Facebook-Werbeoffensive Liebe Leserin, lieber Leser,

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ein Junge will Reklamekönig werden und bedient sich allerhand schmutziger Tricks, bis er sein Ziel erreicht. Kommt Ihnen das bekannt vor? Es ist die Handlung des 1926 veröffentlichten Kinderbuchs "Kai aus der Kiste" von Wolf Durian. Und es könnte die der noch ungeschriebenen Autobiografie von Facebook-Gründer Mark Zuckerberg sein.

Dessen Unternehmen schaltet gerade ganzseitige Werbeanzeigen in Tageszeitungen, in denen es die EU-Datenschutzgrundverordnung lobpreist, weil sie ab dem 25. Mai "mehr Sicherheit für dich" bringe. Es klingt nach einem Versuch, den Ironie-Weltrekord zu brechen: Ausgerechnet die Internet-Anzeigenplattform Facebook kauft Anzeigen, in gedruckten Tageszeitungen, und freut sich darin über jene Verordnung, die ihre Lobbyisten jahrelang mit aller Macht verhindern oder zumindest verwässern wollten.

Wahrscheinlich will der Konzern aber nur vorab erklären, warum seine Nutzer demnächst neue Einverständniserklärungen vorgesetzt bekommen: "Wie gesetzlich vorgesehen, werden wir dich bitten, zu überprüfen, wie wir deine Daten nutzen dürfen", heißt es in der Anzeige.

Mark Zuckerberg
DPA

Mark Zuckerberg

Gleichzeitig nutzt Facebook künstliche Intelligenz (KI) beziehungsweise maschinelles Lernen, um das Konsumverhalten seiner Nutzer vorherzusagen, wie "The Intercept" berichtet. Seinen Werbekunden verkauft das Unternehmen demnach die Möglichkeit, Gruppen von Konsumenten durch gezielt ausgespielte und gestaltete Anzeigen von einem Markenwechsel abzuhalten, zu dem sie sich noch gar nicht entschieden haben, für den es aber ein gewisses, von der Software berechnetes Risiko gebe. FBLearner Flow heißt das System offiziell. Man könnte es auch "KI aus der Kiste" nennen.

Dem Bericht zufolge werden unter anderem Standortdaten, Geräte- und WLAN-Informationen, angesehene Videos sowie Vergleiche mit den Facebook-Freunden für die sogenannte Loyalitätsvorhersage verwendet. Auf die Frage von "The Intercept", ob diese Daten auch für politische Anzeigen genutzt werden können, habe das Unternehmen nicht geantwortet. Vielmehr habe es die Behauptung, FBLearner Flow werde für Marketingzwecke verwendet, als "Falschdarstellung" ("mischaracterization") zurückgewiesen. Dass Facebook maschinelles Lernen für Anzeigen einsetze, habe man aber bereits 2017 öffentlich gesagt. Zum Glück bringt die Datenschutzverordnung ja "mehr Sicherheit" für alle.

Ergebnis unseres Leseraufrufs zum Fall Cambridge Analytica

Um noch einmal auf jenen Fall zurückzukommen, der die ganze Aufregung um Facebook überhaupt erst ausgelöst hat: Vor einer Woche hat das Unternehmen angefangen, jene Nutzerinnen und Nutzer, deren Daten über die App "This Is Your Digital Life" unrechtmäßig bei Cambridge Analytica gelandet sind, per Newsfeed zu informieren. Wir wollten wissen, ob auch Sie zu den Betroffenen gehören - und ob Sie sich von Facebook ausreichend über den Fall aufgeklärt fühlen.

Tatsächlich haben sich mehrere Leserinnen und Leser gemeldet, die ohne eigenes Zutun im Datenpool von Cambridge Analytica gelandet sind - nämlich dadurch, dass einer ihrer Facebook-Kontakte die App installiert und ihr dabei Zugriff auf die Daten der eigenen Freunde gewährt hat. Die Reaktionen, die wir erhalten haben, reichten von "nicht überrascht" über "entsetzt" bis "stinksauer". Ein Leser schrieb, es sei ein "Fehler gewesen, mich bei Facebook angemeldet zu haben. Ich würde mich ja gerne abmelden, aber da sind meine ganzen Kontakte. Facebook hat mich im Griff."

Die BigBrotherAwards stehen an

Apropos Greifarme und Daten: Am Freitag verleiht der Bürgerrechtsverein Digitalcourage in schöner Tradition die BigBrotherAwards, die "Datenkraken-Oscars". Erstmals wird die Gala im Bielefelder Stadttheater veranstaltet, live übertragen wird sie auf bigbrotherawards.de/stream. Wer den Negativpreis für welche Datensauerei gewonnen hat, erfahren Sie am Freitagabend auf SPIEGEL ONLINE.


