Betrug im Internet: Fakeshop-Bandenchef zu sieben Jahren Haft verurteilt

Seine Kunden bestellten Fernseher und Goldbarren im Internet, "Hansi" nahm das Geld - und lieferte nichts. Als Kopf der sogenannten Fakeshop-Bande wurde der junge Mann nun zu sieben Jahren Haft verurteilt. Die Gruppe soll mehr als 1600 Opfer abgezockt haben.

Angeklagter im Landgericht Augsburg: "Hansi" und seine Bande zockten online ab Zur Großansicht
DPA

Angeklagter im Landgericht Augsburg: "Hansi" und seine Bande zockten online ab

Augsburg - Zu Hunderten sind Online-Kunden auf seine Masche hereingefallen, doch vor Gericht zeigt der Internetbetrüger keine Reue. Im Netz verkaufte "Hansi" mit seinen Komplizen in Shops wie elektro-geizhals.de oder gold-shop-24.com gegen Vorkasse Waren wie Laptops, Silbermünzen und sogar Goldbarren, die er allerdings nie lieferte - weil es sie gar nicht gab.

Mit versteinerter Miene sitzt der 23-Jährige am Dienstag auf der Anklagebank, als die Kammer des Augsburger Landgerichts ihn zu sieben Jahren Haft wegen millionenschweren Betrugs verurteilt. Nach der Verkündung erhebt sich der Anführer der "Fakeshop-Bande" kurz und ruft aufgebracht: "Ich habe nichts mehr zu sagen."

Nichts zu sagen war seine Strategie im gesamten Verfahren - am Ende wurde es ihm zum Verhängnis, dass er sich zu den Vorwürfen nicht hatte äußern wollen. Bandenmitglieder identifizierten ihn als Anführer und kamen mit milderen Strafen davon. Zum Prozessauftakt standen vier Angeklagte aus Nordrhein-Westfalen vor Gericht, später wurden drei der Verfahren abgetrennt. Die Bandenmitglieder wurden zu Strafen von bis zu vier Jahren Haft verurteilt. Die anderen Täter hätten sich zum Teil auf Kosten des 23-Jährigen reingewaschen, gibt Staatsanwalt Andreas Straßer zu bedenken. Der Verurteilte kündigte Revision an.

1609 Opfer ermittelt - und es sind noch mehr

"Teile dieser Tat werden im Dunkeln bleiben", ist der Staatsanwalt überzeugt. Es gebe sicherlich noch weit mehr von den Online-Shops Geschädigte als die ermittelten 1609 Personen. Dem Verfahren kommt aus Sicht der Staatsanwaltschaft eine hohe Bedeutung zu. Der Prozess habe Signalwirkung: Die Täter merkten, dass sie nicht davonkämen, und die Opfer sähen, dass es sich doch lohne, Anzeige zu erstatten.

Staatsanwalt Straßer appelliert an die Kammer: "Die Signalwirkung des Verfahrens sollte sich auch im Urteil niederschlagen." Die sieben Jahre Haft sind nach Einschätzung des Vorsitzenden Richters eine "recht hohe Gesamtfreiheitsstrafe". Landeskriminalamtspräsident Peter Dathe hatte das Verfahren "in seiner Dimension bisher einzigartig" genannt. Bei den Ermittlungen war auch einer der umstrittenen Staatstrojaner zum Einsatz gekommen.

Der Betrug wurde professionell durchgezogen - darin sind sich alle einig. Internet-Shops wurden entworfen und zum Teil an das Layout von real existierenden Firmen angelehnt. Die angebotene Ware war zwar günstiger als die marktüblichen Preise, aber nicht so günstig, dass arglose Käufer gleich Verdacht schöpften. Das Geld überwiesen sie auf Konten zahlreicher sogenannter Finanzagenten - Menschen, die ihr Konto gegen eine Beteiligung für die Geschäfte zur Verfügung stellen, in der Regel schnell auffliegen und für die Betrüger im Hintergrund leicht austauschbar sind.

"Gewinnmaximierung um jeden Preis"

Die Kammer verurteilt den Mann nach Erwachsenenstrafrecht, obwohl er während der Tatzeit zwischen 2009 und 2011 zum Teil noch Heranwachsender war. "Es ist eine Tat, die ein Jugendlicher oder Reifeverzögerter nie hätte durchführen können", sagt der Staatsanwalt. Schließlich gab der 23-Jährige "Hansi" auch deutlich älteren Bandenmitgliedern Anweisungen.

