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Fotosensation im Netz: Super-Oma im Anflug

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Sie fühlte sich alt, depressiv und lustlos. Dann kam ihr Enkel und fotografierte Frederika Goldberger. Mit Dildos als Telefon, Gewürzgurken als Nagelfeile - und schließlich im Superheldenkostüm. Nun ist "Super-Mamika" berühmt, Hollywood will ihre Story verfilmen. Ein wahres Netz-Märchen.

Super-Oma: Heldin mit Helmpflicht Fotos
Sacha Goldberger

Es ist noch nicht allzu lange her, da ging es Frederika Goldberger sehr schlecht. Ein so bewegtes Leben hatte sie gelebt, als Jüdin in Ungarn während des Zweiten Weltkriegs andere Juden versteckt, nach dem Krieg ein Textilunternehmen aufgebaut, war dann vor den Kommunisten nach Frankreich geflohen. Sie hatte das Leben in vollen Zügen genossen und dabei vier Männer verschlissen. Nun aber war sie einsam. Sie langweilte sich. Sie war nur noch ein Schatten ihrer selbst.

Heute, vier Jahre später, hat sich Frederika Goldbergers Welt dramatisch verändert. Hochglanzmagazine aus der ganzen Welt reißen sich um Interviews mit der 91-Jährigen, sie ist zu Gast in TV-Talkshows. Sogar Hollywood hat schon angeklopft, zwei Studios wollen ihre Geschichte verfilmen. Die Depressionen sind verflogen, sie ist ein Star: Frederika Goldberger ist Super-Mamika, die Super-Oma.

All das hat sie dem Internet zu verdanken. Und ihrem Enkel Sacha Goldberger, einem französischen Fotografen. "Ich sah, wie es ihr von Tag zu Tag schlechter ging", erinnert er sich an die Zeit, als seiner Großmutter die Lust am Leben abhanden kam. "Sie hatte sich oft um mich gekümmert, als ich noch ein Kind war. Immer lustig, aktiv, optimistisch."

Dildo als Telefonhörer

Goldberger wollte seiner Oma etwas zurückgeben und überlegte fieberhaft, wie er beides unter einen Hut bringen konnte: Seinen stressigen Job als Werbefotograf - und mehr Zeit mit seiner Großmutter zu verbringen. Am Ende schlug er ihr schlicht vor, Fotos mit ihr zu machen. Doch statt auf Begeisterung traf Goldberger nur auf Lustlosigkeit. "Ihr schien es vollkommen egal zu sein. Sie hat nur mitgemacht, weil sie dachte: 'Okay, ich bin einsam, ich kann Zeit mit Sacha verbringen, was soll's, lass es uns machen'."

Entsprechend holprig gestalteten sich die ersten Aufnahmen. "Am Anfang hat sie beim Shooting einfach nur befolgt, was ich gesagt habe. Sie war wie eine Marionette." Vielleicht lag es auch am etwas abseitigen Motiv: Goldberger ließ seine Oma für die Kamera ein Telefonat simulieren - mit einem Dildo als Hörer. "Wir haben dann einfach weiter schräge Motive produziert. Auf einem Bild benutzte sie eine Gewürzgurke als Nagelfeile, auf einem anderen bügelte sie ihren Hund", sagt Goldberger.

Und dann passierte das Wunder. Goldberger stellte die Fotos auf seine Internetseite. Und weil er begeistertes Feedback bekam, baute er für sich und seine Mamika eine MySpace-Seite. Nun ging es richtig los. Täglich gingen plötzlich Nachrichten bei Sacha und Frederika Goldberger ein. "Die Leute haben sie bejubelt, gesagt, dass sie sich auch wünschen, so eine tolle Oma zu haben."

"Plötzlich war das ein super Motiv"

Der Beifall wirkte wie ein Lebenselixier. Plötzlich war Oma begeistert bei der Sache, konnte es kaum erwarten, wieder mit ihrem Enkel eine Fotosession abzuhalten. Sie machte eigene Vorschläge für Bilder - auch wenn die nicht immer sofort auf Gegenliebe bei Goldberger stießen. "Eines Tages wollte sie unbedingt ein Foto mit einem Motorrad machen. Ich fand die Idee, ehrlich gesagt, ziemlich langweilig, dachte mir aber 'was soll's, wenn sie glücklich ist' und fing an zu fotografieren." Als seine Oma die ersten Probefotos sah, schlug sie vor, sich verkehrt herum auf das Gefährt zu setzen, "und plötzlich war das ein super Motiv".

Das Leben von Sacha und seiner Frederika Goldberger lief nun immer enger zusammen. Früher lebte die alte Dame zehn Gehminuten von ihrem Enkel entfernt. Inzwischen hat er sein Büro in ihr Haus verlegt, sein Assistent ist ebenfalls dort eingezogen. Wenn sie nicht gerade Freundinnen trifft, verbringt Frederika Goldberger die Zeit im Studio. Liest Zeitungen - oder schaut im Internet, was ihre Fans so schreiben. "Sie liest immer mit. Dann diktiert sie uns, was wir in ihrem Namen antworten sollen, weil sie nicht mehr so gut schreiben kann", erzählt Goldberger.

