Von Jan Mölleken
Ende Juni blies Paramount-Vorstandsmitglied Fred Huntsberry zur Jagd auf einen neuen Gegner: Cyberlocker. Das Wort war in der Tat neu, das Phänomen bereits älter und landläufig unter dem Namen Filehoster oder 1-Click-Hoster bekannt. Gemeint sind Dienste wie Rapidshare, Hotfile oder Megaupload. Über Jahre kaum beachtet, hat sich das Filehosting zu einer veritablen kleinen Branche entwickelt: Rund 150 der Dienste konkurrieren derzeit auf dem Markt, ihre Server stehen in Russland, in Estland und China, in Vietnam und Polen, einige der größten aber in den USA - und in Deutschland.
Unter ihnen gibt es einige, die sich um seriöse Nutzung bemühen und andere, die ganz offen mit dem Pfund wuchern, auf ihren Servern Raubkopien parken zu können. Als Speicherort, als Infrastruktur hinter den immer zahlreicheren legalen wie weniger legal operierenden Streamingdiensten werden sie immer wichtiger. Längst haben sie die überalterten, unter ständiger Beobachtung und juristischem Dauerfeuer liegenden P2P-Börsen als Plattformen für die Verteilung von Filmen und - in weit geringerem Maße - auch Musik abgelöst.
Das hat man offenbar inzwischen auch bei der Filmindustrie begriffen. Nicht mehr Peer-to-Peer-Netzwerke (P2P) wie Emule, Bittorrent oder Gnutella werden als die größte Gefahr für das Geschäft wahrgenommen. Während noch Heerscharen von Copyright-Detektiven und Anwälten die P2P-Netzwerke nach Schuldigen durchforsteten, hat sich ein neuer, deutlich einfacherer Weg etabliert, um Musik, Software aber vor allem auch Filme aus dem Netz zu laden.
Begriffsklärung: Was ist ein Filehoster?
Besonders bei der Filmverteilung - wegen ihrer Größe bislang das sperrigste "Tauschgut" im Netz - erfreuen sich Filehosting-Dienste großer Beliebtheit. Das liegt auch daran, dass der Film bei vielen Diensten nicht erst mühsam heruntergeladen werden muss, sondern schon wenige Sekunden nach Start des Downloads wie ein Video-Stream angeschaut werden kann. Während der Filmanfang bereits läuft, wird der Rest im Hintergrund auf den Rechner geladen. Die Speicherplatten der Filehoster halten in vielen Fällen die Filme vor, die Streamingseiten dann als sogenannte sukzessive Downloads anbieten.
Das funktioniert unkompliziert und - für die Entertainment-Branche ist das besonders bitter - oft deutlich einfacher, als bei vielen legal operierenden kommerziellen Angeboten. Besondere technische Kenntnisse, Registrierungen, Zahlungen oder die Installation einer Software sind dafür nicht erforderlich, weshalb sich die Dienste schnell großer Beliebtheit erfreuten. Den Studiobossen war Filmstreaming - seit geraumer Zeit auch in Deutschland über Portale wie Kino.to gern genutzt - bis vor kurzem scheinbar so wenig bekannt wie dem Rest der Netzwelt der Begriff "Cyberlocker".
Einfacher als E-Mail, mächtiger als P2P
Obwohl die Dienste rege genutzt werden, wissen selbst viele ihrer Nutzer gar nicht wirklich, worum es sich bei den sogenannten 1-Click-Hostern handelt. Dieser Umstand ist bereits bezeichnend für diese vergleichsweise junge Internetdienstleistung: Sie funktioniert so einfach, dass man sich nicht weiter damit beschäftigen muss. Filehoster sind erst einmal nichts anderes als Dienstleister, die Speicherplatz auf Webservern zur Verfügung stellen, um Daten darauf abzulegen. In diesem Punkt unterscheiden sie sich nicht von klassischen Webspace-Anbietern wie etwa Microsofts Skydrive.
Die Verwandtschaft endet aber auch schon bei diesem groben Funktionsprinzip: Im Vergleich zu Skydrive und Co., die ihren Kunden meist ein eigenes virtuelles Laufwerk mit fixer Größe und Passwortschutz zur Verfügung stellen, verzichten Filehoster auf jeglichen Schnickschnack.
