Bildkritik von fokussiert.com: Drei Experten-Tipps für bessere Fotos

Unscharfe Porträts, ungünstiger Ausschnitt - manche Aufnahmen gelingen auf Anhieb, bei anderen hingegen sieht der Betrachter den wichtigsten Baum vor lauter Wald nicht. Wie es besser geht, erläutern Profis an Beispielbildern. Tipps für bessere Fotos vom Fachblog fokussiert.com.

Für das Schweizer Foto-Blog fokussiert.com analysieren regelmäßig professionelle Fotografen herausragende, von Lesern eingereichte Fotos. Die Profis beschreiben die Stärken der Aufnahme und geben Hinweise, wie sich die Bildwirkung verbessern lässt. SPIEGEL ONLINE veröffentlicht einmal im Monat eine Auswahl dieser Bildkritiken.

Baby-Porträt - Schärfe an der falschen Stelle

Porträt: Scharf ist der Reißverschluss unten links, nicht das Baby-Gesicht Zur Großansicht
Fritz Rene / fokussiert.com

Porträt: Scharf ist der Reißverschluss unten links, nicht das Baby-Gesicht

Kommentar des Fotografen Fritz Rene:

Das Bild zeigt meinen zwei Wochen alten Neffen. An diesem Tag hatte ich ihn das erste Mal gesehen und musste diesen Augenblick sofort festhalten.

Profi Robert Kneschke zum Bild:

Manche Dinge brauchen Zeit. Landschaftsfotografen stehen teilweise mehrere Stunden an einem Ort, warten auf das richtige Wetter. Auch Porträtfotografen warten manchmal auf die richtige Mimik oder den passenden Augenblick.

Bei diesem Babyfoto scheint der richtige Moment gegeben zu sein: Das kleine Baby lächelt niedlich mit geschlossenen Augen. Grob betrachtet ein schönes Bild, wobei ich an anderer Stelle auch schon angemerkt habe, dass es aufgrund des Kindchenschemas sehr schwer wäre, ein unschönes Bild einzufangen.

Schaut man etwas genauer hin, merkt man jedoch, dass das Wichtigste im Bild, das strahlende Babygesicht, unscharf ist. Die Schärfe liegt - großzügig betrachtet - eher auf dem Reißverschluss unten im Bild.

Hier gehört es eben auch dazu, nicht nur den besten Moment abzupassen, sondern sich auch die Zeit zu nehmen, die Schärfe sorgfältig zu prüfen, damit das Foto einen würdigen Platz im Fotoalbum erhalten kann. Wenn der Fotograf gerade dabei ist, hätte er auch das Jäckchen etwas wegrücken können, damit mehr vom Gesicht zu sehen ist.

Weil der Gesichtsausdruck aber wirklich allzu goldig ist, plädiere ich an dieser Stelle trotz der fotografischen Grundregeln und wegen der familiären Momente dazu, lieber schnell einmal mehr auf den Auslöser zu drücken, um eben auch solche flüchtigen Augenblicke festzuhalten und dann in Ruhe einen zweiten Versuch zu wagen, wo Schärfe, Belichtung und Bildausschnitt ebenfalls stimmen.

Von technischer Seite wäre auch eine geringere Blendenzahl (zum Beispiel 3,5 oder 4) statt der benutzten Blende 7 empfehlenswert gewesen, damit die unwichtigen Elemente wie Jacke oder Decke dezenter im Hintergrund verschwimmen. Damit wäre auch eine Reduzierung des ISO-Wertes auf ISO 100 möglich, um weniger Rauschen und etwas mehr Details im Bild zu haben.

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Meerlandschaft - Der Himmel liegt im Wasser

Eisfjord bei Grönland: Hauptmotiv ist die Reflexion des Himmels Zur Großansicht
Christian Meyer / fokussiert.com

Eisfjord bei Grönland: Hauptmotiv ist die Reflexion des Himmels

Kommentar des Fotografen Christian Meyer:

Kangia Eisfjord an der Westküste Grönlands während einer nächtlichen Bootstour.

