Geschäft mit Live-Videos Warum Facebook jetzt die "Bild" bezahlt

Facebook zahlt Medien und Promis Millionen, damit sie Live-Videos in dem Netzwerk posten. Auch in Deutschland gibt es solche Partnerschaften - dahinter lauert die Hoffnung auf das neue große Geschäft.


Die neueste Revolution im Netz begann mit einer explodierenden Wassermelone und könnte dahin führen, dass wir in naher Zukunft in den sozialen Netzwerken fast nur noch Videos zu sehen bekommen.

Die Nutzer werden gerade von einer ersten Welle von Live-Videos überspült. Und es kommt noch sehr viel mehr: Twitter arbeitet daran, seine App für Live-Videos, Periscope, besser in den Dienst zu integrieren. Yahoo kündigte diese Woche an, Live-Streaming für seinen Blogdienst Tumblr freizuschalten. Die Hype-App der Stunde, Snapchat, hat Live-Videos sowieso auf ihre eigene Art längst integriert.

Die Entwicklung bekommt vor allem dadurch Wucht, dass das größte soziale Netzwerk der Welt, Facebook, das neue Genre mit aller Macht pusht. Lange hinkte der Konzern beim Geschäftsfeld Video hinterher. Jetzt gibt es Facebook Live, eine Funktion, die Nutzern erlaubt, Aufnahmen direkt vom Handy in Echtzeit über ihr Konto zu streamen.

Bekommt man heutzutage eine Push-Benachrichtigung auf Facebook, heißt das oft nicht mehr, dass ein Freund ein Foto geliked hat oder zur Grillparty einlädt, sondern, dass irgendjemand "jetzt live ist". Dass der Kollege vom Konzert streamt, die "Bild"-Zeitung jetzt gerade aus der Redaktion oder der Lieblingsverein vom Auslaufen auf dem Trainingsplatz.

Hohe Aufmerksamkeit, höhere Werbeeinnahmen

Beim Video-Trend winken Medien und Plattformbetreibern wie Facebook hohe Aufmerksamkeit und höhere Werbeeinnahmen. Um die Konkurrenz beim Geschäftsfeld zu überholen, gibt Facebook Geld aus: Ausgewählte Partner erhalten zum Teil Millionenbeträge, um die Nutzer für die neue Funktion zu begeistern.

In den USA hat Facebook bislang laut "Wall Street Journal" mehr als 50 Millionen Dollar (44 Millionen Euro) bezahlt, um Medien, Vereine und Promis dazu zu bringen, Live-Videos über ihr Facebook-Konto zu streamen.

Diese Partnerschaft begann mit einem Knall - das für seine Listenartikel berüchtigte Portal "BuzzFeed" ließ zwei Mitarbeiter so lange eine Wassermelone mit Gummibändern umspannen, bis nach etwa 680 Bändern die Frucht schließlich explodierte. Ein Social-Media-Hit.

Der Kontext dieses Ereignisses wurde erst diese Woche bekannt: Laut den Unterlagen, über die das "Wall Street Journal" jetzt berichtet, bekommt "BuzzFeed" 3,1 Millionen Dollar in einem Jahr, um Live-Videos auf die Plattform zu stellen.

Facebook-Deal mit "Bild" und "Welt"

In Deutschland finanziert Facebook Live-Video-Angebote der "Bild" und der "Welt", das bestätigt der Springer-Verlag auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE. Die Frage, wie viel Geld auf welchen Wegen fließt, lassen Verlag und Facebook unbeantwortet.

Zu erkennen ist, dass sich die Videoseite der "Welt" etwa verpflichtet hat, zwei Live-Sendungen pro Tag zu machen und die "Bild" eine morgendliche Newssendung macht. Experimente mit explodierenden Früchten wurden noch nicht beobachtet, stattdessen lobt auf der Facebook-Seite der Sport Bild bei "Lothar live" Ex-Nationalspieler Matthäus das Design des EM-Balls.

Springer stellt den Deal als Teil seiner Monetarisierungsstrategie dar. Für gute Inhalte soll gezahlt werden, und wenn es nicht der Endkunde tut, dann eben die Plattform, die die Inhalte verbreitet. An der Möglichkeit, dass Live-Videos von Werbung unterbrochen werden können und damit am Ende doch vom Nutzer finanziert werden, arbeitet Facebook mit Hochdruck. Plus: Das Netzwerk lockt - ähnlich wie bei Instant Articles - mit Reichweite.

Nervig, übergriffig, zahlt sich aus

Ebenso wichtig wie gute Inhalte sind die Push-Benachrichtigungen für das neue Genre - auch wenn manche Nutzer schon stöhnen. "Nervig und übergriffig, aber zahlt sich aus", betitelte die "New York Times" neulich eine Geschichte über Facebook Live. Die Zeitung bekommt selbst fast so viel Geld wie "BuzzFeed" (3 Millionen Dollar) von Facebook für Live-Videos. Auch der FC Barcelona und Real Madrid erhalten demnach rund eine Million Dollar.

