Filmvermarktung online Verhungern im Long Tail

Deutschlands Dokumentarfilmer nutzen die Berlinale, um einmal mehr auf ihre Nöte hinzuweisen: Sendeplätze brechen weg, der Druck zu Format, Boulevard und Trivialisierung wächst, im Kino zieht nur, was groß oder 3D ist. Doch auch die Selbstvermarktung per Internet ist schwieriger als gedacht.

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Dem Dokumentarfilm geht es gut, so unter dem Strich. "Niemals zuvor", informiert uns Wikipedia über die überraschenden Höhenflüge der letzten Jahre, "hatte es ein Dokumentarfilm an die Spitze der US-Kinocharts geschafft" - und meint damit natürlich Michael Moores Fahrenheit 9/11, der bisher über 220 Millionen Dollar einspielte. Tatsächlich entwickelten sich in den letzten Jahren eine ganze Reihe von Dokumentarfilmen zu echten Blockbustern.

Auf der anderen Seite fand "Man on Wire" von James Marsh, 2008 immerhin mit einem Oscar bedacht, in deutschen Kinos nur rund 7500 Zuschauer. Das ist für hiesige Verhältnisse viel, ein echter Achtungserfolg. Die meisten Dokumentationen erreichen im Kino weit weniger Zuschauer - wenn sie es überhaupt dorthin schaffen. Den meisten Dokumentarfilmen und -filmern geht es so gut offenbar doch nicht.

Dass das Fernsehen zunehmend unterhaltsame Formate begünstigt, macht die Sache nicht besser. "Discoverisierte" Filme, spottet man in der Branche, hätten es leichter - schick bunte, fein verdauliche Massenware mit Discovery-Channel-Appeal. Das ambitioniertere Kontrastprogramm findet immerhin bei Arte, Phoenix und Co. statt - Nischenprogramme für das Nischenpublikum der Nischensender.

Auch auf der Hauptversammlung der AG Dokumentarfilm, von der Filmer-Lobby aufmerksamkeitsstark im zeitlichen und räumlichen Kontext der Berlinale veranstaltet, ertönte am Freitag einmal mehr das Klagelied vom Schwund der Sendeplätze, vom Formatdruck. Denn weil die meisten Dokumentationen nach wie vor kaum Kinopublikum finden, steht für den Dokumentarfilm an und für sich die finanzielle Abhängigkeit von "F und F" - Fernsehen und Förderung.

Do it yourself - per digitalem Direkvertrieb?

Immer mehr Dokumentarfilmer suchen daher ihr Heil in der Selbstvermarktung und im Eigenvertrieb. Wenn der Zuschauer nicht ins Kino kommt und der TV-Sender ihm die Ware immer seltener bringt, bleibt nur ein logischer Weg: Man muss sich eigene Vertriebskanäle schaffen.

Bereits 2000 gründeten 122 Produzenten und Filmschaffende aus den Kreisen des AK Dokumentarfilm Onlinefilm.org. Die AG, die seit 2008 legale, kostenpflichtige Film-Downloads anbietet, ist im Streubesitz ihrer Filme produzierenden Mitglieder. Die Web-Seite bietet das größte dokumentarische Download-Angebot deutscher Sprache, hat aber den kühlen Charme einer Datenbank.

Das liegt vor allem daran, dass sie mehr Infrastrukturanbieter für Filmschaffende ist als Shopping-Mall für Endkunden. Onlinefilm.org empfiehlt Filmemachern dringend, "die Filme, die Sie bei Onlinefilm einstellen, auch auf Ihrer Homepage und auf allen möglichen Web-Seiten und Blogs, auf denen Sie Interessenten für Ihre Filme vermuten, einzubinden oder einbinden zu lassen. Dann werden Ihre Filme mit größerer Wahrscheinlichkeit gefunden und gekauft!"

Viele Filmemacher bremsen

Das aber tun nur wenige. Nur hier und da findet man auf Filmerseiten Links zum Download-Portal, über das man die Filme nach Zahlung per BitTorrent zugeliefert bekommt. Bald soll eine Schnittstelle veröffentlicht werden, die die Einbindung direkter Downloads auf eigenen Web-Seiten ermöglicht, inklusive Provisionszahlung. Vielleicht steigt dann auch die Zahl kommerzieller Film-Blogs?

