Brief von Zuckerberg Kurz die Welt retten - mit Facebook, versteht sich

Facebook-Chef Mark Zuckerberg hat einen langen Brief veröffentlicht. Darin preist er sein Netzwerk als perfektes Werkzeug, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Was will er wirklich?

Mark Zuckerberg
AFP

Mark Zuckerberg


"Bauen wir an einer Welt, die wir alle wollen?" Diese Frage hat Facebook-Gründer Mark Zuckerberg zu einem Aufsatz inspiriert, den er auf seinem Netzwerk veröffentlicht hat. Mit jeder Menge Pathos und in blumigen Worten spricht Zuckerberg darin über große Themen.

Der Brief, adressiert an "unsere Gemeinschaft", liest sich nicht wie das Strategiepapier eines Firmenchefs, sondern eher wie Ausführungen eines Politikers, der über die Zukunft der Welt nachdenkt.

Bei Zuckerberg sind beide Aspekte eng miteinander geknüpft: Ihn treibt laut eigener Aussage die Idee an, eine bessere, offenere, vernetzte Welt zu schaffen. Diese philanthropisch anmutende Idee ist bei Zuckerberg aber immer auch eng mit den eigenen Geschäftsinteressen verknüpft. Logisch, dass für den 32-Jährigen Facebook das perfekte Tool ist, um die Weltverbesserung zu erreichen. Für fast jeden Zukunftswunsch stellt Facebook scheinbar die beste Anwendung, das beste Produkt bereit.

Facebooks Wachstumsraten können nur bestehen, wenn das Netzwerk, das jetzt schon 1,8 Milliarden Mitglieder hat, neue Teile der Welt erobert. In der Gedankenwelt von Zuckerberg sind die Weltverbesserung und der Siegeszug von Facebook nicht voneinander zu trennen.

Der Brief von Zuckerberg hat fast 35.000 Anschläge, das sind bei normaler Schriftgröße etwa 16 DIN-A4-Seiten. Die vier wichtigsten Gedanken - und was sie für Facebook und seine Nutzer bedeuten könnten:

1. Facebook will neue Gruppen vernetzen

Eine Welt, in der Facebook erfolgreich sein kann, muss eine vernetzte Welt sein. Deshalb lobt der Facebook-Erfinder diese Vernetzung der "globalen Gemeinschaft" als Ziel aus. Zuckerbergs Beobachtung: In vielen Teilen der Welt sind lokale Gemeinschaften nicht mehr so eng gestrickt wie früher, das soziale Netz wird grobmaschiger. "Onlinegemeinschaften sind ein Hoffnungsschimmer."

Zuckerbergs These: Wer sich online vernetzt, stärkt auch offline die Bindung. Als Beispiel führt er Facebook-Gruppen von Nutzern auf, die alle an einer seltenen Krankheit leiden. Zuckerberg will künftig mehr solche "bedeutsame Gruppen" auf seiner Plattform heranziehen, also engere Kreise, die mehr mit dem eigentlichen Leben zu tun haben. Es ist der nächste Schritt, nachdem es Facebook lange darum ging, Freunde und Familie im Netz miteinander zu verbinden. Wie er seine Nutzer dazu animieren will, ist unklar.

2. Ein möglicher Abschied von global geltenden Regeln

Facebook habe das Problem, einheitliche Regeln für alle Inhalte umzusetzen, die Nutzer teilen wollen. Mal wurde in der Vergangenheit ein historisches Kriegsfoto aus Vietnam blockiert, mal fühlte sich die US-Bürgerrechtsbewegung "Black Lives Matter" mit ihren Botschaften von Facebook unterdrückt. Zuckerbergs Ziel: Jeder Nutzer soll so wenig unerwünschte Inhalte (zum Beispiel Nacktbilder) wie möglich sehen, dabei selbst aber so wenig wie möglich von Facebook beim Posten eingeschränkt werden.

Das bedeutet, dass es eigene Regeln für bestimmte Nutzer, bestimmte Gruppen, bestimmte Länder geben könnte. Diese zu erarbeiten, wäre ein großes Unterfangen, Investitionen in den Bereich hat Facebook gescheut, bislang. Um das Ziel zu erreichen, will Zuckerberg einen "groß angelegten demokratischen Prozess" anstoßen; ein wohl nicht näher definiertes Ausloten von Nutzereinstellungen.

3. Künstliche Intelligenz wird Facebooks Probleme lösen

Helfen soll außerdem künstliche Intelligenz (KI). "Große KI-Fortschritte sind nötig, um zu verstehen, welche Texte, Fotos oder Videos, Hasskommentare, Gewalt oder sexuell explizite Inhalte enthalten", schreibt Zuckerberg. Manche davon könne es schon 2017 geben, andere Entwicklungen ließen noch "viele Jahre" auf sich warten. Bislang war Facebook dabei zurückhaltend, das Geschäft, den Müll auszusortieren, erledigen Clickworker.

