Bildkritik von fokussiert.com: Drei Profi-Tipps für bessere Fotos

Von Thomas Brotzler

Tonwertkorrektur, Achsenkorrektur, ein Blickfang in der Leere: Mit einfachen Handgriffen werden Fotos noch etwas besser. Profis vom Fachblog fokussiert.com zeigen an drei Beispielen, wie man Fotos durch Bildbearbeitung verbessert.

Für das Schweizer Foto-Blog fokussiert.com analysieren Profi-Fotografen regelmäßig herausragende, von Lesern eingereichte Fotos. Die Profis beschreiben die Stärken der Aufnahme und geben Hinweise, wie sich die Bildwirkung verbessern lässt. SPIEGEL ONLINE veröffentlicht einmal im Monat eine gekürzte Auswahl dieser Bildkritiken.

1. PARIS BEI NACHT

Ausgangsbild
Peter Krauss

Ausgangsbild

Kommentar des Fotografen Peter Krauss:

Anfangs hielt ich diese Nachtaufnahme von Paris für recht gelungen, dafür dass sie mit einer kleinen Kompaktkamera ohne Stativ, nur aufgestützt auf einem Poller am Straßenrand entstanden ist. Die typischen Fassaden mit der Kamin-Silhouette, die leicht frivolen (Paris!) Werbetafeln, deren Licht mit dem Mond korrespondiert. Aufgenommen im August 2012 in Paris, Nähe Gare de l'Est … Aber irgendetwas fehlt. Sie empfehlen ja oft: beschneiden, aber das hat auch nicht viel gebracht. Haben Sie einen Vorschlag?

Profi Thomas Brotzler zum Foto:

Da Peters Bild insgesamt etwas verkippt war und einige stürzende Linien aufwies, gab es manches zu tun. So entschloß ich mich, die grundsätzlichen Bildelemente anhand der Überarbeitung (siehe unten Bild "Ausgerichtete und bearbeitete Version") zu besprechen. Für diese habe ich noch einen leichten Beschnitt von beiden Seiten, eine Kontrastanhebung (Verdoppelung der Ausgangsebene, Ebenenmodus 'Weiches Licht, 30% Deckung) unter Schonung der Schattenbereiche, eine leichte Verstärkung der Farbsättigung und eine deutliche Schärfung (selektive Scharfzeichnung 140/1.2) durchgeführt. Wer Original und Überarbeitung genau vergleicht, wird auch die Vervollständigung des Mondes und die Aufhellung im Bereich des Verkehrsschildes bemerkt haben.

Die Komposition ist getragen von den hochragenden Häuserfronten bzw. deren Kanten. Jene nicht genau zu bestimmende, wie ein niedriges Überdach wirkende Struktur am unteren Bildrand stützt das Bild von unten (siehe gelben Linien im untenstehenden Bild "Komposition"). Als Blickfang fungieren die vier beleuchteten Werbetafeln und eben der Mond (rote Kreise), zwischen denen der Blick geführt wird (siehe grüne Linien)

Bei den Tonwerten dominieren im Hintergrund die Zonen 0 bis IV, bei den erwähnten Blickfängen die Zonen VIII bis X. Hinsichtlich der Farben überwiegt ein teils etwas rötlich wirkendes Blau, nur die Blickfänge weisen auch Gelbtöne auf. Die Struktur zeigt die relative Abbildungsschwäche der verwendeten Kompaktkamera auf - ausreichend für eine typische Monitoransicht, aber nicht verwendbar für einen großformatigen Druck.

Zusammenfassung: Geheimnisvoll wirkt Peters Bild - ich fühlte mich spontan an die surrealistischen Szenerien mit Mond eines René Magritte erinnert. Das Moment des "trompe l'oeil" mit den aufgemalten Hausfassaden und Monitoren verstärkt diesen Verfremdungseffekt noch. Es ist ein Bild, welches den Betrachter mit seinen rätselhaften Botschaften und virtuellen Ebenen durchaus interessieren und eine Weile gefangen nehmen kann.

Ich selbst wäre wohl kaum auf die Idee gekommen, mit einer Kompaktkamera ohne Stativ zur Nachtfotografie aufzubrechen. Das Beispiel zeigt aber, daß man auch in der Fotografie nicht dogmatisch sein und durchaus einmal unkonventionelle Wege beschreiten sollte. Es zählt das Ergebnis und daß Peter dieses reizvolle Motiv so eben auch gesehen hat.

