Familien-Communitys: Opa 2.0

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Studenten, Manager, Musikfans - für jede Gruppe gibt es riesige Online-Communitys. Nur die Mutter aller Netzwerke fehlte bisher: die Familie. Anbieter wie Familyone und verwandt.de wollen das nun ändern. Die Resonanz ist riesig, Investoren stehen Schlange.

Familienforschung galt bislang als Hobby leicht spleeniger aber durchaus sympathischer Sonderlinge. Nun entdecken Online-Startups das Thema - und wollen es mit Neon-Farben, Comic-Avataren und Web-2.0-Spielkram zu einem Millionengeschäft ausbauen.

In Communitys wie Familiyone oder dem gerade gelaunchten Verwandt.de sollen Oma, Opa, Onkel, Tante, Vater, Mutter, Kind werbefinanziert nach ihren Wurzeln suchen, Stammbäume erstellen, Fotoalben anlegen, Familiengeschichte rekonstruieren.

Das Prinzip ist immer dasselbe: Ein Familienmitglied legt einen Stammbaum an, in den es sich und die ihm bekannten Verwandten einträgt. Familienmitglieder, die im Baum eingetragen sind, können per E-Mail eingeladen werden, ihr Familienwissen beizusteuern.

Emotional appellieren die Online-Familien-Netzwerke an das menschliche Grundbedürfnis, die eigene Identität über Herkunft zu definieren. Und an das menschliche Interesse an Geschichte und Geschichten: Kriege, Flucht, Vertreibung, 40 Jahre deutsche Teilung oder der Weberaufstand haben die Lebensläufe geprägt; Familiengeschichte ist in diesem Spannungsfeld personalisierte Weltgeschichte.

Ahnenforschung für die Massen

Die massenkompatiblen Ahnenforschungsseiten ("Social Family Communitys") ähneln strukturell den halböffentlichen Business-Netzwerken wie Xing: Familien-Informationen sind nur den Mitgliedern des jeweiligen Stammbaums zugänglich. Vorbild ist, wie so oft, Amerika. Das dort größte Familien-Netzwerk Ancestry.com zählt nach eigenen Angaben 2,5 Millionen Stammbäume. Geni.com, ein anderes Portal, das erst im Januar online gegangen ist, hat laut Begründer und ehemaligem PayPal-Manager David Sacks bereits mehrere hunderttausend flashanimierte Sippschafts-Geflechte in der Datenbank.

Auch in Deutschland scheint das Interesse an den eigenen Wurzeln groß zu sein: Laut einer Umfrage des Instituts für Demoskopie in Allensbach haben 14 Prozent der Deutschen schon einmal selbst nach ihren Vorfahren geforscht, 30 Prozent gaben an, dass jemand anders aus der Familie Nachforschungen angestellt habe. Jeder zweite Befragte sagte, er würde gern mehr über seine Vorfahren wissen.

Dementsprechend brummen die deutschen Dienste: Familyone, am 26. März gestartet, hat nach Angaben von Pressesprecherin Irmgard Pirkl bereits 30.000 Mitglieder. Als Investoren sind der European Funders Fund der Samwer-Brüder (Jamba) und seit 1. Juni auch Holtzbrinck Ventures im Boot. Verwandt.de, am 26. Juni gelauncht, hat laut Pressesprecher Sven Schmidt bereits nach zwei Tagen rund 25.000 registrierte User.

Zum Vergleich: Der Verein für Computergenealogie, der bislang größte Anlaufpunkt für Ahnenforscher, hat etwa 2650 Mitglieder und in seinem Online-Angebot rund 30.000 registrierte Nutzer.

Trend oder Blase?

Es scheint, als hätte das Internet seinen nächsten Hype. Ob dieser anhält, ist kaum abzusehen. Skeptiker behaupten nach wie vor, die Deutschen hätten, anders als die Amerikaner, kein Bedürfnis, die eigenen Wurzeln zu kennen. Alle aktuellen Zahlen deuten hingegen auf ein hohes Interesse der Internetgemeinde hin.

