Jugend im Netz So werden Kinder fit für Facebook

Hilfe, das Kind ist bei Facebook? Düstere Warnungen sind in Deutschland oft das Erfolgsrezept für Erziehungsratgeber mit Medienthemen. Ein Bestseller wird "Mein Kind ist bei Facebook" also vielleicht nicht: Das Buch setzt auf Pragmatismus statt Panik. Gut so.

Buchcover: Dass es hier nicht um düstere Warnungen geht, ist den Figuren anzusehen
Pearson

Buchcover: Dass es hier nicht um düstere Warnungen geht, ist den Figuren anzusehen


Eigentlich ist Facebook für das Teenalter aufwärts gedacht. In der Realität tummeln sich aber Millionen Kids im Netzwerk, die unter 13 Jahre alt sind und dort eigentlich nichts verloren haben. Kein Grund zur Panik, das ist die Botschaft des Ratgebers "Mein Kind ist bei Facebook" von Thomas Pfeiffer und Jöran Muuß-Merholz.

Verkaufsstrategisch gedacht ist es vielleicht nicht die geschickteste Veröffentlichung zum Thema Facebook. Die Quassel- und Vernetzungsplattform weckt öffentliche Aufmerksamkeit ja eigentlich nur dann, wenn sie Katastrophen produziert: Wenn Teenies sich dort gegenseitig in die psychische Krise mobben, ihre Berufsaussichten mit der Veröffentlichung ihrer pubertären Partyspielchen oder "Schau mal, ich bin ein Luder!"-Fotos ruinieren oder mit unbedachten Partyeinladungen Hundertschaften mobilisieren, die dann das eine oder andere Elternhaus zerlegen.

Kurzum: Gern genommen und gekauft werden immer wieder Werke, die soziale Netzwerke als Gefahr für den Nachwuchs und überhaupt das christliche Abendland thematisieren. Das Problem ist nur, dass diese vermeidliche Gefahr im Leben von Heranwachsenden inzwischen etwa so selbstverständlich ist wie das Telefon, tägliche Mahlzeiten oder ein Dach über dem Kopf.

Facebook ist für viele Kinder so etwas wie das virtuelle Dach, unter dem sie sich treffen und kommunizieren. Die Einschränkung des Zugangs oder gar ein Verbot kann darum sogar den gegenteiligen Effekt haben, den manch strenges Elternteil im Sinn haben mag: Man kann Jugendliche damit regelrecht sozial isolieren. Denn die Vernetzung innerhalb der Peergroup läuft heute ab einem gewissen Alter vor allem über soziale Netzwerke.

Es gibt also gute Gründe, pragmatisch mit dem Thema umzugehen. Wenn sich eine potentielle Gefahr für Kinder nicht verhindern lässt, muss man sie eben fit dafür machen, mit dieser Gefahr umzugehen. Das ist Sinn und Zweck des Buches, und zwar über den Umweg der Eltern: Die gewinnen Medienkompetenz und können sich so auch zu fachkundigen Ansprechpartnern für ihre Kinder machen. Das ist gut, denn woran es oft vor allem fehlt, wenn Facebook und Co. in einer Familie zum Problem werden, ist Verständnis - füreinander, aber vor allem in der Sache.

Rüstzeug für eine konstruktive Nutzung

Aber es geht nicht vornehmlich um Krisenprävention. Es geht darum, die Kompetenz aufzubauen, die positiven Möglichkeiten des Netzwerks zu entdecken und die negativen vermeiden zu lernen. Die beiden Autoren - Pädagogen sind beide, Pfeiffer zudem Web- und Applikationsentwickler - entdecken bei Facebook durchaus zahlreiche positive Möglichkeiten der Vernetzung und Kommunikation.

Insofern ist "Mein Kind ist bei Facebook" zum einen eine Entwarnung, zum anderen ein Handbuch zur medialen Ertüchtigung und Sensibilisierung für die haarigen Dinge im Netzwerk. Weil es bei Addison-Wesley/Pearson erscheint und nicht bei einem Verlag für pädagogische Ratgeber, ist das Buch ausführlich und kleinteilig: Das geht bis hin zu detaillierten Anleitungen über sachgerechte Konten- und Profil-Anlage. Das ist nicht immer unterhaltsam, aber nötig.