Der zweite Durchbruch kam, als Goldberger seine Mamika zur Super-Mamika machte. Vorher war sie vor allem in Frankreich bekannt, doch als Goldberger seine Oma in ein Superheldenkostüm steckte und sie in skurril-ästhetischen Situationen ablichtete, brachen alle Dämme. Blogs auf der ganze Welt berichteten über Super-Mamika, zeigten die Bilder von Goldberger, verlinkten auf seine Seite oder die bei Facebook.

"Sie fand die Hälfte der Klamotten hässlich"

"Dabei war die Geburt der Super-Mamika-Idee eher ein Zufall", gesteht der Fotograf. Zuvor hatte er seine Großmutter vor allem für Mode-Shootings abgelichtet. Für jede Aufnahme musste sie sich umziehen, was nicht immer reibungslos lief. Mit wachsendem Selbstbewusstsein stieg nämlich auch der Mitbestimmungsanspruch von Frederika: "Irgendwann konnte ich die ewigen Diskussionen nicht mehr ertragen. Sie fand die Hälfte der Klamotten hässlich und weigerte sich, sie anzuziehen. Das Superheldenkostüm war ideal - das zog sie morgens einmal an und erst abends nach dem Shooting wieder aus."

Außerdem umging Goldberger so einen weiteren Konfliktpunkt: "Meine Großmutter kann meinen Hairstylisten nicht leiden." Regelmäßig kam es zu Auseinandersetzungen, weil Frederika den Stylisten nicht an sich heranlassen wollte. "Ich werde nie den Tag vergessen, als wir unser erstes Super-Mamika-Shooting machten. Ich sah schon, wie meine Großmutter argwöhnisch den Hairstylisten beobachtete. Es tat so unfassbar gut, ihr sagen zu können: 'Mamika, mach dir keine Sorgen - heute trägst du einen Helm'."

Motorradhelm unter der Trockenhaube

Seitdem knipst Goldberger seine Großmutter im Heldenkostüm. Super-Mamika, wie sie ein überdimensionales Sandwich mit Dackelbelag verspeist, Super-Mamika, wie sie einen kleinen Hund rettet, indem sie eine BMW Isetta hochhebt oder Super-Mamika, wie sie beim Friseur sitzt - mit dem Helm unter der Trockenhaube.

Mit jeder neuen Serie skurriler Super-Oma-Momente, die Goldberger online stellt, wächst die Fangemeinde im Netz. Die Facebook-Seite, die er für seine Oma eingerichtet hat, zählt inzwischen mehr als 7500 Fans - Anfang November waren es noch 6000. "Manchmal hat sie richtig Schwierigkeiten, zu verstehen, was da vor sich geht", sagt Goldberger. Völlig fassungslos sitze sie dann vor dem Bildschirm: "Wie kann es sein, dass so viele Leute das sehen? Wieso sagen so viele Leute so nette Sachen über mich?"

Goldberger selbst sieht den Rummel gelassen. "Meine Großmutter und ich sind zwar jetzt weltberühmt, aber reich werden wir deswegen nicht", erklärt er. Nach wie vor verdient er sein Geld mit Werbefotografie, und der Hype um seine Oma hat an der Auftragslage nicht viel verändert. Auch die Anfragen der beiden Hollywood-Studios bringen ihn nicht aus der Ruhe, es scheint eher, als ob sie in seinem Mailpostfach, das vor Medienanfragen überquillt, langsam nach unten rutschen. "Ich bin natürlich geschmeichelt, aber gleichzeitig auch skeptisch - ich will schließlich nicht, dass die so einen Ramschfilm drehen." Goldberger bleibt eher unverbindlich bei der Frage, warum er den lukrativen Deal nicht längst unter Dach und Fach gebracht hat.

Lauscht man ihm, wie er über seine Großmutter redet, wie er kurz das Gespräch unterbricht, als sie eine Frage stellt, wird klar: Goldberger hat sein Ziel längst erreicht. Ihm ging es weder um Ruhm noch um Geld. "Ich wollte einfach meine Großmutter glücklich machen. Und es sieht so aus, als hätte ich das geschafft."

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insgesamt 16 Beiträge
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1. ...
Knighter 28.12.2010
...ich kannte mal nen sack reis, der hiess wayne...
2. ...
the_flying_horse, 28.12.2010
S U P E R
3. .
normen.nescio 28.12.2010
ich finde die Idee und den Enkel klasse. Vielleicht ist das ein neuer Therapie-Ansatz gegen Depression :)
4. Ot:
arbol01 28.12.2010
"Kein Cape" (aus "Die Unglaublichen")
5. Links
Loewenherz 28.12.2010
Kann es sein, dass SPON so einen netten Artikel schreibt, und dann noch nicht mal auf die oft genannten MySpace-Seite verlinkt? Traurig...
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