quartal 2008 sechs Millionen Besucher. Facebook kam nur auf ein Fünftel dieser Zahl (1,2 Millionen) und lag damit noch hinter Randgruppen-Netzwerken wie Knuddels.de und Lokalisten.de.

Wohl auch deshalb hat Facebook nun Klage eingereicht. Helfen wird es vermutlich nichts. Frühere Fälle zeigen, dass deutschen Online-Klonen in der Regel schwer beizukommen ist. Wann immer ein deutscher Kopist erfolgreich die Trägheit des amerikanischen Originals ausnutzte, blieb er am Ende siegreich.

Der Klon-Klassiker war das von den Brüdern Oliver, Marc und Alexander Samwer im Jahr 1999 gegründete Auktionshaus Alando.de, eine Eins-zu-eins-Kopie des US-Portals Ebay. Als die Amerikaner kurze Zeit später nach Deutschland expandieren wollten, hatte sich Alando bereits auf dem Markt breit gemacht.

Facebook: Das Weltnetz
Mitglieder
Facebook
Facebook ging Anfang 2004 als soziales Netzwerk für Harvard-Studenten online. Zunächst konnten nur Menschen mit E-Mail-Adressen ausgewählter US-Hochschulen Mitglieder werden, seit 2006 ist die Seite für alle Über-13-Jährigen offen. Nach Angaben von Goldman Sachs hatte Facebook Anfang 2011 600 Millionen Mitglieder weltweit, nach eigenen Angaben loggt sich jeden Tag die Hälfte von ihnen auf der Seite ein (Stand: Januar 2011).
Plattform
Seit Mai 2007 können externe Entwickler auf Nutzerdaten zugreifen, wenn die Facebook-Mitglieder dem zustimmen. Seit die Plattform für externe Entwickler geöffnet wurde, wächst das Angebot des einstigen Studentennetzwerk rasant – die Nutzer können aus mehreren tausend kostenloser Anwendungen wählen – Spielen, Fotoverwaltern, Programmen zum Abgleich von Lese-, Film- und Musikvorlieben zum Beispiel.
"Mir gefällt das"
Facebook überall: Die "Mir gefällt das"-Funktion können Website-Betreiber auf ihren eigenen Seiten einbauen. Mit einem Klick teilen Facebook-Nutzer ihren Freunden mit, was ihnen gefällt. Im Gegenzug kann Facebook Werbung gezielter schalten - und weiß, welche Seiten die Mitglieder ansurfen.
Geschäft
Der Umsatz von Facebook lag 2009 schätzungsweise bei 800 Millionen Dollar. Als Facebook-Gründer Mark Zuckerberg im November 2007 bei einer Präsentation in New York 250 Werbekunden ein "Interface, um Erkenntnisse über die Facebook-Aktivitäten von Mitgliedern zu sammeln, die fürs Marketing relevant sind", versprach, brach ein Proteststurm los.
Firmenwert
Facebook hat Google 2010 als meistbesuchte Website in den USA überholt. Anfang 2011 investierten die US-Großbank Goldman Sachs und die russische Beteiligungsgruppe Digital Sky Technologies 500 Millionen Dollar in das US-Unternehmen. Der Wert des Netzwerks klettert auf 50 Milliarden Dollar.
Hollywood
Der Film zum Phänomen: Die Gründungsgeschichte von Facebook wurde 2010 von David Fincher mit Jesse Eisenberg in der Hauptrolle verfilmt. "The Social Network" zeigt Zuckerberg als soziopathischen Nerd, der Facebook aus enttäuschter Liebe gründet.

Bei vielen anderen Web-Diensten lief es ähnlich. Kaum jemand verwendet in Deutschland Hotmail - die Platzhirsche heißen Web.de und GMX. Lesezeichen archiviert man nicht mit del.icio.us, sondern mit Mister Wong. Und das in Nordamerika populäre Business-Netzwerk LinkedIn hat hierzulande im Wettstreit mit dem deutschen Pendant Xing eindeutig den Kürzeren gezogen.

Da hilft nur die Alando-Strategie

Wie chancenreich die Facebook-Klage unter rein juristischen Gesichtspunkten ist, lässt sich zurzeit kaum abschätzen. Weil sich das Web aber meistens deutlich schneller verändert, als Gerichte Recht sprechen, wird sich das Facebook wohl auf jeden Fall noch viele Jahre mit StudiVZ herumärgern müssen - strategisch gesehen keine gute Perspektive.

StudiVZ hat nach eigenen Angaben bereits am vergangenen Freitag eine Feststellungsklage beim Landgericht Stuttgart eingereicht. "Diese hat das Ziel, von den zuständigen deutschen Gerichten feststellen zu lassen, dass die von Facebook erhobenen Vorwürfe nicht zutreffend sind", heißt es in einer Mitteilung von Sonntag. "Wir sehen der Sache gelassen entgegen", erklärt StudiVZ-Chef Marcus Riecke.

Wenn es fix gehen soll, bleibt Facebook somit eigentlich nur die Alando-Option: Ebay hatte den deutschen Doppelgänger seinerzeit kurzerhand aufgekauft und einen der Samwers zum Europachef gemacht. Einige Beobachter vermuten, Facebook wolle StudiVZ ebenfalls schlucken - und die jetzt angestrengte Klage solle den Preis drücken. In der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" erklärte Holtzbrinck-Manager Konstantin Urban, ein Verkauf von StudiVZ komme nicht in Frage.

