Shitstorm wegen Batman-Film "Stirb, Kritiker!"

Als der Filmkritiker Marshall Fine seine Besprechung des kommenden Batman-Films veröffentlichte, dürfte er zornige Fan-Reaktionen erwartet haben. Was er stattdessen erlebte, war blanker Hass - bis hin zu Morddrohungen. Der Vorgang belebt die Debatte um Anonymisierung im Web.

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Warner Bros.

Das Wort Fan, erklärt der Duden, ist eine Kurzform, hergeleitet aus dem englischen "fanatic= Fanatiker; fanatisch". Wie wahr das ist, erleben seit Dienstag zwei Filmkritiker. Ihre auf der Film-Website Rotten Tomatoes veröffentlichten Besprechungen des am Freitag in den USA anlaufenden Batman-Films "The Dark Knight Rises" fanden beim Publikum keinen Beifall.

Insbesondere der Kritiker Marshall Fine, der es gewagt hatte, den Film "unsinnig" zu nennen, erlebte einen Shitstorm sondergleichen: Die Fan-Reaktionen reichten von "Verrecke!"-Aufforderungen über Phantasien, die Fines Verbrennung einschlossen, bis hin zu der Äußerung eines Fans, er wäre gern derjenige, der Fine "mit einem dicken Gummischlauch ins Koma prügeln" wolle.

Innerhalb weniger Stunden bekam Fine fast 900 öffentlich sichtbare Rückmeldungen zu seiner fachmännischen Meinung, dann deaktivierten die Macher von Rotten Tomatoes alle Kommentarfunktionen.

Ähnlich war es auch der AP-Filmkritikerin Christy Lemire ergangen, obwohl die den letzten Teil der Batman-Trilogie nur als "enttäuschend" empfunden hatte. Kritiken sind Meinungen, und nirgendwo wird das Ideal der Meinungsfreiheit so hoch gehalten wie in der sogenannten Internet Community - in diesem Fall aber offenbar nur dann, wenn man die richtige Meinung vertritt. Dabei hätte den Fans die Minderheitenmeinung der zwei Profi-Filmkritiker weitgehend egal sein können.

Denn Lemire und Fine standen mit ihren Meinungen ziemlich isoliert da, 66 weitere Kritiker hatten den Streifen teils euphorisch gefeiert. Doch das Urteil der beiden Action-Verächter sorgte dafür, dass die Gesamtbewertung des Films drei Tage vor seiner Publikumspremiere auf einen noch immer äußerst guten Wert von 87 aus 100 sank. Für die Fans, die "The Dark Knight Rises" mit 93 Prozent positiv bewerten, obwohl noch niemand den Film gesehen hat, war das nicht gut genug.

Je lauter der Mob schreit, desto stiller wird es im Web

Man kann das alles als unreif oder dumm abtun, aber der Vorgang ist mehr als nur eine Anekdote: Shitstorms dieser Art gehören zum Internetalltag, und sie unterminieren die Kommunikations- und Interaktionsmöglichkeiten des Mediums. Ab Freitag, ließen die Macher von Rotten Tomatoes wissen, werde es wieder die Möglichkeit geben, Kommentare zum neuen Batman-Film abzugeben. In der bisher bei Rotten Tomatoes üblichen freien und anonymen Form aber wohl nur noch auf Zeit.

Weil der Batman-Shitstorm die inhaltliche Arbeit an der Film-Website, die zu den größten ihrer Art zählt, über Stunden vollständig blockierte, weil die Redakteure damit beschäftigt waren, die justiziabelen Nutzerbeschimpfungen zu moderieren und zu zensieren, erwägen die Betreiber nun verschiedene Möglichkeiten, die Diskussionsfunktionen einzuschränken. Klar scheint schon jetzt, dass zumindest ein Kommentieren ohne Anmeldung unter einem Klarnamen abgeschafft wird. Nachgedacht wird über eine Authentifizierung mit Hilfe von Facebook Connect.

Die Alternative wäre noch rigoroser. Der Batman-Shitstorm fiel zwar besonders heftig aus, er ist aber kein Einzelfall: Betreiber großer Webseiten beobachten seit Jahren, dass die Diskussionskultur im Web immer stärker in die Binsen geht. Wo noch offene Foren und Kommentarfunktionen vorgehalten werden, binden die immer mehr Arbeitskraft - die meisten US-Filmseiten haben ihre Interaktionsmöglichkeiten für Nutzer in den letzten Jahren stark eingeschränkt oder abgeschafft.

Denn dort hat der Hasssturm besonders kontraproduktive Nebenwirkungen. Wenn Kritiker die Reaktionen auf ihre Arbeit fürchten müssen, wirkt das im ungünstigsten Fall auf deren Arbeit zurück. Qualitativ hochwertige Filmportale sind aber auf fachmännische Urteile angewiesen, sonst verlieren sie auch für den Nutzer an Wert. Ein Portal, das ausschließlich lobt, wird zur Werbefläche - es wirkt wie billig gekauft und gibt dem Nutzer keine echte Orientierung.

Alternativ zur Klarnamenpflicht wird deshalb auch bei Rotten Tomatoes über eine generelle Abschaffung jeder Kommentarfunktion nachgedacht. Es wäre eine so bedauerliche wie logische Konsequenz.

Chefredakteur Matt Atchity versuchte in einer Stellungnahme, seinen Lesern zu erklären, warum eine Webseite wie Rotten Tomatoes eine Hausordnung braucht. "Wenn ich um eines bitten dürfte", schrieb er, "dann darum: Sei bitte kein Idiot. Selbst wenn du denkst, ein anderer sei einer. Atme tief ein, geh weg vom Computer, vielleicht gehst du spazieren. Rauch dir eine, wenn du das brauchst. Es gibt unzählige andere Dinge, über die man sich aufregen kann, wie Kriege, Hungersnöte, Armut oder Verbrechen. Aber nicht über Filmkritiken."

