Facebook-Chef über Datenskandal Was Zuckerberg gesagt hat - und was nicht

Tagelang hat er geschwiegen, nun reagiert Mark Zuckerberg auf den öffentlichen Druck rund um den Fall Cambridge Analytica. Facebooks Gründer gibt sich schuldbewusst - lässt jedoch eine vielsagende Leerstelle.

Facebook-CEO Mark Zuckerberg (Archivbild)
REUTERS

Facebook-CEO Mark Zuckerberg (Archivbild)

Von und


Tagelang hat Mark Zuckerberg sich nicht zum Fall Cambridge Analytica geäußert. Nun veröffentlichte er eine erste Stellungnahme auf Facebook und gab mehreren US-Medien Interviews. Die "New York Times", "Wired" und "Recode" haben die unredigierten Transkripte der Gespräche veröffentlicht, zusammengenommen rund 10.000 Wörter lang.

In seiner großen Erklär- und Entschuldigungsrunde nannte Zuckerberg Details zum Fall und mögliche Maßnahmen für die Zukunft. Allerdings standen einige seiner Aussagen nur zwischen den Zeilen:

Das eigene Geschäftsmodell bleibt unangetastet

Die wichtigste, aber nur indirekt ausgesprochene Botschaft: An Facebooks Geschäftsmodell wird sich nichts ändern. Selbst weniger Nutzerdaten zu erheben ist keine Option für das Unternehmen. Erkennbar ist das an solchen Aussagen: "Dass Facebook kostenlos bleibt und dafür ein Geschäftsmodell hat, das auf Werbung beruht, bleibt wichtig und gehört für uns zusammen."

Zuckerberg bleibt bei seiner optimistischen Grundeinstellung, aus dem offenen Umgang mit Daten würden gute Dinge entstehen: "Ich denke, wir bleiben idealistisch", sagte er "Recode", auch wenn er mittlerweile verstanden habe, dass Facebook dafür verantwortlich sei, seine Nutzer zu schützen.

Das Geschäftsmodell von Drittanbietern wird eingeschränkt

Im Gespräch mit "Wired" stellt Zuckerberg "voraussichtlich 15 Änderungen auf der Plattform" in Aussicht. Nicht alle führt er aus, weil "viele schwierig zu erklären" seien. Konkret soll es aber etwa um eine "dramatische Beschränkung der Datenmenge gehen, auf die App-Entwickler zugreifen können".

Diese Beschränkung hat in großen Teilen schon 2014 stattgefunden, als Facebook seine Entwicklerschnittstelle verengte: Seitdem können Drittanbieter neben den Daten aus einem Nutzerprofil nicht mehr die Daten aller Freunde dieses Nutzers abfragen - genau das hatte der Forscher Aleksandr Kogan getan, bevor er die so gesammelten Daten an Cambridge Analytica weitergab.

Nun soll eine Untersuchung aller Apps erfolgen, die vor dieser Änderung auf große Datenmengen zugreifen konnten. Erscheint eine App "verdächtig", soll es eine forensische Analyse bei den Entwicklern geben: "Wir schicken Teams zu ihnen, die ihre Server durchgehen, und schauen einfach, wie sie mit Daten umgehen. Haben sie immer noch Zugriff auf Daten, die sie nicht haben sollten, klemmen wir den ab."

Entwickler, die sich mit der Regelung nicht einverstanden erklären, würden von der Plattform geworfen. Apps, die jemand seit mehr als drei Monaten nicht benutzt hat, sollen gar keine Facebook-Daten mehr bekommen.

Zuckerbergs Reaktion im Video:

REUTERS

App-Anbieter, die in Zukunft auf sensible Facebook-Daten zugreifen wollen - wie etwa religiöse oder politische Orientierung -, werden eine Art vertragliche Regelung mit Facebook abschließen müssen. So könnte Facebook sich rechtlich absichern und gegen Verstöße juristisch vorgehen.

Ein erweitertes Belohnungsprogramm für entdeckte Sicherheitsprobleme soll Hinweisgeber ermutigen, sich an Facebook zu wenden. Diese nur in einer Pressemitteilung erwähnte Ankündigung steht in Kontrast zum Vorgehen gegen den ehemaligen Mitarbeiter von Cambridge Analytica, Christopher Wylie, der durch seine Aussagen den Fall noch einmal ins Rollen gebracht hatte: Er wurde von Facebook gesperrt - auch auf Instagram, das zum Konzern gehört.

Es gibt tatsächlich eine Entschuldigung

Er persönlich stehe in der Verantwortung, lädt sich Zuckerberg die Last eines Dienstes mit rund zwei Milliarden Nutzern auf die Schultern. "Ich habe Facebook gestartet und bin letzten Endes verantwortlich für das, was auf der Plattform passiert."

Während in seiner Erklärung auf Facebook eine direkte Entschuldigung fehlte, holt Zuckerberg diese im Interview mit "Recode" nach. "Es tut mir leid", sagt Zuckerberg über enttäuschte Nutzer, er fühle sich "wirklich schlecht".

Nutzer sollen mehr Informationen über Drittanbieter bekommen

In welcher Form die Öffentlichkeit über die Ergebnisse des Facebook-Checks der Drittanbieter informiert wird, konkretisierte Zuckerberg nicht. Er kündigte aber wie auch Facebook-Geschäftsführerin Sheryl Sandberg an, dass Nutzer direkt informiert würden, wenn sich eine von ihnen installierte Facebook-Erweiterung als problematisch erweisen sollte. Auch die 50 Millionen Nutzer, von denen im aktuellen Fall um Cambridge Analytica die Rede ist, sollen eine Nachricht von Facebook erhalten.

