Videodienst Watch Das taugen Serien im Facebook-Fernsehen

Mit der edlen Serie "Sorry for Your Loss" will Facebook seine Videoplattform Watch gegen Netflix und Amazon Prime positionieren. Was bietet der Dienst seinen Nutzern?

Screenshot "Sorry for Your Loss"
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Screenshot "Sorry for Your Loss"

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Das neue goldene Fernsehzeitalter ist noch lange nicht vorbei. Knapp 500 fiktionale Serien gab es laut einer Schätzung des Kabelsenders FX 2017 in den USA zu sehen, mehr als doppelt soviel wie noch 2010.

Vor allem online geht der Boom ungebrochen weiter: Über 100 der Sendungen kamen von Streaming-Diensten wie Netflix und Amazon Prime, auch YouTube ist mittlerweile mit einem Premium-Angebot im Geschäft. Da überrascht es kaum, dass jetzt auch Facebook Fernsehen machen will.

Seit einem Jahr gibt es die Video-Plattform Facebook Watch in den USA, seit September soll sich das Angebot nun überall ausbreiten, auch in Deutschland. Bewegte Bilder sind in den Newsfeeds der Facebook-Nutzer nichts Neues, seit Jahren gewinnen Video-Inhalte massiv an Bedeutung. Die neue Plattform aber bündelt alle Inhalte an einem Ort, vom Katzen-Filmchen über einen CNN-Clip bis zur eigens produzierten Serie.

Es ist kein Zufall, dass Facebook Watch seinen Weltstart mit der Eigenproduktion "Sorry for Your Loss" begeht. Darin spielt "Avengers"-Star Elizabeth Olsen eine junge kalifornische Witwe, die für das hohle Mitgefühl von Freunden, Verwandten und völlig Unbekannten nur Verachtung übrig hat, aber allein erst recht keinen Weg aus der grenzenlosen Wut und Trauer findet. Eine komplizierte, düstere Figur in einer komplexen Serie mit nur vorsichtig dosierten Lichtmomenten. Ein Kritikerliebling, schwer preisverdächtig, und eine Ansage an Netflix und Amazon: Für Qualitätsfernsehen braucht man in Zukunft kein Abo.

Die Einschaltquoten sind direkt einsehbar

Denn Facebook Watch bleibt kostenlos. "Es gibt keine Pläne für einen zahlungspflichtigen Bereich", sagt Sprecher Stefan Meister, der den Start von Facebook Watch in Deutschland betreut. Was allerdings bedeutet, dass jederzeit mit einer Werbepause gerechnet werden muss. Eine halbstündige Show wie "Sorry for Your Loss" kann bis zu drei Mal für einen Spot unterbrochen werden. Für Puristen und Fans von TV-Marathons ein Albtraum. Allerdings gibt es ohne Werbung auch bei YouTube schon lange fast keinen Clip mehr umsonst, die Nutzer sind den Kummer mittlerweile gewöhnt.

Im November gibt es mit "Queen America" bei Facebook Watch das nächste selbst produzierte und starbesetzte TV-Ereignis, eine mehrteilige Schönheitsköniginnen-Satire mit Catherine Zeta-Jones. Doch ob das soziale Netzwerk damit weiter zu den Prestige-Königen unter den Streamingdiensten aufschließt, ist unwahrscheinlich. Denn auch wenn anspruchsvolles Fernsehen wie "Sorry for Your Loss" Renommee und Glaubwürdigkeit bringt, bleiben solche Shows ein Nischenprogramm.

Und das sieht man. Im Gegensatz zu Netflix und Amazon, die niemals Einschaltquoten herausgeben, wird bei jedem Facebook-Video angezeigt, wie oft (aber nicht wie lang) es aufgerufen wurde. Die erste Folge des Trauer-Dramas hat seit Mitte September über 3,5 Millionen Besucher verzeichnet. Die drei nächsten Folgen bewegen sich jeweils eher im Bereich von 50.000 Klicks, obwohl sie zeitgleich gestartet sind. Ein klassischer Fernsehsender würde die Serie nach so einem Quotensturz wohl sofort absetzen.

Massives Bekanntheitsproblem in den USA

Bei Facebook gibt man sich gelassen. "Es ist noch zu früh, um für "Sorry for Vour Loss" ein Fazit zu ziehen", sagt Unternehmenssprecher Meister. "Generell stehen wir mit Original-Content noch am Anfang." Grundsätzlich könne man sagen, dass Videos auf Facebook "oft erst über einen längeren Zeitraum hinweg Verbreitung und damit viele Views erreichen".

Wichtiger als hohe Zuschauerzahlen dürfte in diesem Fall ohnehin die generelle Aufmerksamkeit sein, die Facebook Watch mit der Berichterstattung über die neue Serie erreicht hat. Nach der Klasse kommt die Masse, so die Hoffnung. Denn in den USA hat die Videoplattform auch nach einem Jahr noch ein massives Bekanntheitsproblem: Laut einer Umfrage kennen 50 Prozent der erwachsenen US-Facebook-Nutzer den Dienst gar nicht erst, etwa ein Viertel hat zwar davon gehört, ihn aber nicht genutzt. Gerade einmal sechs Prozent haben angegeben, den Dienst täglich anzusteuern.

Facebook Watch integriert sich allerdings auch betont unauffällig in das allgemeine Facebook-Erlebnis. Bei mobilen Geräten führt ein kleiner Icon in Form eines Fernsehers am Rand der Nutzeroberfläche zur sogenannten WatchList (Videos von Seiten, denen die Nutzerin oder der Nutzer folgt) und zum Watch-Feed (Videos, die der Facebook-Algorithmus empfiehlt). Für den Desktop gibt es in Deutschland noch keine richtige Verknüpfung. Stefan Meister sagt, dass man an einer Lösung arbeite - er macht aber auch keinen Hehl daraus, dass heutzutage ohnehin kaum jemand über den Desktop auf Facebook zugreift. Plattformen wie Apple TV oder Samsung Smart TV machen den Zugang über den Fernseher möglich.

Bloß kein Sex und Gewalt nur in Maßen

Auf Facebook Watch gelangen automatisch alle Videos von Seiten, die mindestens 5000 Follower haben. Sie müssen über drei Minuten lang sein (darunter traut man sich keine Werbeunterbrechungen) und den üblichen Facebook-Standards genügen - also bloß kein Sex und Gewalt nur in Maßen. Wenn man sich das bisherige Show-Angebot neben "Sorry for Your Loss" anguckt, findet man vor allem leicht verdauliche Teenie-Shows in 15-Minuten-Häppchen wie "Turnt", "Five Points" oder "Strangers", Talk-Show-Hits wie "Red Table Talk" mit Jada Pinkett Smith und unendlich viele Nachrichten-Shows und Doku-Serien. Nichts, was eine allzu große Aufmerksamkeitsspanne erfordert.

Facebook-Manager Jens Uwe Bornemann hat in einem Interview mit dem Branchendienst Meedia schon angedeutet, dass renommierte Eigenproduktionen in Zukunft eher eine untergeordnete Rolle spielen werden, spezifisch für den deutschen Markt soll vonseiten Facebook zunächst gar nichts produziert werden. Es sei aber "jedem Partner freigestellt, mehr Inhalte hochzuladen". Dazu wolle man durch neue "Monetarisierungsmöglichkeiten" ermuntern: 55 Prozent der Werbeeinnahmen gehen an den Partner, der Rest an Facebook. Goldene Zeiten, in der Tat.



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