Unglücklich für die Autoren ist das Timing. Das Buch erscheint am 15. Juni und nun kursieren Gerüchte aus "informierter Quelle": Facebook plane, neue Funktionen einzuführen, mit denen Eltern die Accounts ihrer jüngeren Kinder quasi huckepack an ihre eigenen Konten koppeln könnten. Auf der Webseite zum Buch, sagt Autor Thomas Pfeiffer auf Anfrage, man werde solche neuen Aspekte schnellstmöglich nachliefern, wenn sie sich bewahrheiten sollten. Dort werden auch noch einige Spezialthemen zu finden sein, die den Rahmen des Buches gesprengt hätten.

Thomas Pfeiffer, Jöran Muuß-Merholz: Mein Kind ist bei Facebook. Addison-Wesley/Pearson, 208 Seiten, 19,80 Euro. Ab 15. Juni im Handel.

pat

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insgesamt 20 Beiträge
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Seite 1
lordas 05.06.2012
1. Altersgerecht
Zitat von sysopPearson Hilfe, das Kind ist bei Facebook? Düstere Warnungen sind in Deutschland oft das Erfolgsrezept für Erziehungsratgeber mit Medienthemen. Ein Bestseller wird "Mein Kind ist bei Facebook" also vielleicht nicht: Das Buch setzt auf Pragmatismus statt Panik. Gut so. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,836779,00.html
Sorry aber ich kann dem absolut nicht zustimmen. Warum müssen unter 13 Jährige und überhaupt Kinder unter 16/17 Jahren einen Facebook Account haben? Weil es die "Peergroup" verlangt? Sind Eltern heutzutage nicht mehr in der Lage ein Nein von sich zu geben? Als ob das so schwierig wäre sich mit der Schule und anderen Eltern mal zusammen zu setzten und das Thema mal ausgiebig zu besprechen. Die Konsequenz kann dann auch durchaus sein, dass Facebook erst ab einem bestimmten Alter für alle erlaubt ist. Und generell sollten Kinder nicht ohne Kontrolle ins Internet. Ich kann das mittlerweile nicht mehr hören, erst pflanzt man die Kitz geraderecht vor das digitale Medium und findet das "total Toll" und "voll modern", nachher geht das Geschrei wieder los, wenn die Kinder dann auf Gewalt und Pornografie stoßen. Tut mir wirklich leid aber bei dem Thema bekomme ich langsam echt einen Anfall. Ich bin selber Pädagoge und wenn ich sehe mit welcher Naivität manche Eltern a) den Kindern alles in die Hände drücken und b) sich für die Konsequenzen nicht verantwortlich fühlen, dann frage ich mich warum die überhaupt Kinder in die Welt setzen.
3-plus-1 05.06.2012
2. Internet
Zitat von lordasSorry aber ich kann dem absolut nicht zustimmen. Warum müssen unter 13 Jährige und überhaupt Kinder unter 16/17 Jahren einen Facebook Account haben? Weil es die "Peergroup" verlangt? Sind Eltern heutzutage nicht mehr in der Lage ein Nein von sich zu geben? Als ob das so schwierig wäre sich mit der Schule und anderen Eltern mal zusammen zu setzten und das Thema mal ausgiebig zu besprechen. Die Konsequenz kann dann auch durchaus sein, dass Facebook erst ab einem bestimmten Alter für alle erlaubt ist. Und generell sollten Kinder nicht ohne Kontrolle ins Internet. Ich kann das mittlerweile nicht mehr hören, erst pflanzt man die Kitz geraderecht vor das digitale Medium und findet das "total Toll" und "voll modern", nachher geht das Geschrei wieder los, wenn die Kinder dann auf Gewalt und Pornografie stoßen. Tut mir wirklich leid aber bei dem Thema bekomme ich langsam echt einen Anfall. Ich bin selber Pädagoge und wenn ich sehe mit welcher Naivität manche Eltern a) den Kindern alles in die Hände drücken und b) sich für die Konsequenzen nicht verantwortlich fühlen, dann frage ich mich warum die überhaupt Kinder in die Welt setzen.
Ich habe selber 1985 mit 11 Jahren meinen ersten Computer bekommen und 1989 mein erstes Geld mit der Veröffentlichung eines Programmes von mir in einer Zeitschrift verdient. Da war ich folglich 15. Entschuldigung, aber mit der Erfahrung werde ich meine Kinder nicht bis zum 16 Lebensjahr vom Rechner fernhalten, geschweige denn permanent beaufsichtigen. Das haben - zum Glück! - meine Eltern auch nicht gemacht. Aber als Pädagoge versteht man das sicher nicht. Schon als Schüler war "Pädagoge" ein Schimpfwort für Menschen, die auch am liebsten den Taschenrechner im Mathematikuntericht verboten hätten.