Ausgerichtete und bearbeitete Version
Peter Krauss

Ausgerichtete und bearbeitete Version

Komposition
Peter Krauss

Komposition

Die ausführliche Bildkritik auf fokussiert.com

2. KALEIDISKOPE

Ausgangsbild
Jens Hutter

Ausgangsbild

Kommentar des Fotografen Jens Hutter:

Deckenaufnahme in der Kathedrale Canterbury, 01.10.2012, Nikon D200, AF-S Nikkor 18-70, Blende 18, HDR-Aufnahme aus 9 Einzelaufnahmen, ISO400. Durch die strenge Symmetrie wirkt das Bild wie ein Blick in ein Kaleidoskope. Unterstützt wird dieses noch durch die Nachbearbeitung als HDR. Durch diese Nachbearbeitung wird zusätzlich noch ein 3D-Effekt erreicht."

Profi Thomas Brotzler zum Foto:

Im Zuge der HDR-Bearbeitung wurden die Exif-Daten aus dem Bild gelöscht. Somit wissen wir über die verwendete Brennweite nichts.

Englische Kathedralen mit ihrer in die Höhe strebenden Architektur und ihrem zauberhaften Licht- und Schattenspiel sind immer wieder reizvolle Bildmotive. Bedeutende Fotokünstler, wie etwa der amerikanische Schwarzweißfotograf Bruce Barnbaum, haben diesen eigene Serien gewidmet.

Auch Jens' spezielles Motiv, jene Deckenkonstruktion des 75 Meter hohen Vierungsturms der Kathedrale von Canterbury, wurde natürlich auch schon von anderen entdeckt - so etwa von einem englischen Amateurfotografen; die Mehrzahl der normalen Touristenbilder dürfte jenem in Wikipedia abgebildetem Foto nahekommen.

Zusammenfassend möchte ich zunächst die fein gezeichnete und mit Ton- und Farbwerten schön umspielte Binnenstruktur der Deckenkonstruktion hervorheben. Hier schafft es Jens tatsächlich, jene hohe Kunst der früheren Baumeister im schönsten Licht erstrahlen zu lassen und uns Betrachter staunen zu machen. Auch der plastische Eindruck ist enorm und der bedacht eingesetzten HDR-Technik mit ihrer beträchtlichen Verstärkung des Mikrokontrasts geschuldet (von einem "3D-Effekt" würde ich persönlich hier nicht sprechen, da die HDR-Bearbeitung tendenziell zu einer Abflachung der Lichtstimmung und des räumlichen Eindrucks führt).

Insgesamt sucht die Darstellung der Deckenstruktur ihresgleichen - bei meiner Bildersuche im Internet habe ich nichts Vergleichbares gefunden (s. a. obige Hinweise zu üblichen Touristenbildern); auch eine einschlägige Arbeit von Bruce Barnbaum kann nach meinem Dafürhalten in dieser Hinsicht nicht heranreichen.

Solch hohem Anspruch bei der Binnenzeichnung müßte auch die Bildkonstruktion als Ganzes folgen, und hier offenbart die Arbeit leider markante Schwächen - eine Bild- und Achsenverkippung und die daraus resultierende Zentrumsverschiebung schwächen die zunächst gute Bildwirkung deutlich ab; eine vollendete Architekturfotografie kann sich solche Teilmängel nicht leisten.

Zentrumsverschiebung, Bild- und Achsenverkippung (gelb, rot und blau in der genannten Reihenfolge) Zur Großansicht
Jens Hutter

Zentrumsverschiebung, Bild- und Achsenverkippung (gelb, rot und blau in der genannten Reihenfolge)

Die ausführliche Bildkritik auf fokussiert.com


3. TOURISTEN

Ausgangsbild
Ulrich Berens

Ausgangsbild

Kommentar des Fotografen Ulrich Berens:

