Flash Mobs Wenn dir plötzlich Hunderte applaudieren

Die Menschen sammeln sich spontan: Dutzende, Hunderte, irgendwo, irgendwann. Dann stellen sie kurz ein paar skurrile Dinge an und verschwinden wenige Augenblicke später wieder im Nichts. So genannte Flash Mobs, die sich weltweit immer häufiger in den Großstädten bilden, sind ein Riesenspaß - mit revolutionärem Potenzial.

Von Mario Sixtus


Ein paar Minuten spontan zusammenkommen und etwas ungewöhnliches tun: Flash-Mob im New Yorker Central Park am 24. Juli
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Ein paar Minuten spontan zusammenkommen und etwas ungewöhnliches tun: Flash-Mob im New Yorker Central Park am 24. Juli

Manhattan an einem Sommerabend. Genau um 19:07 Uhr betreten auffällig viele Personen das luxuriöse Hyatt Hotel direkt neben der Grand Central Station. Insgesamt einige Hundert Personen verteilen sich in der ersten Etage gleichmäßig um das Geländer, das die häuserblockgroße Hotellobby umringt und starren derart neugierig in die Eingangshalle hinab, dass man vermuten könnte, dort würden sich Britney Spears, Michael Jackson und der Papst in personae aufhalten.

Genau fünf Minuten später brechen die überwiegend jungen Leute in einen fünfzehnsekündigen, tosenden Applaus aus, nur um direkt im Anschluss daran das Gebäude eilig wieder zu verlassen und die verwirrten Gäste nebst verunsichertem Hotelpersonal in der Nobelherberge und in Ratlosigkeit zurückzulassen.

Was war das?

Flash-Mob nennt sich dieses neue Gesellschaftsspiel, das seit kurzer Zeit in Manhattan grassiert und das bei jeder Inkarnation dem gleichen, strikten Regelwerk folgt: Wie aus dem Nichts formiert sich scheinbar spontan eine Menschenansammlung, die maximal zehn Minuten lang einer auffällig merkwürdigen Beschäftigung nachgeht, bevor sie sich genauso spukhaft wieder auflöst.

Initiator dieser New Yorker Blitz-Pöbel ist ein ominöser 'Bill', der mittels Ketten-Mail Ort, Zeitpunkt und Inhalt der jeweiligen Mob-Materialisierungen vorgibt, ansonsten aber stets anonym im Hintergrund bleibt.

Mittlerweile haben diese harmlosen und sinnfreien Kurz-Happenings landesweit Nachahmer inspiriert; selbst im fernen London sind ähnliche Events angekündigt worden.

Was soll das?

Flash-Mobs sind erklärtermaßen unpolitisch und spielerisch, und manche nennen sie schlicht albern. Andere jedoch haben das Mob-Konzept bereits zur nächsten sozialen Revolution erkoren.

Der Medientheoretiker Howard Rheingold, der spätestens mit seinem 1993 erschienenen Buch 'The Virtual Community'

Erahnte einen neuen Trend: Der Netztheoretiker Howard Rheingold

Erahnte einen neuen Trend: Der Netztheoretiker Howard Rheingold

bewiesen hat, dass er in der Lage ist, technologische und gesellschaftliche Trends frühzeitig zu erkennen und zu formulieren, stellte in seinem jüngsten Werk 'Smart Mobs' bereits vor rund einem halben Jahr die These auf, dass dem 'intelligenten Pöbel' die Zukunft gehöre.

Die nächste Revolution nach PC und Internet ist, laut Rheingold, mitnichten technologisch, sondern sozial: "Smart Mobs bestehen aus Menschen, die zusammen handeln können, selbst wenn sie sich nicht kennen." Die Szenen, Clans und Communities, die sich ständig im Internet bilden, dort mutieren, sich spalten oder auch einfach nur wachsen, würden in Zukunft immer häufiger eine Entsprechung in der realen Welt finden.

