Foto-Tipps Manchmal muss ein Bild nicht perfekt sein

Dieses Foto eines seilspringenden Mädchens ist in jeder Hinsicht eine gelungene Aufnahme. Glaubwürdig wird sie durch ihre minimale Imperfektion.

Von "fokussiert"-Autor


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Bei der fokussiert.com-Bildkritik werden Fotos besprochen, die von Hobbyfotografen eingeschickt wurden. Die Besprechungen liefern Tipps und Tricks zu Technik, Komposition und Nachbearbeitung.

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Alexander Schulz/ fokussiert.com

Alexander Schulz aus Dresden:

Dieses Bild entstand im April 2016 in Bhaktapur, Nepal. Während einer zweiwöchigen Reise war ich immer wieder über die Freundlichkeit, die Neugier und die Lebensfreude in diesem Land - einem der ärmsten der Welt - erstaunt. Während eines Spaziergang durch das von einem schweren Erdbeben stark erschütterte Bhaktapur sah ich plötzlich die beiden Mädchen abwechselnd Seilspringen, zückte meine Kamera und machte dieses Foto.

Mal abgesehen davon, dass ich überrascht war, die Schärfe mit meinem manuellen Objektiv halbwegs getroffen zu haben, gefallen mir Bewegung, Kadrierung, die Geometrie durch das Haus im Hintergrund und vor allem der etwas neidische Blick des wartenden Mädchens außerordentlich gut. Egal wo man auf der Welt ist, Kinder gleichen sich in ihren Freuden und Bedürfnissen doch sehr.

Die "fokussiert"-Bildkritik:

Das Voigtländer Nokton 25mm f/0.95 ist nicht gerade ein Objektiv für Point-and-Shooter, sondern für Fotografen, die wissen, was sie wollen. Und auf der Panasonic G7 hat dieses Objektiv hier wirklich einen Volltreffer gebracht.

Wir sehen zwei Mädchen in einer Gasse in einer offensichtlich fernöstlichen Stadt. Im Vordergrund dieser Farbfotografie ist das eine Mädchen im höchsten Punkt eines Seilsprungs eingefangen, die Füße mit pinken Flipflops nach hinten gebogen, das in der Bewegungsunschärfe unter ihm durchschwingende Seil an drei Stellen mit Knoten versehen.

Der Blickwinkel des Fotografen von rechts vorne fühlt sich sehr natürlich an. Im Hintergrund ist das zweite, dunkelhäutigere Mädchen zu sehen. Es sitzt auf dem Bordstein an der Hauskante vor einer in den linken Bildteil auslaufenden Zeile von fünf gleichförmigen Holztüren. Die Straße besteht aus in Fischgräten gelegten Backsteinen und ist am rechten Bildrand mit Unrat übersät. In der Hauswand über den Türen sind drei Fenster beziehungsweise Türen in weiß zu sehen, die alle geschlossen sind.

Glaubwürdigkeit durch Imperfektion

Zur Technik kann ich hier fast genauso nur gratulieren wie zum ganzen Bild. Mir fällt als erstes das unglaublich weiche, alles umspülende Licht auf, das hier selbst die im Schatten unter dem Mädchen liegenden Füße zeigt, und zusammen mit der geringen Schärfentiefe und der Unschärfe der Bewegung für eine Räumlichkeit sorgt, die schon fast 3D-Charakter hat. Und das ist erst der Anfang.

Ich finde, der Fotograf hat die Schärfe genau getroffen. Zwar ist das Gesicht des Mädchens ganz leicht verschwommen, aber ich denke, das ist Bewegungsunschärfe, denn Augen und Nase liegen ziemlich genau in der Ebene des Rocks, der gestochen scharf ist.

Das ist in Kauf zu nehmen, denn der Fotograf hat mit der verhältnismäßig langen Belichtungszeit von 1/320 Sekunde (ISO 200) eben diese Bewegung ins Bild gebracht, die einen guten Teil zur Perfektion beiträgt: Ich finde deshalb, diese Imperfektion gereicht dem Bild zur Perfektion, weil es an Glaubwürdigkeit gewinnt. Dazu gehört auch die Unschärfe, die das Objektiv in den Bildecken entwickelt.

Großartige Umsetzung

Ich bin mit dem Fotografen einig: Abgesehen von der technischen Perfektion gefällt die Szene inklusive der Tatsache, dass er nicht in das Bild einbezogen, sprich von einem der Mädchen angesehen wird; die perfekte Komposition, die den Fotografen ebenfalls wie einen unsichtbaren Beobachter, aber in den Bann der beiden Freundinnen bringt; die perspektivisch nach links weglaufenden Linien und der Negativraum vor dem springenden Mädchen, der ihm Platz schafft.