Das Foto entstand an der Küste der Bretagne. Eigentlich wollte ich eine Klosteruine besuchen, aber außer ein paar Mauerresten und großen freien Sandflächen gab es nicht viel zu sehen. Zum Glück war ein Leuchtturm in der Nähe, den ich bestieg. Während die anderen auf dem Leuchtturm aufs graue Meer hinausknipsten, richtete ich die Kamera fast senkrecht nach unten auf die beiden Touristen, die eine Infotafel lesen … Ich interessiere mich sehr für Fotografie und ich las immer mal wieder den Hinweis, dass es manchmal für ein gutes Bild sorgt, wenn man die bekannten Bildgestaltungsregeln bewusst bricht. Genau das habe ich mit der Wahl des Ausschnitts - sehr bewusst! - getan: das Motiv rutscht an den Rand und erregt doch aber genug Aufmerksamkeit, weil der Rest des Fotos von der der leeren, eintönigen Sandfläche dominiert wird. Der Winkel des hereinragenden Mauerrestes gefiel mir ebenfalls … Mit dem Foto wollte ich einerseits meine Enttäuschung über das wenige Sehenswerte einfangen und in den Touristen ein wenig mich selber ;-) Technisch ist das Bild sicherlich nicht besonders, aber mich interessiert, ob mein bewusster Regelbruch das Bild kaputt macht oder interessant.

Profi Thomas Brotzler zum Foto:

Ein Wort zu einem in gewissen Foren und Communities ach so beliebten Zitat: "The fact that a (in the traditional sense) technically deficient photograph can have greater emotional impact than a technically flawness picture probably comes as a shock to those who are naive enough to believe that technical exellence alone is a measure of a value of a photograph". Andreas Feininger schrieb das 1969 in "The Color Photobook".

Der inflationäre Gebrauch von Regellosigkeit, meist im Tateinheit mit "Technik? Ich bin Künstler!" und reihenweise fehlbelichteten und -komponierten Aufnahmen im Portfolio war - so hart das klingen mag - ganz gewiß nicht im Sinne Feiningers.

Nun will ich aber auf Ulrichs Aufnahme kommen. Eigentlich ist es ja schon genial, wie hier der Blick immer wieder ins Leere gezogen wird, kurz zum staunenden Touristenpaar zurückkehrt, um sich dann wieder im Unbestimmten zu verlieren. Man könnte sogar frech behaupten, daß diese Aufnahme ein "Sinnbild für die ganze Hohlheit des sensationsheischenden Tourismus heutiger Bauart" ist. Nur wage ich zu bezweifeln, ob Galeristen, Käufer oder Fotocommunisten sich solch gewagter Interpretation reihenweise anschließen würden.

Etwas konventioneller und damit vielleicht verdaulicher wäre es, wenn in jenem "Vakuum rechts oben" sich noch etwas Kleines, Strukturgebendes fände - ein Vögelchen vielleicht, welches dann durch einen Größenkontrast Bildspannung und Betrachterinteresse erzeugen könnte. Dann wäre auch jener bewährte Grundsatz der Gestaltungspsychologie, daß ein Bild Bekanntes und Befremdendes in guter Mischung aufweisen sollte, um maximales Interesse zu erzeugen, beherzigt.

