Debattenkultur im Netz "Der radikale Versuch, nicht zu polarisieren"

Haben die Parteien verstanden, wie Wahlkampf auf Facebook funktioniert? Nicht so richtig, findet Hannes Ley. Bis auf eine. Der Gründer der Gruppe #Ichbinhier sagt, ob eine gute politische Debatte auf Facebook überhaupt möglich ist.

Hannes Ley
Arne Weychardt / Der Spiegel

Hannes Ley

Ein Interview zur Themenwoche "Debattenkultur" von


Wo steht Deutschland: bei der Integration von Flüchtlingen, dem Umweltschutz, der sozialen Gerechtigkeit? Wir wollen es herausfinden - und berichten in sieben Themenwochen über Deutschland im Wahljahr 2017.
Einen Überblick finden Sie hier.

SPIEGEL ONLINE: Herr Ley, Sie scannen mit Ihrer Facebook-Gruppe #Ichbinhier viele Diskussionen auf Facebook. Welcher Partei nutzt die Plattform am meisten für den Bundestagswahlkampf?

Ley: Der AfD.

SPIEGEL ONLINE : Warum?

Ley: Die etablierten Parteien hängen zwei Monate vor den Wahlen Plakate auf, veröffentlichen ein paar Posts auf ihrer Facebook-Seite, und irgendjemand denkt sich noch einen Hashtag aus. Das reicht nicht, das funktioniert nicht. Die Parteien machen den riesigen Fehler, das Netz zentralistisch zu denken. Die AfD macht seit eineinhalb Jahren dezentralen Wahlkampf in den Kommentarspalten von Facebook.

Zur Person
  • Hannes Ley, 43, ist selbstständiger Kommunikationsberater. Er gründete die Facebook-Gruppe #Ichbinhier und setzt sich mit den mittlerweile 36.000 Mitgliedern für eine bessere Diskussionskultur im Netz ein. Mit ihren Facebook-Kommentaren wollen sie zeigen, dass es auch ohne Hass und Pöbelei geht. Im Juli 2017 erhielt Ley mit seiner Gruppe den renommierten Grimme Online Award.

SPIEGEL ONLINE : Was meinen Sie genau?

Ley: Die AfD-Politiker und ihre Sympathisanten sind überall auf der Plattform aktiv. Sie tragen ihre Botschaften raus aus der eigenen Filterblase und erreichen so viel mehr Leute. Ein Ergebnis: Keine deutsche Partei hat mehr Facebook-Fans als die AfD.

SPIEGEL ONLINE : Haben es Radikale mit simplen Botschaften und klaren Feindbildern im Netz einfach generell leichter?

Ley: Auf Facebook ist das so. Die extremen Meinungen kriegen besonders viele Interaktionen und sind deshalb auch besonders prominent vertreten. #Ichbinhier habe ich auch deshalb gegründet, um diesem Trend etwas entgegenzusetzen und moderaten Meinungen Gehör zu verschaffen. Unser Ansatz ist sozusagen der radikale Versuch, nicht zu polarisieren und trotzdem Erfolg in sozialen Netzen zu haben. Der Herausforderung müssen sich auch die Parteien stellen: Sie müssen die Wähler für konstruktive Lösungen begeistern.

Mehr über #Ichbinhier aus dem Archiv

SPIEGEL ONLINE : Ist Facebook der falsche Ort für politische Debatten?

Ley: Eine konstruktive Debatte ist dort jedenfalls nur schwer möglich. Ich beobachte, dass die Nutzer in der schriftlichen Kommunikation kaum noch zurückrudern können, um auf Kompromisse einzuschwenken. Hinzu kommt, dass die Nutzer - auch innerhalb einer auf Toleranz angelegten Diskussionsgruppe wie #Ichbinhier - jedes Wort bierernst nehmen. Es gibt eine Verhärtung der Meinungen. Da ist schnell die nächste Eskalationsstufe erreicht.

SPIEGEL ONLINE : Aber die Menschen sind nun mal viel im Netz unterwegs, gerade die jungen. Brauchen wir alternative Plattformen?

Ley: Ich kenne keinen Ort im Netz, wo man gut über Politik diskutieren kann, also ausgehend von einem gemeinsamen Startpunkt Argumente abwägt, um dann zu einem Ergebnis zu kommen. Wir haben mit dem Internet ein wahnsinnig tolles Kommunikationstool geschaffen, aber jeder schreit gerade nur seine eigene Meinung hinein. Eine unmoderierte Kommentarspalte ist selten für eine zielorientierte Debatte geeignet.

Screenshot von #Ichbinhier-Kommentaren

Screenshot von #Ichbinhier-Kommentaren

SPIEGEL ONLINE: Welchen Wert und Zweck hätte ein mühsam ausgehandelter Online-Kompromiss überhaupt?

Ley: In den Siebzigerjahren saßen Leute aus allen Berufsschichten in sogenannten Bürgerparlamenten zusammen, um über Probleme zu diskutieren. Ihre Ergebnisse wurden dann an die Volksvertreter übergeben. Solche Mechanismen brauchen wir stärker als bisher auch fürs Internet. Denn ich habe das Gefühl, dass die Politiker im Netz nicht mit den Bürgern sprechen und Parteien auch untereinander kaum mehr über Inhalte diskutieren. Das ist ironisch, denn die Politiker sind zu Facebook und Twitter gekommen, um einen neuen Kommunikationskanal aufzumachen.

