Fragen-Antwort-Portal Jeder Surfer kann Experte werden

Das Internetportal Lycos will mit einer Frage-Antwort-Seite einen neuen Trend im deutschsprachigen Web setzen. Geschickte Verknüpfungen themenverwandter Fragen, ein Bewertungssystem und spielerische Elemente sollen die Seite zu einer Art eBay des Wissens machen.

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Es kann sehr mühsam sein, eine Website mit Inhalt befüllen zu müssen. Dass man damit auch die große Netzcommunity betrauen kann, die den Job dann sogar mit Begeisterung und ohne Entlohnung erledigt, mag erstaunen, ist jedoch Realität. Die Online-Enzyklopädie Wikipedia hat es vorgemacht. Was die Zahl der Artikel betrifft, hat sie den großen Brockhaus längst hinter sich gelassen. Auch die Qualität der Texte kann sich sehen lassen, wie jüngst eine Studie des renommierten Wissenschaftsmagazins "Nature" ergab.

Lycos iQ: Anlaufstelle für notorische Fragesteller

Lycos iQ: Anlaufstelle für notorische Fragesteller

Natürlich lebt das Projekt Wikipedia vor allem davon, dass es nichtkommerziell ist und die Idee frei verfügbaren Wissens verkörpert. Kopieren erlaubt, heißt es auf der Seite, nur bitte die Spielregeln einhalten, zu denen die Angabe der Quelle gehört.

Doch auch kommerzielle Anbieter lassen sich ihre Seiten zunehmend von Surfern mit Content befüllen, kostenlos natürlich - betriebswirtschaftlich eine sehr kluge Strategie. Die Buch- und Filmkritiken auf Amazon stammen ebenso von Freiwilligen wie die Urteile auf Verbraucherportalen.

Web 2.0 oder soziales Netzwerk werden derartige, von der Kraft der Netzcommunity getragene Strukturen genannt, zu denen auch Wikis und die Blogosphäre gehören (inklusive RSS-Feeds und Podcasts).

Hintergrund: Lycos und Lycos Europe

Mit dem Etikett "Web 2.0" will sich nun auch das Internetunternehmen Lycos schmücken, das lang nicht mehr in den Verdacht geraten war, ein Trendsetter im Cyberspace zu sein.

Zwar gehörte Lycos zu den ersten originären Web-Marken, nachdem 1994 an der Carnegie Mellon University die gleichnamige Suchmaschine entwickelt und bald darauf als Unternehmen kommerzialisiert wurde. Den Status als hippes Startup verlor Lycos aber schon bald. 1998 verleibte sich das Unternehmen die Web-Kultmarke Wired Digital ein, um zwei Jahre später selbst für die Rekordsumme von 12,5 Milliarden Dollar von der spanischen Telefonica geschluckt zu werden.

Einher ging eine Verschiebung der Kerngeschäfte weg von Suchdiensten hin zu "Community-Services" (etwa den Gratis-Webspace-Anbietern Tripod und Angelfire). Der Glaube an das kommerzielle Potenzial solcher Dienste aber kollabierte im Dotcom-Crash. Das Stammunternehmen Lycos wechselte im Sommer 2004 erneut den Besitzer: Für bescheidene 95,4 Millionen Dollar ging die Marke an das südkoreanische Unternehmen Daum.

Lycos Europe hatte sich Jahre zuvor schon vom Mutterunternehmen getrennt. Das in zehn europäischen Ländern mit Web-Angeboten vertretene Unternehmen hat seinen Firmensitz nicht zufällig in Gütersloh: Haupteigner der Firma ist Bertelsmann. Wie Lycos Inc. versucht sich auch Lycos Europe als Anbieter Community-naher Dienste (z.B. Blog-Dienste), setzt kommerziell aber auf einen breiteren Ansatz: So tritt Lycos in Deutschland beispielsweise auch als Anbieter von Shoppingseiten oder von DSL-Flatrates auf.

"iQ": Lycos entdeckt das Wiki-Prinzip

Und jetzt hat Lycos ein Portal gestartet, auf dem jedermann Fragen stellen und beantworten kann. . Lycos iQ, wie die "menschliche Suchmaschine" heißt, könnte sich zu einer Anlaufstelle für notorische Fragesteller, Ratlose, Hilfsbereite, Experten und womöglich auch für Besserwisser entwickeln - wenn, ja, wenn die Community mitspielt.

Thomas Dominikowski, der für iQ zuständige Manager bei Lycos Europe, hofft, dass sich schnell ein Netzwerk von Experten bildet, angefangen von der Hausfrau, die Tipps zur Pflanzenpflege gibt, bis zum ehemaligen Kampfpiloten, der Interessierte in Flugmanöver einführt. "Wichtig ist, dass wir relativ schnell eine kritische Masse erreichen." Diese liegt nach Aussagen des Managers bei mehreren Zehntausend oder einigen Hunderttausend.

