Fetischisten im Internet "Sex mit Hackfleisch"

Fetischisten müssen ihre Vorlieben oft verschweigen - außer im Internet. Hier kann jeder über alles frei sprechen. Der Autor Tobias Langer ergründet die verschiedenen Spielarten.

Screenshot aus Whiplr-Video

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Ein Interview von


  • DPA
    Gadgets, Roboter, Virtual Reality: Neue Technik verändert sogar unser Intimleben. Dies ist der zweite Teil einer Serie über den "Sex der Zukunft".

Es war eine lange Nacht vor dem Interview für Tobias Langer. Nach einem Vortrag über Fetische hatte er noch ein Tinder-Date. Aus seiner Bekanntschaft, lässt er später wissen, wurde seine persönliche Sklavin. Ein Dom/Sub-Verhältnis. Dominance and Submission, Beherrschung und Unterwerfung also, dafür stehen die mittleren beiden Buchstaben in der Abkürzung BDSM. Sie bezeichnet verschiedene miteinander verwandte Fetische, die von Fesselspielen bis Sadomasochismus reichen können.

Langer, der gerade für ein Buch über Fetische recherchiert, probiert viel aus. Er ist überzeugt, dass Fetische viel verbreiteter sind, als gemeinhin zugegeben wird. Apps und Internetforen helfen Langer, Zugang zu ungewöhnlicheren Fetischgruppen zu bekommen.

Im Interview spricht Langer über seine Einblicke in die Online-Fetisch-Szene - und welche Auswirkungen das Netztreiben auf unsere Gesellschaft haben könnte.

SPIEGEL ONLINE: Herr Langer, wie hat das Netz das Kennenlernen von Fetischisten verändert?

Zur Person
  • Tobias Langer
    Tobias Langer, 24, hat während seines Studiums als Sexchat-Operator gearbeitet. Als "geile Uschi" im Fernsehen beworben, beantwortete er bis zu 120 SMS pro Stunde. Dabei kamen ihm auch ungewöhnliche Vorlieben unter. Er traf unter anderem auf einen Luftballonfetischisten, der beim Platzen von Ballons den Höhepunkt fand. Seine Begegnungen inspirierten Langer zur Arbeit an einem Buch über Fetische.

Langer: Es ist auf jeden Fall einfacher geworden, zu merken, dass man nicht alleine ist. Man sieht, dass es andere Leute gibt, die das gleiche mögen wie man selbst. Die Kontaktaufnahme geht viel leichter.

SPIEGEL ONLINE: Hilft das Internet auch, neue Fetische zu entdecken?

Langer: Es hilft, sich eines Fetischs bewusst zu werden, aber ich glaube nicht, dass durch das Internet neue Fetische entstehen. Ein Fetisch ist eine Veranlagung, das steckt in einem. Wer wie ein bekannter Anrufer bei Domian auf Sex mit Hackfleisch steht, der muss sich das nicht abschauen. Der würde auch durch Zufall seinen Fetisch entdecken. Nur bräuchte er vielleicht offline etwas länger, um auf die Anregung zu stoßen, das auszuprobieren.

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SPIEGEL ONLINE: Eine bekannte Dating-App ist Tinder, sie zeigt einem Fotos von Nutzern in der Nähe. Ist Tinder der Ort, wo man Fetische öffentlich macht?

Langer: Die Leute schreiben es durchaus in ihre Profile, wenn sie etwa auf Lack und Leder stehen. Aber Fetischisten benutzen häufig falsche Namen und zeigen ihre Gesichter nicht auf Profilbildern. Zum Beispiel hatte ich kürzlich einen Windelfetischisten über Tinder kennengelernt, der hatte dann ein Foto von einer Windel.

SPIEGEL ONLINE: Wie wahrscheinlich ist es überhaupt, dort jemanden zu finden, der den gleichen Fetisch hat?

Langer: In Berlin finde ich mehr Fetischisten als in Münster. Es ist aber eher unwahrscheinlich, exakt den gleichen Fetisch bei einer anderen Person zu finden. Eine spezielle Vorliebe kann nicht immer in einem kurzen Profileintrag ausgedrückt werden. Außerdem suchen viele Leute nicht nur schnellen Sex, sondern wollen eine Person kennenlernen, bevor sie entscheiden, was sie mit ihr machen wollen.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es auch eigene Apps für Fetischisten?

Langer: Ja, Whiplr zum Beispiel - das ist Tinder für Fetisch-Fans. Da gibt es sehr viele Einstellungsmöglichkeiten für die sexuellen Vorlieben. Das dürfte genau genug sein, um die passende Person zu finden. Viel im Fetischbereich läuft aber noch über herkömmliche Internetforen.

SPIEGEL ONLINE: Viele Apps bieten teure Zusatzfunktionen. Wer bei Tinder zahlt, kann zum Beispiel per Wegwischen verworfene Profile noch einmal ansehen. Gibt es solche Funktionen auch bei Fetisch-Apps und wie wird mit Inhalten für Fetischisten Geld verdient?

Langer: Man kann bei Whiplr wie bei Tinder Premiumfunktionen kaufen. Es wird auch Fetisch-Pornographie produziert und online vertrieben. Viel davon ist aber von Amateuren für andere Fetischisten gemacht, weil die Industrie vieles ignoriert. Die Amateure können ihre Filme dann zwar auch über verschiedene Seiten verkaufen. Ein großes Geschäft ist das für die einzelnen aber wohl meistens nicht.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern macht das Netz Fetische gesellschaftsfähiger?

Langer: Selbst in kleinen, konservativen Dörfern ist das Internet mittlerweile schnell genug, um sich auf Fetischseiten umzuschauen. Im Netz ist Sex allgemein sehr präsent, also sind es auch die Fetische. Viele Fetischisten bleiben aber in ihren Online-Communities. Umgekehrt verbergen Mainstream-Pornoseiten ausgefallenere Fetische. Dabei sind die dort häufig angezeigten Kategorien wie Haar- und Hautfarbe oder Kostüme ja auch Fetische.

SPIEGEL ONLINE: Auf Plattformen wie Facebook werden dagegen selbst Bilder von Brustwarzen zensiert. Fetische können dort nicht stattfinden, oder?

Langer: Mir ist keine Zensur von Fetischinhalten auf Facebook bekannt, die über die Zensur von anderen sexuellen Inhalten hinausgehen würde. Aber mir fällt auf, dass viele Fetischisten ihre Vorlieben auf Facebook nicht thematisieren, im Gegensatz zu Twitter. Wahrscheinlich ist Facebook mittlerweile weniger anonym. Man befreundet sich dort mit Arbeitskollegen oder den Eltern.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Fetischisten sich im Netz anonym ausleben können, müssen sie sich dann überhaupt noch öffentlich outen?

Langer: Das Netz macht es einem einfach, sich mit einer Gruppe auszutauschen und gleichzeitig eine andere öffentliche Identität zu pflegen. Das ist verlockend einfach. Wir müssen aber auch selbstbewusst genug sein, öffentlich zu unseren Fetischen zu stehen. Mir ist durch das Internet überhaupt erst klar geworden, dass es richtig viele Leute gibt, die auf Körperflüssigkeiten oder Kot stehen. Wer einen solchen Fetisch hat, wird sich den wohl auch in Zukunft nicht ins Facebook-Profil eintragen. Aber da muss sich nicht das Internet ändern, sondern die Gesellschaft. Wir müssen einsehen, dass es diese Vorlieben gar nicht so selten gibt und dass sie nichts Schlimmes sind.

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