Nutzerprotest Facebook löscht Enthauptungsvideo

Zensieren oder nicht? Facebook weigerte sich erst, Videos der grausamen Ermordung Wehrloser zu löschen. Als der Aufschrei empörter Jugendschützer die Medien erreicht, lenkt die US-Firma ein und entfernt die Clips doch - das Vorgehen könnte Oppositionellen in aller Welt schaden.

Facebook: Löschen, verbreiten, moderieren?
AFP

Facebook: Löschen, verbreiten, moderieren?


Nun löscht Facebook also doch: Aufgebrachte Nutzer fordern seit Tagen, dass die US-Firma Videoclips entfernt, die äußerst brutale Menschenrechtsverstöße dokumentieren. Wann und wo die Filme entstanden sind, ist unklar, in einem Clip ist von Drogenkartellen die Rede, in beiden werden Menschen brutal umgebracht, die Täter halten den Kopf einer Ermordeten in die Kamera.

Anfangs hatte Facebook Forderungen von Nutzern nach einer Löschung zurückgewiesen. Ein Sprecher der US-Firma sagte der BBC: "Das Video ist schockierend, unser Ansatz ist es aber, das Recht der Menschen zu schützen, die Welt zu beschreiben und zu kommentieren, in der wir leben." Von dieser Position weicht Facebook nun ab. Nachdem viele Medien über die Filme berichtet haben, löschte die US-Firma dann doch. Begründung: Man prüfe derzeit die eigene "Politik und Herangehensweise in Bezug auf solche Inhalte".

Facebook ist hier in einem Dilemma. Bilder von Grausamkeiten können perfide Kartell-Propaganda sein - oder aber Enthüllungen, die etwa Menschenrechtsverletzungen in Kriegsgebieten dokumentieren. Es ist schwer, zwischen diesen Kategorien zu unterscheiden. Was dient der Dokumentation von Verbrechen, was dem Voyeurismus? Wer prinzipiell die Löschung jeglicher Gewaltdarstellung fordert, gefährdet den Status des Social Web als Kommunikationswerkzeug der Unterdrückten.

Und was passiert, wenn lautstarke Nutzer demnächst auch die Löschung von Links auf solche Quellen von Facebook fordern? Schließlich liegt das Grauen dann nur einen Klick weiter, Jugendliche könnten so ganz leicht zur Dokumentation von Kriegsverbrechen, Snuff-Filmen und Menschenrechtverletzungen kommen.

Wäre das 1972 im Vietnamkrieg entstandene Foto der neunjährigen Südvietnamesin Kim Phuc heute auf Facebook zulässig? Das Foto eines nackten Mädchens mit schmerzverzerrtem Gesicht und Verbrennungen? Es gibt keine einfache Antwort auf die Frage. Fest steht: Je mehr das Internet zur Verbreitungsplattform für Medien aller Art aus den unterschiedlichsten Weltregionen wird, desto komplexer werden die Fragen, die sich Unternehmen wie Facebook im Bezug auf ihre Wertesysteme stellen.

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lis

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