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Filmindustrie: Kampf gegen BitTorrent

Bisher konzentrierten sich die Bemühungen der Entertainmentindustrie vor allem auf die Tauschbörse KaZaA. Die aber liegt längst am Boden, während sich BitTorrent fast unmerklich zur Nummer 1 unter den P2P-Anwendungen gemausert hat. Jetzt will ihr die Filmindustrie an den Kragen.

Schwapp: die Filmindustrie fürchtet, wie die Musikbranche unterzugehen
[M] AP/SPIEGEL ONLINE

Schwapp: die Filmindustrie fürchtet, wie die Musikbranche unterzugehen

Der "Herr der Ringe"-Regisseur nutzt es, der Linux-Distributor Mandrake sowieso, und jetzt plant auch noch die altehrwürdige BBC, P2P für sich zu nutzen: kein Datentauschprogramm seit Napsters Zeiten ist so umstritten wie BitTorrent. Einerseits hat sich die seltsame Datenschleuder längst zur größten P2P-Plattform der Welt gemausert, belastet den Internet-Verkehr nach aktuellen Messungen mit bis zu 35 Prozent des gesamten Datenverkehres, andererseits verspricht sich auch die IT- und Entertainmentindustrie eine Menge von der Software.

Denn BitTorrent macht Dinge möglich, die früher als unmöglich galten: Die P2P-Software verteilt riesige Datenmengen in rekordverdächtiger Geschwindigkeit - und je mehr Nutzer sich auf der Torrent-Plattform tummeln, desto schneller wird sie, Stau ausgeschlossen.

Möglich macht das ein so umständliches wie geniales Programmprinzip. Das macht jeden Downloader zeitgleich zum Uploader, denn eigentlich greift sich der BitTorrent-Nutzer nur die Daten aus einem Datenstrom ab, der über seinen Rechner läuft. Während er Daten von anderen Nutzern bezieht, bedient er gleichzeitig andere.

Denn bei BitTorrent muss man nicht über die vollständige Datei verfügen. Die Nutzer verteilen auch Dateifragmente, die sie von einer vollständigen Quelldatei, dem so genannten Seed, beziehen. Weil der eine schon mehr Datenhäppchen besitzt als der andere, können dann auch Downloader zum Upload beitragen.

Das ist, als stapelte man gefüllte Wassergläser und begänne, sie von oben her mit Farbe (dem "Seed") zu befüllen. Die überlaufende Flüssigkeit würde das Wasser nach und nach umfärben, bis alle Gläser vollständig umgefärbt wären. An der Verteilung der Farbe jedoch wären sie vom ersten Augenblick an beteiligt. Je mehr vollständig umgefärbte Gläser im oberen Teil der Pyramide stünden, desto schneller liefe der Prozess ab. Das ergibt den Torrent-Effekt: Je mehr User, desto schneller das Netzwerk.

Verlockend: attraktive legale Anwendungsmöglichkeiten

Der Entertainmentindustrie ist das seit langem ein Dorn im Auge, zugleich aber lockt es sie auch. Mit dem BitTorrent-Prinzip ließen sich gigantische Datenmengen verteilen, ohne dafür extra eine Serverinfrastruktur aufbauen zu müssen. Der Linux-Distributor Mandrake verteilt so seine Software, Peter Jackson sein tägliches Video-Tagebuch vom King-Kong-Dreh, und nun baut die BBC unter dem Namen "Flexible TV" ein TV-Verteilnetz auf, das auf dem Torrent-Prinzip aufsetzt. Prinzipiell würden da ein Homecomputer und eine DSL-Leitung reichen, um ein landesweites Video-on-demand-Netzwerk aufzubauen. Das hat was.

Regisseur Jackson: nutzt BitTorrent für die aufwendige PR seines neuen Films
AP

Regisseur Jackson: nutzt BitTorrent für die aufwendige PR seines neuen Films

Vielleicht ließ die amerikanische Filmindustrielobby MPAA auf ihrer Pressekonferenz zum Thema Filmpiraterie deshalb durchblicken, dass sie "nicht unbedingt" plane, den BitTorrent-Erfinder Bram Cohen verklagen zu wollen. Mit den cleveren Fädenziehern der Torrent-Welt will man es sich nicht unbedingt verscherzen (einmal abgesehen davon, dass es schwer fallen dürfte, Cohen wegen irgend etwas verbotenem zu bezichtigen). An einem aber ließ sie keinen Zweifel: Künftig zielt sie vor allem auf BitTorrent.

