Folklore Chartbreaker aus dem Cyberspace

"You've got mail", meldete der Computer, als Baz Luhrmann gerade mit dem Remix eines Disco-Klassikers beschäftigt war. Er las die Mail, benutzte sie als Songtext und brachte es damit bis auf Platz eins der britischen Single-Charts.

Von Martin Paetsch


"Ladies and gentlemen of the class of '97: Wear sunscreen." Eine angenehme Männerstimme dröhnt aus den Boxen des Computers, leicht scheppernd wegen der hohen Komprimierung. Schmiert euch ein mit Sonnencreme. Eine einfache Botschaft. Es ist der Anfang eines Liedes, das voll ist von solch seltsamen Weisheiten: "Heb deine alten Liebesbriefe auf. Wirf die alten Kontoauszüge weg", oder: "Nimm viel Kalzium. Sei vorsichtig mit deinen Knien. Du wirst sie vermissen, wenn sie erst ruiniert sind." Als der relaxte Beat einsetzt, bricht der Datenstrom ab: zu viele Leute in der Leitung. Der Song, der da so zähflüssig durchs Modem gekrochen kommt, ist in den USA und in England ein Hit.

Aber auch wenn der Datenfluß manchmal nur träge dahinsickert: Ohne das Internet hätte es "Everybody's Free (to wear sunscreen)" von Baz Luhrmann nie gegeben. Mit dem Stück über Sonnenschutz und andere Präventivmaßnahmen ist dem australischen Regisseur, der bislang eher für seine Filme "Strictly Ballroom" und "Romeo und Julia" bekannt war, ein bizarrer Erfolg gelungen: Es ist der erste Nummer-Eins-Hit, der seine Entstehung dem globalen Datennetz verdankt. Der Text des Chartbreakers beruht auf einer legendären Ketten-Mail, die vor zwei Jahren die halbe Internet-Gemeinde in Atem hielt.

Das Netz hat seine eigenen Mythen, und die Geschichte von der "Sunscreen Speech" ist eine davon. Wenn man der Legende glaubt, begann alles an einem Samstagnachmittag des Jahres 1997. Die junge Journalistin Mary Schmich tippte, berauscht von Kaffee und M&M's, einen Text für ihre Chicago-Tribune-Kolumne in den Computer. Der Artikel sollte eine Parodie jener Abschlußreden werden, mit denen amerikanische Collegeprofessoren ihren Absolventen noch einige gutgemeinte Ratschläge mit auf den Weg geben. "Es war keine Kunst", schrieb die Kolumnistin später darüber. Aber als das Stück "Deadline-Journalismus" in der Online-Ausgabe der "Chicago Tribune" erschien, passierte es: Ein unbekannter Witzbold mit dem Spitznamen "Culprit Zero" kopierte den Text und schickte ihn als E-Mail an seine Freunde - getarnt als Abschlußrede des Schriftstellers Kurt Vonnegut vor Studenten des Massachusetts Institute of Technology (MIT).

Der Text geisterte fortan von Server zu Server, weitergetragen von Menschen, denen die vermeintlichen Altersweisheiten des Schriftstellers ans Herz gingen. Nur einige Skeptiker in der "Kurt Vonnegut chat group" zweifelten an der Urheberschaft der E-Mail. Aber gegen die globale Gerüchteküche half keine Aufklärung: Die Geschichte von der Vonnegut-Rede hielt sich auch dann noch hartnäckig, als längst klar war, daß die MIT-Abschlußrede des Jahres 1997 vom Uno-Generalsekretär Kofi Annan gehalten wurde. Eine urbane Legende war geboren. "Draußen im Cyber-Sumpf ist all das wahr, von dem du sagst, daß es wahr ist", sagt Schmich. "Meine einfachen Gedanken über Zahnhygiene und Sonnenschutz wurden als Kurt Vonneguts ewige Wahrheit herumgereicht." Und so stammt die "Sunscreen Speech" - zumindestens im visionären Raum des Cyberspace - auf gewisse Weise auch wirklich von Vonnegut, obwohl er gar nichts davon wußte. Genau genommen besitzt die legendäre E-Mail also drei Autoren: Die Journalistin, die das Original geschrieben hat, den Schriftsteller, der mit seinem Namen für die Verbreitung gesorgt hat, und schließlich "Culprit Zero", der als mysteriöser Initiator der Ketten-Mail in die Annalen des Cyberspace eingegangen ist.