KI soll Facebook auch dabei helfen, besser für die Sicherheit seiner Nutzer zu sorgen, etwa beim Einsatz des sogenannten Safety Checks oder bei Katastrophenwarnungen, wo es bislang immer wieder zu Fehlalarmen kommt.

4. Nutzer sollen mehr Abwechslung haben

Fake News? Filterblasen? Bei Facebook?? Lange gab sich Zuckerberg ungläubig, wenn es darum ging, dass sein Netzwerk auch zur Verfestigung von Vorurteilen und Polarisierung beitragen kann - man kann sich auf Facebook schließlich allzu gemütlich in der Trutzburg der eigenen Wahrheit einrichten. Das ist jetzt nicht mehr so. Zuckerberg sieht das Problem (eine kleine Meuterei in der Firma nach der Trump-Wahl dürfte geholfen haben.) Er will Nutzern eine Bandbreite an Meinungen anzeigen, also nicht nur Beiträge, die sowieso deren eigener Meinung entsprechen. Das bedeutet Änderungen am Heiligsten, dem Algorithmus - die Mitglieder wollen mehr Abwechslung und mehr Aufklärung über virale Falschmeldungen. Eine heikle Aufgabe, denn die Nutzer sollen sich gleichzeitig natürlich möglichst weiterhin wohl fühlen und gerne bei Facebook einloggen.

Einige neue Ideen also, auch wenn im Grundsatz vieles, was Zuckerberg zu Vernetzung und zu Fortschritt durch Austausch schreibt, altbekannt wirkt. Nur bekommt es in einem Amerika, dessen Präsident sich von der globalen Verflechtung abwenden will, einen anderen Zungenschlag. Auch wenn der Name Donald Trump im Essay nicht auftaucht.

Was hat Zuckerberg zum Schreiben bewogen? Parallel kündigte er an, in diesem Jahr alle US-Bundesstaaten zu bereisen, um auch das Amerika fernab des Silicon Valley besser zu verstehen. Zeigen sich hier also doch politische Ambitionen?

Als ihn nun die "New York Times" anlässlich seines Aufsatzes zu Gerüchten befragte, dass er insgeheim US-Präsident werden wollte, verneinte Zuckerberg. Und lachte. An Ambitionen mangelt es dem 32-Jährigen jedenfalls auch jetzt schon nicht.

fab/gru

Mehr zum Thema


insgesamt 36 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
sojetztja 17.02.2017
1.
So wie FB im Moment ist, ist es eher Teil des Problems, nicht Teil der Lösung. Oder anders gesagt: Wenn man sich das ganze Gahasse und Gehetze auf FB ansieht, dann richter FB aktuell wohl mehr Schaden an, als dass es nutzt. Ausnahmen bestätigen die Regel.
noalk 17.02.2017
2. Danke für diesen Ausblick
Noch mehr Gründe, sich diesem Netzwerk zu verweigern.
toskana2 17.02.2017
3. vor allem
Retten und vermehren will er vor allem sein Milliardenvermögen! Ein Schelm, der sich dabei Böses denkt.
nine1011 17.02.2017
4. Teil des Problems
Facebook ist Teil des Problems (wenn nicht sogar der Ursprung) Eine Gesellschaft miteinander vernetzten durch einen Logarithmus? Wir sollten miteinander reden, statt Phrasen in die Tasten zu kloppen. Wir sollten füreinander da sein, statt zu liken, um uns selbst zu bestätigen, dass es uns noch gibt. Ist denn die Gesellschaft global tatsächlich schon so verblödet, dass sie auf diesen ganzen Scheiß reinfällt? Computer an Schulen, Umgang mit Sozialen Medien... all der ganze Mist bringt offensichtlicht nichts, sondern verschlimmert nur alles: dumme Kinder, gewalttätige Erwachsene, Übergewicht und damit assoziierte Krankheiten, Pegida & Co, Trump, Globalisierung und Umweltverschmutzung etc. Die einzige Vision, die ich von Facebook habe, ist: FACEBOOK ABSCHALTEN!
larsmach 17.02.2017
5. Also Demokratie einführen - die Aktionäre entmachten
Will die Werbeplattform mit ihren 1,8 Milliarden (unbezahlten) Content-erzeugenden Mitarbeitern nun Demokratie einführen, um die gewünschte Einflussnahme besser zu kontrollieren? Aktionäre und deren Aufsichtsräte würden sich wundern... Aktuell verstärken sog. "soziale Netzwerke" nur radikale Positionen, die meist ohne Konsequenz und Risiko einer Strafverfolgung durch Minderheiten lautstark propagiert werden können. Selbst Morddrohungen gegen Kritik finden statt, und Anfragen von Staatsanwaltschaften nach Strafanzeigen durch Bürger, die Angst um ihr Leben und das ihrer Kinder haben, werden mitunter ignoriert. Ein moderner Staat ist mehr als ein paar Algorithmen eines Privatunternehmens: Es gibt Gewaltenteilung, Regierung, Kontrollmechanismen... und alles sehr fein ausgelotet.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.