Profi Sofie Dittmann zum Foto:

Die Arktis mit ihren schroffen Formen, unwirtlich anmutenden Eisbergen und vor allem der Weite bietet besondere Gestaltungsmöglichkeiten. Weil die Monotonie visuell vorherrscht, kann man dort außergewöhnliche Aufnahmen machen. Man muss sich auf Formen und Linien im Eis und Himmel beschränken. Und genau das hast du hier - meines Erachtens gekonnt - getan.

Viele Leute hätten hier den Eisberg mit Himmel darüber fotografiert. Du dagegen hast die Reflexion des Himmels darunter mit ins Bild genommen, was deinem Foto erst den entsprechenden Pfiff verleiht, denn hier war Umdenken gefordert. Den Eisberg mit Himmel darüber hättest du dir als Urlaubsschnappschuss ins Familienalbum kleben können, den mit Himmel darunter würde ich mir sofort an die Wand hängen.

Man bekommt einen Eindruck von der Weite der Szene, der rauen Schönheit der Landschaft. Die Eisbrocken im Wasser lockern das Spiegelbild des Himmels optisch auf, und das "Loch" in den Wolken, in der unteren Hälfte zu sehen, bildet ein visuelles Echo der Eisberge in der oberen.

Dass die Eisberge aus dem Goldenen Schnitt heraus verschoben sind, stört nicht. Im Gegenteil, es erzeugt zusätzlich Spannung. Wenn die Eisberge weiter unten angeordnet gewesen wären, würde das Spiegelbild des Himmels einschränkt, dabei ist das hier ja das Hauptmotiv.

Glückwunsch zu einem gelungenen Bild!

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Naturfoto in Schwarzweiß - Der Wald vor laut er Bäumen

Optische "Ankerpunkte" helfen dem Betrachter, Einzelheiten eines Bildes visuell zu erfassen. Wenn diese fehlen, muss man sich auf den Gesamteindruck beschränken.

Naturfoto: Diese Lichtung mit einem toten Baum Zur Großansicht
Erik Müller / fokussiert.com

Naturfoto: Diese Lichtung mit einem toten Baum

Profi Sofie Dittmann zum Bild "Toter Baum" von Erik Müller:

Du hast hier ein schwarzweißes Naturfoto eingereicht, das eine Waldlichtung zeigt. Erst auf den zweiten Blick bemerkt man, dass mitten auf dieser Lichtung ein toter Baum gen Himmel ragt.

Die Bildaufteilung ist gut gewählt, doch weiß ich nicht, was du mir hier zeigen wolltest. Dass ich den Baum erst auf den zweiten Blick sehe, macht ihn hier für mich nicht zum Hauptmotiv. Das ist der Wald um ihn herum. Der einzelne Baum ist nicht dominant genug, um Blicke auf sich zu ziehen. Das ist bei dieser Aufnahme der Kritikpunkt für mich: Mein Blick verliert sich in diesem Foto, es gibt nichts, was mich darin visuell festhält und leitet.

Ich denke auch nicht, dass dieses Untergehen dein Ziel war, sonst hättest du den Baum nicht so angeordnet. Das Bild ist zudem so vignettiert, dass der Baum und seine Umgebung heller wirken als die Ränder. Ich nehme deshalb an, dass du den Baum mit seiner Umgebung in Verbindung bringen - in Kontrast zu den umliegenden, lebendigen Bäumen setzen wolltest. Das ist grundsätzlich richtig, aber dennoch geht er hier verloren.

