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Flashmob-Revival: Die Verhaftung der lautlosen Ruhestörerin

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Die Flashmob-Bewegung hat ihre erste Märtyrerin. Brooke Oberwetter wurde wegen Ruhestörung verhaftet, weil sie lautlos tanzte. Ist das ungebührliches Verhalten, Widerstand gegen die Staatsgewalt - oder einfach Schwachsinn? Im Web formiert sich die "Dance Revolution".

Brooke Oberwetter ist auf dem besten Weg, prominent zu werden. Für zahlreiche Blogger ist die Amerikanerin eine Art Widerstandskämpferin, weil sie sich zu Füßen der Statue des US-Verfassungsvaters Thomas Jefferson in Washington, D.C. das Tanzen nicht verbieten ließ. Die Polizisten, die Oberwetter in Handschellen abführten, sahen in ihr eine Ruhestörerin, die Widerstand gegen die Staatsgewalt übte. Ihr Vergehen: Sie hatte mit einer kleinen Gruppe von Menschen nachts am Jefferson Memorial getanzt, wobei jeder seinen eigenen Soundtrack genoss, MP3-Player-Ohrstöpsel im Ohr.

Die lautlose Ruhestörung störte die Wächter am Denkmal - und das war einkalkuliert: Flashmobs sollen irritieren. Bei diesen "Blitzaufläufen" (Wikipedia) des "Blitzpöbels" ("WAZ") tun Menschen koordiniert etwas vermeintlich völlig sinnloses: Scheinbar spontan strömen sie zusammen und zeigen als Gruppe ein auffälliges Verhalten - dann gehen sie wieder. Mal zeigen Hunderte von Menschen plötzlich nach oben, mal werfen sie sich auf einem öffentlichen Platz auf den Boden: Die Aktionen sind meist so harmlos wie auffällig. Ein großer Spaß, der gerade seine Wiedergeburt erlebt, denn eigentlich war die Flashmob-Welle seit Jahren verebbt.

Seit einigen Wochen aber irrlichtern die ferngesteuerten Individualisten wieder durch die Welt und die Medien. Koordiniert über Internet und Handy landeten vergangene Woche hundert junge Menschen vor den Pforten der Dresdner Frauenkirche auf dem Bauch und darum bundesweit in den Medien. Sie eiferten der Aufmerksamkeit nach, die Ende März geschätzte 2000 Jugendliche in Berlin ernteten, als sie in einer Berliner Groß-Bulettenbude gleichzeitig 10.000 Hamburger bestellten. Das Gleiche passierte im vergangenen Dezember in Dresden - seit letztem Spätsommer wacht die im Herbst 2003 abgestorbene Bewegung langsam wieder auf - weltweit.

Steigende Aufmerksamkeit

Lieferten sich im Sommer 2007 nur wenige Dutzend Flashmob-Wiederbeleber Kissenschlachten vor dem Kölner Dom oder machten Liegestützen in Einkaufsstraßen, wuchs ab Herbst einmal mehr die Hoffnung, aus der spaßigen Nonsens-Demo-Szene könne doch noch ein innovatives Instrument der öffentlichen Meinungsäußerung werden. So protestierten in Sankt Petersburg Kunstliebhaber mit einem Trauer-Flashmob gegen die Kommerzialisierung des Eremitage-Vorplatzes.

Mit einigen Jahren Verspätung entdeckte sogar das von Flashmobs eigentlich verspottete bürgerliche Lager das vermeintlich subversive Instrument. Ende Juni 2007 koordinierten die katholischen Jugendverbände per Pressemitteilung das Paradoxon eines unspontanen "Flashmob gegen Rechts" in Köln ("MobCologne"). Und selbst die Gewerkschaft Verdi plante Flashmob-Aktionen als Mittel des Arbeitskampfes, was ihr das Arbeitsgericht Berlin allerdings im Dezember förmlich verbat (Az.: 34 Ga 20169/07). Vielleicht zum Glück, denn kaum etwas ist peinlicher als eine per Flugblatt angekündigte Spontan-Aktion.

Die wiedererwachte Aufmerksamkeit der Medien sorgte dafür, dass auch die Teilnehmerzahlen wieder stiegen. Flashmobs machen nur Spaß, wenn sie jemand bemerkt. Doch erst jetzt gewinnt der Flashmob wirklich eine im weitesten Sinne politische Dimension - und zwar, wie sich das gehört, ganz spontan.

"The Jefferson 1": Tanz ins Martyrium

Das verdankt die informelle Bewegung der stets koordiniert auftretenden Nonkonformisten der freundlichen Dickköpfigkeit von Brooke Oberwetter. Sie war Teil einer Gruppe von nur rund 20 jungen Leuten, die sich am Wochenende zu einer Geburtstagsparty für den amerikanischen Verfassungsvater Thomas Jefferson zu Füßen seines Denkmals versammelten.

Die über Facebook geschlossene Verabredung sah vor, dass die Gruppe für eventuelle Zuschauer lautlos zu den Klängen ihrer MP3-Player tanzen sollte. Danach sollte es ab in die Kneipe gehen, zwecks kennen lernen nach diesem gemeinsamen Spaß - Flashmobs haben sich zu einer Art Gruppen-Blind-Date entwickelt. Dann kam das Wachpersonal.

Und wie das so ist in digitalen Zeiten, wurden die folgenden Minuten auf Kamera-Handys auf Film und Foto gebannt, die Beweise landeten bald schon in Blogs und bei YouTube (siehe oben). Was sie zeigen: Eine durchaus höfliche junge Frau, die es für ihr verfassungsmäßig verbrieftes Recht hält, zu Ehren des Verfassungs-Mitautoren zu tanzen.

