"Frankfurter Rundschau" Facebook-Kommentar kostet Betriebsrat das Amt

Auf Facebook beschimpfte er Kollegen als "Wichser" - das blieb nicht ohne Folgen: Der Betriebsratsvorsitzende der "Frankfurter Rundschau" ist über unbedachte Äußerungen in dem sozialen Netzwerk gestolpert. Mangelnde digitale Umgangsformen bringen immer wieder Menschen in Schwierigkeiten.

Redaktion der "Frankfurter Rundschau": "Das ist eine unglückliche Geschichte"
dapd

Redaktion der "Frankfurter Rundschau": "Das ist eine unglückliche Geschichte"


Hamburg - Bei der "Frankfurter Rundschau" gibt es heftige Auseinandersetzungen: Der Verlag M.DuMont Schauberg spart, streicht Stellen und baut um. Dazu kommen Tarifverhandlungen für Redakteure und Drucker, die Arbeitgeber verlangen mehr Arbeit für weniger Geld. 25 bis 30 Prozent sei ein neuer Kollege künftig schlechter gestellt, hat der Betriebsrat ausgerechnet. Am 14. Mai legten bundesweit Beschäftigte in Redaktionen und Druckereien die Arbeit nieder, auch in Frankfurt.

Wer nicht streiken wollte, wurde auf Facebook als "Abschaum" und "Wichser" beschimpft, vom Chef des Betriebsrats persönlich. So berichtet es die "Süddeutsche Zeitung". Mittlerweile ist Marcel Bathis von seinem Posten zurückgetreten, telefonisch war er am Mittwoch nicht zu erreichen. Dafür Lothar Birzer, der neue Betriebsratsvorsitzende. "Das ist eine unglückliche Geschichte", sagt er.

Sein Vorgänger habe als Privatperson etwas bei Facebook geschrieben, das man als Beleidigung auffassen könne - und daraus die Konsequenzen gezogen. "Das hat nur kurz dagestanden, aber das wird dann so schnell transportiert, das war nicht mehr zurückzuholen", sagt Birzer. Er bedauert den Rücktritt seines Vorgängers, der erst seit vergangenem Jahr im Amt war.

Wie gefährlich die halb-öffentliche Welt von Facebook sein kann, mussten gerade erst Beschäftigte des Autobauers Daimler lernen: In der Gruppe "Daimler-Kollegen gegen Stuttgart 21" wurde der Firmenchef beleidigt, Beschäftige klickten auf den "Like"-Button. Der Konzern war alles andere als erfreut, ließ die Gruppe löschen und bestellte fünf Arbeiter zum Rapport.

Womöglich ist es spätestens jetzt an der Zeit, das eigene Verhalten im Netz zu überdenken - und die eigenen Privatsphäre-Einstellungen zu überprüfen. Die Optionen sind zwar einigermaßen verständlich gehalten, standardmäßig will Facebook aber möglichst viele Daten seiner Nutzer öffentlich ins Internet stellen.

Der Nachfolger des pöbelnden Betriebsrats hat das Problem nicht: "Für mich ist Facebook ein rotes Tuch", sagt Lothar Birzer. Er sorge sich viel zu sehr um den Datenschutz.

