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Filesharing: Der peinliche Sündenfall der Lily A.

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Sängerin Lily Allen füttert die Klatschpresse mit Schlagzeilen. Sie wettert gegen Musik-Downloader und attackiert Kollegen deswegen. Jetzt wurde sie selbst als Filesharerin enttarnt, mit Häme überzogen - und trat theatralisch von ihrer Popkarriere zurück. Oder auch nicht.

Lily Allen: Talentierte Lautsprecherin Fotos
REUTERS

Das Konterfei von Lily Allen prangt in allen möglichen Varianten der Aufmachung und schminktechnischen Verfremdung auf Zeitungs- und Webseiten - schon seit Tagen. Lily Allen ist eine der vielen jungen britischen Sängerinnen, die seit etwa vier Jahren die Charts bevölkern. In dieser Welle weiblicher Talente von Amy Winehouse über Duffy, Kate Nash, Adele oder Amy McDonald bis eben zu Lily Allen sticht kaum eine besonders hervor: Stimme haben sie alle, ungewöhnlich talentiert sind sie ebenfalls, dazu frech in ihren Texten. Und alle sind sie angeblich Web-Darlings, deren Popularität sich nicht zuletzt auf ihre per MySpace und Blogs gepflegten Fans stützt.

Sie alle sind bemerkenswert und werden bemerkt - vielleicht aber nicht genug, weil es zu viele von ihnen gibt. Ein deutlicheres öffentliches Profil hatte bisher nur Amy Winehouse, dank ihres exzessiven, hoch gefährlichen Dopings. Bis zu dieser Woche, die in mancherlei Hinsicht zur Woche der Lily Allen wurde - und ihren Höhepunkt nun in einem angeblichen Rücktritt von allen musikalischen Aktivitäten fand.

Was war geschehen?

Allen hatte mit der frechen Görenhaftigkeit, die die Tochter aus bestens situiertem Hause zu einem der Fixpunkte ihres Images gemacht hat, eine verbale Breitseite gegen all die Schmarotzer im Web abgefeuert, die Musik nur klauen, statt mit klingender Münze zu bezahlen. Denen nach französischem Vorbild den Anschluss abzuklemmen, gehe schon in Ordnung, befand sie Anfang des Monats.

Und begann, Lobbyorganisationen per offenem Brief wegen angeblicher Filesharer-Freundlichkeit Feuer unterm Hintern zu machen. Aus Mediensicht war all das klasse, weil gegen den Trend und zugleich Allen-typisch. Gleich ließ sie auch noch die Namen einiger finanziell satter Kollegen fallen, die sich über Filesharing weniger aufregen können als sie, die angeblich arme Newcomerin.

Im Web funktioniert Provokation

Für diese Art von Kollegen-Attacken ist Allen bekannt, ihre Fans goutierten die Robin-Hood-haften Angriffe auf das reiche Establishment wohl auch deshalb, weil sie ausblenden, das Allen durchaus dazu gehört: Sie kommt aus einer Schauspieler- und Musikerfamilie, Papa Keith ist in allen Entertainmentbranchen bestens verdrahtet. Und Lily weiß, wie man auf der Klaviatur der öffentlichen Aufmerksamkeit spielt: Sie hat sich einen Arbeiterklasseakzent zugelegt, entblößte schon mal ihre Brust im Fernsehen oder lief bei einer Modeveranstaltung besoffen in einem Kleid mit Geköpfte-Rehe-Motiv auf.

Bisher allerdings weitgehend umsonst: Wo bei Amy Winehouse alle Welt "Oh Gott, halte jemand dieses arme Mädchen auf, sich selbst kaputt zu machen" denkt, kommt Allen nach wie vor zwar mitunter unreif frech, aber eigentlich ganz solide rüber. Eine typische Tochter aus besserem Haus eben, die bewusst Tabus bricht, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Als Rebellin ungefähr so glaubhaft wie Kelly Osbourne, die behütete Tochter des Hardrock-Opas und Reality-Soap-Stars Ozzy. Inszenierte Provokationen funktionieren in unserer Medien-weisen Welt nur noch selten, weil man sie als das verbucht, was sie sind - Teil des Entertainment eben.

Außer im Web, denn das ist in vielerlei Hinsicht eine gänzlich humorfreie Zone. Web-Jünger, die von einer Sache überzeugt sind, vertreten diese Meinung auch mit talibaneskem Furor.