Komposition
Ulrich Berens

Komposition

Die ausführliche Bildkritik auf fokussiert.com

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1.
pfzt 23.06.2013
Zitat von sysopPeter KraussTonwertkorrektur, Achsenkorrektur, ein Blickfang in der Leere: Mit einfachen Handgriffen werden Fotos noch etwas besser. Profis vom Fachblog fokussiert.com zeigen an drei Beispielen, wie man Fotos durch Bildbearbeitung verbessert. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/fokussiert-com-drei-profi-tipps-fuer-bessere-fotos-a-906912.html
Also bei den letzten beiden Fotos hat "Der Profi" sicherlich Recht, auch wenn ich trotzdem die Bildidee und -Wirkung des dritten Bildes sehr mag aber die Perspektivkorrektur des ersten Bildes geht leider völlig in die Hose, weil sie dem (schönen) Bild völlig das Leben nimmt.
2. Was ist ein "gutes" Bild?
hpop 23.06.2013
Zitat von sysopPeter KraussTonwertkorrektur, Achsenkorrektur, ein Blickfang in der Leere: Mit einfachen Handgriffen werden Fotos noch etwas besser. Profis vom Fachblog fokussiert.com zeigen an drei Beispielen, wie man Fotos durch Bildbearbeitung verbessert. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/fokussiert-com-drei-profi-tipps-fuer-bessere-fotos-a-906912.html
Natürlich gibt es einfach handwerkliche Fehler (nicht beabsichtigte Einschränkungen in Bezug auf die intendierte Wirkung) - aber eine Anleitung für "bessere" Bilder kann ich hier nicht wirklich erkennen. Für den Artikelschreiber mögen die Bilder nach seinen Veränderungen besser sein, aber es ist schon ein ziemlich hoher Anspruch das zu verallgemeinern. Ich finde viele der Vorschläge (was die Komposition betrifft) aus dieser Artikelserie sind eher Verschlimmbesserungen - und das liegt schlicht daran, dass die Entscheidung ob ein Bild "gut" ist, eben erst im Auge des Betrachters (vielmehr in dessen Gehirn und Kontext) entsteht. Ja, es gibt fotografisches Handwerk, und jemand der sich als mehr als ein Dokumentationsknipser versteht sollte sich darum bemühen es zu lernen - was den kreativen Aspekt angeht gibt es aber eben keine allgemeingültigen Regeln - bestenfalls individuelle Vorstellungen davon. Das ist auch ein Problem, das die darstellende Kunst kennt - überall "Profis" die einem scheinbar erklären was "gut" und "schlecht" ist, oder was künstlerische Qualität angeht. Sinnvoller als diese Besprechungen wäre vermutlich ein kleines tutorial, wie man gewünschte Bildwirkungen erzielt und handwerklich halbwegs sauber arbeitet. Den Rest muss man sich selbst aneignen, das ist dann der eigene Stil, der einen von einem reinen Techniker unterscheidet. Diese Besprechungen hier halte ich für die Ausbildung eines Stils allerdings für nicht zielführend. Hier lernt man höchtens etwas über den Stil des Autors - wie gesagt von nachvollziehbaren technischen Aspekten abgesehen.
3. Wenn ich sowas schon lese...
war:head 23.06.2013
---Zitat von Artikel--- Verdoppelung der Ausgangsebene, Ebenenmodus 'Weiches Licht, 30% Deckung ---Zitatende--- Ist eine simple Kontrasterhöhung mittels dafür vorgesehenem Adjustmentlayer nicht 'professionell' genug oder was soll dieser Unsinn? Und ja, ich habe es nachgeprüft: Das Resultat beider Vorgehensweisen ist exakt identisch.
4.
H.Lorenz 23.06.2013
Finde auch, daß das erste Bild in der Ausgangsversion orgineller wirkt. Die Retuschen des Experten wirken überzüchtet, beinah wie nachkolierte Bilder der 70er Jahre. Auch der vergrößerte Mond und das verrauschte Drumherum ... Nee. Also Experte bin ich mit meiner Nikon P100 wahrscheinlich auch nicht. Aber oft ist weniger mehr. Auch das HDR-Bild sehe ich als schöne Spielerei. Fotografie ist aber noch immer das Einfangen des Moments. Nachbearbeitung soll, m. M. nach, kleine offensichtliche Fehler des Fotografen oder der verwendeten Technik korrigieren. Dann sollte aber auch Schluss sein. Denn: Photoshoppen kann jeder. Bildmomente erkennen, Bildkompositionen und Licht erkennen - das kann eben nicht jeder. Und da kommt dann wieder Kunst von Können!
5.
P.Delalande 23.06.2013
Zitat von H.LorenzFinde auch, daß das erste Bild in der Ausgangsversion orgineller wirkt. Die Retuschen des Experten wirken überzüchtet, beinah wie nachkolierte Bilder der 70er Jahre. Auch der vergrößerte Mond und das verrauschte Drumherum ... Nee. Also Experte bin ich mit meiner Nikon P100 wahrscheinlich auch nicht. Aber oft ist weniger mehr. Auch das HDR-Bild sehe ich als schöne Spielerei. Fotografie ist aber noch immer das Einfangen des Moments. Nachbearbeitung soll, m. M. nach, kleine offensichtliche Fehler des Fotografen oder der verwendeten Technik korrigieren. Dann sollte aber auch Schluss sein. Denn: Photoshoppen kann jeder. Bildmomente erkennen, Bildkompositionen und Licht erkennen - das kann eben nicht jeder. Und da kommt dann wieder Kunst von Können!
Das behaupten meist die, die das alles nicht können.
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