Neue Ikone der Internet-Mythologie: Baz Luhrmann
REUTERS

Neue Ikone der Internet-Mythologie: Baz Luhrmann

Nun hat der Hype noch einen weiteren Helden: Baz Luhrmann. Und deshalb ist die Geschichte, die der Regisseur erzählt, auch schon fast eine Internet-Legende. Nach seinem Bericht saß er gerade mit seinem Produzenten beim Remix von Rozallas Dancefloor-Stück "Everybody's Free (To Feel Good)" von 1992, als eine E-Mail auf dem Computer eintrudelte. Es war gerade jener elektronische Kettenbrief, der sich, Zufall oder Schicksal, von irgendeinem entfernten Computer bis hierhin ausgebreitet hatte. "Als wir es lasen, schienen uns die einfachen Beobachtungen und Ideen Vonneguts ein ungemein wertvoller Wegweiser durchs Leben zu sein", berichtet Luhrmann. "Wir beschloßen sofort, es aufzunehmen." Den Rest des Abends versuchten die begeisterten Songbastler, im Internet die Anschrift des Agenten Vonneguts herauszubekommen, um ihn um die Erlaubnis zu bitten, die E-Mail als Songtext verwenden zu dürfen. Stattdessen fanden sie einen Artikel, der die "Sunscreen Speech" als Schwindel entlarvte und Mary Schmich als wirkliche Urheberin nannte.

Der Rest der Geschichte ist kurz erzählt: Baz Luhrmann kaufte die nötigen Rechte von der "Chicago Tribune" und engagierte den australischen Schauspieler Lee Perry, der die Ratschläge väterlich-suggestiv aufs Band sprach. Unter die wiederauferstandene "Sunscreen Speech" mischte Luhrmann eben jenen Dancefloor-Track, an dem er schon beim Eintreffen der Mail gearbeitet hatte. Schließlich gelangte der derart aufgepeppte Kettenbrief in die Hände amerikanischer Radio-DJs, die das Lied probehalber über den Äther schickten - die Folge war ein Ansturm von Anrufern, wie ihn die Radiosender lange nicht mehr erlebt hatten. Die Internet-Hymne kam daraufhin bis in die Top Ten, die CD "Something for Everybody", die neben dem Sunscreen-Song auch Musik aus Luhrmanns Filmen versammelt, schaffte es in den amerikanischen CD-Charts bis auf Platz 24. In Großbritannien brachte es der E-Mail-Song diese Woche schließlich sogar aus dem Stand auf Platz eins der Single-Charts.

Auch auf der Webseite von Baz Luhrmann macht sich der Erfolg des bizarren Stückes bemerkbar. Hier lassen sich Song und Video im Real-Player-Format herunterladen - vorausgesetzt, die Verbindung ist nicht gerade wieder unter dem Andrang der Fans zusammengebrochen. "Du bist nicht so dick, wie du denkst", tönt es dann wieder aus den Boxen, und: "Lies keine Beauty-Magazine. Sie machen nur, daß du dich häßlich fühlst." Einfache Botschaften wie diese treffen den Nerv der jungen weiblichen Fans, die im eigens eingerichteten Bulletin-Board hysterische E-Mails hinterlassen ("Der Text bedeutet so viel für mich und meine Freundinnen"). Andere, zumeist männliche Teilnehmer erproben ihre lyrischen Fähigkeiten und beteiligen sich mit unterschiedlichem Erfolg am Wettbewerb um die gelungenste Parodie des Chainmail-Textes ("Everybody's Free to wear condoms").

Draußen im Cyberspace wird der Kult um die Sunscreen-Rede auf zahllosen anderen Webseiten weiter gepflegt, mit einer Inbrunst, wie es sie nur im Internet geben kann. Der Star der mühsam zusammenprogrammierten Fan-Seiten ist sich seiner Verantwortung als Ikone der Internet-Mythologie vollauf bewußt. Pflichtschuldig baut Baz Luhrmann weiter an der Legende: "Wir haben damals einen historischen Moment des Internets erlebt, ein Beispiel dafür, welche Veröffentlichungsmacht ein jeder hat, der Zugang zu einem Computer hat." Und was hält eigentlich Kurt Vonnegut von der ganzen Geschichte, der ja eigentlich am wenigsten damit zu tun hatte? Mary Schmich hat ihn angerufen und gefragt. Der Cyberspace sei "spooky", soll er gesagt haben. Aber vielleicht hilft dagegen ja Sonnencreme.



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