In der Tat dürfte die Plattform erst dann interessant werden, wenn sich genügend Fragesteller und Experten darauf tummeln. Yahoo hat mit answers.yahoo.com kürzlich eine ähnliche Seite in den USA gestartet und immerhin bereits 50.000 beantwortete Fragen im Archiv. Bei iQ sind es erst 1100, eingegeben vor allem von Lycos-Mitarbeitern beim Testlauf vor dem offiziellen Start.

Als Anreiz zum Mitmachen - und um die Sache spielerischer zu gestalten -, lockt iQ seine potenziellen Mitarbeiter mit akademischen Titeln. Wer viele und vor allem hilfreiche Antworten liefert, sammelt mehr Statuspunkte und kann sehr schnell aufsteigen: Neulinge sind zunächst "Student", können aber zum "Professor", "Stephen Hawking" oder bis zum höchsten Rang, "Albert Einstein", emporklettern.

Es gibt insgesamt hundert verschiedene Ränge; die meisten tragen die Namen berühmter Wissenschaftler und Erfinder. Der Titel, den man trägt, hängt von der Zahl der Statuspunkte ab, die man im Laufe seiner Antwortgeberkarriere eingeheimst hat. Statuspunkte gibt's übrigens nicht nur für besonders gute Antworten, sondern auch für das Einladen neuer Experten in die Community und für gute Fragen. Ob eine Frage besonders hilfreich ist, entscheiden die anderen Nutzer.

Status und Geld

Während die Statuspunkte vor allem den Ehrgeiz kitzeln, sollen Bonuspunkte den Spieltrieb herausfordern. Wer sich neu anmeldet bekommt hundert Bonuspunkte. Als Belohnung für gute Antworten auf ihre Fragen können die Nutzer Bonuspunkte ausloben - wie viele sie dafür einsetzen, bleibt ihnen überlassen. Beantworten mehrere Nutzer eine Frage gut, werden die Bonuspunkte zwischen ihnen aufgeteilt. Die Entscheidung, was eine hilfreiche Antwort ist und was nicht, trifft der Fragesteller.

Zwei parallele Punktesysteme, einmal die Statuspunkte und einmal die Bonuspunkte, mögen zunächst verwirren, machen jedoch durchaus Sinn. Die Bonuspunkte sind eine Art Währung, die Statuspunkte die eigentliche Bewertung. Bonuspunkte können untereinander verschenkt werden.

Die Bonuspunkte, so hofft man bei Lycos, könnten sich zu richtigem Spielgeld entwickeln. "Vielleicht werden die ja eines Tages bei eBay gehandelt", sagt Lycos-Manager Dominikowski im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Vergleichen lässt sich iQ am ehesten mit einem Verkaufsportal, bei dem jedoch anstelle von Waren mit Antworten gehandelt wird. EBay für das Wissen wäre eine gute Umschreibung, auch wenn man bei Lycos das etwas anders sieht: "Es geht nicht um den niedrigsten Preis, sondern um die beste Antwort", meint Dominikowski.

Angebot zunächst werbefrei

Dass Lycos als kommerzielles Unternehmen dreist das Wissen Tausender Surfer zu Geld machen will, weist er zurück: "Auf iQ-Seiten wird es keine grafische Werbung geben", betont er. Demnächst seien lediglich bezahlte Textlinks geplant. Zudem habe das Portal offene Schnittstellen nach außen. Beispielsweise könnten Experten ihre Fragen und Antworten als RSS-Feed bereitstellen oder diese automatisch in Blogs integrieren.

Eines der Ziele, das Lycos mit iQ verfolgt, ist die Verbesserung der Ergebnisse der eigenen Suchmaschine. Lycos bezieht seine Suchergebnisse von Yahoo, blendet jedoch ab sofort auch relevante Treffer aus seinem Frage-Antwort-Portal ein - und zwar über den Treffern der Yahoo-Suche. Um die Treffgenauigkeit zu verbessern, kann jede Frage mit Stichwörtern verknüpft werden. Diese sollen der Lycos-Datenbank helfen, Zusammenhänge zwischen Fragen und Begriffen zu erkennen, die eine normale Suchmaschine nicht findet.

Der unangefochtene Marktführer bei Suchmaschinen, Google, betreibt in den USA übrigens ebenfalls eine Expertenseite - allerdings mit einem ganz anderen, Google-untypischen Konzept. Auf answers.google.com können Surfer Fragen formulieren, müssen jedoch eine Belohnung von mindestens 2,50 US-Dollar aussetzen. Je größer der Betrag, um so eher dürfte man eine Antwort eines der Experten bekommen, die sich bei Google zuvor als solcher beworben und registriert haben muss. Bei Google sind die Experten quasi handverlesen, bei iQ und auch bei Yahoo darf sich jeder als Experte fühlen.



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