Fotokunst: Rasenmäher auf Broccoli

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Spielfiguren auf dem Keksplateau, Büroarbeiter aus Schnellzement: Künstler fotografieren merkwürdige, winzige Figuren, auf der Straße, in U-Bahnhöfen oder in Landschaften aus Obst und Gemüse. Eine Fotoschau.

Fotografie: Zwischen Milchseen und Broccoli-Bergen Fotos
Christopher Boffoli

Ein Mann in zieht seinen Handrasenmäher über ein grünes Gebirge aus Broccoli. Zwei Bauarbeiter beugen sich über ein Loch im Schokobelag eines Küchleins, im Hintergrund karrt ein dritter aus dem Trupp Ersatzschokolade zum Auffüllen heran. Der US-Fotograf Christopher Boffoli entwirft seit Jahren solche Landschaften für seine Studioaufnahmen: Er arrangiert kleine, handbemalte Figuren auf Lebensmitteln zu Alltagsszenen in Schlaraffenländern mit Milchseen und Keksplateaus.

Boffoli hat seine erste Lebensmittellandschaften 2002 fotografiert, nachdem er in London das Diorama "Hell" der Künstler Jake und Dinos Chapman gesehen hatte. Boffoli erinnert sich auch, dass die Schneekugel-Landschaften der Künstler Walter Martin und Paloma Muñoz Eindruck auf ihn machten: So wollte er auch mit Modellbaufiguren arbeiten. Als erstes Motiv arrangierte Boffoli einen Bauarbeiter-Trupp auf einem Berg Brombeeren. Die Männer sollten mit ihren Presslufthämmern die Beeren entsaften. Boffoli hat diese Aufnahmen nie veröffentlicht, er war mit der Qualität nicht zufrieden: "Ich habe einige Jahre gebraucht, um die Beleuchtung bei so etwas für mich zufriedenstellend umzusetzen."

Inzwischen fotografiert Boffoli seine Lebensmittellandschaften größtenteils mit natürlicher Beleuchtung in seinem Studio in Seattle: "Wir haben hier viele Tage, an denen der Himmel bewölkt ist, das ist ideal für eine gleichmäßige Beleuchtung." Boffoli fotografiert mit der Hauptlichtquelle über und hinter dem Motiv und nutzt Reflektoren zum Ausleuchten. Er fotografiert jede Einstellung mit einem Makro-Objektiv (100 mm Brennweite) mit unterschiedlichen Blendenöffnungen durch, um später zwischen Aufnahmen mit ganz schmalen oder tieferen Schärfebereichen wählen zu können.

Frau mit Rasenmäher auf Orange

Die Arbeit an neuen Aufnahmen beginnt Boffoli meist auf dem Markt, und dabei geht er ganz ähnlich vor wie ein Sternekoch: Er sieht sich um, welche Obst- und Gemüsesorten gerade besonders gut aussehen, und was davon ihn auf Ideen bringt. Der Aufbau im Studio dauert am längsten: Boffoli probiert verschiedene Perspektiven aus, arrangiert die Figuren aus seiner Sammlung von Spielzeugmännchen immer wieder neu an, manchmal malt er sie neu an oder formt etwas um.

Richtig zügig entstehen die Bilder nur selten. Das Titelfoto für den Katalog zu seiner aktuellen Ausstellung in Seattle aber hat Boffoli in zehn Minuten aufgenommen. Man sieht eine Frau, die mit einem Rasenmäher eine Orange bearbeitet. Boffoli wollte an dem Tag gar nicht fotografieren, am Schreibtisch sitzend entdeckte er beim Kramen in einer Schublade einen alten Schäler, holte eine Orange aus dem Kühlschrank, fand sofort die passende Spielzeugfigur - fertig. Boffoli: "So schnell geht das sonst nie."

Kleine Menschen in der Stadt

Mit dem verschobenen Maßstab von Spielzeugfiguren in scheinbar natürlichen Landschaften spielen Fotografen und Künstler schon lange. Ein Brite mit dem Künstlernamen Slinkachu zum Beispiel fotografiert seit 2006 sein "Little People Project": Er arrangiert Spielzeugfiguren in echten Stadtlandschaften. In einer Pfütze auf einem Londoner Bürgersteig hat er zum Beispiel eine Südseeinsel aufgebaut: Auf einem durchgeschnittenen Tennisball steht ein Paar in Badekleidung, über ihnen spendet eine einzelne Palme Schatten.

Flaneure aus Schnellzement

Auf der Straße fotografiert auch der in Brüssel lebende, aus Galicien stammende Künstler Isaac Cordal seine Plastiken. Cordal fertigt die Figuren aus Zement: Menschen mit Aktentaschen, Mobiltelefonen, Einkaufstüten, im Schneidersitz hockende, in sich zusammengesunkene Gestalten. Cordals Figuren wirken nicht niedlich wie die detailliert bemalten, glatten Spielzeugfiguren in den Aufnahmen von Boffoli und Slinkachu. Die Gesichter der Zementmenschen sind von Furchen durchzogen, sie sind grau, eingefallen, gezeichnet.

Cordal formt zunächst Plastiken aus Ton, dann zieht er von dem ausgehärteten Material eine Silikonform ab. Die nutzt er dann, um mehrere Skulpturen aus Schnellzement zu gießen. Er achtet darauf, dass das Material der Gussform sich mit der Zeit verändert, damit jede der Plastiken sich ein wenig von den anderen unterscheidet.

Für die inzwischen auch in einem Bildband erschienenen Fotos seiner Reihe "Cement Eclipse" streift Cordal oft mit Zementfiguren im Rucksack durch die Stadt, bis ihn ein Ort zu einer Installation inspiriert. Beim Fotografieren betreibt er möglichst wenig Aufwand: "Ich habe eine sehr günstige Kamera mit einem Standardobjektiv, das mir ein Freund empfohlen hat." Das Licht ist nicht perfekt, die Bildqualität nicht immer überragend, doch das passt sehr gut zu den scheinbar vom Leben gezeichneten Zementfiguren.

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