An prominenter Stelle über dem Newsfeed soll eine Anzeige den Nutzern künftig vor Augen führen, welche Apps Zugriff auf ihre Daten haben. Gleichzeitig sollen sie den Apps dort Zugriffsrechte entziehen können. Das wäre sinnvoll, denn vielen Nutzern von Facebook dürfte nicht bewusst sein, welche Drittanbieter überhaupt an ihrem Account angedockt sind oder welche Rechte sie den Apps in der Vergangenheit eingeräumt hatten.

Versprechungen an die Politik gibt es nicht

Auf die Frage, ob Zuckerberg in der Angelegenheit persönlich vor dem Kongress aussagen werde, antwortet Zuckerberg: "Vielleicht irgendwann mal." Die Abgeordneten würden meistens denjenigen sprechen wollen, der sich in einer bestimmten Angelegenheit am besten auskennt. "Aber ich bin sicher, dass es eines Tages ein Thema geben wird, bei dem ich die Person bin, die am meisten darüber weiß, und dann werde ich gerne aussagen."

Auch zu möglichen gesetzlichen Initiativen äußert sich Zuckerberg zurückhaltend. CNN sagte er: "Ich bin nicht sicher, dass wir nicht reguliert werden sollten." Nach dieser doppelten Verneinung nennt er einen Bereich, in dem er sich neue Gesetze vorstellen kann: Transparenz in der Werbung. Also die Pflicht, offenzulegen, wer welche Anzeige geschaltet und finanziert hat. Das wäre eine Möglichkeit, insbesondere politische Kampagnen stärker als solche zu kennzeichnen.

Einen entsprechenden Gesetzesentwurf gibt es in den USA auch schon. Facebook arbeitet seit einigen Monaten daran, ihn umzusetzen - unabhängig davon, ob er jemals durch den Kongress kommt.

Deutschland mit seinem Netzwerkdurchsetzungsgesetz sieht Zuckerberg dagegen als Negativbeispiel. Hier gehe der Regulierungsversuch eher "nach hinten los". Es gäbe ohne das Gesetz wohl bessere Ergebnisse bei der Bekämpfung von Hassrede.

Korrektur: In einer früheren Fassung dieses Artikels hieß es im ersten Satz, Zuckerberg habe drei Tage lang nichts zum Fall Cambridge Analytica gesagt. Es waren aber mehr als drei Tage, bis er sich an die Öffentlichkeit wandte. Wir haben den Satz korrigiert.

insgesamt 50 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
draco2007 22.03.2018
1.
Das wird spannend. Mit dem endgültigen inkrafttreten der DSGVO am 25.05 diesen Jahres werden alle Unternehmen, die mit personenbezognen Daten von EU-Bürgern arbeiten gewungen bei der Einwilligung ALLE externen Datenverarbeiter anzugegen, die Zugriff auf die erhobenen Daten haben. Diese Liste wird bei Facebook vermutlich extrem lang. Ich kann grundsätzlich nur hoffen, dass die Datenschutzbehörden aufgrund der geänderten Strafen hart durchgreifen. Wird Facebook zur Höchststrafe verurteilt reden wir hier von 4% des weltweiten Umsatzes. Ich hoffe ja, dass 160 Millionen Strafe endlich etwas bewirken.
ptb29 22.03.2018
2. Das Lesen von öffentlich zugänglichen Informationen aus Webseiten
ist kein Geheimnis. Das gab es schon bei Schüler-VZ usw. Die britische Firma hat die Facebook-Daten sortiert und ausgewertet, auch das ist kein Hexenwerk. Was soll Zuckerberg sagen? Wir verdienen viel Geld damit, dass unsere "unterbelichteten" Nutzer ihr Leben bei uns posten?
mw12 22.03.2018
3. Mit Spannung
kann man erwarten, ob Facebook dauerhaft Nutzer verliert, und sich die potentielle Kundschaft einer alternativen Plattform zuwendet. Das könnte der Börsenbewertung massiv schaden.
cup01 22.03.2018
4. Entschuldigung ist unglaubhaft
.. und damit ist nun auch niemandem mehr gedient. Wie wäre es statt dessen damit allen Dritten den Zugriff auf Facebookdaten zu verweigern und die entsprechend gewünschten Auswertungen nur noch nach vorheriger Prüfung von Facebook selbst ausführen zu lassen. Was Zuckberg vorschlägt wird nicht auf Dauer zu stämmen sein. Andernfalls nicht nur die Aktie verkaufen, sondern auch den Account löschen oder nicht mehr benutzen.
fehleinschätzung 22.03.2018
5. Daten zu saugen ist doch sicherlich nicht
das Problem. Viel entscheidender ist, was damit gemacht wird und mit welchen "Ergebnissen" man oder Andere konfrontiert wird. In wieweit man mit meinen Daten die amerikanische Wahl gewinnen kann, weiß ich nicht. Viel entscheidender wird sein, ob es ausschließlich für harmlose Werbung genutzt wird (einmal nach rosa Gummistiefeln gesucht - erscheint überall Werbung für rosa Gummistiefel) oder ob man tatsächlich versucht Wahlen zu beeinflussen oder Kriege anzuzetteln. Also von mir aus darf Facebook weiter so viele Daten sammeln wie sie wollen, sofern uns dadurch keine "Nachteile" entstehen. Vielleicht sollte Zuckerberg persönlich für den entstandenen Schaden aufkommen: dann wäre er mit allem anderen wohl fixer als jetzt...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.