Mit den bisherigen Methoden wird das wohl kaum klappen. BitTorrent braucht keinerlei Server, keine permanente Verschaltung der Nutzer miteinander. Eine permanente Überwachung des Torrent-Datenverkehres ist somit fast unmöglich. Die Anwendung fußt auf einem völlig anderen Prinzip:

  • BitTorrent kann man nicht "durchsuchen". Wer eine bestimmte Datei will, sucht danach auf spezialisierten Webseiten, erfährt davon in Chats, Groups oder per Newsletter. Zunächst erhält er nur eine "Torrent"-Datei, die die Kerndaten der eigentlich gesuchten Datei vorhält, mehr nicht: Wie groß ist sie, was sind ihre Merkmale? Wo ist ein "Tracker" zu finden, der weiß, wo man die Datei findet?
  • Mit dieser Torrent-Datei funkt der BitTorrent-Client (von denen es viele verschiedene gibt) einen Tracker-Webserver an, der dafür sorgt, dass sich Dateianbieter und -sucher finden. Aus dieser Verschaltung erst ergibt sich ein temporäres BitTorrent-Netzwerk. Alle Teilnehmer an diesem spezifischen Datenstrom melden in Abständen an den Tracker, wo sie sind und was sie zu bieten haben und wieviel davon.
  • Das Netzwerk selbst aber entsteht nur zwischen diesen zeitweilig miteinander verschalteten Nutzern. Zu jedem gegebenen Zeitpunkt gibt es dann, anders als bei allen anderen P2P-Börsen, nicht etwa ein großes Netzwerk, sondern viele Zehntausend kleine. Denn das Netzwerk entsteht um eine Datei herum, sein einziger Zweck ist ihre Verteilung. In der Realität ist jeder BitTorrent-Nutzer, der über mehr als eine Datei verfügt oder herunterlädt, an mehreren solcher "Verteilzirkel" beteiligt.

Angriffspunkte in diesem Dreieck aus Webseite, Tracker und User sind vor allem die beiden permanent im Web zu findenden: Webseite und Tracker.

Es hat begonnen: die erste Runde läuft

Tatsächlich geht eine Abmahnungswelle durch die Torrentszene, Webseiten verschwinden fast so schnell, wie neue entstehen. Große, populäre Torrentseiten wie Suprnova haben zunehmende Stabilitätsprobleme, sind zeitweilig nicht zu erreichen. Doch ein Vorgehen gegen die Torrent-Verzeichnisse funktioniert nur da, wo eine rechtliche Basis dafür gegeben ist. Servern in Staaten, die mit westlichen Justizbehören eher selten kooperieren, wäre fast nur mit Hackermethoden beizukommen - doch mit solchen illegalen Methoden wie Denial-of-Service-Attacken arbeitet die Industrie bisher angeblich nicht.

Bleiben die Tracker, und genau denen will die Industrie nun vor allem an den Kragen. Sie sind der größte Schwachpunkt im System. Denn sobald der Tracker wegfällt, kollabiert der Datenstrom - die Torrent-Nutzer sind nicht mehr in der Lage, sich gegenseitig zu finden.

Bisher ist die Jagd auf die Tracker eine reine Absichtserklärung. Wie genau die MPAA an sie herankommen will, wurde bisher nicht erklärt. Denn Tracker können überall sein, theoretisch kann auch jeder Nutzer einen Tracker eröffnen - wenn er will sogar nur für kurze Zeit. Denn im Gegensatz zu KaZaA und Co fällt es im Torrent-Netzwerk leicht, abzutauchen und kleinere, subversive Tauschgruppen aus der Taufe zu heben.

    Update zu diesem Artikel, 15. Dezember:
    Die MPAA hat inzwischen 100 weitere Klagen wegen Filmpiraterie auf den Weg gebracht. Die meisten davon betreffen wie inzwischen üblich P2P-Nutzer. "Einige" Klagen richten sich gegen identifizierte Betreiber von Tracker-Servern. Die Klagen beschränken sich nicht auf die USA, richten sich vielmehr gegen Personen "auf vier Kontinenten", wie es in einer Mitteilung der MPAA heißt.

Eine mögliche, zukünftige Anwendung könnte beispielsweise in einer Kombination aus automatisiertem RSS-Newsfeed und einem BitTorrent-Client bestehen. In einem solchen Modell würde man über den "Newsletter" bestimmte Filme (oder Musikalben) bestellen und der Download begänne automatisch, sobald der BitTorrent-Client per RSS-Feed eine Torrent-Datei serviert bekäme. Die verwiese dann auf einen Tracker, der nur wenige Stunden (oder weniger) im Netz zu finden wäre.

Aus dem P2P-Nutzer würde eine Art Film-Abonnent - und genau das ist zugleich Traum und Albtraum der Filmindustrie. Denn ihr fehlt zur Peitsche noch das Zuckerbrot, sie hat dem illegalen Online-Filmvertrieb keine legale Alternative entgegen zu setzen. Was wäre da besser geeignet als eine Torrent-Plattform?

Frank Patalong

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