Flickr: Neues Layout, alte Probleme

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Flickr werkelt am Seitenlayout - doch die einst so erfolgreiche Plattform wird schon totgesagt. Yahoo habe die einst lebendige Community ruiniert und wichtige Trends verpasst, ätzt Gizmodo. Flickr-Fans reagieren empört auf den Nachruf.

Fotoseite eines Flickr-Nutzers: Größere Bilder sollen die Seite schöner machen Zur Großansicht
flickr / Foto: torbografie.de

Fotoseite eines Flickr-Nutzers: Größere Bilder sollen die Seite schöner machen

Flickr hübscht sich auf: Gerade erst hat die Fotoplattform mehrere Verschönerungen vorgestellt, zum Beispiel neue Bildgrößen und in dieser Woche das "flüssige" Layout für größere Bilder auf der Fotoseite. Unter anderem damit soll die Ankündigung vom Januar wahr gemacht werden, dass sich in diesem Jahr auf der Plattform endlich wieder mehr tun soll.

"Flickr gibt weiter Gas", kommentiert die Twitter-Nutzerin pixelgraphix die jüngste Neuerung, ein User namens FotoArch jubelt: "Hüja, altes Flickr-Pferd, weiter so!" Das "alte Flickr-Pferd" ist im Februar acht Jahre alt geworden, früher setzte die Seite mit ihren Funktionen Maßstäbe. Doch der ehemals einzigartigen Fotoplattform hat die Konkurrenz von Facebook, Google+ und Co. mächtig zugesetzt.

Die Modernisierungsversuche kommen womöglich zu spät, schreibt Gizmodo-Autor Mat Honan in einer ausführlichen Analyse. Im Grunde sei Flickr längst tot, umgebracht von seinem Besitzer, dem Web-Konzern Yahoo. Mittlerweile sei die Plattform fast verwaist, so wie ein Wohnviertel, das von einer Immobilienkrise getroffen wurde - mit rostigen Fahrrädern in den verwahrlosten Vorgärten und verlassenen Häusern.

Soll heißen: Die User pflegen ihre Sammlungen und Fotoseiten nicht mehr. Es sei zwar ein subjektiver Eindruck, schreibt Honan, aber er sehe von denselben Nutzern immer weniger Bilder auf Flickr und dafür immer mehr auf anderen Netzwerken wie Facebook, Path oder Instagram. Und er glaubt auch zu wissen, woran das liegt.

Seit der Übernahme durch Yahoo im Jahre 2005 sei so ziemlich alles schiefgelaufen, schreibt Honan und listet verpasste Chancen und verschlafene Möglichkeiten auf: Yahoo habe das Potential der Flickr-Community nicht erkannt; immerhin sei Flickr doch ein frühes soziales Netzwerk gewesen. Anstatt diese Kultur zu pflegen, habe Yahoo versucht, Flickr in seine Plattform zu integrieren, mit einem Zwang zum Yahoo-Account. Das sei das Gegenteil von sozial gewesen, schreibt er. Und das, obwohl gerade das Kommunikative Flickr immer ausgezeichnet hätte. In der Folge hätten andere soziale Netzwerke das Feld übernehmen können.

Kein Kommentar von Yahoo

Auch die Entwicklung hin zum mobilen Surfen hätten die Verantwortlichen verpasst. Viel zu spät sei eine Flickr-App für Smartphones erschienen, und das Urteil der Nutzer sei verheerend ausgefallen: langsam, fehlerhaft, benutzerunfreundlich. Andere Apps und Dienste übernahmen die Fotofunktionen, zum Beispiel das Bildernetzwerk Instagram.

Jetzt soll immerhin aufgeholt werden. Honan zitiert Flickrs Produktmanager Markus Spiering, der sagt, es werde an einer verbesserten App gearbeitet. Der verhasste Zwangs-Yahoo-Login ist längst wieder weg, und überhaupt, so Spiering, bekomme das Flickr-Team von Yahoo endlich die nötige Unterstützung.

Um eine Stellungnahme zur Gizmodo-Kritik gebeten, zeigte sich Spiering gegenüber SPIEGEL ONLINE zunächst gesprächsbereit - doch die Presseabteilung in Deutschland blockt ab. Die offizielle Antwort: Zu diesem Text äußere man sich nicht.

Also sprechen die User. Unter dem Text liest man viel Zustimmung, aber auch empörte Fans: "Ich weiß nicht, wovon du sprichst", schreibt ein Leser, "Flickr ist ein Ort geworden für Menschen, die Fotografie ernster nehmen." Ein anderer merkt an: "Ich mag Flickr gerade, weil es keines der führenden Netzwerke ist". Und ein Kommentar unter dem Mammut-Text bleibt kurz und bündig: "tl;dr - I love Flickr." (Zu lang, habe ich nicht gelesen - Ich liebe Flickr.)