ore



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AKA, 25.05.2011
1. nö
Zitat von sysopAuf Facebook beschimpfte er Kollegen als "Wichser" - das blieb nicht ohne Folgen: Der Betriebsratsvorsitzende der "Frankfurter Rundschau" ist über unbedachte Äußerungen in dem sozialen Netzwerk gestolpert. Mangelnde digitale Umgangsformen bringen immer wieder Menschen in Schwierigkeiten. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,764788,00.html
Da will sich bei mir kein Mitleid einstellen. Wer als Betriebsratsvorsitzender in einem Medienkonzern über so wenig 'Medienkompetenz' verfügt, ist da doch eh fehl am Platz...
Hamberliner 25.05.2011
2. Wozu Facebook? Es gibt doch Newsgroups
Zitat von sysopAuf Facebook beschimpfte er Kollegen als "Wichser" - das blieb nicht ohne Folgen: Der Betriebsratsvorsitzende der "Frankfurter Rundschau" ist über unbedachte Äußerungen in dem sozialen Netzwerk gestolpert. Mangelnde digitale Umgangsformen bringen immer wieder Menschen in Schwierigkeiten. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,764788,00.html
Wenn er das angestammte, älteste öffentliche Diskussionsmedium im Internet genommen und die üblichen Sicherheitsmaßnahmen zu seiner Anonymität getroffen hätte, wär ihm das nicht passiert. Mark Zuckerbergs Homepage ist dafür überflüssig wie ein Kropf. Niemand braucht Facebook.
Newspeak, 25.05.2011
3. ...
Ich finde, man muß seine Kollegen nicht gerade öffentlich als "Abschaum" bezeichnen, auch wenn meine Sympathien nicht gerade bei Streikbrechern liegen. Andererseits finde ich aber auch, daß Firmen absolut nichts im Internet verloren haben, d.h. dort ihren Mitarbeitern hinterherschnüffeln. Das Internet sollte für Firmen und Staaten und sonstige privatwirtschaftliche Organisationen in diesem Zusammenhang absolut tabu sein, es gibt auch gar keinen Grund das anders zu sehen, denn strafrechtlich relevantes passiert sowieso immer auch mit einer Komponente außerhalb des Netzes. Das Netz sollte vor allem ein Medium zum Austausch von Individuen sein, die meisten Probleme entstehen dort wie in der Realität doch erst, wenn Menschen meinen, sie müssten sich zusammen in irgendeinem Verein organisieren und dann Druck auf andere ausüben o.ä.
dango 25.05.2011
4. Privatsphäreneinstellungen
Sie geben in dem Artikel einen recht gefährlichen Rat: Man sollte die Privatsphäreneinstellungen prüfen. Das ist vom Prinzip her zwar richtig - bei kritischen Aussagen, Bildern oder sonstigen Inhalten sollte man sich aber nie darauf verlassen, dass solche Einstellungen greifen. Zum einen kan man sich immer nur eingeschränkt auf die Anbieter verlassen, Sicherheitslücken oder Fehler wird es immer geben, so dass die Inhalte auch mal vorübergehend frei zugänglich in der Gegend rumstehen. Der Anbieter selbst sieht sowieso immer alles. Zum anderen kann man sich ja auch nicht darauf verlassen, dass "Freunde" nicht die für sie sichtbare Inhalte abgreifen und weitergeben und man dann vom Chef einen Screenshot vorgehalten bekommt. So oder so gilt die Weisheit: Was einmal raus ist, kann man im Zweifel nicht mehr zurückholen. Dazu kommt, dass gerade bei Facebook die Verknüpfungen der Inhalte auch mit anderen Anbietern sowie die persönlichen Einstellungen derart komplex sind, dass ich mir beispielsweise nicht zutraue sicher zu sagen, wer jetzt was genau sieht. Es gibt meiner Meinung nach nur einen Grundsatz: Unabhängig von allen Privatsphäreneinstellungen sollte man bei ALLEN Inhalten hinterfragen, ob es ein Problem wäre, wenn sie JEDER (inkl. Freund, Feind, Kollege, Chef, Partner, ...) sehen könnte. Ist dies der Fall, darf man sie einfach nicht ins Netz stellen.
AKA, 25.05.2011
5. nerv...
Zitat von NewspeakIch finde, man muß seine Kollegen nicht gerade öffentlich als "Abschaum" bezeichnen, auch wenn meine Sympathien nicht gerade bei Streikbrechern liegen. Andererseits finde ich aber auch, daß Firmen absolut nichts im Internet verloren haben, d.h. dort ihren Mitarbeitern hinterherschnüffeln. Das Internet sollte für Firmen und Staaten und sonstige privatwirtschaftliche Organisationen in diesem Zusammenhang absolut tabu sein, es gibt auch gar keinen Grund das anders zu sehen, denn strafrechtlich relevantes passiert sowieso immer auch mit einer Komponente außerhalb des Netzes. Das Netz sollte vor allem ein Medium zum Austausch von Individuen sein, die meisten Probleme entstehen dort wie in der Realität doch erst, wenn Menschen meinen, sie müssten sich zusammen in irgendeinem Verein organisieren und dann Druck auf andere ausüben o.ä.
Was heißt in diesem Zusammenhang "hinterherschnüffeln". Haben die sich da eingehäckt? Oder waren das frei zugängliche Infos? Letztere darf nach meinem Verständnis jeder abrufen, wie er Lust und Laune hat.
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