Alle sind Rechtsbrecher - Allen inklusive

Und Allens Statements erzürnten schnell den Web-Mob. Die Meinungsführerschaft in dieser Sache liegt seit langem bei Leuten, die den Download für eine Art Bürgerrecht halten. Ihr Zorn richtet sich gern und oft gegen alle, die glauben, dass sie für ihre schöpferischen Werke bezahlt werden sollten.

Fataler aber war, dass Allens Sermon gegen Filesharer sich schnell gegen sie wandte. Denn auf ihrer Webseite, auf der stolz das Emi-Logo prangt, bot sie ihren lieben Fans unter anderem zwei musikalische Mixe zum Download an. Das machen heute viele Musiker - nur nehmen sie dann normalerweise nur die eigene Musik. Allen aber hatte neben eigenen Titeln auch solche von Kollegen verbreitet, deren Musik sie mochte.

Mit genüsslicher Häme stürzte sich die Blogosphäre auf Allens Bigotterie.

Nicht zu unrecht: Allen hatte argumentiert, dass Filesharing zu Lasten junger, aufstrebender Künstler gehe. Zugleich hatte Allen ihren eigenen Aufstieg durch kostenfreie Uploads befördert: Zu ihrem Vorteil habe sie das Web als Promotion-Werkzeug benutzt, hielt ihr der Blog TechDirt süffisant vor. Das wolle sie anderen aufstrebenden Talenten nun unmöglich machen, wo sie selbst es geschafft habe.

Zugemüllt und abgeschaltet

Allen verplapperte sich einmal mehr und gab zu verstehen, dass sie, als sie die Mixes zusammenstellte und per Web anbot, eben noch nicht verstanden hätte, wie das Musikbusiness funktioniere. Eben, antwortete TechDirt: Sie habe etwas getan, was nett gemeint gewesen sei (die Musik befreundeter Künstler beworben), aber eben unter Verletzung des Rechts. Inwiefern sei es nun gerecht oder richtig, heute Fans dafür abzustrafen, dass sie die Musik der von ihnen verehrten Musiker publik machen wollten?

Jetzt ging die Sache erst richtig los. Eine Lawine von Kommentaren, Beschimpfungen und Belehrungen ergoss sich über alle Web-Auftritte von Frau Allen - darunter ihr PR-wirksam erst vor Tagen eingerichteter Anti-Filesharing-Blog "It's not allright". Am Ende einer harten Woche zog Lily Allen die Reißleine: Sie knipste den Blog aus, weil ihr "die Beschimpfungen zu viel" wurden.

Mit einem ihrer Twitter-Posts fütterte sie dann noch einmal die Klatschpresse: Sie habe sich nicht bemüht, ihren bald auslaufenden Plattenvertrag zu erneuern, ließ sie wissen, und habe das auch nicht vor. Die Sache mit dem Geldverdienen im Musikbusiness habe sich für sie erledigt, sobald ihre derzeit laufende Tour beendet sei.

Kurz darauf beendete Allen auch ihren Blog - die Seite ist inzwischen Tabula rasa.

Was war das? Beleidigte Leberwurst in Aktion, oder schon wieder Promotion für die nächsten Aktivitäten? Denn das hatte man auch lesen können: Sie wolle sich jetzt auf ihre schauspielerische Arbeit konzentrieren. Nach ihrer Tour spielt sie Theater, Absatzprobleme für die Karten dürfte es wohl keine geben. Und dann?

Dann macht sie weiter, keine Frage. Als TV-Hostess ihrer eigenen Show, in kleineren, vielleicht irgendwann größeren Rollen und - ja doch - auch mit der Musik, behauptet jedenfalls ihr Sprecher. Das alles sei missverstanden worden, Lily plane zurzeit nur keine neue Platte, weil sie mit der alten und der Tour und mit weiß der Fuchs was noch allem hinreichend ausgelastet sei. Doch der Sprecher könne die Fans beruhigen, heißt es bei der Nachrichtenagentur AP, Lily werde auch wieder Musik machen.

In dieser Woche hatte man nicht den Eindruck, dass es über diese Frage sonderlich viel Aufregung gegeben hätte. In Blogistan sind die Lacher noch lange nicht verhallt, auf politischer Ebene aber hat Allen durchaus etwas bewegt: In Großbritannien beginnt gerade aufs Neue die Diskussion über eine Kulturflatrate, eine pauschale Copyright-Abgabe verbunden mit dem Freibrief zum Download. Das würde dann auch junge Musikerinnen schützen, die in ihrer Begeisterung für nette Kollegen deren Rechte verletzen.

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