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Filtertechnik für Wikipedia: Wikimedia-Stiftung provoziert Autoren-Aufstand

Von Torsten Kleinz

Wer hat das Sagen? Die Betreiber-Stiftung und Autoren der Wikipedia streiten erbittert um ein personalisierbares Filtersystem für kontroverse Fotos. Die Betreiber wollen Inhalte filtern, die Community wehrt sich gegen jede Einmischung in ihr Schaffen.

Wikipedia: 83 Prozent der Teilnehmer sind gegen die Einführung eines Inhaltefilters Zur Großansicht
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Wikipedia: 83 Prozent der Teilnehmer sind gegen die Einführung eines Inhaltefilters

Auf der Mailingliste der Wikimedia Foundation schlagen die Wellen hoch. Am Sonntag schrieb Ting Chen, Vorsitzender der US-Stiftung, einen Brief an die Community der Wikipedianer: "Wir glauben, wir haben ein Problem", erklärt Chen. Die Mission von Wikipedia sei es, möglichst alle Menschen zu erreichen. Doch statt informiert zu werden, würden die Leser oft vor den Kopf gestoßen: "Wir glauben, die Meinungen und Vorlieben der Wikipedia-Leser sind so legitim wie unsere - sie absichtlich zu provozieren ist deshalb nicht OK".

Die Reaktionen auf Chens Brief sind heftig. Einige Wikipedia-Autoren fordern die Ablösung des Wikimedia-Stiftungsrats, ein Wikipedianer spricht gar von einem drohenden "Bürgerkrieg" unter Unterstützern und Betreibern in der Online-Enzyklopädie.

Was ist geschehen? Bereits Ende Mai hatte der Stiftungsrat der Wikimedia Foundation, der Organisation hinter der Online-Enzyklopädie Wikipedia, die Geschäftsführerin Sue Gardner damit beauftragt, einen "persönlichen Filter zum Ausblenden von Bildern" entwickeln zu lassen.

Vulva auf der Startseite

Als Gardner jedoch im Sommer diesen Jahres die Pläne für den Wikipedia-Filter vorstellte und eine Abstimmung über die Gestaltung der neuen Funktion ansetzte, rieben sich viele Wikipedianer verwundert die Augen. Der Entwurf sah vor, alle vermeintlich "kontroversen" Bilder in der Wikipedia in Kategorien einzuteilen. Die sollten es den Nutzern ermöglichen, sie gezielt auszufiltern. Der Filter soll "kulturell neutral" gestaltet werden: Die Nutzer sollen ganz nach Vorliebe oder individuellen Gepflogenheiten Nacktheit ebenso wegfiltern können wie religiöse oder Gewaltmotive.

Für die Wikipedia, die sich seit Jahren gegen Filter-Bestrebungen von Staaten wie Iran und China wehrt, eine bemerkenswerte Wende. Die Abstimmung mit insgesamt 24.000 Teilnehmern ergab kein eindeutiges Ergebnis, zeigte nur eines: Die Community ist in der Filterfrage gespalten.

Besonders in Europa kommen die Pläne nicht gut an. Geradezu berüchtigt ist die deutschsprachige Wikipedia-Community für ihre Freizügigkeit. Im vergangenen Jahr stellten die Autoren gar das Bild einer Vulva auf die Startseite, und sorgten damit für Diskussionen: Wie weit darf Aufklärung gehen? Für die Autoren hingegen ist die Frage eine andere: Wer hat die Kontrolle über die Wikipedia? Diejenigen, die ihre Freizeit in das Projekt investieren oder die US-Stiftung, die die Rechnungen bezahlt und die Server betreibt?

Wer hat das Sagen?

So schrieb Achim Raschka, seit Jahren einer der fleißigsten Wikipedia-Autoren, Ende September einen geharnischten Offenen Brief an Sue Gardner: "Mit der Möglichkeit Inhalte auszufiltern, wird die Diskussion über die Inhalte der Artikel den Autoren der Artikel entrissen und den Leuten überlassen, die niemals an der Diskussion über die Artikel teilgenommen haben", schreibt der Diplom-Biologe. Dass die Wikimedia Foundation offenbar den redaktionellen Entscheidungen der freiwilligen Autoren nicht mehr traut, sieht er als Zurücksetzung: "Warum sollten wir weiterhin Artikel schreiben oder sie verbessern, wenn die Wikimedia Foundation und ihr Stiftungsrat unsere Arbeit nicht schätzen?"

Ähnliche Stimmen sind nach der Entscheidung des Stiftungsrates, an den Filterplänen festzuhalten, zu hören. So haben sich 83 Prozent der Teilnehmer einer Abstimmung in der deutschsprachigen Community, gegen die Einführung eines Inhaltefilters ausgesprochen. Doch davon lässt sich Ting Chen nicht beeindrucken. Er will einen Filter einführen - in jedem Projekt der Wikimedia Foundation, also auch in der deutschsprachigen Wikipedia.

Eilig bemüht sich die Wikimedia Foundation nun, die Gemüter zu beruhigen. "Der Stiftungsrat möchte der Community keine Maßnahmen aufzwingen, die sie nicht akzeptiert", erklärt Gardner gegenüber SPIEGEL ONLINE. Zwar habe man den Beschluss, eine Filteroption einzubauen, aufrecht erhalten. Aber wie der aussehen werde, sei überhaupt nicht sicher. "Ich glaube ein Kategorien-basierter Filter, wie wir ihn zuerst vorgestellt haben, ist nicht die beste Lösung. Es gibt dagegen einfach zu viel Widerstand."

