Bestatterin über Onlinenachlass "Die Mehrheit entscheidet sich fürs Löschen"

Was passiert mit dem Facebook-Konto einer Toten? Der BGH hat in einem Streitfall geurteilt. Hier spricht eine Bestatterin über schwierige Entscheidungen für Angehörige und wie sie digitale Nachlässe regelt.

Urnengräber (im westfälischen Hagen)
picture alliance / Bernd Thissen

Urnengräber (im westfälischen Hagen)

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Der Streitfall war viel beachtet, nun hat der Bundesgerichtshof (BGH) in Karlsruhe sein mit Spannung erwartetes Urteil verkündet: Facebook muss den Eltern eines toten Mädchens als Erben Zugang zu dem seit fünfeinhalb Jahren gesperrten Nutzerkonto der Tochter gewähren (alle Hintergründe zum Fall hier).

Der BGH hat damit in letzter Instanz anders entschieden als das Berliner Kammergericht, das im vorigen Urteil die Sperre noch bestätigt hatte. Eine zentrale Frage des Streitfalls war, ob das digitale Erbe dem analogen gleichgestellt werden darf. Auch Briefe und Tagebücher gingen an die Erben über, argumentierte der Vorsitzende Richter Ulrich Herrmann bei der Urteilsverkündung nun. Es bestehe kein Grund, digitale Inhalte anders zu behandeln. Die Tochter habe mit Facebook einen Nutzungsvertrag geschlossen, und die Eltern seien als Erben in diesen Vertrag eingetreten.

Wir haben bei einer Bestattungsberaterin aus Berlin zum Thema digitales Erbe nachgefragt. Für Menschen, die ihr Onlinevermächtnis regeln möchten, hat sie einige wichtige Ratschläge.

SPIEGEL ONLINE: Frau Mielau, der BGH hat gerade über einen Streitfall zum digitalen Erbe entschieden. Ist der Onlinenachlass in Ihrer Arbeit als Bestattungsberaterin schon Thema?

Juliane Mielau: Auf jeden Fall. Fragen dazu kommen immer häufiger. Die aktuelle Generation der Älteren hat meist noch nicht so viele digitale Spuren hinterlassen. Aber das wird sich ändern, denn viele Jüngere bauen weitverzweigte Onlinepräsenzen auf.

SPIEGEL ONLINE: Welche konkreten Anliegen haben die Menschen?

Mielau: Vielen fallen zuallererst die E-Mail-Konten ein, auch an beliebte Onlineshops wie Amazon denken viele. Stirbt ein Angehöriger, wissen viele nicht, wie sie dessen Konten schließen oder in irgendeiner Form abwickeln sollen. Denn sie kennen die Zugangsdaten nicht.

Zur Person
    Juliane Mielau, 30, arbeitet als Bestattungsberaterin für die Ahorn Gruppe in Berlin. Die gelernte Bestattungsfachfrau ist bereits seit knapp elf Jahren in dem Berufsfeld tätig.

SPIEGEL ONLINE: Und was vergessen die Menschen häufig?

Mielau: An Kundenkarten im Portemonnaie denken wenige. Das kann aber unangenehme Folgen haben. Zum Beispiel, wenn ein Dienst dem Verstorbenen pünktlich zu dessen nächsten Geburtstag per Post einen Einkaufsgutschein zuschickt und er bei Angehörigen landet.

SPIEGEL ONLINE: Kundenkarten, Amazon-Konto, E-Mails: Sehen Sie sich als Bestatterin überhaupt als zuständig für so etwas an?

Mielau: Definitiv. Bestatter sollten Angehörigen nach einem Todesfall so viel wie möglich abnehmen. Vor zehn Jahren ging es vielleicht nur um die Abmeldung bei der Renten- oder Krankenversicherung des Verstorbenen. Aber durch die Digitalisierung ist das Themenfeld viel größer geworden.

SPIEGEL ONLINE: Wie gehen Sie bei Ihrer Arbeit vor?

Mielau: Ich muss mir zunächst einen Überblick verschaffen, bei welchen Onlinediensten der Verstorbene angemeldet war. Dazu arbeiten wir mit einem externen Dienstleister zusammen, der sich auf digitale Nachlässe spezialisiert hat. Auf Wunsch der Angehörigen werden über den digitalen Nachlassdienst automatisiert Anfragen an mehrere Hundert Anbieter gestellt, ob der Verstorbene dort ein Kundenkonto hatte. Angehörige erhalten darüber dann eine Aufstellung, die sie über das Onlineportal einsehen können.

SPIEGEL ONLINE: Und was passiert mit den Konten?

Mielau: Es gibt zwei Optionen: Die Hinterbliebenen können alle gefundenen Konten schließen und löschen oder sie an die Erben übertragen lassen. Die Mehrheit entscheidet sich fürs Löschen.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Mielau: In vielen meiner Beratungsgespräche fällt der Satz: 'Ich möchte auch irgendwann abschließen können.' Durch den Fortbestand von digitalen Konten des Verstorbenen, die immer weiter gepflegt werden müssen, fällt das schwerer.

SPIEGEL ONLINE: Aber theoretisch könnten Angehörige so Zugriff auf das Facebook-Konto eines Verstorbenen bekommen, ohne den Login zu kennen?

Mielau: Nein, dieser Fall ist ausgeschlossen. Ich weiß aus Erfahrung, dass Facebook sehr restriktiv ist. Schließlich muss der Dienst auch daran denken, dass Nachrichten Dritter betroffen sind, wenn ein Hinterbliebener beispielsweise Zugang zu den Chats eines Verstorbenen erhalten möchte, wie es im aktuellen Gerichtsfall war. Bei Facebook haben wir nur die Möglichkeit, das Konto schließen zu lassen. Das klappte bisher immer problemlos. Die BGH-Entscheidung müssen wir Bestatter uns genau ansehen, denn sie wird unsere Arbeit auf jeden Fall beeinflussen. Es ist ein wegweisendes Urteil, das lässt sich jetzt schon sagen.

SPIEGEL ONLINE: Ein Dienst, mit dem man eine Person digital ausradieren oder deren Onlinekonten kontrollieren kann - hat das nicht enormes Missbrauchspotenzial?

Mielau: Der Dienst, den wir nutzen, ist sicher und arbeitet ausschließlich mit Bestattungsunternehmen zusammen. Nur bestattungspflichtige Personen oder von diesen Bevollmächtigte mit entsprechendem Nachweis können Auskunft erhalten.

SPIEGEL ONLINE: Niemand denkt gerne über seinen Tod nach. Aber was können Menschen tun, die ihren Angehörigen möglichst wenig Arbeit machen wollen in Sachen digitales Erbe?

Mielau: Heutzutage braucht der Bestatter nicht nur das Stammbuch. Bestenfalls gibt es eine Aufstellung aller Onlinekonten, von sozialen Netzwerken bis zu Onlinehändlern. Man kann dann einer Vertrauensperson verraten, wo man Informationen notiert hat, zum Beispiel den Nutzernamen für ein Konto oder die genaue E-Mail-Adresse. Solche Vorkehrungen können Hinterbliebene schon entlasten.

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