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13. Januar 2013, 14:58 Uhr

Niederländisches Projekt

Das Smartphone des reinen Gewissens

Von Benjamin Dürr

Designer aus Amsterdam entwickeln ein Fair-Trade-Smartphone. Es soll mit Android laufen und 2013 auf den Markt kommen, vor allem aber soll es unter fairen Arbeitsbedingungen entstehen, ohne Rohstoffe aus Bürgerkriegsregionen gefertigt werden. Ist das überhaupt möglich - und bezahlbar?

Es geht um Bürgerkriege, Hungerlöhne, Kinderarbeit, Ressourcenverschwendung. "Ganz viele Probleme der Welt sind in jedem einzelnen Handy enthalten", sagt Bas van Abel. Der Designchef der niederländischen Stiftung Waag Society entwickelt ein Smartphone, das diese Probleme nicht mit sich bringt. In Amsterdam arbeitet er mit drei anderen Designern und Ingenieuren am FairPhone, einem Fair-Trade Handy.

Das Gerät soll nachhaltig sein und sozial- und umweltverträglich hergestellt werden. Im dritten Quartal 2013 soll eine erste Version auf den Markt kommen. Unterstützt wird das Projekt unter anderem auch von den Mobilfunkfirmen Vodafone und KPN. Das FairPhone soll mit Android laufen. 250 bis 300 Euro soll das FairPhone ohne Vertrag im Handel kosten.

Einen funktionierenden Prototypen des Geräts hat Projektleiter Bas van Abel noch nicht. Damit das Projekt erfolgreich ist und ein bezahlbares Gerät auf dem Markt kommt, muss van Abel eine Reihe Probleme lösen.

Rohstoffe, Arbeitsbedingungen, Recycling - die Probleme der Smartphone-Branche und wie die FairPhone-Macher sie lösen wollen:

Schwierigkeit 1: Transparenz und Herkunft der Rohstoffe

Etwa 60 verschiedene Stoffe sind in jedem Handy enthalten. Das Kupfer kann aus Minen in den verschiedensten Staaten stammen, heißt es in einer Studie des Südwind-Instituts zur Wertschöpfungskette von Mobiltelefonen. Andere Metalle gibt es nur in wenigen Regionen: Tantal und Coltan werden vor allem im Kongo abgebaut. Dort landen die Einnahmen aus dem Verkauf der Metalle allerdings häufig in den Kassen bewaffneter Gruppen einer der Bürgerkriegsfraktionen.

Statt alle Rohstoffe auf einmal ersetzen zu wollen, richten sich die Entwickler des FairPhones auf wenige Alternativen, die es heute bereits gibt: Bei Gold zum Beispiel arbeiten die Amsterdamer mit der Initiative Fairgold zusammen, die auf die Herkunft und die Arbeitsbedingungen beim Goldabbau achtet. Auch Tantal und Zinn für das FairPhone stammen aus zertifizierten Minen. Die Niederländer setzen dabei auf bestehende Mechanismen: Zurzeit entstehen weltweit Ansätze zur Kontrolle der Rohstoff-Herkunft. Das hat eine Passage im Dodd-Frank Act, einem US-Gesetz zur Regulierung der Finanzmärkte, beigetragen. US-Unternehmen werden gezwungen, die Herkunft bestimmter Rohstoffe nachzuweisen, Staaten müssen belegen, dass ihre exportierten Rohstoffe nicht aus Konfliktstaaten wie dem Kongo stammen.

Bei wie vielen der verwendeten Rohstoffe die FairPhone-Macher die Herkunft aus Nicht-Krisenregionen eindeutig nachweisen können, ist derzeit unklar. Schwierig wird das mit Sicherheit. Der Autor der Südwind-Studie Friedel Hütz-Adams sagt: "Für kleine Initiativen wie die in den Niederlanden ist die Recherche und der Überblick allerdings sehr aufwendig." Einfacher wäre es, die großen Unternehmen würden Kontrollmechanismen einführen - oder die Verarbeitungskette vereinfachen.

Schwierigkeit 2: Faire Zulieferer und Arbeitsbedingungen

Elektrogeräte werden häufig unter schlechten Arbeitsbedingungen produziert. Die FairPhone-Initiative sucht hier Alternativen: Zurzeit wählen die Entwickler in Amsterdam Zulieferer aus, die sich an bestimmte, von FairPhone definierte Standards halten. Die Kondensatoren sollen in einer tschechischen Fabrik gebaut werden; zusammengesetzt werden soll das FairPhone von einem chinesischen Original Design Manufacturer (ODM).

Wie bei den Rohstoffen lassen sich auch hier nicht alle Probleme auf einmal lösen. Kinderarbeit könne man wohl auch in der Produktionskette des FairPhones nicht völlig ausschließen, räumt FairPhone-Macher van Abel ein. "Wir haben als kleines Start-up-Unternehmen zum Beispiel keinen Einfluss auf die Zulieferer unserer Zulieferer", bedauert der Projektleiter. Er sieht das Projekt als ersten Schritt in einem längeren Prozess hin zu fair-produzierten Elektrogeräten.

Schwierigkeit 3: Design, Gebrauch und Recycling

Viele Smartphones lassen sich nicht reparieren, oft ist selbst der Akku fest verklebt. Die Entwickler des FairPhones wollen ein Gerät schaffen, bei dem die einzelnen Teile ausgetauscht werden können. Außerdem wollen sie zwei Steckplätze für Sim-Karten einbauen. Begründung: "Wir glauben, dass damit weniger Geräte nötig sind", sagt Bas van Abel. Wer ein Geschäfts- und ein Privat-Handy habe, brauche damit nur noch ein Gerät. Außerdem vereinfache Dual-Sim das Recycling: Viele Telefone bekommen ein zweites Leben in Entwicklungsländern, wo es häufig kein flächendeckendes Netz gibt und deshalb mit mehreren Sim-Karten telefoniert wird.

Fazit: Das FairPhone könnte ein Anfang sein

Entwickler und Experten sehen das FairPhone positiv, als Anfang einer guten Entwicklung. Johanna Kusch von der Organisation German Watch hat untersucht, warum es bisher noch keine fairen Handys gibt. Sie bewertet das FairPhone so: "Das Projekt in Amsterdam zeigt, dass es alternative Produktionsmöglichkeiten und auch einen Markt gibt." Kusch erklärt: "Unternehmen haben es mit mangelnder Nachfrage begründet."

KPN, der größte Mobilfunkkonzern in den Niederlanden, hat bereits den Kaufvertrag für 5000 FairPhones unterschrieben, sagt Bas van Abel. Auch mit T-Mobile und Vodafone verhandele man.

Auch Friedel Hütz-Adams vom Südwind-Institut ist zuversichtlich: "Vor 20 Jahren hatten wir die gleiche Diskussion, als es um die Probleme in der Textilindustrie ging." Heute gibt es Kontrollen, Transparenz und ein Bewusstsein bei Modekonzernen und Verbrauchern.

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