Falls sich Zuckerberg entscheiden sollte, der Stuttgarter Holtzbrinck-Gruppe ein Kaufangebot zu unterbreiten, könnte er sich zumindest exzellenter Berater sicher sein: Die umtriebigen Samwer-Brüder haben eine Zeit lang bei StudiVZ investiert und halten inzwischen Anteile an Facebook. Sie wären die idealen Ratgeber bei solch einem Deal - wie man einen deutschen Klon in eine US-Firma integriert, haben die Web-Entrepreneure ja bereits einmal durchexerziert.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 38 Beiträge
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Seite 1
silenced 20.07.2008
1. nun ja
Es schrieb mal einer ein Buch -> darf nun keiner mehr Bücher schreiben, weil ein Buch an sich ja schonmal vorhanden was ? Es gibt ein Webseitenlayout welches sich schon fast standardisiert hat -> darf das nun keiner mehr benutzen sondern muss man sicher immer was komplett neues ausdenken ? Das erste Auto hatte 4 Räder, einen Motor, ein Chassis und einen Auspuff -> Wehe dem der auch Autos baut nach dem gleichen Muster ! Eine Tastatur hat Tasten -> Wehe es kommt wer auf die Idee und baut auch Tastaturen. Die Liste könnte man endlos weiterführen. Facebook -> StudiVZ -> Whatever noch kommen mag -> Farce. Schönen Sonntag noch.
larsmach 20.07.2008
2. Retourkutsche
Versuchen Sie einmal, ein europäisches Patent auf eine Generatorentechnologie auf die USA auszudehnen - die Chancen stehen nicht schlecht, durch laufende Einwände des US Patentamts hingehalten zu werden, während ein US Konzern mit einer Lawine von Zugriffen Ihren Firmenserver beschäftigt, um schließlich ein fast gleiches Konzept selbst zur US Patentierung anzumelden! C'est la vie - Aufregung und Gerichtsverfahren lohnen selten, eher Kreativität ist gefragt: Hüben wie drüben.
lebock 20.07.2008
3. globalisierung udn gruppen
studivz mag eine gute wahl gewesen sein um bestimmte gruppen zu ködern, doch die welt besteht halt nicht ur aus (deutschen) studenten. sie werden schwer schweden, spanier, usw. am besten noch berufstätig, überreden können sich beim deutschen "studivz" anzumelden . . . ich kenne im bekanntenkrei keinen studenten der nicht nach internationalen bekanntschaften auch oder nur (wechsel . . .) ein konnto bei facebook eröffnette. die meisten studenten wissen ja nichteinmal etwas von facebook . . . da ist es ähnlich wie bei "a small world" . . . letztlich wird sich studivz bezgl. name und seinem "grauenhaften" auftritt was überlegen, da bin ich mir sicher
Jerry0001 20.07.2008
4. an "silenced"
wow, mit deinem "schönen Sinntag noch" hast ja wirklich auf den Tisch gehauen und Deine Thesen unterstrichen. Dumm nur, dass sie alle kompletter Schwachsinn sind. Denn es geht hier nicht um den Rahmen (StudiVZ wird auch Computer zum programmieren benutzt haben), sondern um die Kopie des Inhalts. klar, ist Klau von geistigem Eigentum zu rechtfertigen. Hey, ich erfinde einfach ein Auto mit nem Stern vorne dran: Das nenn ich dann "Bercedes" und schon hab ich Erfolg, schließlich darf doch jeder ein Auto herausbringen. ich schreib ein Buch über einen jungen Zauberlehrling und nenne es "Larry Dotter", wieso nicht, es hat hat doch schon mal jemand ein Buch erfunden, dann darf ich doch auch ein Buch herausbringen. Bemerkst Du Deine Denkfehler? Eine Internet-Community kann NATÜRLICH erfinden, aber etwas 1:1 zu klauen/ kopieren ist doch irgendwie arm, oder?
Jerry0001 20.07.2008
5. an "silenced"
wow, mit deinem "schönen Sonntag noch" hast Du ja wirklich auf den Tisch gehauen und Deine Thesen unterstrichen. Dumm nur, dass sie alle kompletter Schwachsinn sind. Denn es geht hier nicht um den Rahmen (StudiVZ wird auch Computer zum programmieren benutzt haben), sondern um die Kopie des Inhalts. klar, ist Klau von geistigem Eigentum zu rechtfertigen. Hey, ich erfinde einfach ein Auto mit nem Stern vorne dran: Das nenn ich dann "Bercedes" und schon hab ich Erfolg, schließlich darf doch jeder ein Auto herausbringen. ich schreib ein Buch über einen jungen Zauberlehrling und nenne es "Larry Dotter", wieso nicht, es hat hat doch schon mal jemand ein Buch erfunden, dann darf ich doch auch ein Buch herausbringen. Bemerkst Du Deine Denkfehler? Eine Internet-Community kann NATÜRLICH jeder erfinden, aber etwas 1:1 zu klauen/ kopieren ist doch irgendwie arm, oder?
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