Seltsame Digitalwelt:
eine Anekdote von Patrick Beuth

Auf Twitter las ich kürzlich zum ersten Mal von Suicide Linux. Jeden Tippfehler im Terminal bestraft das System gnadenlos, indem es die Festplatte löscht. Das Projekt existiert seit vielen Jahren. Mich erinnerte es an einen Online-Texteditor, über den ich irgendwann zu Beginn meiner journalistischen Laufbahn mal geschrieben hatte. Man konnte eine Zeit und eine Textmenge wählen, und wenn man zu langsam schrieb, sanktionierte der Editor das mit allerlei Bosheiten. Er spielte zum Beispiel Rick-Astley-Songs ab - oder fing an, den zuletzt getippten Text Wort für Wort von hinten zu löschen.

Als ich meinen Artikel von damals nach einigem Suchen fand - das Netz vergisst im Gegensatz zu mir schließlich nichts - fand ich drei Dinge heraus. 1. Entgegen meinen Befürchtungen finde ich den Text bis heute ganz gelungen. 2. Der besagte böse Editor heißt Write or Die (Schreib oder Stirb) und existiert bis heute. 3. Offenbar habe ich den Artikel im März 2010 geschrieben und damit keineswegs zu Beginn meiner Laufbahn. 4. Eine Google-Suche nach Dingen, die weiter zurückliegen als drei Jahre, ist mittlerweile ziemlich kompliziert geworden.


Arte Experience

App der Woche: "Vandals"
getestet von Tobias Kirchner

In "Vandals" greift die Spielfigur zur Graffitidose und versucht, der Polizei zu entwischen. Dafür muss der Spieler den richtigen Weg wählen und die Ordnungshüter ablenken. Bleibt man unentdeckt, wird die Sprühdose gezückt und mit dem Finger auf den Touchscreen können eigene Graffitis auf die Wand gebracht werden. Die Herausforderungen werden zunehmend komplexer. Die Mischung aus Puzzle- und Kreativspiel überzeugt dabei auch optisch: "Vandals" führt Spieler durch abwechslungsreiche Straßen in Paris, Sao Paulo, New York und Berlin.

Für 4,49 Euro von Arte Experience, ohne In-App-Käufe: iOS, Android

Fremdlink: Drei Tipps aus anderen Medien

  • "Alexa Is a Revelation for the Blind" (Englisch, vier Leseminuten)
    Vor mehr als 60 Jahren erblindete der Vater von Autor Ian Bogost, weshalb er große Teile der Digitalisierung allenfalls passiv mitbekam. Amazons sprachgesteuerte virtuelle Assistentin Alexa ermöglicht ihm nun einen für ihn neuen Zugang zu Computern. Wie ein 82-Jähriger, der nie einen Computer bedient hat, mit Alexa umgeht, beschreibt Bogost klug und einfühlsam.
  • "Genugtuung für den Facebook-Jäger" (Drei Leseminuten)
    In der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" porträtiert Hendrik Wieduwilt den EU-Abgeordneten Jan Philipp Albrecht von den Grünen, ohne den es die EU-Datenschutzgrundverordnung (so) nicht gäbe. Man muss Kritik des Kollegen Wieduwilt - wie auch Albrecht ein Jurist - am angeblich unternehmerfeindlichen Regelwerk nicht teilen, um den Artikel über den grünen "Überzeugungstäter", der im September Schlewsig-Holsteins neuer Minister für Energiewende, Landwirtschaft, Umwelt, Natur und Digitalisierung werden soll, interessant zu finden.
  • "Facebooks Macht steckt in dieser Formel" (Sechs Leseminuten)
    Auf "Zeit Online" erklärt Tilman Baumgärtel anhand des Metcalfeschen Gesetzes, warum das Internet Monopole fördert - oder, wie Baumgärtel es ausdrückt, "warum der Teufel im Netz immer auf den größten Haufen zu scheißen scheint". Nebenbei erzählt er die Lebensgeschichte von Robert Metcalfe, dem Erfinder des Ethernet-Protokolls, also einem der Pioniere des Internets.

Ich wünsche Ihnen einen ruckelfreien Start in die Woche.

Patrick Beuth

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insgesamt 2 Beiträge
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slaritbartfass 16.04.2018
1. Frage
Also ich verstehe die ganze Aufregung nicht - GANZ EHRLICH. Ist es Facebook Benutzern wirklich wichtig was mit ihren Daten passiert nachdem die sich ja sowiso freiwillig komplett offenlegen ? Ich meine es muss doch wirklich jedem klar sein ( von Anfang an ) das Zuckerberg das Ganze nicht wegen Nächstenliebe oder um Freunde zusammenzuführen aufzieht ...
Zündkerze 16.04.2018
2. das ist wirklich schizo
da beschäftigt die NSA und MI5 ein Tross von sehr gut bezahlten Mitarbeitern/innen um russische Hacker bei ihren zahlreichen Attacken zu beobachten und vor der eigenen Haustür darf jemand ganz legal Unsummen an Geld damit verdienen. Und, die Krönung, man lässt ihn weiter gewähren. Das hat gewaltig Schieflage.
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