Die Bande spähte außerdem Daten von Bankkunden aus, indem sie - angeblich im Namen der Bank - massenhaft E-Mails schrieb und um die Herausgabe von Pin- und Tan-Kennungen für Online- und Telefonbanking bat. Zum Teil ging diese Masche auf: Von sieben Tagesgeldkonten räumte die "Fakeshop-Bande" Geld ab. Der 23-Jährige schreckte auch nicht davor zurück, Forenbetreibern, die vor der Bande warnten, Gewalt anzudrohen. "Gewinnmaximierung um jeden Preis könnte man das nennen", sagt Staatsanwalt Straßer.

Im Mai 2011 gelang den Ermittlern der große Schlag gegen die "Fakeshop-Bande", nachdem Landeskriminalamt und Staatsanwaltschaft ihr eineinhalb Jahre lang auf den Fersen gewesen waren. Bundesweit durchsuchten mehr als 170 Polizisten rund 30 Wohnungen und Büros. Es gab mehrere Festnahmen. Auf die Spur der Bande kamen die Ermittler 2009 durch den Tipp eines Elektro-Unternehmers. Bei ihm waren mehrere Anfragen von frustrierten Käufern eingegangen, die auf einer Webseite Waren bestellt und nie bekommen hatten. Das Impressum der Seite verwies - leicht verändert - auf die Firma, die allerdings ahnungslos war.

Christine Cornelius, dpa/ore

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Netzwelt
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Web
RSS
alles zum Thema Internetkriminalität
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Zur Startseite
Schad- und Spähsoftware
Klicken Sie auf die Stichworte, um mehr zu erfahren
Trojaner
Wie das Trojanische Pferd in der griechischen Mythologie verbergen Computer-Trojaner ihre eigentliche Aufgabe (und Schädlichkeit!) hinter einer Verkleidung. Meist treten sie als harmlose Software auf: Bildschirmschoner, Videodatei, Zugangsprogramm. Sie werden zum Beispiel als E-Mail-Anhang verbreitet. Wer das Programm startet, setzt damit immer eine verborgene Schadfunktion ein: Meist besteht diese aus der Öffnung einer sogenannten Backdoor , einer Hintertür, die das Computersystem gegenüber dem Internet öffnet und durch die weitere Schadprogramme nachgeladen werden.
Virus
Computerviren befallen vorhandene Dateien auf den Computern ihrer Opfer. Die Wirtsdateien funktionieren – zumindest eine Zeit lang - weiterhin wie zuvor. Denn Viren sollen nicht entdeckt werden. Sie verbreiten sich nicht selbständig, sondern sind darauf angewiesen, dass Computernutzer infizierte Dateien weitergeben, sie per E-Mail verschicken, auf USB-Sticks kopieren oder in Tauschbörsen einstellen. Von den anderen Schad- und Spähprogrammen unterscheidet sich ein Virus allein durch die Verbreitungsmethode. Welche Schäden er anrichtet, hängt allein vom Willen seiner Schöpfer ab.
Rootkit
Das kleine Kompositum führt die Worte "Wurzel" und "Bausatz" zusammen: "Root" ist bei Unix-Systemen der Benutzer mit den Administratorenrechten, der auch in die Tiefen des Systems eingreifen darf. Ein "Kit" ist eine Zusammenstellung von Werkzeugen. Ein Rootkit ist folglich ein Satz von Programmen, die mit vollem Zugriff auf das System eines Computers ausgestattet sind. Das ermöglicht dem Rootkit weitgehende Manipulationen, ohne dass diese beispielsweise von Virenscannern noch wahrgenommen werden können. Entweder das Rootkit enthält Software, die beispielsweise Sicherheitsscanner deaktiviert, oder es baut eine sogenannte Shell auf, die als eine Art Mini-Betriebssystem im Betriebssystem alle verdächtigen Vorgänge vor dem Rechner verbirgt. Das Gros der im Umlauf befindlichen Rootkits wird genutzt, um Trojaner , Viren und andere zusätzliche Schadsoftware über das Internet nachzuladen. Rootkits gehören zu den am schwersten aufspürbaren Kompromittierungen eines Rechners.
Wurm
Computerwürmer sind in der Praxis die getunte, tiefergelegte Variante der Viren und Trojaner. Im strengen Sinn wird mit dem Begriff nur ein Programm beschrieben, das für seine eigene Verbreitung sorgt - und der Programme, die es transportiert. Würmer enthalten als Kern ein Schadprogramm , das beispielsweise durch Initiierung eines eigenen E-Mail-Programms für die Weiterverbreitung von einem befallenen Rechner aus sorgt. Ihr Hauptverbreitungsweg sind folglich die kommunikativen Wege des Webs: E-Mails, Chats, AIMs , P2P-Börsen und andere. In der Praxis werden sie oft als Vehikel für die Verbreitung verschiedener anderer Schadprogramme genutzt.
Drive-by
Unter einem Drive-by versteht man die Beeinflussung eines Rechners oder sogar die Infizierung des PC durch den bloßen Besuch einer verseuchten Web-Seite. Die Methode liegt seit einigen Jahren sehr im Trend: Unter Ausnutzung aktueller Sicherheitslücken in Browsern und unter Einsatz von Scripten nimmt ein auf einer Web-Seite hinterlegter Schadcode Einfluss auf einen Rechner. So werden zum Beispiel Viren verbreitet, Schnüffelprogramme installiert, Browseranfragen zu Web-Seiten umgelenkt, die dafür bezahlen und anderes. Drive-bys sind besonders perfide, weil sie vom PC-Nutzer keine Aktivität (wie das Öffnen einer E-Mail) verlangen, sondern nur Unvorsichtigkeit. Opfer sind zumeist Nutzer, die ihre Software nicht durch regelmäßige Updates aktuell halten - also potentiell so gut wie jeder.
Botnetz
Botnets sind Netzwerke gekidnappter Rechner - den Bots. Mit Hilfe von Trojaner-Programmen, die sie beispielsweise durch manipulierte Web-Seiten oder fingierte E-Mails auf die Rechner einschleusen, erlangen die Botnet-Betreiber Zugriff auf die fremden PC und können sie via Web steuern. Solche Botnets zu vermieten, kann ein einträgliches Geschäft sein. Die Zombiearmeen werden unter anderem genutzt, um millionenfache Spam-Mails zu versenden, durch eine Vielzahl gleichzeitiger Anfragen Web-Seiten in die Knie zu zwingen oder in großem Stile Passwörter abzugrasen. (mehr bei SPIEGEL ONLINE)
Fakeware, Ransomware
Das Wort setzt sich aus "Fake", also "Fälschung", und "Ware", der Kurzform für Software zusammen: Es geht also um "falsche Software" . Gemeint sind Programme, die vorgeben, eine bestimmte Leistung zu erbringen, in Wahrheit aber etwas ganz anderes tun. Häufigste Form: angebliche IT-Sicherheitsprogramme oder Virenscanner. In ihrer harmlosesten Variante sind sie nutzlos, aber nervig: Sie warnen ständig vor irgendwelchen nicht existenten Viren und versuchen, den PC-Nutzer zu einem Kauf zu bewegen. Als Adware-Programme belästigen sie den Nutzer mit Werbung.

