Bildkritik von fokussiert.com: Drei Expertentipps für bessere Fotos

Zu hell, zu blass, zu statisch: Wie man Fotos noch besser gestalten kann, erläutern Profis an Beispielbildern. Abblenden, Tonwerte korrigieren, Ausschnitt verändern - drei Tipps für bessere Bilder vom Fachblog fokussiert.com.

Für das Schweizer Foto-Blog fokussiert.com analysieren regelmäßig professionelle Fotografen herausragende, von Lesern eingereichte Fotos. Die Profis beschreiben die Stärken der Aufnahme und geben Hinweise, wie sich die Bildwirkung verbessern lässt. SPIEGEL ONLINE veröffentlicht einmal im Monat eine Auswahl dieser Bildkritiken.

Porträt im Gegenlicht - Blitzen gegen die Sonne

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Björn Kluge

Kommentar des Fotografen Björn Kluge:

Dieses ist eines meiner neuesten Outdoor-Porträts. Ich bin ein Freund von Gegenlichtaufnahmen. Auch wenn ich diese noch nicht zu 100 Prozent beherrsche, suche ich stets gern die Herausforderung. Nach einem Jahr intensiven Lernens ist diese Aufnahme der aktuelle Stand dessen, was ich mir aneignen konnte.

Profi Robert Kneschke zum Bild:

Ich finde es gut, wenn Fotografen beständig versuchen, sich zu verbessern und neue Techniken zu lernen. In diesem Fall möchte der Fotograf Gegenlichtaufnahmen meistern. Bei denen scheint das Licht (meist die Sonne) in Richtung des Objektivs, und da dies die automatische Belichtungsmessung der Digitalkamera oft verwirrt und zu einer starken Unterbelichtung führt, muss der Fotograf zusätzlich von vorne blitzen, um das Hauptmotiv nicht im Dunkeln "absaufen" zu lassen.

Der Lohn für diese Mühe ist - insbesondere bei Porträts wie diesem hier - ein Lichtkranz um die Haare, der eine plastische Wirkung erzielt, mit der sich die Person schön vom Hintergrund abhebt und das Bild dadurch an Tiefe gewinnt.

Das ist auf diesem Foto von Björn Kluge sehr gut zu sehen. Leider ein bisschen zu gut, denn der Lichtkranz ist so stark, dass er die eh schon hellblonden Haare überstrahlt und damit wichtige Bildinformationen verloren gehen. Diese Technik mit dem Überstrahlen mag sehr hilfreich sein, wenn sie bei Körperformen angewandt wird, die dünner als in der Realität erscheinen sollen, bei Haaren empfiehlt es sich jedoch, etwas mehr Vorsicht bei der Belichtung walten zu lassen.

Der Spielraum ist angesichts der genannten Aufnahmewerte relativ gering, aber bei vielen Canon-Kameras wäre entweder eine künstlich niedrige ISO-Stufe von 50 ISO wählbar gewesen, welche eine leichte manuelle Unterbelichtung erlaubt hätte. Das hätte die Sonne etwas gemildert und da der Blitz sowieso händisch runtergeregelt wurde (-3 Blendenstufen), hätte der Vordergrund durch die Zugabe von einer halben oder ganzen Blende wieder aufgehellt werden können. Alternativ hätte die Blende etwas weiter geschlossen werden können, um durch einen höheren Blendenwert einen ähnlichen Effekt zu erzielen, allerdings auf die Gefahr hin, das sehr schöne Bokeh im Hintergrund zu verlieren.

Notfalls würde eine doppelte Belichtung des Raw-Bildes helfen, bei dem einmal unter- und einmal normal belichtet wird, um die zu hellen Haare durch die unterbelichtete Version zu ersetzen. Das klappt jedoch auch nur in Grenzen und geht besser, wenn das Ausgangsbild eher etwas zu dunkel als zu hell ist.

Beim Motiv selbst ist der Anschnitt meiner Meinung nach nicht ganz gelungen, weil die Stirn immer entweder dicht über den Augenbrauen oder gar nicht angeschnitten werden sollte. So ist es weder Fisch noch Fleisch. Auch passt der eher traurige, enttäuschte Blick der jungen Frau nicht ganz zum sonnendurchfluteten, farbenfrohen, sommerlichen Hintergrund und auch ihrer gelben Kleidung. Eine glücklichere Mimik hätte hier vielleicht besser zum Gesamtbild gepasst.

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Landschaftsfoto in HDR - perfekt komponiert, doch etwas fehlt

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Christian Hutterer

Kommentar des Fotografen Christian Hutterer:

Sonnenaufgang in der Nähe des Flughafens München. Die Aufnahme ist eine Belichtungsreihe aus drei Aufnahmen, die in Photomatix zu einen Bild zusammengefügt wurden (Nikon D5100, Brennweite 25 mm, f/8, ISO 100).