Die Investoren hoffen, dass in den Tiefen des Netzes jahrelang ein Schatz geschlummert hat - und findige Start-ups erst jetzt angefangen haben, ihn zu heben. Sie glauben, dass die Online-Familienforschung, die es schon seit Mitte der neunziger Jahre gibt, lediglich einen neuen Anstrich brauchte, um im Mainstream zu zünden: Die Computergenealogen, die selber mal Internet-Pioniere waren, werden gerade von den Hollywood-Versionen ihres Gewerbes überholt.

Riesige Datenbestände liegen seit 1995 brach

Auf den Webseiten der Vereins für Computergenealogie werden Familienbande zu einer riesigen, erforschbaren Datenbank. "1000 bis 2000 Namen hat jeder halbwegs ernsthafte Ahnenforscher in seinem Stammbaum", meint Klaus-Peter Wessel, 46, Chef vom Verein für Computergenealogie. Cracks, die in jeder freien Minute "horizontal entfernten Verwandten" und "vertikalen toten Vorfahren" hinterherjagen, "haben zum Teil hunderttausend Ahnen im Baum".

Als die Welt gerade erst anfing, über Glasfaserkabel zu kommunizieren, erstellten die Computergenealogen bereits riesige Datenbänke: Kirchen- und Gedenkbücher, Todesanzeigen, Belegungslisten von Soldatenfriedhöfen, Steuerregister, Passagierlisten von Schiffen, Migrationsbewegungen von Eisenbahnern in vormals deutschen Ostgebieten - alles wurde digitalisiert, in frei zugängliche Excel-Tabellen eingetippt.

Aus dieser Daten-Infrastruktur bedienen sich nun auch die Freizeitgenealogen von Verwandt.de oder Familyone. Die werbefinanzierten Anbieter haben nämlich noch keine eigenen Datenbestände. "Wer mehr als drei, vier Generationen in die Vergangenheit forschen will, kommt ohne die Daten der Computergenealogen nicht weiter", meint Wessel.

Dass die kommerziellen Anbieter von seinen Seiten profitieren, stört ihn eher wenig: "Einen Stammbaum bis ins Napoleonische Zeitalter schafft man mit den Freizeit-Seiten zwar nicht, aber vielleicht ja durchaus ein interessantes Hobby für die Massen."

Problematisch findet er eher, dass die Hobbygenealogen nicht quellengenau arbeiten. "Da wird kurz irgendwo gekuckt und gesagt: 'Das passt so gut, das ist bestimmt mein Uronkel'." Seine Befürchtung: Einmal niedergeschriebene Fehler könnten sich über die Zeit potenzieren und auch die Arbeit ernsthafter Forscher erschweren.

Vorsicht! Unseriöse Portale

Ganz handfeste Gefahren drohen bei einem anderen Anbieter: Über die Website Genealogie.de bietet eine Briefkastenfirma namens Genealogie Ltd. ihre Dienste an. Wer per Häkchen die AGBs der Seite akzeptiert, verpflichtet sich, für die künftige Nutzung des Portals 60 Euro zu zahlen. Einen Hinweis auf diese Zahlungsverpflichtung findet erst, wer bis zum unteren Ende der Seite scrollt. Das böse Erwachen kommt einige Wochen später, wenn bei den Usern in regelmäßiger Folge Rechnungen, Mahnungen, Anwaltschreiben ins Haus flattern.

Zahlreiche andere URLs, die an Genealogie interessierte Laien wohl intuitiv in Suchmaschinen eingeben würden, leiten zu dem Portal weiter: www.genlogie.de, genlogie.com, genlogie.info, deine-gene.com, dein-stammbaum.de, dein-stammbaum.com, my-ahnen.de, namens-bedeutung.de, namensbedeutungen.de, meine-herkunft.de und ahnen-portal.de. Tückisch ist auch, dass diese URL-Namen denen seriöser Dienste sehr ähneln.

SPIEGEL ONLINE bat Genealogie Ltd. um ein schriftliches Statement zu den Vorwürfen, hat bislang jedoch noch keine Antwort erhalten.

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