Atchity erntete stürmischen Applaus. Den nächsten Shitstorm erwartet er spätestens an dem Tag, an dem jemand es wagt, den Herr-der-Ringe-Nachfolger "Der Hobbit" öffentlich zu kritisieren.

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insgesamt 46 Beiträge
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Seite 1
doppelblind 18.07.2012
1.
Zitat von sysopWarner Bros. Als der Filmkritiker Marshall Fine seine Besprechung des kommenden Batman-Films veröffentlichte, dürfte er zornige Fan-Reaktionen erwartet haben. Was er stattdessen erlebte, war blanker Hass - bis hin zu Morddrohungen. Der Vorgang belebt die Debatte um Anonymisierung im Web. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,845036,00.html
Die Kommentare bei Metacritic selbst sind doch auch überflüssig. Das Einzige, was sie bringen, sind mehr Hits auf die Webseite. Ich habe mir diese Kommentare ein paar Mal gegönnt. Da sammelt sich so ziemlich das Asozialste an Leuten an, die sofort aggressive reagieren, wenn es nicht Ihre Meinung ist. Weiterhin kommentieren viele, ohne die ganze Kritik gelesen zu haben, sondern nur den kurzen Ausschnitt daraus, der dort angezeigt wird. Auf der eigentlichen Webseite der Filmkritik ist fast immer auch eine Kommentarmöglichkeit vorhanden. Das reicht ja wirklich. Man sollte auch erwähnen, dass solche Shitstorms fast nur bei bestimmten Regisseuren/Filmen auftritt (Nolan/Comicverfilmungen). Das kocht jetzt mal hoch und das war's dann auch.
felisconcolor 18.07.2012
2. Ob nun anonym
Zitat von sysopWarner Bros. Als der Filmkritiker Marshall Fine seine Besprechung des kommenden Batman-Films veröffentlichte, dürfte er zornige Fan-Reaktionen erwartet haben. Was er stattdessen erlebte, war blanker Hass - bis hin zu Morddrohungen. Der Vorgang belebt die Debatte um Anonymisierung im Web. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,845036,00.html
oder nicht. Die Meinung darüber war seit beginn des Netzes geteilt. Ich war und bin immer noch ein Verfechter anonymer Nicknamen. Aber die Kultur ist eine gänzlich andere geworden. früher waren nur einige wenige im Netz. Leute die sich damit auskannten. Heute ist das Netz beliebig geworden, austauschbar, Masse. Ohne Intelligenz, die der Masse ja immer so unterstellt wird. Das Netz ist ein Abbild seiner Gesellschaft und die ist in den letzten Jahren immer verkommener. Wohl auch daran das es keine echten Vorbilder mehr gibt. Diskussionen waren auch schon früher hart und laut. Aber solche Eskalationen wie heute gab es nicht. Und ein Wechsel zu Klarnamen im Netz wird nichts bewirken. Ich möchte da nur auf die Mobbingattacken bei Facebook verweisen. Juristisch wird sich da auch nichts machen lassen. Denn auch Klarnamen sind beliebig. und in ihrer Häufigkeit fast schon mit Nicknamen gleich zusetzen.
Arno Nühm 18.07.2012
3. Klartext
Zitat von sysopWarner Bros. Als der Filmkritiker Marshall Fine seine Besprechung des kommenden Batman-Films veröffentlichte, dürfte er zornige Fan-Reaktionen erwartet haben. Was er stattdessen erlebte, war blanker Hass - bis hin zu Morddrohungen. Der Vorgang belebt die Debatte um Anonymisierung im Web. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,845036,00.html
Stimmt. Marshall Fine hätte seine Kritik mal lieber anonym gepostet. Da sieht man wohin Klarnamenzwang führt. Und bevor nun jemand kommt von wegen unter Klarnamen hätte niemand gedroht den mit einem Gummischlauch ins Koma zu prügeln - stimmt. Aber das heißt nicht, dass er es nicht trotzdem tun würde, wenn er denn tatsächlich dazu bereit wäre. Also ich bin lieber gewarnt...
BMerkenswert 18.07.2012
4.
---Zitat--- Ein Portal, das ausschließlich lobt, wird zur Werbefläche - es wirkt wie billig gekauft und gibt dem Nutzer keine echte Orientierung. ---Zitatende--- Das muss man mal den Vollpfosten klarmachen, die, ohne den Film gesehen zu haben, einen solchen Shitstorm losbrechen und/oder sich daran beteiligen. Aber das anonyme Netzt gibt es her, dass alle schreiben können, was sie sich vielleicht niemals auszusprechen trauen würden.
TS_Alien 18.07.2012
5. .
Menschen, die einen Film bewerten, den sie nicht gesehen haben, kann man nicht ernst nehmen. Batman-Filme haben mir noch nie gefallen, der letzte wäre fast OK gewesen, wenn er nicht scheunentorgrosse Logiklöcher gehabt hätte. Das trifft leider auf viele aktuelle Filme zu. Die Zahl der guten Drehbuchautoren scheint dramatisch zu sinken. Im Vergleich zu früher allemal. Und leider werden heute auch Filme gedreht, bei denen die Verantwortlichen wissen, dass das Drehbuch schwach ist, weil der Rubel dennoch rollen wird. Während man früher über einige Anschlussfehler in Filmen gelacht hat, vergeht einem heute das Lachen, wenn die Geschichte in sich nicht stimmig ist oder dermassen unlogisch ist, dass man darauf wetten kann, dass es bald rummsen und krachen wird im Film. Action schlägt Logik. Millionen Zuschauern gefällt das auch noch.
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