Die Denkmal-Wächter sahen das anders und ließen die Handschellen klicken - aus Brooke Oberwetter wurde "The Jefferson 1", in immer mehr Blogs gefeiert als Märtyrerin des Bürgerrechts.

Die Heldin selbst ist wieder auf freiem Fuß, aber das ändert nichts. Längst gibt es eine Facebook-Gruppe, eine eigene Webseite: "Free the Jefferson 1" heißt die, als ginge es um die Befreiung eines Widerständlers gegen die Tyrannei oder die Entlassung eines zu Unrecht zum Tode Verurteilten. Eine Reaktion, die sofort und ohne Zeitverzögerung einsetzte: Per Twitter machte die Nachricht bereits Minuten nach Oberwetters Verhaftung die Runde. Teile des Flashmobs folgten dem Polizeiwagen und dokumentierten, was sie nur konnten. Aus dem studentischen Tanz-Gag war wahrhaft spontan eine Widerstandsbewegung erwachsen - die "Dance-Dance Revolution", wie "Ars Technica" in Anlehnung an ein bekanntes Videospiel spottete.

Oder ging es doch nur um "eine gezielte Provokation der Polizei", um "Zeug, an dem Weiße ihren Spaß haben", wie sich einzelne Diskussionsteilnehmer in einem Blog erregten? Nein, ist dort die bierernste Replik zu lesen, natürlich gehe es um Bürgerrechte. Es gehe darum, dass etwas mit Amerika nicht stimme, wenn man nicht mehr für Jefferson tanzen dürfe, wie einer der Flashmobber im Youtube-Video sagt: "Sie", mahnt er einen der Beamten voller Pathos, "sind der Wächter dieser Wände. Lesen Sie, was darauf geschrieben steht! Jefferson wäre nicht einverstanden gewesen!"

Damit bleibt sich der Flashmob treu, denn natürlich ist die ganze Bewegung durch und durch ironisch.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 14 Beiträge
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1. Sie hat noch glück gehabt
Takamisakari, 16.04.2008
Ich finde Sie hat noch Glück gehabt, es hätte ja auch sein können das wegen des unglaublichen Bedrohungspotentials, erst mal wie wild geteasert wird. °_^
2. meme
doctor manhattan 16.04.2008
Nachdem ich bei einigen Howard-Rheingold-Flashmobs in Kalifornien so anno 96 mitgemacht habe hätte ich nicht erwartet von dem Trend wieder was zu hören. War wohl doch ein gutes meme… ;))
3. fein
M.S.Schneider, 16.04.2008
Scheinbar sinnlos kann es doch auf das Absurde des 'Normalen' hinweisen und ganz nebenbei noch aufdecken, wie paranoid Staat und 'Gesellschaft' inzwischen geworden sind. Selbst im Spon-Text werden die Aktionen als 'auffällig' beschrieben. Dabei wäre es doch umgekehrt viel spannender: Wie unauffällig, konform und langweilig ist eine 'Gesellschaft', in der Tanzen als Auffälligkeit gilt, in der nur der als 'normal' gilt, der als Teil des Konsumviehs durch die Straßen wankt? Als normal im öffentlichen Raum gilt mittlerweise nur der, der entweder arbeitet, auf dem Weg zur Arbeit ist oder als Konsumzombie unterwegs ist. Dass dieser, unsere, öffentliche Raum tatsächlich offen zu sein hat, wird bereits kaum noch verstanden.
4. Na ja
jean dark 16.04.2008
Da sieht man dass diese Bewegung doch bei weitem subversiver ist als angenommen, denn der Autor kratzt nur an der Oberfläche, dieses Prinzip des Flashmobs wurde in Berlin für bewußt politische Aktionen schon Anfang 2000 benutzt, es gab mehrere unangemeldete Demos an unmöglichen Orten, die sich, eh die Polizei da war, wieder auflösten und das Prinzip war in Berlin eigentlich nie wirklich tot. Das Prinzip wurde später dann für 5 Minuten Parties benutzt, seien es verabredetet Treffen in U Bahnen, in denen plötzlich hunderte Leute standen und eine Band im U Bahn Wagen spielte, sei es kollektives Schwarzfahren, sei es ein plötzliches Treffen, nachts am EC Karten Automaten in einer Bank, um diese für 5 Minuten zur Bar zu machen. Auch der Berliner Musiker Alec Empire nutzte dieses Prinzip für sein Video "Kiss of Death". Bekanntgabe im Internet, dann tauchten dutzende schwarz gekleidete Menschen auf, die sich für ein paar Minuten wie Tote auf die Berliner Museums Insel legten. Als die Polizei da war, war das Video schon gedreht. Letztendlich ist es aber in der Tat so, dass auch diese Form, die ursprünglich subversiv war, von Institutionen aufgegriffen wurde, auch vom Guerilla Marketing und damit nun im Mainstream angekommen ist und eben keine Subversion mehr ist. Ist so wie mit Rock'n Roll, der als Werbemusik sein Ende findet.
5. Lol.....
sabai27 16.04.2008
Subversiv? Ziviler Ungehorsam?? Märtyrer??? Non-Konformistische Spontis???? Hahaha...selten so gelacht. Gibt 'ne trefferende und schön griffige englische Wortschöpfung dafür: Attention Whores!
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