Essensfotos im Netz Wieso sieht das so gut aus?

Hinter den sehr schönen #Foodporn-Bildern in sozialen Netzwerken stecken oft spezielle Apps. Ein Test zeigt: Von vielen Gerichten kann man Fotos mit Neid-Potenzial schießen - es gibt aber auch Grenzen.

Moritz Stadler

Es kann frustrierend sein: Nie sieht das eigene Essen so gut aus, wie das der Instagram-Freunde oder wie die Gerichte auf Foodblogs oder in Kochbüchern. Doch dort wird oft schlichtweg nachgeholfen.

Denn Foto-Essen, an dem man seine eigene Mahlzeit misst, sieht in Wahrheit auch nicht so perfekt aus wie auf den Bildern. Es gibt spezielle Apps, die helfen sollen, aus jedem Snack ein vermeintliches Gourmet-Essen zu zaubern.

Eine der neuesten dieser #foodporn-Helfer ist die kostenlose iOS- und Android-App "Foodie". Wir haben sie an unserem Essen getestet.

Essen 1: Nudeln mit Oliven-Tomaten-Soße

Moritz Stadler

Es wurde mal wieder später, zum Kochen bleibt nicht mehr viel Zeit. Die Universallösung für solche Fälle heißt: Nudeln mit Tomatensoße. Noch ein paar Oliven aus dem Glas dazugeschüttet, Parmesan drüber - fertig. Geschmacklich einwandfrei, ein grundsolides Essen. Aber für ein #foodporn-Posting eigentlich völlig ungeeignet.

Eigentlich. Denn die App macht aus dem faden Schnellgericht einen echten Hingucker. Sie holt die maximale Makro-Optik aus der Smartphone-Kamera heraus. Schon sieht es aus, als läge da auf dem Teller ein Berg Nudeln mit saftiger Tomatensoße und edlen Oliven, garniert mit zartschmelzendem Parmesan. Die kreisrunde Unschärfe des Tilt-Shift-Modus verfälscht den Eindruck der wahren Portionsgröße zusätzlich.

Fehlt noch der richtige der insgesamt 26 Filter. Die Auswahl ist einfach, denn die Filter sind nach Kategorien vorsortiert. Es gibt "Frisch"und "Süß", "Knusprig" und "BBQ". Für die Nudeln fällt die Wahl auf einen Filter der Kategorie "Lecker".

Und tatsächlich: Das Ergebnis sieht ziemlich schmackhaft aus. Leckerer als das mittlerweile erkaltete Original auf dem Teller.

Essen 2: Frühstück im Café

Moritz Stadler

Frühstück ist die wichtigste Mahlzeit des Tages, heißt es. Da wollen wir der App natürlich etwas bieten. Also geht es in ein Café um die Ecke. Wir sind zu zweit und teilen eine Wurst- und Käseplatte, Rühreier und Fisch. Das sieht im Original schon gut aus, aber was die App daraus macht, könnte das Café als Werbung verwenden. Selbst das Brot wirkt auf dem Foto der App frischer, als es in Wahrheit ist.

Am Ende macht sich aber ein bisschen Enttäuschung breit: Das Essen war gut, aber bei Weitem nicht so lecker, wie man es beim Betrachten der eigenen Fotos erwartet hatte. Außerdem ist das Rührei in der Zwischenzeit kalt geworden - wahre #foodporn-Künstler essen offenbar häufig kalt.

Essen 3: Saltimbocca mit Reis

Moritz Stadler

Das dritte Essen im Test ist ein italienischer Klassiker: Saltimbocca. Kalbschnitzel mit Salbei und Schinken. Dazu gibt es Reis. Das Gericht trägt seine #foodporn-Qualitäten eigentlich schon im Namen, der bedeutet übersetzt "Spring in den Mund". Eine sichere Sache, um Neid bei den Followern zu stiften. Sollte man meinen.

Die Realität sieht anders aus: Das helle Fleisch, der angerunzelte Schinken und die blasse Soße führen die App an ihre Grenzen. Aus diesem Essen wird auch kein Hingucker, wenn man es frontal von oben fotografiert - die App hat dafür eine Ausschnittshilfe, die anzeigt, wenn man die Kamera exakt gerade hält. Dafür schmeckt es aber ausgezeichnet - auch wenn das keiner sieht.

Fazit: Schöne Bilder, kaltes Essen

Über Sinn und Unsinn der #foodporn-Bilder lässt sich streiten. Weil soziale Netzwerke eine ständige Optimierung der Selbstdarstellung bedeuten, und man ja ist, was man isst, glauben viele, das eigene Essen vor dem Posten bearbeiten zu müssen.

Wer perfekte Bilder von nicht ganz perfektem Essen mit der Welt teilen möchte, dem sei die App "Foodie" empfohlen. Sie ist kostenlos, man benötigt keinen Account und es gibt weder In-App-Käufe noch Werbung.

Die Nachteile sind allgemeiner Natur: Beim allzu detailversessenen Fotografieren wird das Essen kalt und man geht allen anderen am Tisch ziemlich auf die Nerven.

Foodie ist kostenlos für iOS und Android verfügbar, die App benötigt 11 MB Speicherplatz

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