Die perfideste Form aber ist Ransomware : Sie kidnappt den Rechner regelrecht, macht ihn zur Geisel. Sie behindert oder verhindert das normale Arbeiten, lädt Viren aus dem Netz und stellt Forderungen auf eine "Reinigungsgebühr" oder Freigabegebühr, die nichts anderes ist als ein Lösegeld: Erst, wenn man zahlt, kann man mit dem Rechner wieder arbeiten. War 2006/2007 häufig, ist seitdem aber zurückgegangen.
Zero-Day-Exploits
Ein Zero-Day-Exploit nutzt eine Software-Sicherheitslücke bereits an dem Tag aus, an dem das Risiko überhaupt bemerkt wird. Normalerweise liefern sich Hersteller von Schutzsoftware und die Autoren von Schadprogrammen ein Kopf-an-Kopf-Rennen beim Stopfen, Abdichten und Ausnutzen bekanntgewordener Lücken.
Risiko Nummer eins: Nutzer
Das größte Sicherheitsrisiko in der Welt der Computer sitzt vor dem Rechner. Nicht nur mangelnde Disziplin bei nötigen Software-Updates machen den Nutzer gefährlich: Er hat auch eine große Vorliebe für kostenlose Musik aus obskuren Quellen, lustige Datei-Anhänge in E-Mails und eine große Kommunikationsfreude im ach so informellen Plauderraum des Webs. Die meisten Schäden in der IT dürften von Nutzer-Fingern auf Maustasten verursacht werden.
DDoS-Attacken
Sogenannte distribuierte Denial-of-Service-Attacken (DDoS) sind Angriffe, bei denen einzelne Server oder Netzwerke mit einer Flut von Anfragen anderer Rechner so lange überlastet werden, bis sie nicht mehr erreichbar sind. Üblicherweise werden für solche verteilten Attacken heutzutage sogenannte Botnetze verwendet, zusammengeschaltete Rechner, oft Tausende oder gar Zehntausende, die von einem Hacker oder einer Organisation ferngesteuert werden.


E-Book-Tipp
  • Christian Stöcker:
    Spielmacher
    Gespräche mit Pionieren der Gamesbranche.

    Mit Dan Houser ("Grand Theft Auto"), Ken Levine ("Bioshock"), Sid Meier ("Civilization"), Hideo Kojima ("Metal Gear Solid") u.v.A.

    Kindle Edition: 1,99 Euro.

  • Einfach und bequem: Direkt bei Amazon bestellen.