Viele Dokumentarfilmer tun sich nach wie vor schwer mit diesen Dingen: Skepsis und Angst, sich selbst zu schaden, sind groß:

  • Darf man Filme wirklich online ohne Kopierschutz verkaufen?
  • Kommen nicht noch weniger Leute ins Kino, wenn die Interessierten sich die Filme herunterladen können?
  • Und wenn man Rechte an Plattformen abtritt, lohnt sich das wirklich?

Dazu kommen mitunter elitäre Vorbehalte. Viele Filmer fühlen sich als Teil eines qualitativ orientierten Kulturbetriebs - das Web sehen sie als Trash-Raum voller potentieller Rechtsbrecher, die Filme kopieren und konsumieren, aber nicht goutieren. Mitunter werden da Angebote gemacht, die eher wie Abschreckmaßnahmen aussehen: Da kostet der Download eines Dok-Filmes dann neun, zehn oder 12,30 Euro, statt der üblicheren vier bis sechs Euro.

Auch Karin Haager, Mitbegründerin des österreichisch-deutschen kommerziellen Film-Portals Flimmit, erklärt, dass es echte Akquise- und Überzeugungsarbeit erfordere, ein gutes Programmangebot zusammenzubekommen: "Viele Lizenzgeber sind leider immer noch sehr zögerlich, was für uns unverständlich ist. Denn die einzigen, die damit unterstützt werden, sind Piraten. Ohne eigene Akquise wäre unser Angebot verschwindend klein."

Flimmit ist so etwas wie das kommerziell geprägte Gegenmodell zu Onlinefilm. Es ist bunt, ganz offensichtlich Shop, trotzdem kommunikativ. Es preist seine Pfunde an, es verlinkt gegen Provision auf Konkurrenz-Shops, wo es selbst keine Rechte hält - und es streut fiktionale, populäre Filme ein, um das Angebot breiter zu positionieren.

Befürchtungen, Dokumentationen würden in einem solchen Mix untergehen, teilt Haager nicht: "Wir wissen, dass der Kunde nicht zu uns kommt, weil er nur Dokumentationen oder Independentfilme liebt. Er möchte einfach unterhalten werden, und wenn er etwas Passendes findet, greift er zu. Durch die neuen Möglichkeiten zur Community-Bildung haben aber alle eine Chance auf grenzübergreifende Auswertungen."