Das Prinzip der 1-Click-Hoster: Simpel statt sicher
Im Wesentlichen funktionieren die Filehoster-Dienste alle gleich: Bereits auf der Startseite ist das Upload-Dateifeld platziert. Zwei Klicks, schon ist die Datei im Netz. Kein Online-Service ist vergleichbar einfach, selbst E-Mails verschicken ist komplizierter.
Ähnlich simpel ist der Download: Hat man eine Datei beim Filehoster hochgeladen, wird dies mit einer individuellen URL quittiert. Ein Klick darauf startet den Download der Datei, oder - je nach Dateityp - auch einen Film-Stream. Anmelden oder einloggen muss man sich nicht. Sollen Freunde oder Kollegen die Datei erhalten, reicht eine E-Mail mit der URL.
Dieses Höchstmaß an Einfachheit erkaufen sich Filehoster mit dem Verzicht auf jegliche Sicherheit. Jeder, der den Link kennt, kann die Datei herunterladen. Gibt ein Kontakt den Link weiter oder stellt ihn sogar ins Netz, kann die Datei schnell große Verbreitung finden. Ohne den dazugehörigen Link sind Dateien bei Filehostern jedoch nicht auffindbar: Eine Suchfunktion oder ähnliche Zugriffsmöglichkeiten auf die Filehoster-Archive gibt es nicht.
Somit ist der Zugriff auf die bei Filehostern eingestellten Dateien beschränkt - allerdings nur theoretisch. Denn ebenso ist es natürlich möglich, den Link in einem Blog oder auf einer der zahlreichen Streaming- oder Warez-Seiten zu platzieren. Damit sind die eingestellten Dateien indirekt nicht nur von jedem abrufbar, sondern können auch von Suchmaschinen gefunden werden. So gibt es mittlerweile zahlreiche Suchmasken, die das Netz ganz gezielt nach solchen Links auf gehostete Dateien durchsuchen. Bei den dort gestellten Suchanfragen dürfte es in nahezu jedem Fall um urheberrechtsgeschützte Filme, Musikalben oder Software gehen.
Wer zahlt, saugt schneller
Filehoster sind in der Regel kostenlos, die Gratisnutzung unterliegt aber Beschränkungen. Meist wird das Transfertempo gedrosselt, so dass der Download großer Dateien viel länger dauert, als es die schnellen DSL-Leitungen der meisten Nutzer hergeben würden. Das lässt sich mit einem Premium-Account außer Kraft setzen. Der kostet meist nur wenige Euro im Monat, dafür landet bei entsprechender Anbindung ein Divx-Film in nur wenigen Minuten und nicht erst nach einigen Stunden auf der Festplatte.
Die Premium-Dienste sind oft die einzige Einnahmequelle der Filehoster und gerade das macht sie so umstritten: Die Unternehmen haben so ein vitales Interesse daran, große Datenmengen vorzuhalten, die möglichst viele Nutzer gerne herunterladen möchten, da diese potentielle Premium-Kunden sind. Manche Anbieter locken Nutzer, die besonders oft heruntergeladene Dateien anbieten, sogar ganz unverhohlen mit materiellen Belohnungen dafür.
Die Rechteinhaber wähnen die Festplatten der Filehoster deshalb voller urheberrechtsgeschützter Inhalte, die Filehoster aber winken ab. Das betreffe nur eine Minderheit der Dateien - zudem sei man für die Inhalte nicht verantwortlich: Was auf ihren Servern an nicht legalen Inhalten liege, hätten die Internetnutzer dort deponiert.
Am Mittwoch in der Netzwelt Teil zwei der Filehoster-Serie:
Selbstbild einer umstrittenen Branche: "Wir sind auch Opfer"
Welchen Daseinszweck die Dienste selbst sehen und wie sie auf die Vorwürfe aus Hollywood reagieren, hat SPIEGEL ONLINE bei den bekannten Vertretern RapidShare und Megaupload erfragt.
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