Profi Sofie Dittmann zum Foto:

Dein Bild zeigt wieder einmal, dass HDR in einem Foto bereits angelegte Dinge effektvoll unterstreichen kann. Hier sind das die Details im Feld, die sehr gut zur Geltung kommen. Dennoch sind die typischen Fehler, die bei HDR oft gemacht werden, hier nicht zu sehen. Es gibt keine Quietschfarben, keine Grauschleier, keine übermäßig ausgebrannten Flecken. Manchmal produziert schon Photomatix solche Bilder, manchmal muss man sie noch in Photoshop nachpolieren.

In einem Fall wie diesem sind jedoch nicht genügend Extreme da, um noch viel tun zu müssen. Das Foto ist nahezu perfekt komponiert. Der natürliche Horizont liegt im Goldenen Schnitt. Die Tatsache, dass die Sonne aus dem Goldenen Punkt heraus verschoben ist, wirkt hier positiv. Das lockert die Perfektion etwas auf. Der Bodennebel im Hintergrund, die aufgehende Sonne, die Silhouetten der Bäume verleihen dem Ganzen Tiefe, das goldene Rot der Sonnenstrahlen auf dem Feld wärmt regelrecht beim Hinschauen.

Es ist eine hübsche, stimmungsvolle Szene, die hier eingefangen wurde. Nie hätte ich vermutet, dass die Aufnahme in der Nähe des Münchner Flughafens entstanden ist. Mein einziger Kritikpunkt ist, dass mir im Vordergrund etwas fehlt. Es gibt nichts, was mich in deinem Bild festhält. So, wie das Foto aufgenommen wurde, ist es ein sehr schöner Bildschirmhintergrund, etwas, das man gerne um sich hat, das aber nie genug hervorstechen wird, um visuell hängenzubleiben.

Ein Baum, ein Traktor - irgendetwas, was die Szene denkwürdig macht, was mich das Foto an die Wand hängen lässt. Hier ist fast alles vorhanden, was zu einer guten, nein, exzellenten, Aufnahme gehört - Stimmung, gute Komposition. Aber es ist kein Bild, das Betrachtern in Erinnerung bleiben wird. Das gewisse Etwas fehlt.

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Minimalistisches Landschaftsfoto - etwas blass

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Astrid Lohr

Kommentar der Fotografin Astrid Lohr:

Ich liebe minimalistische Bilder, da sie dem Betrachter sehr viel Freiheit zur Interpretation und Assoziation lassen. Hier stoßen die warmen Farben des Spätsommers mit den bedrohlichen Formen und Farben eines nahenden Unwetters zusammen. Und einer steht und hält dem Unwetter und den Jahreszeiten stand: der Baum.

Profi Sofie Dittmann zum Bild:

Vielfach sind die einfachsten Kompositionen effektvoller als komplizierte. Das Auge kann sich auf das Wesentliche konzentrieren. Es gilt dann aber auch, die Aufnahme wirklich hundertprozentig zu durchdenken, denn jeder Fehler fällt sofort auf. Das hast Du hier getan.

Dein Bild besticht hier durch Einfachheit, und wenn ich mir auch den Baum fast größer gewünscht hätte, ist mir natürlich klar, dass das nicht möglich war, ohne von den Streifenformationen am unteren Rand etwas abzuschneiden. Und da durch diese das Foto erst "entsteht", ist es so, wie es ist, schon fast abstrakt in seinem Gesamtcharakter. Der Baum befindet sich direkt im Goldenen Punkt, wie Du auch die Horizontallinie direkt in den Goldenen Schnitt gelegt hast.

Ein einziger Kritikpunkt bleibt jedoch bestehen, und das sind für mich die blassen Farben. Ich habe mir das Foto auf verschiedenen Bildschirmen angesehen, und sie sind und bleiben für mich zu blass. Das hätte in irgendeinem Nachbearbeitungsprogramm leicht behoben werden können, und etwa so ausgesehen:

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Astrid Lohr

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insgesamt 13 Beiträge
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1. Tausend Dank für all die guten Tipps!
overhead 29.11.2012
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
2. Beim Portrait stört mich der Beschnitt
a1274018 29.11.2012
Beim Portrait stört mich der Beschnitt, ich hab unwillkürlich das Decolleté checken wollen, aber es fehlt :-(
3. zum ersten bild
Frau Mau 29.11.2012
an den experten: regeln sind da um gebrochen zu werden. würden sich alle an regeln halten, so wären alle bilder gleich. die hinweise zur belichtung finde ich gut.
4. Portrait - Belichtung
jens-hh 29.11.2012
Woher weiss der sog. Experte, dass mit Blitz gearbeitet wurde? Wenn ja, bleibt die Belichtung des Gesichtes gleich unabhängig von der veränderten Belichtung des Umgebungslichtes. Auch die Aussage, die Belichtungmenge bei Veränderung von ISO 100 auf ISO 50 zu reduzieren, macht aus meiner Sicht keinen Sinn, da der Fotograf hier mit einer Canon 60D fotografiert hat, welche nicht in der Lage ist, ISO50 einzustellen. Just my 2 Cent
5. optional
globalundnichtanders 29.11.2012
Wenn jetzt noch beim Landschaftsfoto in HDR der Sensordreck im oberen Drittel weggestempelt würde...
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