insgesamt 6 Beiträge
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Bernd Paysan 14.02.2011
1. Internetvermarktung ist total einfach
Jedenfalls, wenn man es macht wie Monty Python. Die haben einfach ihre Werke selbst auf Youtube eingestellt, und dadurch ihre Verkäufe um den Faktor 230 gesteigert (in Prozent liest sich das noch besser: 23000%). http://www.slashfilm.com/free-monty-python-videos-on-youtube-lead-to-23000-dvd-sale-increase/ Wir reden hier um einen Verkaufsrang 2 bei Amazon, nicht um irgendwelche Pille-Palle-Verkaufssteigerungen. Wir reden hier davon, dass man die Konkurrenz komplett wegfegen kann, wenn man dem Kunden liefert, was er haben will: Umsonst-Videos zum Download. Wenn ihm das gefällt, kauft er sogar - lange nicht jeder, aber genügend. Oh Wunder. Das kostenlose Anfüttern war schon immer eine erfolgreiche Marketingstrategie. Und das kostenlose Anfüttern ist heute tatsächlich kostenlos, sprich, mehr Kosten als das bisschen Aufwand, das Video bei Youtube upzuloaden entstehen nicht.
carsonlau 14.02.2011
2. Discoverisiert
Diese Art und Weise, Dokumentarfilme dem Couch-Potato schmackhaft zu machen, bringt mich des öfteren mal genervt zum Abschalten. Wenn Zoom In - Zoom Out Sounds und irgendwelches Kameragewackele und -gespiele zur Verdaulichkeitsmachung eines Themas strapaziert werden, soll man das doch bitte den Privaten überlassen. Das ÖR schielt mit dieser Taktik auf Zuschauerquoten, die da eh nicht erreicht werden. Es gibt schon genug wissenschaftlich verbrämte Quiz- und "Wissens"-Sendungen, die man besser im Sack lassen würde.
einszweidrei, 14.02.2011
3. Am Markt vorbei
Man kann nicht am Markt vorbei produzieren und sich dann wundern, dass sich der Markt dafür nicht interessiert. Wenn ich mir z.B. den in der Bildstrecke genannten Doku-Streifen über den bosnischen Flüchtling in Deutschland anschaue - ich bin weder Bosnier noch Flüchtling. So tragisch die Geschichte auch sein mag, warum sollte mich das deprimierende Schicksal eines mir fremden Menschen so interessieren, dass ich dafür Geld ausgebe? Viele Menschen in Deutschland arbeiten den ganzen Tag über. Wenn sie abends erschöpft in den Fernsehsessel oder auf die Couch fallen, dann möchten sie nicht noch weitere Probleme wälzen. Sie möchten unterhalten werden. Sie möchten träumen, von einer besseren, idealisierten Welt. Das liefern Herz-Schmerz-Serien, seichte Krimis, Kochshows, Wohnungssuche-Schwänke, TV-Galas... Wenn Menschen Dokumentationen gucken, dann aus drei Gründen: - Sie versprechen sich einen Informationsvorsprung, den sie im eigenen Alltag zu ihrem Vorteil ausnutzen können. - Sie möchten unterhalten werden, lachen, staunen, Rekorde und Sensationen erleben. - Es geht um Fußball, den Weltuntergang oder Ufos (auch so ein Thema, das im Internet der absolute Hit ist und von den öffentlichen Medien völlig ignoriert wird). Es ist schön, dass sich Dokumentarier für Nischenthemen per se interessieren, aber das ist die Minderheit. Die Mehrheit guckt "Hilfe ich bin ein Star, holt mich hier raus" (bei dieser Show darf man übrigens nicht mitmachen, wenn man ein Star ist...), "Das perfekte Dinner", die neueste total lustige und völlig unvorhersehbare Liebeskomödie mit Hugh Grant bzw. Till Schweiger oder den absolut realistischen und nicht übertriebenen Hollywood-Blockbuster. Diese unbequeme Realität wird von Filmemachern gerne ignoriert. Es bleibt aber Realität.
kontinuität 14.02.2011
4. Kosten
nur um in diesen sehr guten Artikel noch ein wenig mehr Grund hineinzubringen: Ein preiswerter Dokumentarfilm von 30 Minuten kostet bei einer Drehzeit von acht Tagen - vorausgesetzt Kameramann/frau, Tonmann/frau und weitere Leute wie Regisseur, Cutter, Studio und Equipmentverleiher bekommen ihre Mindestgagen und Mindestmieten (also keine krassen Dumpingpreise) - circa 30.000 Euro. Das wäre in irgendeiner Form einzuspielen. Bei allem, was darunter liegt, zahlt irgendwer drauf. In Wirklichkeit können die realen Kosten (Themen die mehr Drehtage oder zusätzlich Reisen erfordern) jedoch auch schnell bei 40 bis 50 Tausend Euro liegen. Wenn dabei nun eine öffentlich rechtliche Fernsehanstalt mit einem für sie günstigen Betrag einsteigt (was durch Umstrukturierungen der Programme immer seltener geschieht), werden oft sämtliche Rechte sowohl an dem Film als auch an dem Rohmaterial verlangt, was jegliche (oft eigentlich notwendige kostendeckende) Weiterverwertung verhindert.
kontinuität 14.02.2011
5. Kosten
nur um in diesen sehr guten Artikel noch ein wenig mehr Grund hineinzubringen: Ein preiswerter Dokumentarfilm von 30 Minuten kostet bei einer Drehzeit von acht Tagen - vorausgesetzt Kameramann/frau, Tonmann/frau und weitere Leute wie Regisseur, Cutter, Studio und Equipmentverleiher bekommen ihre Mindestgagen und Mindestmieten (also keine krassen Dumpingpreise) - circa 30.000 Euro. Das wäre in irgendeiner Form einzuspielen. Bei allem, was darunter liegt, zahlt irgendwer drauf. In Wirklichkeit können die realen Kosten (Themen die mehr Drehtage oder zusätzlich Reisen erfordern) jedoch auch schnell bei 40 bis 50 Tausend Euro liegen. Wenn dabei nun eine öffentlich rechtliche Fernsehanstalt mit einem für sie günstigen Betrag einsteigt (was durch Umstrukturierungen der Programme immer seltener geschieht), werden oft sämtliche Rechte sowohl an dem Film als auch an dem Rohmaterial verlangt, was jegliche (oft eigentlich notwendige kostendeckende) Weiterverwertung verhindert.
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