Letztlich sorgt der Müll in der Straße vorne rechts für die inhaltliche Glaubwürdigkeit, wie die leichte Unschärfe im Gesicht für die technische: Diese Fotografie ist dermaßen stark, hat eine solche Lebendigkeit und emotionale Kraft, dass man sie fast für eine Konstruktion halten könnte, wenn sie gänzlich perfekt wäre, also für eine bis ins letzte Detail gestellte Szene oder sogar ein fotorealistisches Konstrukt.

Alexander Schulz/ fokussiert.com

Die leicht entsättigten Farben passen ebenfalls in die Szenerie und den insgesamt überaus weichen und doch so lebendigen Look der Fotografie. Ich habe, weil die Diskussion darüber erfahrungsgemäß aufbrechen wird, eine Schwarz-Weiß-Version dazugestellt, favorisiere aber den leicht pastellenen Rotton in der vom Fotografen produzierten entsättigten Version.

Alles in allem ein Bild, das mich nach einem ähnlichen Objektiv für Vollformat-Sensorkameras recherchieren lässt - dabei ist der größte Wert hier der Szene und der großartigen Umsetzung durch den Fotografen zu verdanken.

Alexander Schulz/ fokussiert.com

Wenn ich unbedingt muss, bringe ich einen einzigen Vorschlag an, was vielleicht noch eine Verbesserung hätte sein können: Wenn die Tür rechts nicht auf den letzten Zacken angeschnitten, sondern noch ganz im Bildausschnitt wäre.

Andererseits: Vielleicht braucht es zur einzigen inhaltlichen und technischen "Unreinheit" auch noch eine in der Komposition, um die Glaubwürdigkeit zu wahren. Das Bild ist ganz einfach großartig, und glücklicherweise nicht bis ins aller letzte Detail perfekt, es würde schon fast kippen. Ich sage nur: Herzlichen Glückwunsch!



insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
mikkomz 25.02.2017
1. Perfekt so wie es ist
Tolles Foto, wunderschöne Farbkomposition und Atmosphäre, herzlichen Glückwunsch dem Fotografen! Und nein, die Frage nach schwarz-weiß stellt sich hier nicht.
vhn 25.02.2017
2. Tolles Bild
Abgesehen von dem wirklich sehr guten Bild hat der Autor ja auf das Voigtländer Nokton 25 0.95 reflektiert. Ein Objektiv, was wirklich einen eigenständigen Look hat, für M43 aber doch recht groß und schwer ist. Eine Sony A7 mit 55/1.8 und Vollformat ist da kompakter bei gleicher Unschärfewirkung. Und auch viel perfekter. Doch gerade diese Antiperfektion in Verbindung mit dem Motiv (Nepal) machen den Reiz des Bildes aus.
Alexander Schulz 25.02.2017
3. Mein Bild
Hallo, hier ist Alexander Schulz, der Fotograf des Fotos! Danke für die vielen lobenden Worte, sowohl im Artikel selbst als auch in den Kommentaren. Es ist selten, dass man ein Foto schießt, von dem man von Anfang an weiß, dass es wirklich gelungen ist. Natürlich sollte man das fotografische Handwerk etwas beherrschen, vor allem hat es aber mit Glück zu tun. Bei den seilspringenden Mädchen hatte ich dieses Glück, war im richtigen Moment am richtigen Ort und habe den Auslöser zur rechten Zeit gedrückt. Das Voigtländer Nokton 25mm ist - trotz all seiner Nachteile (schwer, manueller Fokus, nur für MFT-Mount) - mein Lieblingsobjektiv, weil der weiche, filmähnlich analoge Look unverwechselbar ist. Und es ist der einzige Grund, warum ich noch nicht auf das Sony Alpha Vollformat System umgestiegen bin - ein vergleichbares Objektiv ist mir dort leider nicht bekannt. Wer übrigens mehr meiner Fotos aus der Nepalreihe oder von anderen Reisen und Shootings sehen will, kann bei Instagram oder Flickr einfach nach meinem Pseudonym "SeenByAlex" suchen. Unter dem selben Namen betreibe ich auch eine kleine Website mit Fotos, Videos und einem Blog zum Erfahrungsaustausch. Ideen, Anregungen und Kritik sind immer erwünscht!
dbeck90 27.02.2017
4. Irgendwie hat die Kritik das Foto kaputt geredet
Vorher habe ich mich am Bild erfreut. Bis der Autor die abgeschnittene tür erwähnt hat. Jetzt kann ich mir das Bild nicht mehr anschauen, ohne mich daran zu stören...
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