Für das Schweizer Foto-Blog fokussiert.com analysieren regelmäßig professionelle Fotografen herausragende, von Lesern eingereichte Fotos. Die Profis beschreiben die Stärken der Aufnahme und geben Hinweise, wie sich die Bildwirkung verbessern lässt. SPIEGEL ONLINE veröffentlicht einmal im Monat eine Auswahl dieser Bildkritiken.
Baby-Porträt - Schärfe an der falschen Stelle

Porträt: Scharf ist der Reißverschluss unten links, nicht das Baby-Gesicht
Das Bild zeigt meinen zwei Wochen alten Neffen. An diesem Tag hatte ich ihn das erste Mal gesehen und musste diesen Augenblick sofort festhalten.
Profi Robert Kneschke zum Bild:
Manche Dinge brauchen Zeit. Landschaftsfotografen stehen teilweise mehrere Stunden an einem Ort, warten auf das richtige Wetter. Auch Porträtfotografen warten manchmal auf die richtige Mimik oder den passenden Augenblick.
Bei diesem Babyfoto scheint der richtige Moment gegeben zu sein: Das kleine Baby lächelt niedlich mit geschlossenen Augen. Grob betrachtet ein schönes Bild, wobei ich an anderer Stelle auch schon angemerkt habe, dass es aufgrund des Kindchenschemas sehr schwer wäre, ein unschönes Bild einzufangen.
Schaut man etwas genauer hin, merkt man jedoch, dass das Wichtigste im Bild, das strahlende Babygesicht, unscharf ist. Die Schärfe liegt - großzügig betrachtet - eher auf dem Reißverschluss unten im Bild.
Hier gehört es eben auch dazu, nicht nur den besten Moment abzupassen, sondern sich auch die Zeit zu nehmen, die Schärfe sorgfältig zu prüfen, damit das Foto einen würdigen Platz im Fotoalbum erhalten kann. Wenn der Fotograf gerade dabei ist, hätte er auch das Jäckchen etwas wegrücken können, damit mehr vom Gesicht zu sehen ist.
Weil der Gesichtsausdruck aber wirklich allzu goldig ist, plädiere ich an dieser Stelle trotz der fotografischen Grundregeln und wegen der familiären Momente dazu, lieber schnell einmal mehr auf den Auslöser zu drücken, um eben auch solche flüchtigen Augenblicke festzuhalten und dann in Ruhe einen zweiten Versuch zu wagen, wo Schärfe, Belichtung und Bildausschnitt ebenfalls stimmen.
Von technischer Seite wäre auch eine geringere Blendenzahl (zum Beispiel 3,5 oder 4) statt der benutzten Blende 7 empfehlenswert gewesen, damit die unwichtigen Elemente wie Jacke oder Decke dezenter im Hintergrund verschwimmen. Damit wäre auch eine Reduzierung des ISO-Wertes auf ISO 100 möglich, um weniger Rauschen und etwas mehr Details im Bild zu haben.
Weitere Bildkritiken auf fokussiert.com
Meerlandschaft - Der Himmel liegt im Wasser
Kommentar des Fotografen Christian Meyer:
Kangia Eisfjord an der Westküste Grönlands während einer nächtlichen Bootstour.
Profi Sofie Dittmann zum Foto:
Die Arktis mit ihren schroffen Formen, unwirtlich anmutenden Eisbergen und vor allem der Weite bietet besondere Gestaltungsmöglichkeiten. Weil die Monotonie visuell vorherrscht, kann man dort außergewöhnliche Aufnahmen machen. Man muss sich auf Formen und Linien im Eis und Himmel beschränken. Und genau das hast du hier - meines Erachtens gekonnt - getan.
Viele Leute hätten hier den Eisberg mit Himmel darüber fotografiert. Du dagegen hast die Reflexion des Himmels darunter mit ins Bild genommen, was deinem Foto erst den entsprechenden Pfiff verleiht, denn hier war Umdenken gefordert. Den Eisberg mit Himmel darüber hättest du dir als Urlaubsschnappschuss ins Familienalbum kleben können, den mit Himmel darunter würde ich mir sofort an die Wand hängen.
Man bekommt einen Eindruck von der Weite der Szene, der rauen Schönheit der Landschaft. Die Eisbrocken im Wasser lockern das Spiegelbild des Himmels optisch auf, und das "Loch" in den Wolken, in der unteren Hälfte zu sehen, bildet ein visuelles Echo der Eisberge in der oberen.
Dass die Eisberge aus dem Goldenen Schnitt heraus verschoben sind, stört nicht. Im Gegenteil, es erzeugt zusätzlich Spannung. Wenn die Eisberge weiter unten angeordnet gewesen wären, würde das Spiegelbild des Himmels einschränkt, dabei ist das hier ja das Hauptmotiv.
Glückwunsch zu einem gelungenen Bild!
Weitere Bildkritiken auf fokussiert.com
Naturfoto in Schwarzweiß - Der Wald vor laut er Bäumen
Optische "Ankerpunkte" helfen dem Betrachter, Einzelheiten eines Bildes visuell zu erfassen. Wenn diese fehlen, muss man sich auf den Gesamteindruck beschränken.
Profi Sofie Dittmann zum Bild "Toter Baum" von Erik Müller:
Du hast hier ein schwarzweißes Naturfoto eingereicht, das eine Waldlichtung zeigt. Erst auf den zweiten Blick bemerkt man, dass mitten auf dieser Lichtung ein toter Baum gen Himmel ragt.
Die Bildaufteilung ist gut gewählt, doch weiß ich nicht, was du mir hier zeigen wolltest. Dass ich den Baum erst auf den zweiten Blick sehe, macht ihn hier für mich nicht zum Hauptmotiv. Das ist der Wald um ihn herum. Der einzelne Baum ist nicht dominant genug, um Blicke auf sich zu ziehen. Das ist bei dieser Aufnahme der Kritikpunkt für mich: Mein Blick verliert sich in diesem Foto, es gibt nichts, was mich darin visuell festhält und leitet.
Ich denke auch nicht, dass dieses Untergehen dein Ziel war, sonst hättest du den Baum nicht so angeordnet. Das Bild ist zudem so vignettiert, dass der Baum und seine Umgebung heller wirken als die Ränder. Ich nehme deshalb an, dass du den Baum mit seiner Umgebung in Verbindung bringen - in Kontrast zu den umliegenden, lebendigen Bäumen setzen wolltest. Das ist grundsätzlich richtig, aber dennoch geht er hier verloren.
Eine Möglichkeit wäre es, das Bild ziemlich radikal zu beschneiden, um dem Baum mehr Gewicht zu geben. Das hätte dann so ausgesehen, ist aber ein vollständig anderes Foto:
Abschließend bleibt zu bemerken, dass Bilder wie dieses für mich immer sehr gut illustrieren, warum gekonnte Aufnahmen bestimmter Motive so schwierig sind. Vielleicht hätte es ein anderes Foto gegeben, wenn man um den Baum herumgegangen wäre. Oder näher heran.
Weitere Bildkritiken auf fokussiert.com
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Netzwelt | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Web | RSS |
| alles zum Thema Digitalfotografie | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH