"Guardian"-Leak Nach diesen Regeln löscht Facebook

Was darf auf Facebook gepostet werden und was nicht? Diese Frage treibt weltweit Nutzer um. Der "Guardian" hat jetzt geleakte Dokumente zu den Löschregeln ins Netz gestellt.

Frau vor Facebook-Logo
DPA

Frau vor Facebook-Logo


"Let's beat up fat kids"? Geht noch. "Kick a person with red hair"? Geht auch noch. "Someone shoot Trump"? Geht nicht, dieser Kommentar muss gelöscht werden. Unter anderem anhand solcher Beispiel-Kommentare kann man derzeit beim britischen "Guardian" eine Idee davon bekommen, was Facebook seinen Nutzern durchgehen lässt und wann der Dienst einschreitet.

Der "Guardian" hat am Sonntagabend diverse interne Facebook-Dokumente ins Netz gestellt. Die Dokumente sind der Zeitung offenbar aus Facebook-Kreisen zugespielt worden, eine genaue Quelle nennt sie nicht. Es heißt, man habe mehr als 100 interne Schulungshandbücher, Tabellen und Flussdiagramme einsehen können.

Die eingesehenen Dokumente sind laut "Guardian" im letzten Jahr an Facebook-Moderatoren übergeben worden. Auf SPIEGEL-Anfrage zum Thema schickt das Unternehmen am Montagmorgen eine Stellungnahme von Facebooks Chefin für das Regelmanagement, Monika Bickert. Für Facebook sei es das Wichtigste, dass die Nutzer sicher sind, heißt es darin: "Wir arbeiten hart daran, Facebook so sicher wie möglich zu machen, während wir eine freie Meinungsäußerung ermöglichen."

Nicht der erste Einblick

Sollten die vom "Guardian" gezeigten Dokumente echt sein - wovon man bislang ausgehen darf -, ist es das erste Mal, dass Interna des Löschteams in diesem Umfang öffentlich gemacht werden. Zuvor hatten schon andere Medien wie das "SZ Magazin" und "Mobile Geeks" Einblicke in Facebooks Löscharbeit gegeben - vor allem auf Basis von Gesprächen mit Mitarbeitern, die in Deutschland für das Prüfen der Inhalte zuständig sind.

Facebook selbst hatte Anfang des Monats angekündigt, weltweit 3000 neue Online-Aufpasser einzustellen - sicher auch als Reaktion auf eine Debatte um Mordvideos, die auf Facebook online gegangen waren. Bislang beschäftigte der Konzern nach eigenen Angaben in dem Bereich 4500 Mitarbeiter.

Wie schon in den älteren Berichten scheint auch beim "Guardian"-Artikel durch, dass die Prüfteams offenbar am Limit arbeiten: Oft hätten die Moderatoren "nur zehn Sekunden", um in einem konkreten Fall eine Entscheidung zu treffen, heißt es.

"Facebook hat die Inhalte nicht mehr unter Kontrolle", wird eine nicht namentlich genannte Quelle zitiert, "es ist zu schnell zu groß geworden". Einem Dokument zufolge soll Facebook pro Woche allein 6,5 Millionen Meldungen erhalten, die sich um die Frage drehen, ob ein Account echt oder eine Fälschung ist.

Regeln, die man ohne Erklärung kaum versteht

Die geleakten Dokumente lassen einen seltenen Blick auf Facebooks Löschkriterien zu. In den allermeisten Fällen bekommen Nutzer nur die Entscheidung, das Ergebnis der Abwägungen mit. Aber Facebook hält sich traditionell bedeckt, wenn es darum geht, sich zu erklären.

So heißt es dem "Guardian" zufolge zum Beispiel, jede "handgemachte" Kunst, die Nacktheit oder sexuelle Aktivität zeigt, sei auf Facebook erlaubt, während digital produzierte Kunst mit denselben Inhalten verboten ist. Auch Abtreibungsvideos sind für Facebook laut einer gezeigten Folie okay - solange sie keine Nacktheit beinhalten.

Zu Videos gewaltsamer Tode erfährt man, dass solche Clips vor Minderjährigen versteckt werden, aber nicht automatisch gelöscht werden sollen: Die Videos seien aufwühlend, zitiert der "Guardian" Facebook-Einschätzungen, könnten aber helfen, ein Bewusstsein zu schaffen, etwa für Kriegsverbrechen oder für psychische Krankheiten.

Zu Livestreams, in denen sich Leute selbst etwas antun wollen, heißt es grundsätzlich, dass Facebook "Menschen in Not nicht zensieren oder bestrafen" wolle. Die Inhalte sollen aber entfernt werden, wenn es keine Möglichkeit mehr gebe, der Person zu helfen.

Schwer, einen Konsens zu finden

Regelchefin Monika Bickert sagte dem "Guardian", dass es schwer sei, einen Konsens zu finden, was erlaubt werde. Schließlich habe der Dienst fast zwei Milliarden Nutzer.

"Wir haben eine vielfältige, weltweite Community", sagt Bickert weiter. "Die Menschen haben sehr unterschiedliche Vorstellungen davon, bei was es okay ist, dass es geteilt wird. Egal, wo man die Linie zieht, es wird immer Graubereiche geben."

Facebook sagte dem "Guardian" auch - ohne allzu viele weitere Details zu nennen -, dass das Netzwerk Software einsetzt, um explizite Inhalte abzufangen, bevor sie auf die Seite gehen. Man wolle aber, dass die Menschen die Möglichkeit haben, weltweit aktuelle Geschehnisse zu diskutieren.

Update, 10.48 Uhr: Wir haben den Artikel um eine Facebook-Stellungnahme erweitert.

mbö



insgesamt 43 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
quark2@mailinator.com 22.05.2017
1.
Alles schön und gut, aber das ist aus meiner Sicht eine Sache, die der Gesetzgebung zu folgen hat - und zwar im Land des Betrachters. Alles was nicht ausdrücklich verboten ist, hat eine Firma gefälligst nicht zu zensieren und umgekehrt, alles was verboten ist, muß sie zensieren. Klingt unrealistisch, weil ist ja Internet und weltumpsannend und so ? Sorry, aber das ist mir piep-egal. Die Priorität hat hier der Rechtsstaat und wenn die Firma nicht in der Lage ist, das Recht einzuhalten, dann kann sie den Dienst eben nicht anbieten. Ich bin jedenfalls dagegen, daß die normative Kraft des Faktischen sich im wilden Websten ihr eigenes Weltrecht schafft und am Ende Firmen bestimmen, was Menschen erfahren dürfen und was nicht.
pauleschnueter 22.05.2017
2.
Zitat von quark2@mailinator.comAlles schön und gut, aber das ist aus meiner Sicht eine Sache, die der Gesetzgebung zu folgen hat - und zwar im Land des Betrachters. Alles was nicht ausdrücklich verboten ist, hat eine Firma gefälligst nicht zu zensieren und umgekehrt, alles was verboten ist, muß sie zensieren. Klingt unrealistisch, weil ist ja Internet und weltumpsannend und so ? Sorry, aber das ist mir piep-egal. Die Priorität hat hier der Rechtsstaat und wenn die Firma nicht in der Lage ist, das Recht einzuhalten, dann kann sie den Dienst eben nicht anbieten. Ich bin jedenfalls dagegen, daß die normative Kraft des Faktischen sich im wilden Websten ihr eigenes Weltrecht schafft und am Ende Firmen bestimmen, was Menschen erfahren dürfen und was nicht.
Na da bin ich aber froh dass Sie sich berufen fühlen einer Privaten Frima sagen zu wollen, was diese zu machen hat und was nicht. Viel Erfolg dabei.
pfeiffffer 22.05.2017
3. Facebook hat immerhin noch...
...das Hausrecht auf seiner eigenen Website und darf dort selbst bestimmen, was zugelassen ist oder nicht, solange es sich im Rahmen der Gesetze bewegt. Wem's nicht paßt, einfach nicht benutzen.
vitalik 22.05.2017
4.
Zitat von pauleschnueterNa da bin ich aber froh dass Sie sich berufen fühlen einer Privaten Frima sagen zu wollen, was diese zu machen hat und was nicht. Viel Erfolg dabei.
Das machen die Politiker aktuell auch und diese haben ebenfalls keine rechtliche Handhabe. Wenn man zum Mord an Menschen aufruft, dann ist das die Aufgabe von der Justiz eine Strafverfolgung einzuleiten. Übrigens, dazu muss man nicht einmal selbst bei Facebook sein.
urmedanwalt 22.05.2017
5. Ein unauflösbares Dilemma
Solange es keine Weltregierung mit gleichen Gesetzen für alle gibt, wird die Rechtsverfolgung im Internet immer der Entwicklung hinterherhecheln. Man kann nur versuchen, einen für möglichst viele Menschen gemeinsamen Nenner zu finden, was geht und was nicht. Dass ist ein ständiger Diskussionsprozess und sicher für manche nervig, aber anders geht es nicht. Auch Unternehmen wie Facebook müssen sich dem stellen und sich öffnen, ohne dem Druck nachzugeben, der von allen Seiten ausgeübt wird. Eine Gratwanderung, aber so ist das eben.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.