Fan-Funding Musik-Fans, bezahlt mich!

Musiker ohne Plattenvertrag erbetteln sich das Kapital für eine Studioproduktion von Fans im Web. Die US-Sängerin Jill Sobule hat's vorgemacht: In 53 Tagen sammelte sie 75.000 Dollar ein. Doch je mehr Musiker diese Quelle anzapfen, desto weniger Geld dürften sie einnehmen.

Von Anna Mielke


Es klingt wie ein Scherz: eine Sängerin bittet ihre Fans, ihr Geld zu schenken, damit sie ein neues Album produzieren kann. Jill Sobule, die Mitte der Neunziger mit "I kissed a girl" einen großen Hit feierte, hatte Pech mit ihren Plattenfirmen.

Jill Sobule: Die Musikerin hat ihr aktuelles Album von Fans finanzieren lassen
AP / Deep Blue Arts

Jill Sobule: Die Musikerin hat ihr aktuelles Album von Fans finanzieren lassen

Zwei hintereinander gingen bankrott. Also beschloss sie, das Album selbst aufzunehmen und zu vermarkten.

Einen Produzenten hatte sie schon, es fehlten nur noch 75.000 Dollar. Anfang des Jahres bat sie im Internet um Spenden - nach 53 Tagen war das Geld zusammen.

Welche ungewöhnlichen Geschenke die Fans als Gegenleistung bekommen sollen, beschreibt Sobule auf ihrer Homepage Jillsnextrecord.com.

Die Extras:

  • Ab 10 Dollar bewegt sich der Spender auf dem "Unpolished Rock Level" und darf sich das Album später gratis herunterladen.
  • Für 500 Dollar bringt die Sängerin den Namen des Spenders in einem Nonsenslied unter.
  • Für 5000 Dollar gibt sie ein Hauskonzert.
  • Mit 10.000 Dollar erreicht der Spender ein "Waffenfähiges-Plutonium-Level" und darf außerdem auf der Platte mitsingen - oder zur Not die Kuhglocke spielen.

Jill Sobule ist nicht die erste Musikerin, die die finanziellen Ressourcen ihrer Fans anzapft. Das Konzept heißt Fan-Funding. Als Erfinder des Internet-basierten Fan-Fundings gelten Marillion. Die Prog-Rocker, die einst die Herren-Leggins salonfähig machten, sollten bei ihrer 1997er Tournee nicht in den USA auftreten, weil ihre Plattenfirma das nicht unterstützte.

Auf einen Internet-Aufruf des Keyboarders Mark Kelly hin brachten Fans 60.000 Dollar zusammen, um die USA-Tour zu ermöglichen. Seitdem hat die Band immer wieder auf die Hilfe ihrer Fans zurückgegriffen.

Artistshare: Mäzene gestalten mit

Musiker sammeln nicht nur über ihre Band-Homepages Geld. Es gibt auch professionelle Fan-Funding-Seiten. Seit 2003 können bei Artistshare.com Fans ihre Künstler fördern. Als Gegenleistung erhalten die Geldgeber "Zugang zum kreativen Prozess", so die Eigenauskunft. Die Spender dürfen etwa bei einer Studioaufnahme dabeisein oder werden auf dem Album namentlich genannt.

Diese Art der Förderung komme dem klassischen Mäzenatentum gleich, meint der Wirtschaftswissenschaftler Michel Clement, der an der Hamburger Universität Marketing und Medienmanagement lehrt. Clement: "Das ist sicherlich ein Modell, das nachhaltig, aber nur im kleinen Stil funktioniert. Vergleichbar ist es mit dem Theatersitz, der von einem Bürger gespendet wurde und der den Namen des Spenders trägt." Das Versprechen, dass die Spender in irgendeiner Form am künstlerischen Prozess teilhaben dürfen, sei auf Dauer problematisch.

Immerhin bietet Artistshare ernstzunehmenden Künstlern die Möglichkeit, ihre Alben zu produzieren. Dieses Jahr wurde die Jazzmusikerin Maria Schneider für ihr Fan-finanziertes Album "Sky Blue" mit einem Grammy ausgezeichnet.

Sellaband: Kleininvestoren verdienen bei Erfolg mit

Das Konzept des Portals Sellaband.com ist etwas anders. Hier erwarten die Geldgeber eine finanzielle Gegenleistung. 5000 Kleininvestoren bringen jeweils 10 Dollar für einen Künstler auf. Wenn 50.000 Dollar gesammelt sind, sorgt Sellaband für eine professionelle Studioaufnahme. Die Musik kann anschließend gratis auf der Seite heruntergeladen werden. Gewinne kommen aus den Werbeeinnahmen und werden zwischen Künstler, Geldgebern und Sellaband aufgeteilt.

"Sellaband übernimmt einen Teil dessen, was sonst die Musik-Labels machen, nämlich neue Künstler zu entdecken und in sie zu investieren. Eine Funktion, die Labels hatten, wird ausgelagert", erläutert Clement.

Für Hubert Wandjo, Geschäftsführer der Mannheimer Popakademie sind Plattformen wie Sellaband eine Bereicherung für die Musikindustrie. Neue Künstler zu entdecken und aufzubauen, ist ein risikoreiches Geschäft. Die Labels würden sich immer mehr auf die etablierten Stars konzentrieren und bei der Nachwuchsförderung zurückstecken. "Sellaband ist eines der wenigen Modelle, die genau das kompensieren", meint Wandjo.

Auch Investoren jenseits der Zehn-Dollar-Marke sind auf das Unternehmen aufmerksam geworden. Im April hat eine Gruppe internationaler Investoren fünf Millionen Dollar in Sellaband investiert. Die großen Labels könnten aber nicht durch solche Modelle ersetzt werden, sagt Wandjo. "Man wird nicht die ganze Musikindustrie umkrempeln können. Da müssten ja auch ganz andere Summen investiert werden."

Wenn jeder Musiker bettelt, kommt zu wenig Geld zusammen

Keine Revolution in Sicht also. Für einzelne Künstler kann die Strategie Fan-Funding aufgehen. Über Jill Sobules ungewöhnlichen Spendenaufruf berichteten viele US-Medien und Blogs, so hatte sie die 75.000 Dollar nach 53 Tagen zusammen.

Als Modell für die Masse der Musiker taugt das Beispiel nicht, schätzt Medienökonom Clement. "Künstler brauchen eine Basisbekanntheit, oder eine so skurrile Idee, dass jeder darüber schreibt." Der gewünschte PR-Effekt trete nur ein, wenn das Modell neu sei. "Wenn erst mal 1000 andere auch so etwas Ähnliches gemacht haben wie Jill Sobule, dann ist es irgendwann langweilig. Und wenn keiner mehr darüber berichtet, dann funktioniert es nicht mehr."

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