Eine Möglichkeit wäre es, das Bild ziemlich radikal zu beschneiden, um dem Baum mehr Gewicht zu geben. Das hätte dann so ausgesehen, ist aber ein vollständig anderes Foto:

Zur Großansicht
Erik Müller / fokussiert.com

Abschließend bleibt zu bemerken, dass Bilder wie dieses für mich immer sehr gut illustrieren, warum gekonnte Aufnahmen bestimmter Motive so schwierig sind. Vielleicht hätte es ein anderes Foto gegeben, wenn man um den Baum herumgegangen wäre. Oder näher heran.

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insgesamt 11 Beiträge
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1. Hätte wäre und würde
kolloq 09.10.2012
sind keine Inhalte. Regeln für die Form existieren in Bezug auf die Gefälligkeit, man kann auch bewußt gegen sie verstossen, und das Bild funktioniert immer noch. Laien anzuleiten wie sie es machen sollen bleibt albern und führt zu nur zu einer Motivschwemme.
2. Wenn ich mir ...
sponcon 09.10.2012
Zitat von sysopUnscharfe Porträts, ungünstiger Ausschnitt - manche Aufnahmen gelingen auf Anhieb, bei anderen hingegen sieht der Betrachter den wichtigsten Baum vor lauter Wald nicht. Wie es besser geht, erläutern Profis an Beispiel-Bildern. Tipps für bessere Fotos vom Fachblog fokussiert.com. Foto-Tipps: Ratgeber für bessere Aufnahmen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/netzwelt/web/foto-tipps-ratgeber-fuer-bessere-aufnahmen-a-859077.html)
... das erste Bild ansehe, wäre ich ohne professionelle Hilfe nie darauf gekommen, dass die Schärfe auf dem Reißverschluss liegt. Aber so ist es oft, Profis können sich nicht in die Fotowelt von Amateuren versetzen. Entschuldigung wenn es jetzt etwas brutal klingt: Aber bei diesem Bild ist der Reißverschluss so was von schei...egal.
3.
muellerthomas 09.10.2012
Zitat von sponcon... Aber bei diesem Bild ist der Reißverschluss so was von schei...egal.
Aber genau das ist doch der Punkt. Gerade weil der Reißverschluss egal ist, sollte er nicht auch noch betont werden, indem man ihn und nicht das Gesicht des Baby scharf stellt. Hätte der Fokus richtig gelegen, wäre das Bild eindeutig besser. Allerdings hätte es für die Erkenntnis keines Profis bedurft.
4. p
bunterepublik 09.10.2012
Zitat von muellerthomasAber genau das ist doch der Punkt. Gerade weil der Reißverschluss egal ist, sollte er nicht auch noch betont werden, indem man ihn und nicht das Gesicht des Baby scharf stellt. Hätte der Fokus richtig gelegen, wäre das Bild eindeutig besser. Allerdings hätte es für die Erkenntnis keines Profis bedurft.
Natürlich wäre das Bild besser. und würde der geneigte Amateur noch mit Kleinbild - SLR fotografieren, würde er sich auch Zeit nehmen, die entsprechenden Einstellungen korrekt vorzunehmen und mit der Blendeneinstellung etc. die Schärfentiefe etc. genauer verifizieren, da man sich nicht so viele Fehler leisten konnte (finanzieller Aufwand). Bei der digitalen Fotografie rotzen doch die meisten nur noch hirnlos die Fotos raus, da das alles ja gar nix kostet. Und diese Inflation geht auf die Qualität. Wie immer: die Quantität killt die Qualität. Übrigens: Ich merke das an mir selbst. Meine Dias waren deutlich besser gelungen als die Digitalfotos.
5. Richtig, diese Erkenntnis ....
tomsch 09.10.2012
... hätte keines Profis bedurft. Auf focussiert.com beurteilen ja auch keine Profis. Schon mal das Profil oder das Portfolio von Fr. Dittmann angeschaut? Sie hat sich "selbst vewirklich", in dem sie in die USA ausgewandert ist und seitdem fotographiert. Die Dame hat sicher noch nie eine Kunsthochschule oder eine Fotographie"lehrstatt" von innen gesehen.
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