Facebook-Manager Olivan "Regionale Netzwerke sind unpraktisch"

Ab jetzt gibt es die US-Internet-Community Facebook auch auf Deutsch. Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE erklärt Manager Javier Olivan, wie Facebook seine Seiten von Nutzern kostenlos regionalisieren lässt und wo der deutsche Marktführer StudiVZ Konkurrenz bekommt.


SPIEGEL ONLINE: Der deutsche Platzhirsch StudiVZ hat mehr als fünf Millionen Mitglieder. Wie viele hat Facebook?

Javier Olivan: Wir zählen nicht Mitglieder, sondern aktive Nutzer. Aktiv ist jemand, der sich in den vergangenen 30 Tagen auf Facebook eingeloggt hat. Derzeit sind das weltweit etwa 66 Millionen Menschen.

SPIEGEL ONLINE: Und im deutschsprachigen Raum?

Olivan: Etwa eine Million unserer aktiven Nutzer kommt aus der Region – heute schon, obwohl sie die englischsprachige Seite nutzen müssen. Nun startet die deutsche Version.

SPIEGEL ONLINE: Wie wollen Sie denn dem Marktführer StudiVZ Nutzer abspenstig machen? Je erfolgreicher ein Netzwerk ist, desto attraktiver ist es doch für die Mitglieder. StudiVZ ist hier demnach fünfmal attraktiver als Facebook.

Olivan: Wir haben in jedem Land starke Wettbewerber. Trotzdem stammen heute schon etwas mehr als 60 Prozent der aktiven Facebook-Nutzer aus Staaten außerhalb der USA. Dabei haben wir unsere erste Plattform in einer anderen Sprache, in Spanisch, erst vor wenigen Wochen gestartet.

SPIEGEL ONLINE: Warum kommt Facebook nach Europa?

Olivan: Regional beschränkte Netzwerke sind unpraktisch für Menschen, die nicht nur in einem Staat, in einer Region Freunde, Kollegen und Verwandte haben. Das sind in Europa viele, die Menschen sind sehr mobil. Ich bin zum Beispiel in Spanien geboren, habe in Deutschland und Japan gearbeitet, lebe in Kalifornien.

SPIEGEL ONLINE: Wie wird Facebook Inhalte auf der deutschen Plattform kontrollieren? Für Anbieter in Deutschland gelten ja strenge Auflagen.

Olivan: Es gibt keine Facebook-Niederlassung in Deutschland. Wir halten die Plattform von Palo Alto aus sehr erfolgreich frei von Pornographie und Spam.

Facebook: Das Weltnetz
Mitglieder
Facebook
Facebook ging Anfang 2004 als soziales Netzwerk für Harvard-Studenten online. Zunächst konnten nur Menschen mit E-Mail-Adressen ausgewählter US-Hochschulen Mitglieder werden, seit 2006 ist die Seite für alle Über-13-Jährigen offen. Nach Angaben von Goldman Sachs hatte Facebook Anfang 2011 600 Millionen Mitglieder weltweit, nach eigenen Angaben loggt sich jeden Tag die Hälfte von ihnen auf der Seite ein (Stand: Januar 2011).
Plattform
Seit Mai 2007 können externe Entwickler auf Nutzerdaten zugreifen, wenn die Facebook-Mitglieder dem zustimmen. Seit die Plattform für externe Entwickler geöffnet wurde, wächst das Angebot des einstigen Studentennetzwerk rasant – die Nutzer können aus mehreren tausend kostenloser Anwendungen wählen – Spielen, Fotoverwaltern, Programmen zum Abgleich von Lese-, Film- und Musikvorlieben zum Beispiel.
"Mir gefällt das"
Facebook überall: Die "Mir gefällt das"-Funktion können Website-Betreiber auf ihren eigenen Seiten einbauen. Mit einem Klick teilen Facebook-Nutzer ihren Freunden mit, was ihnen gefällt. Im Gegenzug kann Facebook Werbung gezielter schalten - und weiß, welche Seiten die Mitglieder ansurfen.
Geschäft
Der Umsatz von Facebook lag 2009 schätzungsweise bei 800 Millionen Dollar. Als Facebook-Gründer Mark Zuckerberg im November 2007 bei einer Präsentation in New York 250 Werbekunden ein "Interface, um Erkenntnisse über die Facebook-Aktivitäten von Mitgliedern zu sammeln, die fürs Marketing relevant sind", versprach, brach ein Proteststurm los.
Firmenwert
Facebook hat Google 2010 als meistbesuchte Website in den USA überholt. Anfang 2011 investierten die US-Großbank Goldman Sachs und die russische Beteiligungsgruppe Digital Sky Technologies 500 Millionen Dollar in das US-Unternehmen. Der Wert des Netzwerks klettert auf 50 Milliarden Dollar.
Hollywood
Der Film zum Phänomen: Die Gründungsgeschichte von Facebook wurde 2010 von David Fincher mit Jesse Eisenberg in der Hauptrolle verfilmt. "The Social Network" zeigt Zuckerberg als soziopathischen Nerd, der Facebook aus enttäuschter Liebe gründet.

SPIEGEL ONLINE: Mit Scan- und Filter-Software?

Olivan: Ja, wir haben einige der besten Programme auf dem Gebiet –zudem kontrolliert ein menschliches Team die Seite.

SPIEGEL ONLINE: Also eine Plattform für alle, ohne regionale Besonderheiten?

Olivan: Das kann man nicht mit entweder oder beantworten. Natürlich bieten wir eine ins Deutsche übersetzte Plattform an, um für deutsche Nutzer zugänglicher zu sein. Es ist einerseits dieselbe Plattform wie in allen anderen Staaten, andererseits hoffen wir auf die deutschen Entwickler. Die Facebook-Plattform bieten ihnen ein absolut offenes System – jeder kann Facebook erweitern. Die "New York Times" macht bei Facebook ein sehr beliebtes News Quiz. Das könnten deutsche Medien genauso.

SPIEGEL ONLINE: Warum sollten sie? Was bietet Facebook deutschen Entwicklern?

Olivan: Eine sehr große Basis potentieller Nutzer. Entwickler können von Werbung profitieren, Nutzer zu Kunden machen – sie haben da bei Facebook große Freiheit.

SPIEGEL ONLINE: Aber die US-Entwickler können über Facebook 66 Millionen Nutzer erreichen. In Deutschland mit nur einer Million Nutzern lohnt sich die Arbeit nicht unbedingt genauso.

Olivan: Wir haben heute eine Million deutschsprachiger Nutzer. Außerdem bieten wir Entwicklern Werkzeuge an, um Anwendungen von Nutzern übersetzen zu lassen. Mit demselben Programm haben wir die deutsche Facebook-Version geschaffen. 2000 deutschsprachige Facebook-Mitglieder haben die Seite übersetzt, in weniger als zwei Wochen. Wir bieten Entwicklern dieses Werkzeug an. Ich kann mir zum Beispiel sehr gut vorstellen, dass eine Oktoberfest-Anwendung aus Deutschland in Japan viele Fans gewinnen könnte.

Interview: Konrad Lischka



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