Welche Medien außerhalb des Springer-Verlags, welche Marken und Prominente bezahlt Facebook in Deutschland? Auf welchen Wegen funktioniert die Finanzierung? Diese Fragen beantworten Facebooks Sprecher nicht. Selbst auf die Frage nach dem erfolgreichsten Live-Video in Deutschland gibt es keine Antwort.

Justin Osofsky, einer der Vice Presidents des Konzerns, erklärt lediglich, das Programm sei "in einem frühen Stadium" und beinhalte bislang nur eine "relativ kleine" Anzahl an Partnern. Für diese gebe es "vorübergehende finanzielle Unterstützung, um sie zu ermutigen, mit diesem neuen Format zu experimentieren".

In Deutschland stehen solche Experimente noch am Anfang. Auch SPIEGEL ONLINE probiert aus, etwa bei der EM-Berichterstattung, erhält aber kein Geld von Facebook dafür.

Die Melone und "Chewbacca Mom" - ein wichtiger Unterschied

Von einem ganz eigenen Live-Format wie dem 45-minütigen "BuzzFeed"-Wassermelonen-Hit ist in Deutschland bislang nichts zu sehen. Das Video zeigt, worauf es bei Live-Videos am meisten ankommen könnte: Spannung. Schließlich passierte 43 der 45 Minuten so gut wie nichts - aber Hunderttausende Zuschauer blieben eben dran, um den Moment der Explosion, der doch nach jedem Überstreifen eines weiteren Gummibandes lauerte, nicht zu verpassen.

Jetzt, in der Wiederholung funktioniert dieses Video nur für den Moment der Explosion (Servicehinweis: Es kommt bei Minute 44:10). Damals, live, sahen Zehntausende Nutzer 45 Minuten lang zu.

Als erfolgreichstes Video der jungen Gattung Facebook-Live wurde die Melonenexplosion dann im Mai von einer Frau aus Dallas abgelöst, die sich vor laufender Smartphone-Kamera eine Spielzeugmaske einer Star-Wars-Figur aufsetzte und dann nicht aufhören konnte zu lachen.

Facebook lud die als "Chewbacca Mom" bekannt gewordene Frau prompt nach Kalifornien ein, schenkte ihr weitere Masken und feierte ihren Erfolg als den des eigenen neuen Formats.

Der Schönheitsfehler: Das Filmchen der ersten Facebook-Live-Berühmtheit (mehr als 150 Millionen Klicks) verbreitete sich gar nicht in Echtzeit, sondern erst in den Stunden und Tagen nach der Aufnahme - ein klassischer Viralerfolg, wie er auch auf YouTube oder Twitter jederzeit möglich ist und es schon vor dem Live-Zeitalter war.

Aus der Sicht von Facebook ist es also keine schlechte Idee, Produzenten zu bezahlen: Damit die herausfinden, welche Formate im neuen Geschäftsfeld Live-Video eigentlich funktionieren und welche nicht.

Zum Autor
Julia Kneuse
Fabian Reinbold ist Netzwelt-Redakteur im Hauptstadtbüro von SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Fabian_Reinbold@spiegel.de

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insgesamt 24 Beiträge
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Seite 1
meta_matze 24.06.2016
1. Ach ja...
solange Facebook, You Tube etc. dafür Geld ausgeben ist das OK - und freut mich dann auch für BILD. Ob das aber eine nachhaltige Payed Content Strategie ist bezweifel ich. Also: haut raus die Kohle!
pressionist reloaded 24.06.2016
2. Keiner ...
... dieser Plattform-User soll sich noch einmal beschweren, dass er nur Kuchenkrümel von der Torte, die verteilt wird, abbekommt. Denen die schon viel besitzen, schiebt man als Plattform-User das Geld von die linke in die rechte Tasche. Ein besseres Beispiel für die unendliche Dummheit des größten Teiles der Menschheit kann es nicht geben ...
Phallus_Dei 24.06.2016
3.
Das wird Facebooks Untergang auch nicht verhindern. Facebook sterben die Nutzer weg, denn das sind fast alles ältere Menschen, die noch aus der Pre-Smartphone-Ära stammen.
ty coon 24.06.2016
4. Eine hervorragende Kombination!
Ich halte Facebook schon lange für Volksverblödung. Nun haben sich zwei Volksverblöder gefunden. Ich habe es bisher geschafft, sowohl "Bild" als auch Fäißbuck zu boykottieren. Man müßte mir schon eine Waffe an die Brust halten, um mir diesen Müll durchzulesen.
ty coon 24.06.2016
5.
Zitat von ty coonIch halte Facebook schon lange für Volksverblödung. Nun haben sich zwei Volksverblöder gefunden. Ich habe es bisher geschafft, sowohl "Bild" als auch Fäißbuck zu boykottieren. Man müßte mir schon eine Waffe an die Brust halten, um mir diesen Müll durchzulesen.
Sorry für das schlechte Deutsch. Möge der Leser dies im Geiste korrigieren.
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