SPIEGEL ONLINE : Wie agiert Ihre Gruppe #Ichbinhier während des Wahlkampfs?

Ley: Der Streit um die Frage, ob wir uns deutlich gegen die AfD positionieren sollen, hat für viele Austritte gesorgt. Wir bleiben aber überparteilich und konzentrieren uns auf die Art, wie wir miteinander reden. Außerdem versuchen wir, innerhalb der Gruppe im Kleinen gepflegte politische Debatten zu führen, zum Beispiel in einem neuen Format namens "Sonntagstalk".

Screenshot aus der Facebook-Gruppe

Screenshot aus der Facebook-Gruppe

SPIEGEL ONLINE : Die nahende Bundestagswahl war im Dezember 2016 ein Anstoß für die Gründung der Gruppe. Ist danach Schluss mit #Ichbinhier?

Ley: Nein. Das Problem der vergifteten Online-Debattenkultur lässt sich nicht innerhalb eines Jahres lösen. Wir wollen über mehrere Jahre als Gruppe überleben.

SPIEGEL ONLINE : Wie wollen Sie das sicherstellen, nachdem die Anfangseuphorie verflogen ist?

Ley: Die Gruppe hat ihre Findungsphase hinter sich. Wir haben viel Anerkennung erfahren für unsere Arbeit. Das gibt uns ein ganz anderes Standing als am Anfang, um uns in öffentliche Debatten einzumischen - nicht nur auf Facebook. Jetzt gründen wir einen gemeinnützigen Verein und wollen langfristig auch Bildungsarbeit machen.

Screenshot von #Ichbinhier-Kommentaren

Screenshot von #Ichbinhier-Kommentaren

SPIEGEL ONLINE : Liegt der Reiz nicht gerade in der unverbindlichen Organisationsform im Netz?

Ley: Ja, tut er. Das sehen auch viele Mitglieder so. Ich habe mich selbst schwergetan, so was Piefiges wie einen Verein zu fordern. Ein Verein ist uncool, Vereinsarbeit ist unattraktiv und bürokratisch.

SPIEGEL ONLINE : Warum trotzdem ein Verein?

Ley: Niemand, der in der Gruppe aktiv ist, muss Mitglied werden. Aber wir brauchen professionellere Strukturen, um Projekte zu stemmen und deren Finanzierung zu ermöglichen. Gerade können wir uns nicht mal die Pro-Version unserer Kommunikationssoftware kaufen. Da leuchtet es auch vielen in der Gruppe ein, dass so eine Rechtsform als Verein Vorteile hat. Und wenn wir irgendwann nicht mehr damit beschäftigt sind, den Hass zu vertreiben, wird es noch mal richtig spannend. Dann können wir richtig in inhaltliche Debatten einsteigen.



insgesamt 23 Beiträge
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Seite 1
i6lam 24.07.2017
1. AfD Verortung
Wie kriegt Herr Ley es hin, einwandfrei AfD-Anhänger zu verorten? Ich meine, die schreiben doch nicht in jedem Post 'ich bin AfD- Anhänger oder so. Oder werden bestimmte Meinungen bzw. Schlagworte mit der AfD identifiziert?
spon-facebook-10000064216 29.07.2017
2. Überparteilich, unzensiert, bürgernah!
Was ich mir wünschen würde ist ein seriöses, überparteiliches, unabhängiges und unzensiertes Portal in dem man über Politik diskutieren kann!
HolgerS 29.07.2017
3. toller Ansatz - weiter so
Ich persönlich finde es auch schwierig nicht zu polarisieren oder zu pauschalisieren: . es ist einfach schwer suaber zu argumentieren - die Aussage und/oder das Argument müssen erhalten bleiben - es gibt viele Mitdiskutanten, die sich schon von einzelnen Worten angegriffen fühlen, viele meienr Meinungen sind kaum zu beschreiben ohne, dass sich Menschen angegriffen fühlen. - leider haben politische Korrektheit und proffessionelle Partei-Kommunikatoren dazu geführt, dass sich Deutsch - wegen der vielen Tabus - kaum noch für ernsthafte Diskussionen eignet (hallo liebe SPIEGEL-Redaktion fühlt Euch angesprochen! :-) )
HolgerS 29.07.2017
4.
Zitat von spon-facebook-10000064216Was ich mir wünschen würde ist ein seriöses, überparteiliches, unabhängiges und unzensiertes Portal in dem man über Politik diskutieren kann!
Ich habe inden 2000ern an verschiedenen Formaten der Bürgerbeteiligung teilgenommen: Als Bürger und auch schon als Mitrganisator: Ein Problem (für das ich keine Lösung habe): Schon damals haben sich - für mich - überraschend viele die Frage gestellt: "Wie sollen wir frei diskutieren, wenn Politiker und Journalisten(!!) anwesend sind". Das eines Tages Bürger teils hilflos / teils selbstbewusst auf Rathausplätzen stehen und "Wir sind das Volk!" rufen war klar. Leider aber auch genau so klar war dass die "Profis" das wieder nur in ein Rechts-Links Schema interprettieren.
hansgustor 29.07.2017
5. @spon-facebook-10000064216
Für viele heißt "unzensiert" gleich "unmoderiert". Die unmoderierte Unterhaltung wird aber schnell von Trollen und Starrköpfen kaputt gemacht. Ein misverständlicher Halbsatz und der komplette Beitrag wird zerrissen und ins Gegenteil verkehrt. Beispiele dafür gibt es in jedem SPON-Forum.
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