Fixe Geschäftsidee: Ich wär so gern Pixelmillionär

Von Richard Meusers

Aus Dreck Geld zu machen ist sprichwörtlich und der Wunsch vieler. Aus Nichts Geld zu machen ist noch angenehmer - funktioniert aber nur einmal. So auch bei bunten Pünktchen auf dem Computermonitor.

Als ob niemand aus der mit lautem Knall geplatzten Dotcomblase gelernt hätte, wispert und schwurbelt es mittlerweile an vielen Ecken und Enden über den neuesten Hype: Social Software, Web 2.0 und was der klingenden Namen mehr sind. Von neuen Bezügen wird orakelt, Quanten springen auf neue Ebenen, Internet-Nutzer brechen auf zu neuen Horizonten. Bei Licht besehen, geschieht aber eigentlich nur stets das Gleiche im neuen Gewand. Denn der Mensch bleibt, was er ist.

Screenshot "Million Dollar Homepage": Bereits 800.000 Dollar eingenommen

Screenshot "Million Dollar Homepage": Bereits 800.000 Dollar eingenommen

Mit schick formuliertem Neusprech und entsprechendem Etat können Marketing-Spezialisten bekanntlich aus Nichts wunderbare Welten erschaffen. Zuweilen werden sie aber auch nur durch schlaue Leute entlarvt, die ohne diesen Apparat auskommen und ganz von selbst eine pfiffige Idee haben. So zum Beispiel der 21-jährige britische Student Alex Tew, der seit Ende August 2005 eine leere Internetseite pixelweise als Werbefläche vermietet. Ein Pixel auf seiner "Million Dollar Homepage" ist zum Preis von einem Dollar zu haben.

Das klingt merkwürdig, aber eigenen Angaben zufolge hat der BWL-Student bereits 800.000 Dollar eingenommen. Neben den wohl unvermeidbaren Sexangeboten haben sich Unternehmen, Initiativen und auch Privatmenschen Werbeplätzchen von Fliegenaugen- bis Daumennagelgröße reserviert. Sogar der altehrwürdige TÜV Rheinland ist mit einem kleinen Quadrat vertreten.

Trittbrettfahrer allerorten

Wie zu erwarten, ruft ein solches Geschäftsmodell sofort Nachahmer auf den Plan, um deren Erfolg es allerdings weitaus bescheidener steht. Ob es nun die "Eine Million Euro Homepage" oder ihre fragwürdigen Klone wie die "Eine Million Euro Page" sind, der erhoffte Geldsegen scheint sich nicht recht einstellen zu wollen. Bei ersterer wird die Werbefläche mittlerweile verschenkt und - Gipfel der unfreiwilligen Ironie - ausdrücklich vor "Trittbrettfahrern" gewarnt.

Letztere entpuppt sich bei näherem Hinsehen als billig aufgemachte Kreditvermittlungsseite, die außerdem zu so seriösen Verdienstmöglichkeiten wie "Geld verdienen duch Ebay-Schreibfehler" oder "Werden Sie Autovermittler es lohnt sich" verlinkt. Und "Millionen-gesucht" erfreut mittlerweile nur noch durch meist leere Seiten und die häufig erscheinende Unglückszahl 404.

Das neue Konzept scheint potentielle Nutzer von Kontaktbörsen ebenfalls nicht sonderlich anzusprechen. Der einschlägige Anbieter Casadu versuchte es gleich mit drei Seiten, jeweils "für Singles, Männer und Frauen". Doch nichts illustriert die Einsamkeit von Kontaktsuchenden deutlicher als diese Seiten: der Anblick zweier winziger Bildchen auf der riesigen weißen Fläche macht frösteln.

Da kann dann nicht überraschen, daß die Pixelmanie auch andernorts nicht zu den gewünschten Ergebnissen führt. Ein Beispiel bietet dafür die Stadtverwaltung Berlin-Mitte, der anscheinend ein findiger Marketing-Spezialist das Konzept vom "Pixelbürger" angedreht hat. Dabei sollten sich die Berliner jeweils ein Pixel eines Satellitenfotos von Berlin reservieren, das ihrem Wohnort am nächsten liegt. Der interessierte Besucher der Seite sollte dann ein Pixel seiner Wahl anklicken und so mehr über den jeweiligen Bürger erfahren und sogar Kontakt mit ihm aufnehmen können. Doch so schön der Gedanke auch sein mag, bereits ganz oben vermeldet die Seite: "Leider sind die Pixelbuerger zur Zeit inaktiv."

Selbst für wohltätige Aktionen sitzt das Geld nicht mehr locker. Die von Bild-T-Online im November aufgelegte Seite "Ein Pixel für Kinder" dümpelt bei gerade 4 Prozent vergebener Fläche vor sich hin.

Damit ist der Pixelwahn auf seine ihm angemessene Größe geschrumpft und bewegt sich wieder in der kleinen Welt der halbseidenen Gebrauchtwagenverkäufer, Drückerkolonnen und Stöhnangebote. Sogar die grausliche Rechtschreibung ist oft die gleiche. Schöne neue Welt? Sie sieht der alten erbärmlich ähnlich.

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