Auch Stiftungsrats-Mitglied Arne Klempert betont die Kompromissbereitschaft der Wikimedia Foundation: "Wir wollen vermeiden, dass sich wesentliche Teile der Community von der Wikipedia abwenden." Wie eine Lösung aussehen könnte, weiß bisher aber niemand. Zu weit liegen die Positionen von Befürwortern und Gegnern der Filtertechnik auseinander. Gelingt Gardner die Quadratur des Kreises nicht, steht in einigen Monaten eine Neuauflage des Konflikts an.

Die Community zeigt ihre Zähne

Wie mächtig die Gemeinschaft der Enzyklopädie-Autoren ist, hat sie Anfang Oktober bewiesen. Weil im italienischen Parlament ein Gesetz beraten wurde, das Internetaktivisten als Angriff auf die freie Meinungsäußerung werteten, schalteten die italienischen Betreiber kurzerhand die italienische Ausgabe der Online-Enzyklopädie ab. Inzwischen ist die italienische Wikipedia wieder online. Im Parlament hat der zuständige Ausschuss Änderungsanträge eingebracht, die das Gesetz entschärfen sollen - beschlossen sind sie allerdings noch nicht.

Über die Abschaltung hatten die italienischen Wikipedia-Autoren die Wikimedia Foundation in San Francisco vorab gar nicht informiert. Derart vor vollendete Tatsachen gestellt, äußerte Gardner sich vorsichtig positiv über den Wissensstreik. Sie bescheinigte den Italienern einen "guten Community-Prozess".

Dabei hatten sich gerade Mal 50 Wikipedia-Unterstützer an der entscheidenden Abstimmung beteiligt. Doch das Votum dieser kleinen Gruppe reichte für die Abschaltung aus.

Wikipedia-Gründer Jimmy Wales konnte die Streikenden jedoch am folgenden Tag überreden, ihre Italien-Blockade zu beenden. Die sonst auf strikte politische Neutralität bedachte Wikimedia Foundation sieht die Entwicklung sichtlich mit Sorge. Der Stiftungsrat hat die Einrichtung einer Arbeitsgruppe beschlossen, die ähnliche Aktionen in Zukunft beobachten soll. Die Wikimedia Foundation ist zwar auf die Arbeit der Gemeinschaft angewiesen - die Kontrolle über das Wissensnetzwerk will die Stiftung aber offensichtlich nicht hergeben.

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1. Filter und Zensur bei Wikipedia: Abstrus und paranoid.
bmwfahrer 12.10.2011
Zitat von sysopWer hat das Sagen? Die Betreiber-Stiftung und Autoren der Wikipedia streiten*erbittert um ein personalisierbares Filtersystem für kontroverse Fotos. Die Betreiber wollen Inhalte filtern, die Community wehrt sich*gegen jede Einmischung in ihr Schaffen. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,791316,00.html
Zweimal das Statement vom amerikanischen Vorsitzenden durchgelesen, offenbart sich mir darin eine abstrus-pervertierte Argumentationsweise. Durch repressive Maßnahmen will man Pression auf die Wikipedia-Leser vermeiden... Da grüßt der verquere, wenn ich an das im Artikel zitierte Vulva-Foto denke, auch sexualfeindliche Paranoiker.
2. beleidigt?
WernerS 12.10.2011
was habt ihr gegen einen sachlichen filter? ich brauch mir nur die unsachlichen pfuscher und relevanz-fanatiker vor augen führen, die jeden artikel verhunzen. da sind einfach einige die sich zu wichtig nehmen, eingeschnappt.
3. ...
kästchen 12.10.2011
Warum macht man die Bilder nicht einfach ausklappbar? Dazu die Einstellung im Account, das alle Bilder sofort angezeigt werden können oder alle immer eingeklappt sind. Keine Zensur, da das Bild ja im Artikel vorhanden bleibt ohne gefiltert zu werden. Audio- und Videobeiträge laufen ja auch nicht automatisch ab, nur weil ich die Seite im Browser öffne. Ich würde so etwas auch begrüssen, denn dann kann ich mich entscheiden, ob ich zB wie bei dem Beitrag zu Adipositas einen ziemlich hässlichen Männerbauch sehen will, oder ein Gehirn im Beitrag zum Gehirn und so weiter ...
4. ...
Peter Werner 12.10.2011
Wir Deutsche haben absolut keinen Grund, uns hierüber zu mokieren. Der dt. Jugendschutzwahn ist so ziemlich einmalig in der "freien" westlichen Welt. Dies führt bei uns zu Stiblüten wie eine Sendezeitbegrenzung im Internet. Einfach mal in die ARD-Mediathek gehen, gewisse Sendung sind dort erst ab 22 Uhr abrufbar. Leider kein Scherz sondern traurige Wahrheit.
5. "Sachliche" Filter?
bengelsk 12.10.2011
Zitat von WernerSwas habt ihr gegen einen sachlichen filter? ich brauch mir nur die unsachlichen pfuscher und relevanz-fanatiker vor augen führen, die jeden artikel verhunzen. da sind einfach einige die sich zu wichtig nehmen, eingeschnappt.
Was sind denn "sachliche" Filter? Muss jedes Bild gefiltert werden, dass irgendwer anstössig findet? Oder muss eine Abstimmung durchgeführt werden und die Mehrheit entscheidet? Was ist z.B. mit den Mohammed-Karikaturen, filtern oder nicht?
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