Mo2 05.06.2012
3. Fit?
Zitat von sysopPearson Hilfe, das Kind ist bei Facebook? Düstere Warnungen sind in Deutschland oft das Erfolgsrezept für Erziehungsratgeber mit Medienthemen. Ein Bestseller wird "Mein Kind ist bei Facebook" also vielleicht nicht: Das Buch setzt auf Pragmatismus statt Panik. Gut so. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,836779,00.html
"Fit für Facebook" ist ja schon mal ein Widerspruch: Kinder (und Erwachsene) werden durch Facebook eher dick & doof denn fit. Facebook WAR mal ein Hype, jetzt ist es ein "walking dead".
stubborn 05.06.2012
4. langsam reichts wirklich:
"Fit für Facebook" - wie virtuell will SPON noch werden? Facebook bekommt hier in Kürze einen Stellenwert wie Kirche und Staat, befürchte ich.
FirstFallenAngel 05.06.2012
5.
Zitat von lordasSorry aber ich kann dem absolut nicht zustimmen. Warum müssen unter 13 Jährige und überhaupt Kinder unter 16/17 Jahren einen Facebook Account haben? Weil es die "Peergroup" verlangt? Sind Eltern heutzutage nicht mehr in der Lage ein Nein von sich zu geben? Als ob das so schwierig wäre sich mit der Schule und anderen Eltern mal zusammen zu setzten und das Thema mal ausgiebig zu besprechen. Die Konsequenz kann dann auch durchaus sein, dass Facebook erst ab einem bestimmten Alter für alle erlaubt ist. Und generell sollten Kinder nicht ohne Kontrolle ins Internet. Ich kann das mittlerweile nicht mehr hören, erst pflanzt man die Kitz geraderecht vor das digitale Medium und findet das "total Toll" und "voll modern", nachher geht das Geschrei wieder los, wenn die Kinder dann auf Gewalt und Pornografie stoßen. Tut mir wirklich leid aber bei dem Thema bekomme ich langsam echt einen Anfall. Ich bin selber Pädagoge und wenn ich sehe mit welcher Naivität manche Eltern a) den Kindern alles in die Hände drücken und b) sich für die Konsequenzen nicht verantwortlich fühlen, dann frage ich mich warum die überhaupt Kinder in die Welt setzen.
Mal ganz ehrlich: Leuten/Eltern wie Ihnen, mit dieser 'Mir egal, was die anderen haben/machen/dürfen, das brauchst/kannst/darfst du alles nicht'-Einstellung ist es doch total egal, wenn Sie damit (Ihre) Kinder über die gesamte Schulzeit und eventuell sogar darüber hinaus zu Außenseitern machen, nicht? Aber das ist ohnehin nicht schlimm, denn das "formt den Charakter". Sich dann aber wundern, wenn die Kinder/Jugendlichen es sich in ihrer Außenseiterrolle bequem machen und mit der Zeit nicht mehr nur bezüglich Kleidung/Hobbies/Ausgehverhalten wenig gesellschaftskonform sind. Und zusätzlich mit Erreichen der Volljährigkeit alles nachholen, was ihnen vorher verboten wurde, ohne dass die Eltern oder sonstwer wirksam etwas dagegen tun kann. Wenn Sie glauben, dass es immer möglich ist, dass alle Eltern einen Konsens finden UND sich daran halten, hatten sie schon länger nichts mehr mit (heutigen) Eltern zu tun. Es gibt immer welche, die sich nicht in ihre Erziehungsmethoden reinreden lassen wollen und (manchmal zu recht, manchmal nicht) der Meinung sind zu wissen, was das beste für ihr Kind ist. Oder entgegen den Absprachen ihrem Kind doch erlauben, sich z.B. auf facebook anzumelden. Viel wichtiger als Verbote finde ich, mit den Kindern darüber zu sprechen, Gefahren sachlich (ohne erhobenen Zeigefinger) aufzuzeigen und eine generelle Gesprächsbereitschaft im Falle von Problemen zu signalisieren. Wenn sich das Kind wegen Fernsehverbot nachts ins Wohnzimmer geschlichen hat und dann über einen Horrorfilm gestolpert ist, muss es darüber sprechen können, warum es jetzt Alpträume hat, ohne zusätzliche Bestrafung fürchten zu müssen. Ähnliches gilt bei Problemen im Internet. "Wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist..."
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