Die Übernahme durch einen großen Konzern habe der talentierten kleinen Firma geschadet, urteilt Honan. Das ist ein typisches Muster: Auch das von Holtzbrinck aufgekaufte StudiVZ kämpft mit Karteileichen und Innovationsstau. Yahoo hat den 2005 übernommenen Lesezeichen-Dienst Delicious kaum gepflegt und sechs Jahre später wieder abgestoßen - seitdem versuchen die neuen Eigentümer, ausgebliebene Entwicklungen nachzuholen.

Offenbar hat Yahoo nun wieder Interesse an Flickr gefunden, vielleicht gerade noch rechtzeitig, um die Plattform vor dem Ende zu bewahren. Denn ein Blick in eine Reihe zufällig ausgewählte Flickr-Accounts bestätigt den Eindruck vom verlassenen Wohnviertel: Neben den Namen der Kontakte stehen jeweils die neuesten Uploads - und die sind oft 20, 30 oder sogar 50 Monate her. Verlassene Vorgärten. Doch zwischendrin finden sich immernoch eine Menge Aktiver mit gepflegter Veranda.

Nischendienst für Fotografen

Einer der aktiven Flickr-Nutzer ist der 31 Jahre alte Entwickler Dominik Schwind aus Düsseldorf. Er ist ein Flickr-Urgestein, dabei seit August 2004. "Damals hatte ich eigentlich noch gar nichts mit Fotografieren am Hut, ich hab mich nur angemeldet, weil das zu der Zeit angesagt war. Zum Fotografieren bin ich erst durch Flickr gekommen", sagt er. Wer wegen der Community und nicht allein wegen der Bilder dort war, sei aber in der Regel jetzt wieder weg. Dadurch sei die Community tatsächlich ein wenig eingeschlafen.

"Ich erinnere mich noch, dass ich früher solche Meet-ups organisiert habe. Da haben sich ungefähr 15 Flickr-Nutzer getroffen und zusammen Fotos gemacht." Doch mit den Jahren wurde die Gruppe immer kleiner, und als sie nur noch zu dritt waren, haben sie bei den ehemaligen Foto-Freunden nachgefragt. "Die haben gesagt, sie fänden Flickr nicht mehr so toll. Um die deutsche Community habe man sich nicht mehr richtig gekümmert."

Er selbst mag das "alte Pferd" aber immer noch, obwohl er viel weniger hochlädt als früher. Waren es im Jahr 2005 noch rund 300 Bilder im Monat, so sind es heute weniger als 20. Auf Instagram lädt er mehrere Bilder pro Woche hoch - aber eben auch Schnappschüsse, die er auf Flickr niemals zeigen würde. "Instagram verhält sich zu Flickr wie Twittern zu Bloggen", sagt Schwind. Der schnelle Schuss gegen die ausgeruhte Kunst sozusagen.

Das ist auch das Credo vieler Kommentare auf den Gizmodo-Text: Auf Flickr sehe man Qualität, die Plattform könnte zur Anlaufstelle für Qualität werden. "Flickr wird sich zu einem Nischendienst entwickeln für Fotografen und Fotoamateure", meint Dominik Schwind, "aber es wird nie wieder so sein wie früher, als es fürs Foto-Sharing nur eine Antwort gab: Flickr."