Dass Menschen für gemeinsame Ziele und Ideen zusammen arbeiten, ist beileibe nichts Neues. Neu hingegen sei, mit welcher Geschwindigkeit und Flexibilität sich Gruppen Gleichgesinnter, mit Hilfe von Netzwerk- und mobiler Technologie, bilden könnten und mit welcher Effizienz sie handelten.

Rheingold führt in seinem Buch etliche Beispiele für bereits existierende und funktionierende Smart Mobs an, von der Internet-Mitfahrzentrale bis zu den Spontandemonstrationen philippinischer Oppositioneller, die per SMS organisiert wurden und die schließlich zum Sturz des Präsidenten Estrada führten.

Vor diesem Hintergrund erscheint auch die geänderte Taktik der letzten Demonstrationen in Teheran in einem interessanten, neuen Licht.

Flash-Mobs: Nur fun, fun, fun - oder Proof of Concept?

Handelt es sich bei den kurzlebigen Spaß-Horden in Manhattan also um mehr als um dadaistische Mini-Events? Sind die Minuten-Mobs die spielerischen Vorboten einer ernst zu nehmenden, gesellschaftlichen Entwicklung?

Es verwundert kaum, dass Rheingold eben genau davon überzeugt ist: "Smart Mobs haben bereits Wahlen umgedreht und Demonstrationen organisiert, die eine Regierung gestürzt haben. Nun werden sie halt für Performance-Kunst eingesetzt."

Auch Rob Zazueta haut in die gleiche Kerbe. Der in San Francisco lebende Web-Entwickler äußert sich zu dieser Frage eindeutig: "Flash-Crowds demonstrieren die Fähigkeit größerer Gruppen von gleich gesinnten Menschen, sich unverzüglich zusammenzufinden, aus was für Gründen auch immer. Ich glaube, dass einige Leute die apolitischen Mobs als eine Art 'Proof of Concept' ansehen, beispielsweise für einen späteren, politischen Mob. Zurzeit testen viele Leute aus, wie laut ihre Stimmen zu hören sind."

Im Moment arbeitet Zazueta an einer Web-Plattform namens FlockSmart, die es sowohl Organisatoren, als auch Teilnehmern ermöglichen soll, sich zu spontanen, zielgerichteten und -natürlich - cleveren Rudeln zusammenzuschließen.

Jede Menge seltsame Vögel: Vom Flash-Mob überraschte Besucher im Central Park
REUTERS

Jede Menge seltsame Vögel: Vom Flash-Mob überraschte Besucher im Central Park

Ein Bewertungssystem, ähnlich dem von eBay, soll dafür sorgen, dass weder Kommerzveranstaltungen noch radikale Gruppen auf Dauer eine Chance im System haben. "Diejenigen, die das System nutzen, werden es irgendwann zu Etwas weiterentwickeln, was Niemand von uns jetzt vorhersehen kann", ist Zazueta überzeugt. "Die momentan Beteiligten sind eine Art Verwalter des Ganzen. Wenn sie einen guten Job machen, denke ich wirklich, dass dies eine soziale Revolution werden könnte."

Enthusiastische Worte, die nicht überall auf ein ungeteilt positives Echo treffen dürften. So nörgelte eine New Yorkerin kürzlich in ihrem Weblog über den Hotel-Applaus-Mob: "Mir ist es wirklich peinlich, dass solche Events ausgerechnet in meiner Stadt stattfinden. Die ganze Idee ist einfach so unglaublich San Francisco."

Oder auch nicht, wie der Wiener Journalist Hans Wu meint: Der sieht den Prototypen der Bewegung im Hamburger "Radio-Ballet" vom Mai 2002.

Wie auch immer: Die Idee geht um die Welt. Am Donnerstag letzter Woche kam es in Rom zum ersten europäischen Flash-Mob, und schon zwei Tage später kam es in Wien zu einem kleineren Versuch. Anfang August soll es zu einer ganzen Reihe Flash-Mobs in europäischen Städten kommen. Die Welle rollt.

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