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insgesamt 12 Beiträge
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1. dA vs. flickr
_francois 18.05.2012
flickr fand ich auch mal toll, weil groß, berühmt und viele waren dort. Leider letztendlich zu viele, wie ich dann irgendwann fand. Ziemlich bergab ging es meiner Meinung nach, als alle nur noch diesen "fave me"-Gruppen beigetreten sind. Dort ging es eigentlich nur noch Pokale als Kommentare zu ergattern. Alles sehr unpersönlich, da diese meist kommentarlos gegeben wurden. Wenn du bei flickr jemandem einen netten Kommentar zu seinem Foto schreibst, dann kriegt der Empfänger ja gleich einen Orgasmus. Ist so ein bisschen wie Facebook und sein "Gefällt mir"-Button. Sowas war mal innovativ seitens der Macher, aber sowas verursacht eben auch den Hirntod der eigenen User. Bin jetzt bei deviantart.com und bin bestens zufrieden. Die Jungs von dA denken sich oft was Neues aus und dafür zahle ich dann auch gern mein Abo. PS: dA fand ich anfangs vom Webseiten-Stil her eher kindisch, aber erst einmal dort und umgesehen erkennt man: dort wird Kunst vereint und vieles dafür getan, damit es auch so bleibt ;-)
2. Flickr hat doch Stärken
tutuk 18.05.2012
Zum Vor-Kommentar: Deviant Art ist wohl vor allem eine Plattform für bad taste und Kitsch! Auf Flickr sind dagegen nach wie vor qualitativ hochwertige Streams zu sehen - nicht von ungefähr beziehen selbst "etablierte" Medien von dort einen Teil ihrer Bilder. Die Schwachpunkte von Flickr sind u.a. die Statik der Seite, besonders im Vergleich mit tumblr oder Blogspot, wo aber wiederum oft nur ein Sammelsurium ohne jeden (c)-Respekt gepostet wird. Gegen Flickr/Yahoo muss man aber zum einen sagen, dass sie vor ein paar Jahren ihre User mit deutschen Accounts "chinesisch" alles wegzensiert haben, was irgendwie als "unsafe" klassifiziert war und dann natürlich dieses ewige weiß/pink-Design (da bin ich als Deutscher natürlich Telekom-geschädigt.) Den Gizmodo-Artikel hat man schon keinen Bock zu lesen von wegen der ganzen reisserischen Machart!
3. Zensur auf der Achse der Keuschheit
Ronald Dae 18.05.2012
Es stimmt, dass die Community früher deutlich aktiver war als heute. Ich bin als Portrait-Fotograf seit 2006 dabei und zur damaligen Zeit gab es schnell mal 100 Kommentare auf ein eingestelltes Motiv, wo heute nur noch 10 zu erwarten sind (ohne das die Motiv-Qualität nachgelassen hätte). Das Dümmste, was Yahoo mit flickr gemacht hat, war vorauseilender Gehorsam beim Sperren von allen Foren, die Inhalte ab 18 beinhalten: Diese Zensur greift aber nur für IP-Adressen aus Deutschland, Korea und Hong-Kong, mithin die „Achse der Keuschheit“. Somit kann man als engagierter Flickr-Admin auch keine Foren moderieren, welche "unsafe content" beinhalten, wie zum Beispiel -huch!- blanke Busen. Sigh. An meinem Portfolio lässt sich die Degenration der User-Kommentare leicht nachvollziehen: http://www.flickr.com/photos/ronaldx Ronald D. Vogel - Charakter Portraits -
4. wieso muß immer alles super toll und wie fb aussehen ..
spargel_tarzan 18.05.2012
und warum muß immer alles auf diese community-quark hinaus laufen? auf allen seiten wird geschleimt was das zeug hält und ohne ende der peinlichkeiten. redet man klartext kommt gleich die ignorekeule. trotzdem ist flickr 1000 mal besser als diese widerliche deutsche fc. keine wettbewerbe, man muß ja nicht jeden scheiß mitmachen, und man findet genügend leute weltweit, deren bilder einem gefallen können und man bekommt darüber hinaus einblicke in deren kulturelles umfeld und wie sich daraus bildsprachen ergeben. ich muß nicht 100 kommentare unter meinen bildern haben, die zu 99% eh nur verlogen sind. jedenfalls habe ich mich an flickr gewöhnt, für mich ist es ok und das was ich will und erwarte kann ich mir dort erfüllen. und 300 bilder im monat, wenn ich nicht gerade berufsknipser bin, halte ich eh für pervers aber in den zeiten der belanglosen und distanzlosen digitalknipserei ist das auch kein wunder. da ist mir meine analogknipserei mit weniger ist mehr, allemal lieber.
5.
_francois 18.05.2012
Zitat von tutukZum Vor-Kommentar: Deviant Art ist wohl vor allem eine Plattform für bad taste und Kitsch! Auf Flickr sind dagegen nach wie vor qualitativ hochwertige Streams zu sehen - nicht von ungefähr beziehen selbst "etablierte" Medien von dort einen Teil ihrer Bilder. Die Schwachpunkte von Flickr sind u.a. die Statik der Seite, besonders im Vergleich mit tumblr oder Blogspot, wo aber wiederum oft nur ein Sammelsurium ohne jeden (c)-Respekt gepostet wird. Gegen Flickr/Yahoo muss man aber zum einen sagen, dass sie vor ein paar Jahren ihre User mit deutschen Accounts "chinesisch" alles wegzensiert haben, was irgendwie als "unsafe" klassifiziert war und dann natürlich dieses ewige weiß/pink-Design (da bin ich als Deutscher natürlich Telekom-geschädigt.) Den Gizmodo-Artikel hat man schon keinen Bock zu lesen von wegen der ganzen reisserischen Machart!
sowas gibts wohl auf jeder Plattform und siehe da ja sogar auf der heiligsten aller foto-communities: flickr. wenn ich auf flickr katzen-portraits von allen erdenklichen seiten finde, sogar von hinten, dann frage ich mich wo denn wirklich übles zeug zu finden ist. dA bietet zudem mehr Art als nur Fotos, was ich echt toll finde. aber wie gesagt, wenn man nur Fotos anzubieten hat, dann wirkt die katze von hinten auch irgendwann attraktiv ;-)
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